
In der heutigen Zeit steht es im Grunde genommen nicht mehr auf der Tagesordnung, dass ein Computerspiel verboten wird, und noch weniger kommt es sogar vor, dass der Verkauf knapp vor dem Release-Datum gestoppt wird.
Aber dieses Jahr kam es zu einem solchen Verbot, denn das Spiel „Horses“ – von den Kritikern wurde dieses Horrorspiel als „beunruhigend und gruselig“ beschrieben – wurde von den großen Distributoren Steam und Epic Games aus dem Verkehr gezogen.
Aber was war tatsächlich so schlimm an diesem Titel, der aus der Spieleschmiede des italienischen Entwicklers Santa Ragione stammte? Ist dieses Spiel wirklich so schlecht oder gar gefährlich, dass wir es nicht einmal anspielen durften?
Ein kleines Horrorspiel, das zum Brennpunkt der Auseinandersetzung wurde
Die zuvor von Santa Ragione publizierten Veröffentlichungen, darunter Titel wie MirrorMoon EP und Saturnalia, hatten nicht den Anspruch, zu schockieren, sondern ernteten viel Lob für ihre Experimentierfreude und besondere Atmosphäre. Auch Horses schien auf dem besten Weg zu sein, ähnlich zu performen. Alles änderte sich, als Steam dieses neue Spiel Ende November plötzlich aus den Verkaufsregalen nahm.
Aber auch im Epic Games Store geschah innerhalb einer Woche genau dasselbe, der Humble Store entfernte anfänglich das Spiel ebenfalls, um es dann aber schnell wieder zum Verkauf freizugeben. Keiner der digitalen Marktplätze erklärte öffentlich, wieso das Spiel nicht mehr zum Verkauf stand. Stattdessen wurden lediglich vage Hinweise auf interne Inhaltskontrollen veröffentlicht.
Für Horses, das laut dem Studiogründer Pietro Righa Rivi eine politische Parabel auf die Entmenschlichung und dem Totalitarismus ist, war der Zeitpunkt der weichreitenden Entscheidung aber von entscheidender Bedeutung, denn da das Spiel noch nicht erschienen war, basierte die öffentliche Wahrnehmung hauptsächlich auf dem Verkaufsverbot. Dieser Umstand schuf einen unerwünschten Gesamteindruck, der vor allem auf dem Entwicklerstudio haften blieb: Wenn die größten PC-Verkaufsplattformen ein Spiel nicht zum Verkauf freigeben, so müsste das betreffende Produkt wohl eine unsichtbare Grenze überschritten haben.
Doch die vielen Gerüchte, die sich nach diesen Entscheidungen breit machten, beflügelte auch das Interesse an dem Spiel von Käuferseite. Auf Plattformen, die das Spiel anboten, wie itch.io und GOG, schnellte es in den Verkaufscharts immer weiter nach oben.
Letztendlich trug das Verbot für den Verkauf dieses neuen Spiels zu den enorm steigenden Verkaufszahlen bei. Denn die Spieler kauften nicht einfach nur ein Horrorspiel – sie kauften die ganze Geschichte.
Wie kam es zum Verbot?
Die Fans haben bis dato noch immer keine klare offizielle Erklärung für das Verbot erhalten. Valve bestätigte lediglich, dass Horses überprüft und als unvereinbar mit den aktuellen Richtlinien eingestuft wurde, es wurden aber keine weiterführenden Erklärungen zum Verbot abgegeben.
Der Epic Games Store ließ in seinen ersten Statements verlautbaren, dass es Verstöße im Zusammenhang mit „unangemessenem“ und „hasserfülltem oder beleidigendem“ Material bei diesem Spiel gebe, doch Santa Ragione behauptet, nie erfahren zu haben, welche Szenen oder Themen Anlass zu dieser Besorgnis seitens der Distributoren gaben. Erschwerend kommt hinzu, dass Horses sich nicht wie ein typisches Spiel verhält, das Tabus, Vorgaben und Gesetze bricht. Es gibt in diesem Spiel keine klare Ausrichtung auf unangemessenes Spektakel und keine verstörenden grafischen Details oder Darstellungen.
Die Inhaltswarnungen sind zwar umfangreich, die Argumentationen für ein Verbot jedoch inhaltlich sehr zurückhaltend. Das Spiel ähnelt bei genauerer Betrachtung eher einem Experimentalfilm als einem konventionellen Horrorspiel. Die im Spiel geführten Dialoge sind rar gesät, und es gibt kaum Geräusche. Manchmal hört man ein unheimliches mechanisches Summen, aber das ist auch schon alles.
Das Spiel zoomt zwar regelmäßig auf Gesichter, was manchen Spieler verstören könnte, blendet dann aber in unpassenden Momenten – etwa beim Einschenken von Wasser oder beim Platzieren von Futter in eine Schüssel – ohne Erklärung oder Kontext in reale Szenen ein. Sollte das Verbot Spieler vor expliziter Gewalt schützen, ist „Horses“ ein merkwürdiger Kandidat. Die Grausamkeit des Spiels wird größtenteils nur angedeutet, und das Unbehagen auf Seiten der Spieler entsteht nicht unmittelbar durch die direkte Darstellung von Gewalt auf dem Bildschirm, sondern vielmehr durch die Aufforderung, an einem System teilzunehmen, das Brutalität als normal betrachtet.

Eine seltsame Art von Horror
Falls Sie dieses Spiel noch nicht gespielt haben, so werden Sie sich vielleicht fragen, welche Handlung eventuell anstößig sein könnte. Kurz zusammengefasst: Sie schlüpfen in die Rolle des jungen, 20-jährigen Anselmo, der zur Charakterbildung auf einen Bauernhof geschickt wird. Diese Grundeinstellung bricht jedoch fast sofort zusammen. Die „Pferde“ des Hofes sind in Wirklichkeit nackte Menschen mit festsitzenden Pferdeköpfen.
Ihre Tage auf diesem landwirtschaftlichen Betrieb sind mit Arbeit gefüllt: Sie müssen Holz hacken, am Feld arbeiten und die Tiere des Hofs füttern. Das Tempo ist bewusst langsam, fast schon nervtötend, bis die Langeweile durch einen schockierenden Moment durchbrochen wird: So werden Sie beispielsweise ein totes „Pferd“ auffinden, das kurioserweise an einem Baum hängt, und Sie werden die Aufforderung erhalten, es sofort zu begraben.
Optisch ist das Spiel mit Sicherheit nicht als detailreich zu beschreiben. Verletzungen werden verpixelt dargestellt, und sexuelle Inhalte sind verschleiert und unbeholfen inszeniert. Fällige Bestrafungen werden nur angedeutet und nicht gezeigt. Das Ergebnis ist im Grunde genommen ein hohles Spielerlebnis, denn die schlimmsten Szenen finden immer nur im Verborgenen statt.
Deshalb kann auch Horses unweigerlich mit anderen „eingeschränkten“ digitalen Erlebnissen verglichen werden. Viele Online-Spiele gelten (zu Recht) als ungeeignet für Kinder oder für Menschen mit Suchtproblemen oder bestimmten Erkrankungen. In dieser Hinsicht gelten Casino Spiele als ein warnendes Beispiel: Viele Menschen können diese Art von Unterhaltung nicht gefahrlos spielen, weshalb es Webseiten gibt, die kostenlosen Versionen dieser Spiele ohne Echtgeldeinsatz anbieten. Horses hingegen unterscheidet sich deutlich von dieser Kategorie. Es lockt Spieler nicht mit Belohnungen oder schnellen Spielrunden, die zu einem vermeintlichen Erfolg führen sollen, sondern nutzt das Unbehagen des Spielers aus.
Die Debatte ging weit über das Verbot hinaus
Nach dem ganzen Online-Trubel waren aber dann auch viele Fans enttäuscht, als sie die Möglichkeit hatten, das Spiel endlich online kaufen zu können. Aber anstelle von Empörung, waren die meisten Spieler eher verwirrt, und nur wenige fanden es tatsächlich schockierend.
Das zeigt, wie die Entscheidungen einer Plattform den Ruf eines Spiels grundlegend beeinflussen können, noch bevor es jemand gespielt hat. Wird ein Werk unabhängig von seiner Intention als gefährlich eingestuft, kann sich das leicht auf die Verkaufszahlen auswirken – sowohl positiv als auch negativ.
Es bleibt die Frage: Wird Horses als Kultspiel in der Gaming Szene in Erinnerung bleiben oder schnell in Vergessenheit geraten? Die Zeit wird es uns zeigen. Ob Horses als Kultspiel bestehen bleibt oder gänzlich aus den Verkaufsregalen genommen wird, ist im Moment noch ungewiss. Klar ist jedoch, dass die Diskussionen um das Verbot größer war als das Spiel selbst. Die Verkaufseinschränkungen schürten Erwartungen, die das Spiel aber nie vollständig erfüllen konnte.
Letztendlich wird Horses vielleicht weniger für das, was es an Handlung und Darstellungen bietet, in Erinnerung bleiben als für das, was sein Verkaufsverbot über die Beurteilung, den Vertrieb und die Diskussion von Spielen offenbart hat. Manchmal kommt das lauteste Getöse nicht vom Werk selbst, sondern von den Nebengeräuschen, die von Dritten verursacht werden.






