Fusion Re-Revisited: Die Kritik der Ahnungslosen

Gepostet vor 4 Monaten, 29 Tagen in Politics Share: Twitter Facebook Mail

Eins der größten Hacksteaks, das ich mit den modernen SJWs zu futtern habe, ist die Frage der „Cultural Appropriation“, also die Aneignung von Verhaltensweisen anderer Kulturen. Ihr wisst schon: Hippies mit Dreads. Der Begriff geistert immer mal wieder rum und führt von Seiten der NeuenGeilenSittenpolizei zu einer völlig überzogenen, generalisierenden Kritik (wie hier in der Vice etwa, als sich Bieber Dreads machen lies) an dieser meistens völlig harmlosen und auf aller Welt gängigen Praxis menschlicher Kultur. Everything is a Remix, remember?

Das soll nicht heissen, dass es keine berechtigte Kritik an Cultural Appropriation geben kann. Selbstverständlich gibt es die! Ich hatte eine Zeit lang überlegt, das AfroPunk-Festival nach Berlin zu holen, mit ein paar Beziehungen hätte das funktionieren können. Aber das wären dann eine Bande von weißen Jungs gewesen, die ein schwarzes Festival veranstalten. Mir erschien das nicht richtig. Oder die ganzen Holi-Festival-Offsprings, wo sich Helmut von Mallorca und seine Mudder mal so richtig mit Farbe beschmieren können und ein bisschen indisch tun, während sich die Veranstalter die Taschen mit Geld vollstopfen. Oder ganz banal das rassistische Blackfacing. Fuck all of that.

Einen der grandiosesten Fehlschläge hat sich nun vor ein paar Tagen das feministische Missy Magazin mit dem Text Fusion Revisited: Karneval der Kulturlosen geleistet. Die Bloggerin kritisiert darin zum Beispiel „weiße Menschen [die] Kimonos, Kegelhüte, Oberteile mit random chinesischen Zeichen, Bindis, Saris, Federkopfschmuck, Tunnel, Turbane, Sharwals oder einzelne Federn im Haar (gerne einfach ins verfilzte Haar gesteckt) [tragen]“. Lol.

Und Tapioka nimmt dieses Posting in einem Forumsbeitrag auf Kulturkosmos einmal von vorne bis hinten auseinander:

Kultur ist ein soziales Konstrukt - das war sie immer. Die in dem Artikel gäußerte Kritik postuliert geschlossene Kulturkreise, dieses Konzept ist ein rechtes. Anders ausgedrückt, wird es Ethnopluralismus genannt und befindet sich damit in einem genuin rechten Diskurs, der nicht antirassistisch und antikolonial ist, sondern Kultur rassifiziert, essenzialisiert und als festern Block definiert. Mit symbolischen Copyright?

Dabei wird in größter Ignoranz Vestimentarität, (Kleidersprache) und Subkulturgeschichte ausgeblendet. Die Dreadlocks der Hippieszene stammen, wie oben im Text ersichtlich, direkt von den indischen Sadhvis*us. Sie wurden in den 1970ern Teil der Hippieszene. DJ Goagil, der shivaitischer Geistlicher ist, und den anderen Goahippies der ersten Stunde wurden, sie als Zeichen der geistigen Verbundenheit und authentischer Spiritualität gegeben.

Dreadlocks sind ein Symbol Shivas. Shiva ist eine Methapher der sich wandelnden Natur, Gott der Extase, des Tanzes, der Transformation. Die Sadhus und Sadvis haben alle Hautfarben, und gerade im Neotribalism Konzept des Kerns der Goatransceszene spielen Hautfarbe und Herkunft keine Rolle. Das Konzept ist die Utopie einer internationalen Freakfamily, eine Dekonstruktion von Gender, Hautfarbe und Alter. Die indischen, seit 4000 Jahren existierenden Aussteiger*innen tragen die Dreadlocks auch als Zeichen der Abkehr von irdischen Werten. Sie streifen Klasse, Familie und alle Bindungen ab und geben sich ganz der Überwindung der materiellen Welt hin. Westliche Hippies haben einiges von ihnen übernommen.

Auch mit Postkolonialismus hat dies böswillige, rassifizierende Kritik von Y. nichts zu tun. Der Gründer der Postcolonialstudies, Stuart Hall, beschreibt Hautfarbre als kulturelles Konstrukt, was sie auch ist:

„‚[S]chwarz‘ [ist] eine wesentlich politisch und kulturell konstruierte Kategorie [...] die nicht auf einem Ensemble von festen transkulturellen oder transzendentalen‚ rassischen‘ Kategorien gründet und deshalb auch keine Garantien in der Natur findet“ – Hall: Neue Ethnizitäten, S. 18

In jedem Land gelten verschiedene Töne als verschieden. Was in Äthopien „weiß“ ist, wäre in Polen „schwarz“.

Kleidersprachliche Symbole haben Geschichte, und sich über die Hintergründe von Bekleidungskonzepten zu informieren, ist reflektiert. Subkulturelle Symbole zu missverstehen und neorassistischen Blödsinn zu verbreiten, ist alles andere.

Jede Art sich zu kleiden trägt Bedeutung, so wurde auch der Anzug als westlich-männliches Herrschaftssymbol in aller Welt adaptiert.

„Normale“ Kleidung existiert nicht, sie ist immer ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse. Bei der Fusion geht es nicht um "Normcord", sondern um eine Ausscherung vom „Normalen“.

FrauY. verallgemeinert eine partikuläre neurechte Meinung, die sie mit postkolonialen Vokabeln tarnt. Sie steht damit außerhalb des postkolonialen Diskurses und reflektiert damit eine Meinung, die historisch in kolonialisierten Ländern nach Ende der Kolonisation entstand. Nach Abzug der Kolonialregimes bildeten sich nationalistische, essenzialisiernde politische Stömungen, wie die des indischen Nationalismus. Die Überheblichkeit der Kolonialherren, die ihre rassistische Unterdrückung mit den Argumenten einer „natürlichen Überlegenheit“ begründeten, wurde nach Ende dieser Epoche von den Kolonisierten gespiegelt . Damit wurde die selbe Naturalisierung einfach umgedreht. So entstanden auch afroamerikanische rassistische Gruppen und der indischer Nationalismus. Diese Ideologie kommt nun in dem Missverständnis der eigentlich sinnvollen Idee der „Critical Whiteness“nach Europa. Dabei bedeutete „Critical Whiteness“ zuerst das Kritisieren der Ungleichbehandlung von Menschen mit anderer Hautfarbe in den USA, selbstverständliche antirassistische linke Praxis.
Theorieimporte funktionieren aber nur, wenn sie in die vorherrschenden Diskurse eingebunden werden. Wenn „Critical Whiteness“ mit einer Rassifizierung von Kultur einhergeht, sind wir wieder beim Ethnopluralismus.

„Aneignung von Kulturgütern“ ist eine typisch menschliche Praxis und kein Zeichen böser Verschlagenheit. Sie findet in jeder Kultur statt, Menschen sitzen auf Sofas (arabisch) und essen Curry. Soll eine vegetarische Currywurstbude nun zumachen, weil sie eine Beleidigung des indischen Curries darstellt? Oder beleidigt sie die deutschen Cuisine?

Bindis werden auch in Indien als Mode getragen, Pluderhosen werden oft von indischen Hippies vertrieben und auch Native Americans sind einzelne Individuen und regen sich nicht zwingend über einen Betrunkenen mit Karnevalfederschmuck auf, auch wenn eine deutsche Bloggerin ihnen wohl einen einzelnen Willen, der der ihre ist, unterstellen möchte.

Das denken in rassifizieten, voneinander getrennte Gruppen von „Weißen“ und PeopleOfC olour führt nicht in eine neue Kultur als Ensemble der besten Dinge aus allen Kulturen, sondern in die Aufrechterhaltung von Fremdheit und Trennung. Dieses Denken ist nicht aufgeklärt, es ist es ahistorisch und hat keine Entsprechung in den Cultural Studies, im Postkolonialismus und auch nicht im sozialkonstruktivistischen Queerfeminismus .
Die Subkulturen um die Fusion sind scheinbar viel weiter als das kleinkarierte, interpretationsunwillige Denken einer vorurteilsbehafteten Person, die keine Ahnung davon hat, dass Kulturen schon immer von der gegenseitige Bereicherung gelebt haben und auch traditionalle Trachten Konstruktionen sind.
Dabei trägt sie selber ein Septum, US- amerikanische Klamotten und schlägt den Fusionist*innen vor, Kleidung zu tragen, die vielleicht die Welt widerspiegeln, der sie entkommen wollen.

Tags: Culture Feminism Racism

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