Angeblich haben gestern Wissenschaftler die Zeit zurückgedreht, die Meldung steht unter „Zeitmaschine“-Headlines derzeit so auf Futurezone und ein paar wissenschaftlichen Blogs, auch Fefe hatte entsprechenden Quanten-Sensationalismus. Die Meldung ist so ganz großer Schwachsinn.

Es ist folgendes passiert: Wissenschaftler haben ein paar Elektronen mit genauer Einflussnahme in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Im Paper illustrieren sie das mit einem Billard-Tisch, dessen Kugeln nach dem ordentlichen Ausgangszustand und dem Anstoß, mit einem sehr exakten und sehr genauem zweiten Stoß wieder seine ursprüngliche Form annimmt: Die geordneten Kugeln vor dem Anstoß. Das hat nichts mit der Umkehrung von Zeit zu tun, sondern nur mit sehr hoher Genauigkeit und sehr exaktem Timing.

In anderen Worten: Medien, die behaupten, diese Wissenschaftler hätten die Zeit umgekehrt, behaupten dasselbe von der Rückspultaste an einem Videoplayer. Es ist Schwachsinn.

Dazu sollte man auch wissen: Wissenschaftler an Instituten bekommen Budgets und Quantenrechner haben grade im letzten halben Jahr eine ganze Menge Kritik einstecken müssen, denn die Technik liefert bislang nicht, was sie verspricht. Quantenrechner sind nach wie vor vor allem ein Gedankenkonstrukt. Das Paper dieser Wissenschaftler verspricht nun exaktere Berechnungsgrundlagen für Quantenrechner und die Headline des Papers „Arrow of time and its reversal on the IBM quantum computer“ verspricht eine ganze Menge Aufmerksamkeit für experimentelle Wissenschaftler in einem schwächelnden Markt.

If you believe what you read on the internet, it’s been an exciting 24 hours for quantum physics.

The headlines have been incredible. Newsweek (Scientists Have Reversed Time in a Quantum Computer), Discover (Scientists Used IBM’s Quantum Computer to Reverse Time, Possibly Breaking a Law of Physics) and the UK’s Independent newspaper (Scientists ‘Reverse Time’ With Quantum Computer in Breakthrough Study). Cosmopolitan magazine also chimed in: Scientists just turned back time and it’s like Back to the Future is coming true. There are many, many more.

The trigger for all of these was a Scientific Reports paper with the provocative title “Arrow of time and its reversal on the IBM quantum computer.” In it, the authors claimed to have performed an experiment that opens up lines of research, in their words, toward “investigating time reversal and the backward time flow.”

Vor einem Jahr änderte Facebook den Algorithmus seines News-Feeds um Publisher und Nachrichten zu entwerten und die Postings von Freunden und Familien sichtbarer zu machen, um „sicher zu gehen, dass die auf Facebook verbrachte Zeit eine gut verbrachte Zeit ist“ und um den Leuten zu „bedeutungsvolleren soziale Interaktionen“ zu verhelfen (Zitate: Mark Zuckerberg). Das Ergebnis ist ein News-Feed, in dem das Engagement (also Likes/Reaktionen und Kommentare) stark angewachsen sind mit Fox News als reaktionsfreudigstem Outlet. Dazu hat Fox News die meisten wütenden Reaktionen und zwar mit gewaltigem Abstand.

NiemanLab: One year in, Facebook’s big algorithm change has spurred an angry, Fox News-dominated — and very engaged! — News Feed

A new report from social media tracking company NewsWhip shows that the turn toward “meaningful interactions” has:

– pushed up articles on divisive topics like abortion, religion, and guns;
– politics rules; and
– the “angry” reaction (😡) dominates many pages, with “Fox News driving the most angry reactions of anyone, with nearly double that of anyone else.”

Die Facebook-Pages mit dem höchsten prozentualen Anteil von wütenden Reaktionen sind eine Mischung aus Gossip, progressiven News (DailyKOS), Tierschutz, konservativer Clickbait (Newsbusters) und Seiten von Abtreibungsgegner. Mir scheint das vor allem dem Aufmerksamkeits-Wettbewerb kleinerer Publisher geschuldet, die ein Stück vom Engagement-Kuchen abhaben wollen. Gleichzeitig sind politische Inhalte mit einem Drittel der reaktionsfreudigsten Postings die dominantesten auf Facebook. Interessant: Außerhalb politischer News machen wütende Reaktionen weniger als 1% des Engagements aus.

Die Betonung von privater Kommunikation führte also anscheinend zu einer aggressiveren, kontroverseren Publishing Taktik von Fox News, die mit dieser Strategie den politischen Diskurs im Informationsraum Facebook dominieren und vor allem Wut hervorrufen. Zorn ist also nach wie vor die treibende Kraft für Viralität und Engagement im Online-Publishing, allerdings nur für die politische Berichterstattung.

Vor vier Jahren stellte ich im Rahmen eines langen Textes über Gamergate die These auf, dass die Auseinandersetzung um polarisierende und politische Themen den digitalen Kommunikationsraum zunehmend vergiftet, was relativ simplen psychologischen Reaktionen (Fight and Flight) in Kombination mit sensationalistischem Journalismus in einer neuartigen Medienumgebung und den ihr eigenen Verteilungsmechanismen geschuldet ist. Dieser Bericht bestätigt diese These.

10. März 2019 19:52 | #Horror #Medien #Memetik

Vor 10 Tagen bloggte ich über den Viralen Feedback-Loop aus der alten Horror-Meme Momo, ein paar besorgten Eltern und parasitären Clickbait-Medien, der sich in England zu einer waschechten Moral Panic hochgeschraubt hatte. Seitdem ist die Meme-Meme (die Meme in diesem Fall ist nicht so sehr „Momo“ selbst, als die Nachricht über Momo) einmal um den Globus gerauscht, selbst in meiner wirklich nicht sehr netz-affinen Rest-Familie hat sich die Nachricht über Momo ausgebreitet, Kim Kardashian war dann als letztes an der Reihe (soviel zur Edginess von angeblichen Prominenten) und die Horror-Meme ist möglicherweise die erste Medien-Folk-Horrorgeschichte des 21. Jahrhunderts. Slenderman war noch eine echte Folk-Horrorgeschichte, die sich auf Tumblr und Reddit verbreitete, während Momo die Clickbait-Version dieser Dynamik darstellt.

Samira El Ouassil hat auf Übermedien noch einmal eine nette Zusammenfassung des „Memetic Hazard“ aufgeschrieben inklusive der für Horror-Storys typischen Interpretation der Meme als die „zur Fratze erstarrte Angst der Eltern vor dem unmoderierten Raum einer digitalen Öffentlichkeit“ und Spoon Tamago hat ein paar Details zu Keisuke Aso, der die Original-Skulptur angefertigt hatte, ein Mashup aus einem Hühnchen und der japanischen Legende der Kuchisake-onna, der „Frau mit zerrissenem Mund“ oder „Breitmaul-Frau“, die seit ein paar Jahren in sehr vielen japanischen Horrorfilmen zu sehen ist. (Die kulturelle Distanz der „J-Horror“-Subkultur zur westlichen Mainstream-Kultur dürfte ein weiterer Grund für den anhaltenden Erfolg der Meme sein: Die Leute hier kennen Kichisake-onna schlichtweg nicht.)

In an interview with Buzzfeed Aiso said that, given the nature of the show, he wanted to dial up the fear factor. So he set about creating a representation of Ubume (姑獲鳥), a Japanese yokai. According to folklore, the part-bird, part-human ghost is an embodiment of women who died giving birth.

Aiso exhibited his piece in the art show, which took place during the summer of 2016. And that should have been the end of the story. But 2 years later, during the summer of 2018, the artist started receiving hate mail in English, Spanish and other languages too. He went online to figure out what was going on, only to discover that an image of his sculpture had been misappropriated, and had taken on a new life as the face of an online hoax. At its peak, Aiso says he was getting about 30 emails per day. This activity eventually died down but has picked up again as media outlets have recently been reporting on the hoax.

Der Philosoph Paul Feyerabend prägte den Begriff „Anything goes“ und meinte damit die Voraussetzung des Regelbruchs als einzigen relevanten Grund für wissenschaftlichen Fortschritt. In anderen Worten: Wir haben nur deshalb iPhones, weil Steve Jobs die Regeln des Mobiltelefonmarktes ignorierte und als Computerunternehmer ein überteuertes Luxusgerät ohne Tasten auf den Markt brachte in der Hoffnung, die Leute würden es dennoch kaufen. Ein völlig verrückter Plan und zehn Jahre später hat jeder Mensch ein Smartphone in der Tasche. Und nur weil Galileo gegen die Regeln verstieß, wissen wir, dass die Erde eine Kugel ist und um die Sonne kreist. Es is nicht wichtig, ob es Galileo oder Bugs Bunny oder Audrey Hepburn war, wichtig ist nur, dass er im 16. Jahrhundert gegen die Regeln des kirchlichen Dogmas verstieß. Der Regelbruch ist für den Fortschritt verantwortlich, nicht Galileo. Diese einfache Erkenntnis formulierte Paul Feyerabend mit dem Slogan: „Anything goes“. Um Fortschritt zu ermöglichen, muss alles passieren können, vor allem das, was gegen die Regeln verstößt.

Heute leben wir in einer vernetzten Welt, in der circa 5 Millarden Netz-User jeden Tag durch die Feeds scrollen, Medien konsumiert und kommentiert, Medien macht, schreibt, filmt, fotografiert, dokumentiert, auf Facebook, Twitter, Instagram, YikYak, Snaptchat und WhatsApp. Ein dichtes Netz aus emotionsgesteuerten Informationshäppchen, die unsere Realität konstituieren und die die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts bilden. Und diese 5 Millarden Menschen machen Wunder möglich, jeden Tag.

Der Mathematiker John Littlewood definierte als Wunder jene Ereignisse mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:1 Million oder weniger. Jeder Mensch denkt und erlebt jeden Tag hunderte und tausende mikroskopischer Dinge. Das allermeiste wird vergessen, vieles ist Nonsense und Quatsch, das allermeiste völlig belangloses Alltagszeug zur Erledigung des täglichen Bedarfs. Aber hin und wieder, ganz selten, eben eins von einer Million Ereignissen, geschehen uns Dinge, die so seltsam sind, dass man sie als Wunder bezeichnen kann. Man träumt von einer alten Freundin und sie ruft am nächsten Tag an, zum Beispiel. John Littlewood rechnete aus, dass jeder Mensch ungefähr einmal im Monat ein Wunder, oder genauer: Ein außergewöhnliches Ereignis erlebt. (Links: Zeit.de: Jeden Monat passiert ein Wunder, Wikipedia: Littlewoods Law)

Und in einer vernetzten Welt aus 5 Millarden Menschen geschehen jeden Monat 5 Millarden Wunder oder auch 166 Millionen Wunder am Tag. Die meisten immer noch nicht sehr aufregend, aber ein paar davon sind so bizarr und aufwühlend, dass unser hypervernetztes Social Web sie mit einhundertprozentiger Sicherheit in Windeseile bekannt machen und viral gehen lassen wird. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass ihr von ein paar dieser Wunder auf diesem Blog erfahren werdet. Das ist die tatsächlich und wortwörtlich „wundervolle“ neue Medienrealität.

Gib mir den Rest, Baby…

Interessante Formulierungen über Outrage Addiction von einem Opfer eines autoritärfeministischen Mobs, die es wagte, eine Youtube-Serie über die Selbstjustiz-Exzesse von #MeToo zu starten. Interessantes Detail: Die Hetze ging von einer einzigen Person aus, die ihre Peers und lokale Presse aktivierte, die den Outrage-Clickbait dankbar aufnahm. Der Internet-Mob visierte schließlich das Restaurant ihres Mannes an, das nun vor der Pleite steht.

Hieran zeigt sich sehr schön, wie die Aktionen von einzelnen Personen kaskadenhafte Auswirkungen haben können, die die ganze lokale Community wie nationale Gesellschaft erfassen können, aufgrund des emotionalen Ausbruchs einer einzigen Person in einer neuartigen Mediengesellschaft, die auf solche emotionalen Ausbrüche bislang vor allem mit passioniertem Schutz von vermeintlichen Opfern reagiert und wo noch jegliche Mechanismen zu Überprüfung von Sachverhalten fehlen und möglicherweise auch unmöglich zu installieren sind, denn die Kommunikation und die Empörungswellen verbreiten sich schlichtweg zu schnell, eben weil die Sachverhalte meistens emotional aufgeladen sind. Genau deshalb tendiere ich derzeit dazu, jeglichen Online-Aktivismus abzulehnen, aber eine Lösung ist das selbstverständlich nicht.

Gib mir den Rest, Baby…