Black Mirror Staffel 4 (Review)

Reviews zu allen Folgen der vierten Black Mirror-Staffel. Ich bin insgesamt sehr begeistert, halte die Staffel für die beste der Serie und glaube, dass Brooker hier als Schreiber und Produzent für Netflix ein ideales Zuhause für sein Baby gefunden hat und ich denke, da ist sogar noch Luft nach oben. Ganz großartige Staffel und ich bin sehr gespannt, was da noch kommt.

Episode 1: USS Callister

Jesse Plemons spielt den fiesen, verhuschten und gemobbten Coder Robert Daly, der zusammen mit seinem „Kumpel“ Walton die virtuelle Spielwelt Infinity entwickelte, ein MMO in Space, das per Neuro-Interface gezockt wird, während der Echtwelt-Fleischsack mit weißen Pupillen im Liegestuhl vergammelt.

Da Robert Daly aber eben nicht nur verhuscht und verlacht, sondern auch ein tyrannisches Arschloch mit Aggro-Problemen ist, entwickelte er sich einen MOD für Privatzockereien, eine Spielwelt nur für sich, angelehnt an die Star Trek-Version dieser Black Mirror-Welt. Und mit einem Bullshit-DNA-Scanner klont er digitale Versionen seiner Echtwelt-Mitarbeiter in sein Starfleet-Reich, wo er seine neu geklonten Untertanen als Schauspieler in schlechten SciFi-Szenarios hält, sie in riesige Mutantenspacemonster verwandelt, oder virtuelle Versionen ihrer realen Kinder in den Weltraum schießt, um sie zu quälen. „A Bubble-Universe ruled by an Asshole-God“. Dann aber beamt sich der fiese Arschlochgott die neue Mitarbeiterin Nanette Cole (Cristin Milioti in ihrer Hoffentlich-Breakout-Rolle) auf's Schiff und alles wird anders.

Es ist nun so: Auf dem 34c3 rannte ich rum und erzählte jedem, der es hören wollte, dass die totalitäre Dimension der Digitalität in der Totalität des Editierbaren liegt, that is: Jedes Interface ins Digitale erlaubt die Manipulation seines Inhalts und im Netz treffen alle manipulierten Digitalwelten aufeinander. Wer die meisten Skills am vernetzten Interface vorweist, kann auch die Welten anderer Akteure manipulieren und wer sowohl genug Skills als auch genug Skrupellosigkeit aufweisen kann, der kann die Realität seiner Mitmenschen durchaus bereits jetzt maßgeblich beeinflussen. Genau wie Robert Daly.

Sein Character ist eine Anspielung auf den Nerd Power Komplex, das Paradox der Macht totaler digitaler Manipulationsmöglichkeit, die im echten Leben bis vor wenigen Jahren noch weitgehend machtlos war und mittlerweile sogar ganze Wahlen mitentscheiden.

Zum Glück bietet die Folge im Black Mirror-Universum eins der wenigen Happy Ends der Serie: Während Daly in seinem Stuhl vor sich hin sabbert, bricht die digitale Cristin „Cole“ Milioti aus seiner tyrannischen Spielwelt aus, trifft im Free Space zuallererst auf Gamer691, gesprochen von Aaron „Jesse Pinkman“ Paul, und der ist selbst als shitpostender Troll immer noch ein weitaus angenehmerer Digital-Zeitgenosse, als „Todd Alquist the murderous Digital-Tyrant“.

USS Callister ist übrigens, neben den offensichtlichen Zitaten aus Star Trek, angelehnt an die Shortstory „I have no mouth and I must scream“ von Harlan Ellison, in Deutsch zu finden im Buch Science-Fiction-Stories 35 vom Ullstein Verlag, gibts auf Ebay für paar Euro.

Episode 2: Arkangel

Die zweite Folge erzählt die Geschichte einer kontrollsüchtigen und überfürsorglichen Mutter Marie, die per Brainchip direkten Zugang zur visuellen Wahrnehmung ihrer Tochter Sara erhält. Marie kann ihre Tochter zu jedem Zeitpunkt genau lokalisieren, Mutti sieht, was Sara sieht und sie kann die Wahrnehmung ihrer Tochter in einen Safe Space verwandeln, in der sich jegliche Bedrohung, jede Störung und alle Gewalt als Pixelhaufen darstellen. Selbstverständlich rebelliert Sara in den kommenden Jahren gegen ihre von ihrer eigenen Mutter verkrüppelten Wahrnehmung, während sich die Gewalt, die sie ihrer Tochter ersparen wollte, mit voller Wucht in Saras finalen, blutigen Befreiungsschlag an Mutti selbst entlädt.

Jodie Fosters Regiearbeit für Black Mirror ist vielleicht nicht die stärkste Folge der neuen Staffel und die Charakterzeichnung der überfürsorglichen Mutter hätte ein paar psychologische Tiefen vertragen können, aber mir gefiel an der Episode vor allem, dass sie ihre Story *nach* der technologischen Katastrophe erzählt. Das Arkangel-Programm wird im Laufe der Story eingestampft und illegalisiert, Ärzte raten der Mutter dazu, das Interface zur Wahrnehmung ihrer Tochter wegzuwerfen. Doch zu verführerisch ist die Macht des Überwachers, die für Marie zum Untergang führen wird.

Gute Story mit hochaktuellem Safe-Space-Subtext, geht neben anderen, herausstechenderen Folgen der Staffel leider etwas unter.

Episode 3: Crocodile

Rob und Mia überfahren nach einer Nacht im Club einen Fahrradfahrer, beseitigen die Leiche und vertuschen die Tat. Als Rob Jahre später in einem Artikel davon liest, dass die Partnerin des Toten immer noch nach ihm sucht, will er ihr einen anonymen Brief schreiben – woraufhin ihn Mia ebenfalls tötet, um die Tat weiterhin geheim zu halten.

Leider beobachtet sie kurz nach der Tat einen Unfall mit einem Pizzalieferanten und in dieser Zukunft ermöglichen Mindreading-Devices namens Recaller die Extraktion von Erinnerungen. Als Versicherungs-Detektivin Shazia sich mit ihrem Gedankenlesegerät auf Pizzaunfall-Spurensuche begibt, trifft sie auf Mia und deren Gedanken sind mörderisch.

Tolle, unheimlich dicht erzählte Mindreading-Crimestory in üblicher Black Mirror-Trostlosigkeit, in weiten Shots aufgenommen, die über die Schneelandschaften Islands streifen. Die Folge ist die wahrscheinlich fieseste und kälteste der neuen Staffel und ich mochte sie besonders wegen des detailiert gezeichneten Charakters der Mia, die durch die Konstellation der Geschehnisse und ihre eigene Egozentrik zum Serienmord getrieben wird. Eine eiskalte Mörderparabel vom Ende der Gedankenfreiheit.

Episode 4: Hang the DJ

Wenn die USS Callister das verspielte Hirn der neuen Staffel ist, dann ist Hang the Deejay ihr rebellisches Herz und die grundlegende Prämisse ist clever: Nur wer gegen den Algorithmus des Systems rebelliert, erfüllt den Algorithmus der Liebe – ein altes Motiv, spätestens seit Shakespeares Romeo und Julia auch im Mainstream bekannt. Diese Rebellion gegen das System führt in Black Mirror dann zur Erfüllung des Meta-Systems mit 99,8%igen Erfolgswahrscheinlichkeit.

Die Regeln des Algorithmus werden in der Story als totalitäres Dating-System dargestellt, die unterschiedlichen Bettgeschichten und Lebens- und Zeitabschnitte als undurchschaubares Labyrinth aus Figuren und Handlungen, dessen Sinnlosigkeit Amy und Frank gleich beim ersten Date erkennen und die Formalien möglichst schnell hinter sich bringen, um schleunigst zum interessanten Teil überzugehen, an dessen Ende dann die Flucht und Auflösung im Perfect Match liegt. <3 Dazu bietet die Folge einmal mehr ganz großartiges Schauspiel, die Chemie zwischen Joe Cole und Georgina Campbell stimmt und das sieht man. Ganz großartig und eine weitere fantastische „Black Mirror-Romance“ nach San Junipero.

Episode 5: Metalhead

Minimalistische Action-Vignette um Boston Dynamics Robo-Dogs aus der Zukunft, die Schottland überrannt haben.

Bella, Tony und Clarke brauchen ein bestimmtes Item aus einem Lagerhaus, doch genau dort lauert einer dieser Robots. Es ist nun so, dass die Backstory – warum sie in das Lagerhaus müssen, warum genau diesen Gegenstand und wer und wo überhaupt etc usw – völlig unwichtig ist und extrem schnell weggewischt wird für ein Wettrennen gegen einen pfeilschnellen und tödlichen Roboter-Hund, der fahrenden Vans durch geschlossene Türen ins Heck springt, trotz eingeschränkter Bewegungsfreiheit extrem effektiv arbeitet und selbst in seiner Zerstörung noch Tracker für seine Hundekumpel abfeuert.

Der Robodog wirkt dabei gleichzeitig supercreepy und die ständigen Wechsel aus rasanten Verfolgungsjagten mit brachialer Gewalt und ruhigen Passagen, in denen Robot entweder seine Waffe justieren oder gleich eine Batterie aufladen muss, verleihen der Folge eine druckvolle Action, die man in vorherigen Folgen bislang nur erahnen konnte (White Bear, Men against Fire). Hooray Minimalist Storytelling!

Episode 6: Black Museum

Nach dem Weihnachtsspecial eine weitere Meta-Episode, diesmal mit einem Rundgang durch die Ausstellung von Folterinstrumenten aus der Hölle der Zukunft (aka vergangene BM-Episoden). Wir sehen den DNA-Scanner von Arschlochgott Robert Daly, die hassgesteuerte Robot-Biene aus Hated In The Nation oder die Maske des White Bears und die drei in dieser Meta-Story erzählten Kurzgeschichten handeln allesamt vom Transfer des Bewusstseins:

Die erst Story beginnt mit einer rudimentären Synchronisationen im Lustzentrum eines zunächst sehr glücklichen Doktors from Hell, der zunächst Krankheiten nachempfinden kann und die Orgasmen seiner Partnerin, also gleichzeitig zum heilenden Jesus und doppelorgasmenden Superficker. Dann entdeckt er die Lust des Schmerzes und alles geht zur Hölle: Der nun bedauernswerte Doktor entwickelt eine Sucht nach Schmerz, er heilt keine Patienten mehr sondern genießt ihren Schmerz, ergeht sich schließlich in laserfokussierter Selbstverstümmelung und als auch das nicht mehr kickt, schmeißt er sich einen Bohrer-„Speedball of Pain and Fear and Death“ ein. Black Mirrors Version von Abel Ferraras Driller Killer.

Die zweite Shortstory handelt vom Horror des ewigen Partners im Kopf. Brooker schreibt hier Schizophrenie und Liebe zusammen, schickt einen Partner in den Wahnsinn und seine Frau Carrie in die Seelen-Paralyse. Am Ende dann der totale Betrug, die Auslöschung ihrer Expression, die im System des Alltags zerrieben wird und keinen Raum für das Individuum mehr kennt – nur noch im Spielzeug.

Interessant an dieser Kurzgeschichte sind die Verweise auf das größere Black Mirror-Universum, in dem offenbar zum Zeitpunkt der Meta-Story um das Museum der Transfer des Bewusstseins auf „limitierte Formate“ wie Spielzeuge verboten wurde und es gibt einen ersten Hinweis auf „Human Rights for Cookies“. Diese Meta-Story lässt sich in zukünftigen Staffeln in allen möglichen Wegen weitererzählen, nice!

Die dritte Kurzgeschichte gibt der kompletten Folge ihren endgültigen narrativen Rahmen: Rolo Haynes' Black Museum sollte eigentlich mal ein Madame Tussauds mit lebenden Hologrammen werden, aber scheiß Consciousness-Persönlichkeitsrechte und sowas wie neuartige Copyrights Rights machten das ganze zu teuer. Aber zum Glück gibt's ja billige Mörderseelen und so verdammt Haynes den Mörder Clayton Leigh zur Folter in einer ewigen Exekution auf einem holographischen elektrischen Stuhl. (Wer das übrigens für eine Zukunftsvision hält, für den habe ich drei Worte auf VHS: Faces of Death. Wie oft ich den Tod auf dem elektrischen Stuhl in diesem Film gesehen habe, weiß ich nicht [allzu oft nicht], aber es war die 80s-Version von Rolo Haynes Black Museum: Fun Sized Suffering.)

Zum Glück sperrt Nish, die Tochter von Clayton Leigh, den Satan (Rolo Haynes) in seine eigene Maschine, presst seinen Hass in Miniaturform, rettet die im Teddy gefangene Spielzeug-Carrie und fährt in den Sonnenuntergang. Wunderbar.

„To the Future“.

Alex Somers & Sigur Rós – Hang the Dj - Complete Soundtrack

01. All Mapped Out - 0:00:00
02. Sorry - 0:01:26
03. Hours, Days, Months - 0:04:25
04. Into Place - 0:05:57
05. Match - 0:09:28
06. Out There - 0:11:00
07. Sleeps - 0:12:43
08. See You - 0:13:32
09. Treasured - 0:15:25
10. Ruined It - 0:16:59
11. One Year - 0:20:19
12. Doubts - 0:22:28
13. Three, Two, One - 0:24:26
14. We Agreed - 0:25:39
15. One, Two, Three, Four - 0:26:13
16. There’ll Be a Reason - 0:26:52
17. End - 0:28:21
18. Over and over Again - 0:33:19