Mein Weihnachts-Wunschzettel 2017 🎄

Ich wĂŒnsche mir zu Weihnachten drei Geschichten: eine Pulp Fiction, eine Reportage ĂŒber die Zukunft Europas und die Auflösung eines philosophischen Paradoxons.

1. Ich wĂŒnsche mir zu Weihnachten, dass mir der Ă€ltere Herr in diesem Video des Zentrums fĂŒr politische Schönheit ganz genau erklĂ€rt, was er damit meint, wenn er bei genau Sekunde 42 sagt: „FrĂŒher hĂ€tte ich Euch mit der Schlinge weggefangen.“ Ich möchte die Geschichte der Schlinge wissen und ich will, dass sie mir genau dieser Herr erzĂ€hlt. Seine persönliche Schlingenstory. Ich will das wissen, ernsthaft.

Ich kann ansonsten auch eine erfinden, eine Story mit Schlinge, das geht sehr gut. Ich kann das mit einer Story verbinden, als ich mal mit Jungs ein Auto klaute und wir dann auf dem Feld am See herumfuhren in der Nacht, Kreise gedreht, Wheelies gemacht. Schreib ich halt noch: „Juden geschleift“ dazu. Ich schreib das dann nicht in der ersten Person, aber dafĂŒr mach' Pulp daraus mit Blut, Opa, das hast Du nicht erlebt. Wird geil, Larry Brent hoch zehn, so dass es Deine Leute lesen. Und dann hijacke ich ihr Brain mit Memes, Opa. Und ich mach nen experimentellen Remix, so dass es meine Leute lesen. Ich hab beides schon angefangen, Opa. Ich kann mir so 'ne Story ausdenken, glaub mir das, ich bin vom Internet. Also: Deine Story oder meine. Wenn ich die Geschichte aufschreibe, widme ich sie Dir, Opa.

2. Von Journalisten hÀtte ich gerne eine Antwort auf diese eine Frage: Ich lese Fonsi, wissen Sie. Genau wie alle und die, die ihn hassen, lesen den noch viel lieber als ich, denke ich.

Als Linker sollte man das auch tun, also den Fonsi lesen. Der ist sicher nach rechts gerĂŒckt und er ĂŒbernimmt ihre Terminologie erschreckend oft, aber ein Rechter ist er deshalb nicht. Ein Sozialliberaler aus Bayern ist er, mehr nicht, und sein Getue ist ein wenig prĂ€tentiös und der Traditionalismus dunkler, als er denkt. Dennoch hatte Fonsi in den ĂŒber zehn Jahren, seit ich ihn kenne, immerhin so 30%+- Recht mit dem, was er so aufschrieb. Um den Rest haben wir in der Vergangenheit ein paar mal gestritten, aber er hatte immer eine gute Nase, war (fast) immer ehrlich (vielleicht auch nicht, Eure backstories interessieren mich wenig) und tatsĂ€chlich ist es so, dass ich sein Blog bei der FAZ als Horrorblog lese, sort of. Bayern Gothic.

Die StĂŒtzen sind ziemlicher Hyperbole, aber scharf geschrieben und Fonsi ist eine Kunstfigur. Wenn man den Horror der StĂŒtzen zusammenkratzt, dann ergibt sich aus dem Subtext folgende hyperbolische Katastrophe: Die FlĂŒchtlingsströme nehmen mit Klimawandel wieder zu, die extreme Rechte gewinnt weiter an Einfluss, Sachsen, Bayern, Österreich und Ungarn und Polen machen einen neuen Staat, Wien und Berlin werden politisch isoliert, die Festung Europa wird gebaut, auch gegen den Klimawandel. Sezession untenrum, Flut obenrum.

Wenn hiervon 30%+- eintritt, welches Szenario ist das? Auf diese Frage hÀtte ich gerne eine Antwort von Fonsis Kollegen, den Journalisten.

3. Ich hÀtte gerne eine funktionierende rechte Definition der Assimilation.

Ich finde eine Menge soziologischer Assimilationsdefinitionen und keine entspricht einer „optischen TĂ€uschung“, wie es Harald Weyel von der AFD neulich gegenĂŒber der Zeit formulierte. Seine Definition ist keine Einzelaussage, sondern Teil seines Wahlkampfes, in der er sein Schwarzsein ganz gezielt gegen RassismusvorwĂŒrfe in Stellung brachte und seine „optische TĂ€uschung“ dĂŒrfte die gĂ€ngige Assimilations-Definition der Rechten sein, oder genauer: ihre Auslegung der Idee Assimilation. Weyel surft diese Meme wie jeder andere Populist und befeuert sie mit Bullshit Folk-Etymologie.

Denn man muss sich fragen, welchen Grad der Assimilation Weyel genau meint, wenn er von dieser TĂ€uschung spricht. Meint er einen kompletten Austausch des inneren Lebens des Menschen, dessen kulturelle PrĂ€gung durch eine neue vollstĂ€ndig ersetzt werden muss? Oder ein Bekenntnis zur lokalen Kultur und Gesetz, eine Anpassung in Stil und Auftritt, flĂŒssige Sprachbeherrschung und AnstĂ€ndigkeit? Beides sind Lösungen, die ĂŒber soziologische Definitionen weit hinausgehen, die nicht umsonst hĂ€ufig von einer Fusion der Kulturen reden und von einem beiderseitigem Anpassungsprozess, der, und das kann man der Rechten jetzt bereits nachweisen, schon im vollen Gang ist und kulturelle FrĂŒchte trĂ€gt, auf die ich noch eingehen werde.

Das Problem mit dieser rechten „Definition der Assimilation“ ist, dass das eine reine Fixierung auf die Hautfarbe darstellt, die Unterwerfung des Innenlebens des Menschen unter totale Anpassung, was in sich bereits rassistisches Denken ist. Assimilation bedeutet im soziologischen Sinne eine Übernahme der Sitten und GebrĂ€uche, nicht die radikale Umformung des inneren Monologs.

Soziologe John Lewis Gillin schreibt ĂŒber die Assimilation, sie wĂŒrde von Toleranz gefördert und gleichen wirtschaftlichen Chancen, sowie einer sympathisierenden Einstellung ausgehend von der dominierenden Kultur. Die Rechte hat auf allen Gebieten versagt und arbeitet dazu mit einer Bullshit-Definition der Assimilation, was allerdings eine ihrer Kernforderungen ist.

Ich bin nicht bereit, diese rassistische, unwissenschaftliche, folk-etymologische Definition einer „Assimilation“ anzunehmen. Weil – dies ist ein begrĂŒndeter Weihnachtswunschzettel –, hier ein bisschen KomplexitĂ€t und Real Life.

Ein Kumpel von einem Kumpel ist hier verheiratet, Kind, 3 LĂ€den, GetrĂ€nkelieferung noch, hat Angestellte, macht ordentlich Schnapp, versorgt seine Familie, sind alle hier, er selbst hier geboren, Eltern damals eingewandert, Klischee. Hört Hip-Hop und House, kifft am liebsten aus der Bong und guckt Action-Filme. XXX, Furious Five, alles mit Autos, Serien auch, guckt Breaking Bad, Game of Thrones, was man halt so schaut und ansonsten arbeitet er, versorgt seine Leute und erzieht sein Kind, zweisprachig. In der Familie und im Umfeld tragen manche Kopftuch, manche nicht, manche fasten ab und zu, manche nicht, that’s it, happy turks. Außerdem wĂ€hlt er Erdogan, weil die Welt ist komplex und seiner Familie in Anatolien hat der Tyrann die Krankenversicherung gebracht. Pressefreiheit juckt net, und als ich ihm ein paar Dinge erzĂ€hlt habe, schaute er mich kurz an und meinte „Tja“. So ist das.

Oder mein anderer Kumpel, ein iranischer Taxifahrer, der mich ab und zu fĂ€hrt. Ist damals vor dem Schah geflohen und hat seine Bibliothek mitgebracht, alles voller Klassiker von Goethe bis Schiller und das liest er dann, wĂ€hrend er zum Feierabend an der Opiumpfeife zieht. Ist seit 40 Jahren hier und meinte vor zwei Jahren noch, der Rassismus wĂŒrde ja allgemein eher abnehmen. Hab ich abgewunken, hat er auch abgewunken, naja. Oder mein Dönermann, der der Meinung ist, es gĂ€be hier zuviele kriminelle AuslĂ€nder und man mĂŒsste etwas tun. Keiner von diesen dreien entspricht der Assimilationstheorie der Rechten.

Sollen die jetzt gehen? Wohin denn? Der eine hier zur Schule, baut hier Wurzeln, hier geboren, einer von hier, mein Nachbar; der andere schon lange hierher geflohen und kennt sich besser aus mit deutscher Kultur als die rechten Ficker im Bundestag; Und der dritte von hier, der die Straße kennt? Machen alle hier Business, zahlen Steuern, bauen ArbeitsplĂ€tze und tragen zur Infrastruktur bei. Sollen die an der Schlinge ĂŒber den Marktplatz geschleift werden? Um den Hals? Oder sind die assimiliert? Integriert? Sind die Iraner oder TĂŒrken oder –gasp– Deutsche? Was passiert mit denen, wenn ihr die Mauer baut?

Das sind KomplexitĂ€ten, auf die die Neue Rechte mit ihren einfachen Antworten keine Antwort weiß, außer altem rassistischen Denken, Menschenfeindlichkeit und „ReConquista“. Daher wĂŒrde ich mich ĂŒber eine funktionierende rechte Definition der Assimilation zu Weihnachten freuen, die sich an den definitorischen Kanon hĂ€lt und mit der rechten archaischen Idee des „homogenen Volkskörpers“ vereinbar ist. Ich bezweifle, dass sie eine finden werden, denn das ist ihr eigenes Paradoxon, das sie nur durch den ihr inhĂ€renten Rassismus auflösen kann und deshalb sind sie immer noch genau wie die alten Rechten.

Die nichtkommenwerdenden Antworten auf diese drei rhetorischen Fragen wĂŒnsche ich mir zu Weihnachten.

Herzlichst,
ein erstmaliger NichtwÀhler