Es war einmal ein Googlememo…

Im weiten Land über der See, da war einmal ein Professor und ein Idiot. Eines Tages setzte sich der Idiot in sein Cubicle und schrieb in unter einem Tag ein Googlememo voller Zaubersprüche des Professors. Das Obere Management des weiten Landes war außer sich vor Zorn – und feuerte den Idioten. Da war was los! Vor allem, als sich herausstellte, dass die Zaubersprüche des Idioten in seinem Googlememo gar nicht mal so falsch waren, wie es die Schreiber im weiten Land herbeischreiben wollten. Da lachte man die Schreiber aus im ganzen weiten Land und am lautesten lachte der Professor.

Drei Monate zuvor, im Land der sieben Berge auf der anderen Seite der See, erreichte den Magier mit dem langen Bart und der dicken Warze auf der Nase in seiner Höhle direkt neben dem Fluß die Kunde von Professors Zaubersprüchen und sogleich schrieb er den Fürsten am Hof der Königin. Doch die nickten nur höflich – immerhin: Magier ist Magier! –, fuhren fort mit ihrem Tagewerk, und die Zeit strich ins Land.

Als der Idiot im Land der Weite nun das Management erzürnte, begannen auch die Schreiber bei den Bergen am Hof der Königin ihre Arbeit: Was für ein Idiot! schrieben die Schreiber, the Sexist Screed! Sie überboten sich mit den Kopierern mit Crap und die wenigen, die nur einen Idioten mit ein paar Zaubersprüchen sahen, waren rar und kaum gehört.

Der Magier in seiner Höhle lachte derweil und vernagelte seine Bude ob des sich am Horizont dräuenden Unheils.

Der ätzend-prätentiöse Einstieg sei mir gestattet, denn vor einem halben Jahr beschrieb ich in einem langen Artikel, warum der Netzfeminismus von Froschmonstern aus der postmodernen Hölle verschluckt wurde und dem Ende dieses Artikels folge das Transkript eines Interviews mit Dr. Jordan Peterson, eben jenem Professor aus dem Märchen mit zweifelhaftem Ausgang oben.

Ich erwähne Peterson deshalb, weil es ein paar Dinge gibt, die ihr möglicherweise nicht über das Googlememo wisst, über das den ganzen Sommer in der Lach- und Sachpresse zu lesen war:

1.) Peterson hat das Googlememo inspiriert, die Aussagen des Memos basieren auf seinen Vorträgen und eigenen Recherchen Damores

2.) Das Memo war Teil eines Feedback-Prozessess für ein Diversity-Programm von Google

3.) Google wird derzeit mehrfach wegen geschlechtsbasierter Gehaltsdiskriminierung verklagt

Zu 1.) Nach der Veröffentlichung des Memos durch Gizmodo sprach James Damore zunächst mit Dr. Jordan Peterson (Psychologe, Uni Toronto, Harvard, politisch circa FDP/CDU, möglicherweise linker Flügel, möglicherweise auch SPD rechter Flügel), und mit Stefan Molineux (AltRight-Youtuber). Der Guardian ist sich laut Artikel bis heute nicht sicher, warum Damore ausgerechnet Peterson ein Interview gab oder ob er seine Videos gesehen hat, obwohl Damore in genau diesem Interview sagt, er sei „ein großer Fan“ und Petersons Vorträge seien Inspiration für das Memo gewesen.

Wenn der Guardian bereits zu Beginn seiner Berichterstattung in grundlegenden Details Bullshit auftischt, warum sollte ich dann den restlichen Gegen-Argumenten des Guardian trauen, die er in Stellung bringt gegen die Talking Points von Peterson und Damore, deren Punkte ich seit über einem Jahr kenne und die mir zu großen Teilen stichhaltig erscheinen? Und warum sollte ich deutschen Medien trauen, die den Kram abschreiben?

Und wei o wei, das Misstrauen erwies sich als angebracht: Sean Stevens von Jonathan Haidts Heterodox Academy, in der sich über 1000 Profs für Viewpoint Diversity an Universitäten organisieren, kommt nach einer Meta-Analyse von über 20 Papers, mehreren kritischen Artikeln und einem Vergleich mit Damores Googlememo zum Schluss: „Damores Feststellung von Geschlechter-Unterschieden bei Eigenschaften auf dem Population Level ist korrekt und sie ist relevant für das Verständnis von Gender Gaps bei Google und in Tech-Firmen, wobei die Unterschiede in Interesse und Vergnügen maßgeblich sind und Unterschiede in Fähigkeiten vernachlässigbar“.

Einen Monat später veröffentlichte die Welt immer noch Texte wie „Alle Männer sind schlechte Journalisten“ – so als ob das irgendetwas mit dem Memo zu tun hätte. Frau Selle schreibt darin Absatz über Absatz über Fähigkeiten, was den Punkt des Memos um ungefähr 3 Millionen Parsec verfehlt. Jaja, Geschlechter-Glosse, Polemik, Satire, bla. Satire die den Punkt verfehlt, verfehlt den Punkt.

Hier nochmal die zusammengefassten Erkenntnisse der Meta-Analyse der Heterodox Academy für langsamere Journalisten:

- Geschlechter-Unterschiede in Fähigkeiten und Leistung in Mathe oder Naturwissenschaften sind klein oder nil.
- Es gibt große Geschlechter-Unterschiede in Interesse und Vergnügen an Mathe, Coding oder „highly 'systemizing' activities“.
- Kultur und Kontext sind entscheidend und wirken komplex. Manche Geschlechter-Unterschiede sanken korrespondierend zu kulturellen Veränderungen, andererseits zeigen sich im internationalen Vergleich paradoxe Effekte und Fortschritte in Geschlechtergerechtigkeit führen teilweise zu größeren Unterschieden in Geschlechtermerkmalen und in Karriere-Entscheidungen.

Die Analyse von Sean Stevens schließt: „Damore lenkte Aufmerksamkeit auf empirische Studien, die Google anscheinend nicht bekannt waren oder ignoriert wurden und für Googles Diversity Policies hilfreich sein könnten.“

Zu 2.) Die Veröffentlichung des Memos im Intranet des progressive Internet-Giganten schlechthin ist eine Reaktion auf die von der feministischen Linken erarbeiteten Praxis im Arbeitsumfeld, auf konkrete Mechanismen, die strukturelle Diskriminierung abfangen sollen. Es wurde dort allerdings nicht (nur) als „Diskussionsbeitrag“ gepostet – oder als Trolling, wenn man das Memo so lesen möchte –, sondern das Memo war gleichzeitig eine offizielle Antwort Damores auf die explizite Aufforderung nach Feedback während eines Diversity-Seminars innerhalb von Googles Arbeitsumgebung, Teil eines internen Arbeits-Prozesses, ein ganz normales, wenn auch ausführliches Dokument zur evidence-based Verbesserung der Arbeitsbedingungen, that's it, eigentlich.

Es wurde im Intranet zunächst gelesen, juckte aber niemanden. Erst als ein paar Wochen später eine googleinterne Sceptics-Gruppe das Memo feierte, leakte das Memo an die Medien und das obere Management wurde aktiv. In anderen Worten: Das Memo leakte als Waffe in Google-internen Konflikt zwischen Online-Tribes und die Medien machten sich zum Werkzeug eines ideologischen Culture-Wars. Clickbait machte aus dem eigentlich normalen Dokument aus einem Feedback-Prozess ein flammendes Pamphlet zur Remaskulierung der Techwelt, oder so. Der Leak des (unvollständigen) Memos und vor allem die hyperbolischen Reaktionen darauf machten es zum Viral der Meme des „antifeministischen Tech-Bros“, eine auf verzerrter Realität basierende Fiktion, die in diesem Fall nichts mit dem Inhalt des Memos zu tun hatte.

Initiiert wurde die Meme von AktivistInnen und schlecht informierten Journalisten, die ein ideologisch begründetes Viral fütterten für Virtue Signaling und Klicks.

Deshalb erschien während des globalen Shitstorms einer der wenigen deutschsprachigen und fundierten Beiträge zum Googlememo nicht in Mainstreammedien, sondern auf einem Blog. Frau Meike schrieb bereits am 13. August einen umfassenden Beitrag über Arbeit und dem, was manche Feministinnen „Patriachat“ nennen: Die androzentrische Arbeitswelt und was es mit James Damores Googlememo zu tun hat. Darin unterscheidet sie unter anderem genau zwischen Aussagen auf Population Level und individuellem Level, ordnet das Memo in feministische Theorie ein und auch sie kommt zu folgendem Schluß:

An welchen Säulen zu rütteln ist, um unsere androzentrische Zivilisation in ein gerechteres Modell zu überführen, ist zu diskutieren. Der Autor hat in seiner Interpretation von „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ einige Punkte, die als Meinungen durchaus streitbar sind. Es geht mir hier nicht darum, im Einzelnen festzulegen, welche seiner Vorschläge richtig sind und welche nicht. Denkbar wäre ja an verschiedenen Stellen auch eine Kombination aus unterschiedlichen Maßnahmen.

Doch den Text so krass zu verzerren, ihn als „Müll“ und „sexist/racist“ zu bezeichnen, der besser sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden wäre, ist ein absolutes Armutszeugnis für alle Personen, die das getan haben. Es erschüttert mich zutiefst, wie viele aufgeklärte, intelligente, der Wissenschaft zugeneigte Menschen in meiner Filterblase in den letzten Tagen mit spitzen Fingern kurzsichtige, inhaltlich falsche oder schlicht dumme Kommentare in die sozialen Medien gekübelt haben. Dass das zum Teil dieselben Leute sind, die für den March for truth ihr rosa Muschimützchen aufziehen, ist ein anderer Witz und soll ein andermal erzählt werden.

Der Grund für die Verzerrung: Die Aufrechterhaltung der Meme des „antifeministischen Tech-Bros“ und seines „Sexist Screed“, und während die Engagement-Bullshitklickzahlen die eigene Wahrnehmung verzerrte, arbeiteten Aktivistinnen mit Clickbait-Medien gegen ihre eigenen Ziele, blinded by the meme, und die wenigen googlememokritikkritische Stimmen wurden kaum gehört.

Womit wir zu 3.) kommen: Google befindet sich in mehrere Klagen verstrickt, die dem Konzern geschlechtsbasierte Gehaltsdiskriminierung vorwerfen – eine zusätzliche Belastung der Konzern-Strategie durch eine populärwissenschaftliche Kritik kam zu diesem Zeitpunkt äußerst ungelegen. Für Google ein Dilemma, man kann sich keine Debatte um Diversity-Maßnahmen im Konzern leisten und sägt Damore kurzerhand ab, ging schnell und mit Ansage.

Die Medien errichteten das Narrativ, die Meme des AltRight-Sexisten und bewahrten so Googles Selbstwahrnehmung als „der progressive Internet-Gigant“, der für Diversity kämpft und auch vor Gericht damit glänzen kann. Wäre ich Damores Anwalt, ich würde diese Punkte anführen. Ethics in Social Justice Clickbait-Media anyone?

Währenddessen reichen meine Leute Nobrainer-Texte wie den von Yonatan Zunger herum, der, bei allem Respekt, nicht viel mehr als Eigenschaften aufzählt, die man mal vor 20 Jahren als Soft Skills in the Workplace bezeichnete. Ich weiß nicht, was das mit dem Memo zu tun haben soll, in dem es um die Geschlechter-Verteilung von Interessen und deren Auswirkung auf Diversity-Policy geht.

An anderer Stelle entsetzt sich Zunger über Damores „De-Emphasizing Empathy“, was schon lange diskutiert wird und im Jahr 2017 einigermaßen unkontrovers ist.

In Rückschau ist aber das lustigste an Zungers Text diese Passage: „Problemlösung heisst zuallererst Verständnis des Problems – und da der Sinn unseres Berufs [des Engineers] darin besteht, Probleme zu lösen die Menschen involvieren, ist das Verständnis von Menschen und wie sie mit dem System interagieren fundamental für die Konstruktion eines Systems.“

Genau das war die Intention von Damores Memo und laut Meta-Analyse war er damit zu rund 70% erfolgreich, Soft Skills hin oder her: Auch Zungers Text diente alleine der Aufrechterhaltung der „Sexist Screed“-Meme.

Und während die Linke damit beschäftigt war, ihre geile Meme zu bespielen, gab sich Damore das selten schlechte Twitter-Handle FIRED4TRUTH – Do you even spam, James? DO YOU? my god. –, wurde von Fuckopolous in schwarzweiß und extradark interviewt, ließ sich von dem dann auch gleich noch frauenfeindliche Sprüche unterschieben, twitter über den KKK und so weiter und so fort. Meine Fresse, was für ein Idiot.

Am Ende des Märchens sahen dann alle beschissen aus: Google, das fetteste Unternehmen im weiten Land über der See, sah scheiße aus. Die Aktivist*Innen sahen scheiße aus. Damore und Peterson als „Sexisten“ und „Demagogen“ sahen scheiße aus. Und die Medien, die mit der ritualisierten Initiierung einer falschen, ideologisch begründeten Meme eine tatsächliche Debatte um die Inhalte des Googlememos aktiv verhinderten oder mindestens um Monate verzögerten, sahen am beschisstensten aus. Ein riesiges Kackorama oberster Güteklasse. 1a Bullshit.


Der Magier in seiner Höhle hatte es sich auf seiner Couch gemütlich gemacht und das Treiben mit großen Augen Popcorn fressend verfolgt. Zufrieden wickelte er sich einen Joint und widmete sich mit einem breiten Grinsen wieder seinen Notizen.