Alleen und Blumen und Bewunderinnen und Mad Max

Vor einer Woche schrieb ich über das Phänomen „meToo“ und nahm es von einer grundsätzlichen Kritik aus, denn die Anzeige von Übergriffigkeit ist prinzipiell valide.

Das aber heisst nicht, dass die Sexismus-Debatte nicht auch beunruhigende Tendenzen entwickelt, um mal diplomatisch einzusteigen, und besonders gut ist das in den verschiedenen Auseinandersetzungen um Kunstfreiheit abzulesen. Da lässt sich grade die Entwicklung eines politischen Reinheitsfetisches beobachten, der bei mir mindestens Defcon 2 auslöst.

Die feministische Linke zeigt sich in diesen Debatten als Kontrollfreak, was ich als Polemik auf Twitter möglicherweise hinnehme, nicht aber von Pädagogen und Verlegerinnen in Machtpositionen und nicht in einer Diskussion um Kunst im Öffentlichen Raum.

Bereits im Sommer 2016 kritisiert ein offener Brief des AStA der Alice Salomon Hochschule Berlin das auf einer Außenwand der Schule angebrachte Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer, Preisträger des Alice Salomon Poetik Preises 2011. Das Gedicht handelt von einem Mann, der eine Szenerie aus Straße und Blumen und Frauen bewundert, der Vorwurf ist Sexismus.

Dieses Gedicht reproduziert […] eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind […]

es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind [und] daran, dass wir uns als Frauen* nicht in die Öffentlichkeit begeben können, ohne für unser körperliches „Frau*-Sein“ bewundert zu werden. Eine Bewunderung, die häufig unangenehm ist, die zu Angst vor Übergriffen und das konkrete Erleben solcher führt. […]

es [scheint] thematisch nicht viel anderes in den Fokus zu stellen, als den omnipräsenten objektivierenden Blick auf Weiblichkeit. […]

Die U-Bahn-Station Hellersdorf und der Alice-Salomon-Platz sind vor allem zu späterer Stunde sehr männlich dominierte Orte, an denen Frauen* sich nicht immer wohl fühlen können. Dieses Gedicht dabei anzuschauen wirkt wie eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können. […]

Aus diesen Gründen fordern wir […] die Thematisierung einer Gedichts-Entfernung/-ersetzung im Akademischen Senat […]

Unsere Forderungen stellen wir nicht nur als Frauen*, sondern vor allem auch als Studierende einer „Hochschule mit emanzipatorischem Anspruch“

Ich möchte zunächst lokale und universelle Forderungen unterscheiden: Ich kenne die Situation der U-Bahn-Station Hellersdorf und am Alice-Salomon-Platz nicht, aber sollten sich Frauen und Studentinnen dort nicht sicher fühlen, dann ist die Frage nach der Auswahl des Gedichts ausgerechnet an genau dieser gut einsehbaren Wand zunächst berechtigt.

Aber bereits Zusätze wie „omnipräsent“ und „potentiell“ oder „überall“ sind Formulierungen, die die Forderungen eine universelle Dimension geben, die ich nicht gelten lassen kann. Auch die Formulierung der Forderungen „nicht nur als Frauen, sondern vor allem auch als Studierende einer 'Hochschule mit emanzipatorischem Anspruch’“ deutet schon auf einen empfundenen politischen Auftrag mit legislativem Gestaltungswillen hin.

Und wir reden hier auch nicht alleine über die Wand einer Hochschule in Berlin, sondern auch über ein Gemälde des Malers Balthus von 1938 oder über die abgesagte Ausstellung in Göttingen mit zwei Nippel-Illustration und Einstein als Schweinskopf (eine satirische Darstellung der antisemitischen Meme „Judensau“). Man kann das alles geschmacklos finden, die Ausstellung trug immerhin den Namen „Geschmackssache“.

In allen Fällen stellen zwei Fragen: Treffen die Vorwürfe zu? Und falls ja: Darf, muss, kann oder soll das dann weg? Oder umgekehrt: Muss die sich diskriminiert fühlende Minderheit die künstlerische Auseinandersetzung der Mehrheit mit Themen ertragen können, die die Erfahrungen besagter Minderheit berühren? Grade und vor allem in Kunst im Öffentlichen Raum?

Die einfache Anwtort darauf lautet: Ja, für Streitfälle existieren Gesetze (Beleidigungsparagraph, Gesetze zur Pornographie und Jugendschutz, etc) und die unzweifelhafte Legalität des Gedichts vom Gommringer macht den Konflikt deshalb zu einer ethischen Frage. Die sich diskriminiert fühlende Minderheit kann das Gedicht ertragen, sie muss es aber nicht. Darüber hinaus handelt es sich um eine Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit und Bildung mit einem Großteil weiblicher Studentinnen, ihre Haltung ist hier maßgeblich und dem folgend haben lokale Forderungen des AStA Vorrang. Das Abstimmungsverfahren ist deshalb die logische und richtige Folge daraus. Schlußendlich gilt: Es ist die Wand der Hochschule und sie können damit tun, was sie wollen.

Die universell gestellten Forderungen des AStA und die Fragen, die sie aufwerfen, beantwortet man damit aber nicht: Ist das Gedicht denn nun auf diskriminierende Weise sexistisch und muss es deshalb entfernt werden? Und damit gleichzeitig die Illustrationen in Göttingen und das Gemälde vom Balthus?

Diese Debatte ist gewollt („Wir fordern eine Thematisierung“), weshalb mich einige Aussagen in der öffentlichen Diskussion am 6.11. in Berlin dann doch erstaunten: das Thema sei nur deshalb eskaliert, weil es die Genderfrage stelle. No shit sherlock. Es ist schon einigermaßen dumm, zunächst auch universelle Gründe für eine Entfernung des angeblich sexistischen Gedichts zu formulieren und diese explizit zur Debatte zu stellen, nur um dann die Beschwerde vorzubringen, diese Argumente würden in Frage gestellt und nur deshalb gäbe es diese Debatte.

In diesem Sinne wäre es mir übrigens von Anfang an lieber gewesen, radikale Feministinnen hätten einfach mit einem Feuerlöscher einen Riesenpimmel über das Gedicht gesprüht. Das wäre ein Statement mit hohem memetischem Potenzial sowie eine lokal erzwungene Lösung für die Übermalung, die gleichzeitig an die Funktion von Kunst im Öffentlichen Raum erinnert hätte. Dieses Mittel wäre zwar illegal und als solche natürlich zu kritisieren (wenn man das will), ein institutionalisiertes Ritual zur Kontrolle des sprachlichen Ausdrucks hätte man sich damit aber genauso gespart, wie eine Politisierung des Sexismusgehalts eines Gedichts.

Zur Prüfung dieses Sexismusgehalts schlägt Margarete Stokowski auf Spiegel Online nun eine Invertierung der Geschlechter vor: „Rollen umkehren und sehen, ob es bizarr wird. Wenn ja: erhöhte Sexismus-Wahrscheinlichkeit.“ Und das macht sie dann auch, aber leider nur unvollständig: „Alleen und Blumen und Männer und eine Bewunderin“. Nice try.

Das Gedicht baut seinen Rythmus aus insgesamt 5 Worten: drei Objekten unterschiedlicher Färbung (das neutrale „Alleen“, das feminin-assoziierte „Blumen“ und die Weiblichkeit der „Frauen“), einer Koppelung („und“) und einem männlichen Subjekt („ein Beobachter“). Invertiert man dieses Konstrukt und ersetzt das feminin-assoziierte Objekt durch ein traditionell männlichen-assoziiertes Objekt (zum Beispiel „Autos“), so erhält man „Alleen, Autos, Männer und eine Bewunderin“. Oder Fußball, Männer, Bier und eine Bewunderin (naja). Oder nach meinem Geschmack: Wastelands, Killercars, Mad Max und eine Bewunderin. Das ist alles platt und banal, ganz sicher sind das tradierte Geschlechterrollen und genderfluid ist nichts davon – aber bizarr ist das Ergebnis nicht.

Nach der öffentlichen Debatte veranstaltete die Hochschule schließlich einen Diskussionsabend. Tagesspiegel: „'Warum entsteht der Eindruck, dass es im Gender-Diskurs um autoritäre Sprachverbote geht?', fragte die Publizistin Andrea Roedig. 'Hat die Gegenseite nur unrecht?' Eine kleine Portion Selbstzweifel würde allen Beteiligten im Streit um die konkrete Poesie von Eugen Gomringer sicher gut tun.“

„Eine kleine Portion Selbstzweifel“ kann man der Studentenvertretung nun nicht nachsagen und Frau Roedig genausowenig. Das ergibt sich aus den oben bereits festgestellten universell formulierten Forderungen, die der AStA alleine von einer einzigen sexistischen Lesart ausgehend trifft. Die muss nicht zwingend falsch sein, wie ich in Argumenten für die lokale Forderung nachvollzogen habe. Die Lesart stellt aber selbst dort nur eine von vielen Interpretationen dar und ist keinesfalls universell anwendbar. Trotzdem meint Andrea Roedig, Herausgeberin des traditionsreichen österreichischen Kulturmagazins „Wespennest“: „'[Das Gedicht] ruft das Klischee eines Mannes auf, der Frauen anguckt und sie toll findet.' Das habe heute eben 'Geschmäckle'“, nur um dann eine „wahnsinnige Spaltung“ zu formulieren „zwischen denen, die denken, es gäbe hier sozusagen einen 'Gender-IS', der Palmyra sprengt, also wenn dieses Gedicht irgendwie überpinselt wird“.

Roedig argumentiert hier auf zwei unterschiedlichen Abstraktions-Leveln: während sie die Kritik an einer „Gender-IS“ lokal beim überpinselten Gedicht verortet, verallgemeinert sie die Forderungen des AStA und spricht vom „Klischee eines Mannes“. Doch es ist umgekehrt: Die Studentinnen vor Ort, die an ihrer eigenen Schule eine Wand überpinseln wollen, haben jedes Recht dazu. Daraus lässt sich aber kein Sexismus für Gedichte konstruieren, die banale tradiertes Geschlechterrollen transportieren.

Der AStA und Frau Roedig weiten den Konflikt um die lokale Wirkung eines Textes auf das „Klischee des Mannes“ aus, das in ihren Augen „ein Geschmäckle habe“. Das tun sie aus ideologischer Motivation und als ziemlich klischeebehafteter Whitecishetbro verbitte mir diese Unterstellung.

Ich bewundere viele Frauen und der Anlass meiner Bewunderung zeigt sich auf einem ganzen Spektrum: Von der Bewunderung professioneller Kompetenz über Coolness bis Bämshakalaka.

Ich bewundere Elizabeth Warren nicht wegen ihres Hinterns und ich könnte sogar den Satz formulieren: Ich hege für Angela Merkel ob ihrer Stur- und Verbissenheit eine gewisse Bewunderung, auch wenn ich in ihrer Politik nur wenig bewundernswertes finde. Ich wäre auch gerne so cool wie Tessa Thompson und hätte gerne so viel Ahnung von Mathematik wie Vi Hart. Ich bewundere die kurdischen Rebellinnen, die gegen ISIS kämpften, ich bewundere Molly Crabapples Activism-Kunst, ich bewundere die Straßenköchin Jay Fai. Ich bewundere eine Menge Frauen und nur wenig davon ist erotisch konnotiert. Es geht um ganz banale Hochachtung.

Und selbst wenn man Gomringers Gedicht als Aufruf zur Geilheit läse, die Bewunderung als rein sexuelle Attraktion zu einer poetisch abstrahierten „Frau“, die obszönste Bilder verrenktester Sauereien im Kopf des triebgesteuerten Ciswhitehetbros erzeugte: Wen und wie oft ich jemanden objektifiziere und auf welche abartig-dreckige Weise ist meine ganz alleinige Privatangelegenheit.

Die Gedanken sind frei, mein poetisch-sensitives Lustzentrum gehört mir ganz alleine – genauso wie Frau Roedigs Geschmäckle ihr eigenes Privatgeschmäckle ist. Ihre Allergie auf den Male Gaze ist ihr Problem und auch wenn ich vollstes Verständnis für genervte Frauen habe: Die vom AStA und Frau Roedig betriebene Politisierung dieser Genervtheit ist nichts anderes als ein Angriff auf (nicht nur) männliche Sexualität. Frau Roedig kann ihren Post68er-Puritanismus gerne in ihrem Wespennest zum Standard erheben, nicht aber im öffentlichen Raum. Hier wird eine Ausweitung des Prinzips Safe Space in die Öffentlichkeit betrieben, die dem Prinzip selbst entgegenläuft und im schlimmsten Fall demokratisch nicht zu legitimieren ist.

„Das Private ist politisch“, die Losung des Second Wave Feminismus der 70er Jahre, bezog sich auf Strafverfolgung häuslicher Gewalt, es handelte sich um eine Politisierung ehemals „privater Gewalt“. Hier geht es aber um die Privatisierung des Politischen durch ein feministisches „Geschmäckle“, die Beschränkung meiner (Kunst)Freiheitsrechte und die Ausweitung eines Safe Spaces auf den Öffentlichen Raum.

Es ist genau diese Privatisierung des Politischen, die im Zuge der Sexismus-Debatte Assoziationen eines totalitären Feminismus weckt – und zwar völlig zurecht.