Eine Meme-Kritik an #MeToo und mein böses Ich

Es ist mir ein Rätsel, wie man denken kann, irgendwas würde der Menschheit fehlen, wenn Sexismus, Belästigung und Missbrauch wegfallen.

Diese Schlussfolgerung von Margarete Stokowski in einem Text zur Kritik an der #metoo-Meme genügt mir nicht. Um es möglichst deutlich zu formulieren: Eine Menschheit ohne Belästigung und Missbrauch ist keine Menschheit mehr und eine vollständige Beseitigung von Belästigung und Missbrauch kann in einer freien Welt nur Utopie bleiben, denn wir brauchen die Möglichkeit, um uns gegen den moralischen Regelverstoß entscheiden zu können.

Gewalt ist eine Eigenschaft des Menschen und man kann sie nicht tilgen, nur eindämmen und kanalisieren. Für ersteres haben wir Gesetze, für letzteres brauchen wir Möglichkeit, Erfahrung mit Gewalt machen zu können. Das ist allerdings nur meine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit über die Auslegung einer Utopie.

Das Phänomen #metoo ist Ausdruck der Meme „Anzeige über sexualisiertes übergriffiges Verhalten“ (Anzeige sowohl im als auch nicht im juristischen Sinne), ein Gebilde aus hunderttausenden Virals, jeder einzelne Tweet und Artikel, auch jedes Trolling, jedes Video auf Youtube und jede Kritik. Tatsächlich ist das Phänomen #metoo selbst ein Viral, nur eine Ausdrucksform der Meme und es gibt sie schon sehr viel länger. Weitere Ausdrucksformen waren #Aufschrei und Aktionen der Suffragettes und man kann die Meme „Anzeige über sexualisiertes übergriffiges Verhalten“ wohl bis zu den ersten Menschen zurückverfolgen und möglicherweise sogar darüber hinaus.

Diese Meme existiert auf einem Spektrum von der Anzeige einer massenhaften Vergewaltigung bis zum Zweifel über eine zufällige Berührung. Die Meme selbst ist die abstrahierte Essenz dieses Spektrums der „Anzeige über sexualisiertes übergriffiges Verhalten“.

Und da die Meme eine Meme ist, mutieren die viralen Ausdrucksformen in bizarre Proportionen, befeuert von Aufmerksamkeitsökonomie. Deshalb reden alle auf einmal nur noch über eine Journalistin, die die Unschuldsvermutung umkehren möchte – dabei ist auch das „nur“ eine der tausenden Interpretationsmöglichkeiten, deren Formulierung durch das Netz beschleunigt wird. Memetische Kompetenz bildet hier eine selbstregulierende, automatische Schwarm-Kritik des neuen Sozialen, die selbst wieder bizarre Ausformungen bildet und neben konstruktiver Kritik auch Hyperbole („Yes all men“) und Trolling erzeugt. So weit, so neu-normal.

Aber selbst eine hyperbole Kritik an bizarren Ausformungen betrifft nicht den Kern der #metoo-Meme selbst, sie berührt nicht ihre Relevanz. An der Meme selbst ist nichts zu kritisieren und eine Kritik ergäbe auch wenig Sinn im alltägichen Diskurs: Memes sind unsterblich – nur ihre viralen Ausdrucksformen kommen und gehen –, und so ist auch „#metoo“ eine Wiederauflage von „#Aufschrei“ unter neuen Vorzeichen. Beides sind virale Ausdrucksformen derselben Meme.

Vor einem halben Jahr schrieb ich sinngemäß in diesem Text, dass man einem alltäglichen Sexismus juristisch nicht viel entgegenhalten können wird – das aber bedeutet nicht, dass die Beschwerde über diesen Sexismus nicht valide ist. Im Gegenteil: Das Netz mit seiner Allsichtbarkeit erzwingt auch die Sichtbarkeit der Beschwerde über alltäglichen Sexismus in allen Ausprägungen, seinem kompletten Spektrum. Und da das Internet immer noch ein freies ist, bleibt an der Kritik an der Meme nicht viel Prinzipielles übrig. Auch habe ich keinen Grund anzunehmen, dass ein großer Anteil der Beschwerden innerhalb dieses Spektrums nicht der Wahrheit entsprechen sollte. Deshalb: Go ahead, complain away.

Selbstverständlich birgt #metoo (so wie jede Meme) die Gefahr der emotionalen Ansteckung, der Massen-Panik, der Hysterie. Diese Gefahren sind grade bei einer emotional so aufgeladenen Meme noch einmal sehr viel ausgeprägter und die Eigenschaft von Memes, immer ganze Spektren von Ausdrucksformen zu transportieren – die Meme „Heimat“ etwa transportiert genauso das Viral „postmoderne Graffiti-Kuckucksuhr“ wie das Viral „völkisches Denken“ –, führt dazu, dass die Meme „#metoo“ nicht nur aufrichtige Schilderungen, Anzeigen und stichhaltige Vorwürfe beinhaltet, sondern auch Selbstjustiz, Falschbeschuldigung und Rache.

Es ist allerdings nicht die Aufgabe des Phänomens #metoo, hier zu differenzieren. Die Aufgabe des Phänomens #metoo ist die Abbildung der Meme in allen Variationen und das tut sie. Es ist die Aufgabe des Journalismus, das Gebilde zu sortieren und soweit ich das beobachten kann, geschieht genau das. Die Meme bildet kritische Virals aus und moderiert sich selbst. Dazu ist es nötig, jede Ausformung getrennt zu bewerten, um zu einem Gesamteindruck der Meme zu gelangen. #metoo besteht dann aus einer Menge ernstzunehmender Vorfälle verteilt auf einem Spektrum, Machtzentren mit Handlungsbedarf, und nicht hinzunehmenden Falschbeschuldigungen.

Mich persönlich interessiert an diesem Spektrum des übergriffigen Verhaltens das Nicht-Strafbare. Das Verhalten von Rude Boys.

Ich habe während der #metoo-Debatte die Zweifel eines jungen Mannes gelesen, dessen Bekannte ihre Füße auf seine Beine gelegt hatte und deren Knöchel er zufällig berührte. Mich interessiert seine Unsicherheit deshalb.

Ich bin ein Rude Boy oder genauer: Ich kann einer sein, vor allem unter Alkoholeinfluss.

Hier meine eigene Bilanz sexuell übergriffigen Verhaltens:

1. Mit 7 oder 8 spiele ich mit einem Kumpel auf 'nem Sandberg irgendwas mit Toys, da lässt ein Spaziergänger 100 Meter entfernt die Hosen runter und macht rum. Wir rennen heim, die Polizei kommt, ich betatsche irgendwelche Phantomfotos (vielleicht der, vielleicht der, vielleicht der, vielleicht der, vielleicht der, keine Ahnung, war weit weg) und das war’s. Keine Alpträume bis jetzt, denke einmal alle fünf Jahre dran.
2. Wenn man Gruppenzwang zum Kreiswichsen dazuzählen mag: War awkward und uncool.
3. Eine Kollegin hat mal ihre massive Titte auf meine Maushand gelegt und ich schwöre, sie wusste, was sie tat. War geil, danke!
4. Die komische Alte, die mich mal im Club abgeleckt hat und auf die ich wirklich keine Lust hatte. Naja.
5. Der Nachbar, dem ich nachts ein Bier unter Pennern angeboten hatte, der mich dann zu schwulen Handlungen zwingen wollte und den ich deshalb die Treppe runtergeprügelt habe.

Demgegenüber stehen: Generelle Social Awkwardness, zweimal zu grob angefasst im Rahmen konsentueller Handlungen, und ich habe mit beiden Damen weiterhin liebevollen Kontakt. Situationen wie der junge Mann oben, nur ohne Unsicherheiten: Einige. Betrunken antanzen und lächerlich machen: tonnenweise.

Dazu habe ich in meiner Vergangenheit Erfahrung mit meinem eigenen Gewaltpotential eingesammelt, die ich mir auf anderen Wegen angeeignet habe. Ich sprach oben nicht zufällig davon, dass man Gewalt kennen muss, um sie zu kontrollieren und damit möchte ich zurück kommen zu dem jungen Mann und seiner Unsicherheit wegen der zufälligen Berührung eines Frauenknöchels.

Ich habe mir solche Fragen nur selten gestellt und wenn, dann nur situativ „während des Spiel“. Eine Meme wie „#metoo“ verunsichert mich nicht, von einer Panik spüre ich nichts und eine angebliche Hypermoral des Feminismus zeigt sich für mich an ganz anderen Stellen. Ich bin deshalb nicht beunruhig von #metoo, obwohl ich selbst nun eher ein ruppiger, haariger Rude Boy bin, weil ich mein Gewaltpotenzial recht genau kenne.

Diese Erfahrung seines eigenen Gewaltpotenzials ist nicht „Männersache“, sondern Menschensache. Der französische Horrorfilm Raw zeigt beispielsweise in großartigen Metaphern, welche Konsequenzen sich aus der Verhinderung dieser Erfahrung aus weiblicher Perspektive ergeben.

Diese Erfahrung seines eigenen Gewaltpotenzials ergibt sich für mich einerseits aus der Auslotung der Grenzen des persönlichen Exzesses („wie weit gehst Du, wenn es keine Regeln gibt“) und andererseits aus dem Kennenlernen des bösen Selbst („wie weit gehst Du, wenn es Regeln gibt“).

Die Erkenntnis für mich selbst: Mein exzessives Ich ist relativ harmlos, dafür aber extrem provokant, wenn man es lässt, und es hat deshalb schon oft auf die Schnauze bekommen.

Mein böses Ich dagegen habe ich früh kennengelernt, mit 13 um genau zu sein. Drei Jahre Mobbing hatte ich da hinter mir, kein tägliches, aber gut verteilt so dass es formt. Ich kam von den Schultoiletten und lief den Betonweg, der rechts an ihnen vorbeiführte, am Pausenhof entlang. Da sah ich wie im Gebäude vor mir ein Typ, vielleicht zwei Jahre jünger, die Treppe herunter gerannt kam, genau auf mich zu.

Ich musste eigentlich links abbiegen, um zu meiner Klasse zu kommen, da verlangsamte ich meinen Schritt und dachte: „Wenn ich diesem rennenden Typ jetzt ein Bein stelle – dann hat der keine Chance. Es ist die Gelegenheit, um zu erfahren, wie der Schmerz und die Erniedrigung, die ich so oft erleben musste, auf der anderen Seite aussieht.“

Also wartete ich, kalkulierte den genauen Moment, in dem ich mein rechtes Bein ungefähr 30 Zentimeter vom Boden abheben musste, um den Lauf des jungen Mann genau in der Schwebe zu unterbrechen, die Forwärtsbewegung des Unterleibs zu verhindern und einen Drehmoment zu generieren, der den Oberkörper des Kiddos mit voller Wucht in Richtung Betonboden beschleunigen würde. Und während so rechnete, verhandelte ich parallel die moralischen Implikationen mit meinem Gewissen: „Es ist keiner auf dem Schulhof, es ist Unterricht, wir sind alleine. Niemand wird es sehen und ich habe drei Jahre Pressure hinter mir und ich will Leid sehen. Es ist böse, sehr böse, aber es ist auch geil. Do it!“

Der Sound, als das Kind mit dem Kopf auf dem Beton aufschlug, werde ich nie vergessen. Dann die 1,5 Sekunden Pause und dann den zunächst leisen, dann anschwellenden Schrei und das Heulen. Zu diesem Zeitpunkt rannte ich bereits und so habe ich mein böses Ich kennengelernt und festgestellt: Es ist nicht die explodierende, unberechenbare Gewalt des Exzesses, die „böse“ ist, es ist die kalkulierende, berechnende, abwägende Lust am Leid. Seitdem ich das begriffen habe, beobachte ich mein böses Ich sehr genau und es ist meine einzige Gewalt-Erfahrung, die mich wirklich nachhaltig verändert hat.

Das hat mit zufälligen Berührungen nichts zu tun und auch nicht mit Rude Boys oder Unverschämtheiten. Um diese Beurteilungen treffen zu können, muss ich aber die Freiheit haben, das Falsche zu tun, um es erfahren zu können.

Das aber hat nichts damit zu tun, dass man sich seiner Verantwortung stellen muss, wenn man etwas tatsächlich böses getan hat (und nicht nur dann) und damit von der sozialen Gemeinschaft inklusive des Opfers konfrontiert wird. Das Recht des Opfers auf Unversehrtheit hat immer Vorrang vor den kalt-geilen Berechnungen des bösen Ichs und wenn es eingefordert wird, zahlt man. Alleine mein böses Ich hat es vor 30 Jahren geschafft, mich zum ersten und einzigen mal als Gewalt-Täter zu fühlen. Als Opfer habe ich mich nie gefühlt, selbst nicht als gemobbtes Kind oder als jemand, der von seinem schwulen Nachbarn überfallen wird. Ich fühle mich als Typ, der den Weg von Arschlöchern kreuzte und selbst oft Arschloch und einmal Täter war. Nicht mehr, nicht weniger. Und nichts davon verfolgt mich in meinen Träumen (abgesehen vom „zunächst leisen, dann anschwellenden Schrei“).

Die #metoo-Debatte verunsichert mich deshalb in keinster Weise, selbst als Rude Boy, selbst als jemand, dem auch mal die Sicherung durchknallt. Ich kenne mein böses Ich sehr gut und mein Rude Boy-Ich ist es nicht. Weil es genug Erfahrung mit dem eigenen Gewaltpotenzial hat, kann es trotz einer angeblichen #metoo-Hysterie immer noch spielen und flirten, wie es Bock hat – weil es seine Grenzen gelernt hat und damit auch die Signale, die eine Grenzverletzung anzeigen.

Deshalb verhindert eine Menschheit ohne Sexismus, Belästigung und Missbrauch die Erfahrung von Gewalt und damit die Entwicklung von Managementstrategien für eine essenzielle menschliche Eigenschaft und genau deshalb ist eine Meme wie #metoo wichtig für die Debatte: Nicht um endlich eine Utopie durchzusetzen, wie Frau Stokowski fordert, sondern um das Spektrum der Gewalt sichtbar zu machen. Dabei ist es aber wichtig zu bedenken: Diese Meme selbst ist nur die fiktionale Essenz dieses Spektrums, sie enthält neben Wahrheiten auch Unwahrheiten, Vereinfachungen und Komplexreduktionen. Wir sollten nicht auf die Dystopie dieser Meme hereinfallen und Machtstrukturen sind nur eine der Facetten, die zu Gewalt führen – die Realität ist sehr viel komplexer, ambivalenter und spielerischer. Auch um das zu zeigen, brauchen wir Memes wie #metoo.

Daher kann ich allen denen, die mit jedem einzelnen Tweet und Text ein Viral der #metoo-Meme bildeten, zu ihrer Auszeichnung als Person of the Year nur gratulieren. Well done.

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Ich bereite grade mit eine Podcast-Reihe vor mit einer Freundin, dem Dunklen Lord des Feminismus. Das Thema wird ein wenig weiter gefasst, als dieser Text und es wird um weitere Facetten des Feminismus gehen. Das Format wird eine Text/Audio-Kombination und ein Dialog, sie hat bereits eine Reihe von kurzen Podcasts aufgenommen, ich antworte im Text darauf und wir nehmen dann sporadische, lange, gemeinsame Podcasts auf, in denen wir über ihre und meine Statements reden werden. Die erste Folge dürfte so gegen Ende der Woche online gehen.