General Robots

Missgünstiger Griesgram zum Feierabend

Und dann saß da heute dieser missgünstig dreinschauende Sack im Zug auf der Heimfahrt, der schaute missgünstig auf meine Dietsch-Pizza mit Mozarellakäse, nachdem er missgünstig in Kauf nehmen musste, dass ich mich ihm gegenüber hingesetzt hatte. Missgünstig fuhr er seine ausgedehnten, überschlagene Beinhaltung ein, nachdem ich ihm mit zehnmaligen Tritt auf die Füße zu verstehen gegeben hatte, dass ich hier nicht nur sitzen und essen, sondern auch ein klitzekleinesbisschen Platz haben wollte. Missgünstig schaute der alte Sack auf meine Pizza, dann auf mein Star Wars-Shirt und auf mein Powerbook, auf dem ich begann, die letzte Folge der letzten Staffel Dexter zu schauen.

Schließlich entdeckte er die zwei Spanierinnen nebenan und auf einmal war er furchtbar interessiert, die Damen waren schließlich halb so alt wie er. Immer noch missgünstig, diesmal aber mit laufendem Sabber gierte er geschlagene fünf Minuten nach links, ohne dass ihm das auch nur im geringsten peinlich war. Erst als die beiden Damen augenscheinlich über ihn zu reden begannen, was ich nicht etwa am Spanisch erkannte, ich kann kein Spanisch, sondern daran, dass die beiden mehrmals mit den Fingern auf den alten, missgünstigen Sack deuteten. Schließlich schaute er missgünstig aus dem Fenster und verfluchte die vorbeifliegenden Bäume, wahrscheinlich weil die da wuchsen, wo sie eben wuchsen.

Als die beiden spanischen Damen irgendwann ausstiegen, schenkte er ihnen einen ausgedehnten Blick auf den Hintern, was ihn auch nicht weiter störte, als die beiden vielsagend mit den Augen rollten. Irgendwann schnappte sich der alte, missgünstige Sack seine Ledertasche schnappte und stieg aus. Und ich dachte einfach nur: „Was für ein Oberarschloch.“

Vom Zeigergang der Walky-Talky-Handys

Mir gegenüber sitzt eine Viererbande Mädchen, circa 15. Die schreiben heute eine Arbeit und müssen mal gucken, ob er wieder drei oder zwei Gruppen macht. Wenn’s nur A und B ist, kann man sich ja so setzen, dass die Ella von ihr abschreiben könne obwohl er ja letztens schon die Jenny erwischt hat.

Pubertierende Mädchen tendieren übrigens dazu, das weiche „ch“ wie „sch“ auszusprechen. Da hab „isch“ dann alles „dursch“ und überhaupt, gestern saßen in der Straßenbahn zwei Mädchen mit Walky-Talky-Handys. Jau, das war ein Spaß und die Leute freuten sich über nette Unterhaltung mit Knacks-Rausch-Geräuschen unterbrochen von unverständlichem Gewäsch. Am meisten habe ich mich aber über den blinden Herren amüsiert, der ob dieser Geräuschkulisse die Nerven verlor und irgendwann lautstark verkündete, dass er dafür nichtmal 15 Pfennige geben würde. Ja, ich habe mich auch gefragt, was das wohl heissen mag und was er damit meinte, fand man dann zwei Minuten später heraus, als er hysterisch durch die Straßenbahn kreischte, dass das doch jetzt mal gut sei mit dem Gekicher und dem Geknackse und dass die beiden schließlich nicht alleine wären in der ollen Bahn.

Naja, natürlich hatte der Mann nicht ganz Unrecht, die beiden kicherten und gackerten, wie es 15jährige Mädchen eben tun und die Handys knackten und rauschten und das ging einem schon einigermaßen auf den Keks, aber mir geht ja auch ziemlich viel auf den Keks. Die ganzen Leute morgens da immer mit ihren Zeitungen, warum muss man die denn immer so schütteln, die Zeitungen, damit das ordentlich raschelt und einem mit der Papierwedelei auf den Zeiger geht. Dann gibts da noch diejenigen, die sich immerzu räuspern. So alle zwei Minuten oder sogar noch öfter… räusper, räusper, räusper. Höchstens unterbrochen mal von einem röcheligen Husten. Da dreht man ja durch, da muss man ja, da will ich auch oft im Zug aufspringen, die Fäuste ballen und die Arme zum Himmel recken und rufen: „Jetz’ is aber mal gut hier! Ihr seid hier nicht alleine in der ollen Bahn!“

Stattdessen steck’ ich mir immer die Kopfhörer ins Ohr und hör’ Musik. Das macht mehr Spaß und schont die Nerven.

Brückenromantik

Als ich heute mit dem Zug über den Main fuhr, auf die Stadt schaute, die in der Sonne glänzte, weil es mitten im Januar Frühling wird. Da fing mein iPod an, diesen Song zu spielen und ich war ein Held, just for one day.

I
I will be king
And you
You will be queen
Though nothing will
Drive them away
We can beat them
Just for one day
We can be Heroes
Just for one day

Und ich fragte mich, was sie machen, die Helden. Nach diesem Tag.


(Youtube Direktheroes)

Auch ziemlich blöde Idee

Normalerweise ist es ja schon ziemlich doof, im Zug einzunicken und an der Endstation aufzuwachen. Besonders Nachts steht einem dann ein ziemlicher Fußmarsch bevor, weil Taxis sind in Wolfskehlen und Umgebung auch eher rar.

Ziemlich doof ist es allerding ebenso, eine Station vor Wolfskehlen auszusteigen, weil man im an um betrunkenen Zustand gedacht hat, ’s wär schon soweit. Nur um dann nachts um halb Eins festzustellen, dass man jetzt wiedermal einen ziemlichen Fußmarsch zu erledigen hat.

Suffkopp, Du Arschloch!

Die Promis vom Bahnhof

Neulich habe ich am Bahnhof Adriano Celentano gesehen. War natürlich nicht der echte und es war auch letztes Jahr und damit sowas von 2007, aber ey: der sah Celentano wirklich sowas von ähnlich, wie aus dem Gesicht geschnitten quasi. Die gleiche vorlaut aussehende Schnauze, nur mit mehr Haaren.

Dann hätten wir da noch diesen Typen, der aussieht wie Cheech Martin. Echt jetz, nur die Frisur sieht aus, als hätte er zuviel gekifft vor’m Haare machen: der hat irgendwie hochtoupierte Haare und dazu dann das Gesicht von Cheech Martin. Ein Hingucker vor dem Herrn.

Heute morgen traf ich Begby aus Trainspotting, samt Schnurri, fiesem Blick und Kippe im Mundwinkel. Der fuhr zum Glück nicht mit meiner Straßenbahn, wahrscheinlich hätte er mir sofort eine reingehau’n, wenn ich nur mal schräg geblinzelt hätte.

Und schließlich schleicht da morgens immer dieser Typ rum, von dem manche Menschen – vorzugsweise Amerikanerinnen, fragt mich nicht, wieso -, behaupten, er sähe aus wie Ewan McGregor. Er selber findet ja eher, wie Bruce Willis. Und in Wahrheit dann doch eher wie Karl Dall. Oder so ähnlich.

Der Irre im Zug inklusive eine Menge Teenies

Als ich heute morgen den Bahnsteig in Wolfskehlen betrat, erschrak erschruk erschreckte erschrak ich nicht unbeträchtlich, denn es wimmelte nur so vor kleinen Menschen im schlimmsten Alter von ungefähr dreizehn. Da dachte ich, um der Bewahrung der morgentlichen Ruhe willen, dass es wohl besser wäre, wenn ich heute mal nicht, wie es normalerweise meine Angewohnheit ist, im ersten Waggon zusammen mit all den vollpubertierenden Teenies einzusteigen, sondern ausnahmsweise Reißaus zu nehmen und irgendwo viel weiter hinten Platz zu nehmen.

Sprachs Dachte ich mir so, lief so schnell ich konnte vor dieser Meute wandelnder Hormontobsucht davon und stieg im letzten Waggon in den Zug. Puh, dachte, da haben wir aber nochmal Schwein gehabt, guckte mich um und… das Abteil platzte vor vollpubertierenden Teenies. Überall hüpften sie über die Sitze, schmissen sich die Handys an die Köpfe und schrien munter durcheinander. Übrigens sollte einer mal allen Eltern, die ihren Kindern lustige Pseudo-Iros verpassen, auf die Finger hauen. Wahrscheinlich lesen Menschen, die ihren Kindern Pseudo-Iros verpassen, Bücher wie „Generation Golf“, hören Grönemeyer oder das Spätwerk von Metallica und fahren zum Urlaub in Centerparks. Pack.

Zum Glück musste ich diese Kackophonie nur über zwei Stationen ertragen und auf einmal hatte ich den Waggon komplett für mich. Puh! Mein Glück sollte allerdings nicht von langer Dauer sein. Denn als nächstes setzte sich ein Irrer neben mich.

Der hatte immer was zu tun, nachdem er mir seinen Mantel beim Ausziehen um die Ohren gehauen hatte. Hier eine kleine Liste der Beschäftigungstherapie des Irren: kräftiges Händereiben, Händeklatschen, die Beine von Links nach Rechts übereinanderschlagen, die Beine von Rechts nach Links übereinanderschlagen, die Füße gegeneinanderschlagen, ein leises „Hihi“ von sich geben, ins Nichts lächeln, sich die Schenkel massieren, Popeln. Doch echt, der Irre im Zug neben mir hat heute morgen gepopelt. Zweimal. Ich hab’s gesehen.

Drei Minuten

Note to self: Heute genau drei Minuten früher aus dem Haus, wegen Bahnstreik. Genau drei Minuten, weil die Züge stündlich zur vollen Stunde fahren. Genau drei Minuten! Kein beknackte Minute früher! Und morgens um 8 Uhr bloggen ist dem ganzen Zeitersparnisprojekt alles andere als zuträglich. Dafür aber meine neue Methode im Feedreader (alle Massenposter in einen Ordner und in diesem lediglich die Headlines scannen: 60 Ungelesene in unter einer Minute, soll mir mal einer nachmachen).

DAU-Talk

Heute begab es sich bei der morgendlichen Zugfahrerei, dass ich irgendwie keine Lust hatte, mir die Umwelt mit dem iPod aus dem Kopf zu hauen. Da saßen mir dann ein Student und eine Studentin gegenüber. Sie irgendwie südländisch mit einem asiatischen Einschlag, trotzdem irgendwie nicht so ganz mein Typ. Er, ebenfalls irgendwie südländisch mit asiatischen Einschlag, aber weil männlich erst recht nicht mein Typ.

Die beiden unterhielten sich über alles mögliche. Über Clubs, in die man nie wieder einkehren wollte, über Clubs, die man auf jeden Fall mal besuchen sollte, darüber, dass BWL ja so ein tolles Fach sei, weil man sich ja alle Optionen offen hielte. Und wer Melanie und Gaga sind, weiß ich jetzt auch. Das Wort „sind“ ist hier übrigens sehr wohl richtig gesetzt, denn Gaga ist in diesem Falle kein Gemütszustand, sondern ein Name. Auch wieder was gelernt.

Auf einmal meinte sie zu ihm, sie habe nun ein Macbook, so ein schickes weißes. Da horcht der durchschnittliche René dann schonmal auf und lässt sein Buch für zwei Sekunden sinken. Aber sie könne da ja noch nicht so wirklich mit umgehen und er ja auch nicht, weil sie ja immer mit dem PC gearbeitet hätten, woraufhin ich mich wieder der Lektüre widmete.

Und da sei ja auch Photoshop installiert. Da ließ René sein Buch dann für volle fünf Sekunden ruhen und lauschte dem, was da noch kommen sollte. Damit könne sie ja auch nicht wirklich umgehen, das sei ja alles so kompliziert und so. Die durchschnittliche Userin meinte dann, Word und Excel seien ja ebenfalls installiert. Dann sei ja alles gut. Sie ist nur ein User. Eliminiere sie einfach.

Am Freitag geht sie übrigens shoppen.

Wenn man morgens mit der Bahn ins Büro fährt, hat man wenigstens immer was zu Bloggen.

Ich zieh sie an die das Licht die Motten. Die Abgefuckten. Die Kaputten. Da sitzt man unschuldig in der Straßenbahn und will einfach nur ins Büro, amüsiert sich ein wenig über den kleinen Dicken mit den Krücken und dem VoKuHiLa, der grade von der anderen Seite im Laufschritt die Bahn umrundet, um selbige grade noch so zu erwischen. Da ham wir aber nochmal Schwein gehabt, wa? Dachte ich, als der kleine dicke Rotgesichtige mit den Krücken und dem VoKuHiLa gezielt auf mich zukam und sich mit voller Wucht links neben mich setzte und mich einigermaßen herbe zwischen sich und der Fensterscheibe einklemmte.

Da saß ich nun und sah wohl irgendwie gequetscht aus, als Kollege Yama in die Straßenbahn einstieg und sich ob des Anblicks des gequetschten Renés vor Lachen wegschmiß. Ich muss irgendwie wie Roy unter dem Schreibtisch ausgesehen haben (zur Erinnerung: wir sind Roy aus der IT Crowd).

Nur dass ich wahrlich lieber zwischen zwei Frauenbeinpaaren statt einem Straßenbahnfenster und einem VoKuHiLa-Trinker eingeklemmt wäre. Man kann sich’s halt auch nicht immer aussuchen, wa?

Wie ich dann gestern doch noch nach Hause kam

„Ihr lieben Lokführer“ dachte ich, als ich am Freitag um Neun Uhr abends endlich aus dem Büro kam, „Ihr habt jetzt schon den ganzen Tag lang gestreikt, is mal langsam gut jetz’, wenigstens meine Bahn könnt ihr fahren lassen, ich hab’ mir auch extra eine frische Monatskarte gekauft“. Dachte ich mir so und fuhr guter Dinge zum Hauptbahnhof, wo ich ungläubig auf die Anzeigetafel schaute. Die fuhr ja wirklich, die Sieben.

„Yeah!“ dachte ich, ballte mental die Faust und lief an den Bahnsteig, wo nach nur 20 Minuten eine Laufschrift auf der Tafel aufpoppte. Der Zug fällt aus. „Yeah“, dachte ich diesmal ohne Ausrufezeichen, „fuck it“ und ging mir zwei Bier kaufen, wartete eine geballte Stunde auf den nächsten Zug, der ja wohl bestimmt fahren würde, nachdem sie den einen schon bestreikt hatten. Wieder das gleiche Spiel: Anzeigentafelanzeige, ich so „Yeah“, nach 10 Minuten Anzeigentafel so „Nö“, ich so „Fuck“. Da hatte ich dann zwei Stunden am Bahnhof verbracht und die Schnauze voll.

Von Frankfurt nach Wolfskehlen bezahlt man mit dem Taxi 72 Euro Fuffzich und lernt dabei türkische Taxifahrer mit russischen Akzent kennen, die wie ein Skinhead aussehen und mit denen man wunderbar über Bush und die burmesische Junta ablästern kann. Is’ ja auch was.

Von gelben und orangenen Westen inklusive Bahnstreik und Grünzeug-Massaker

Da ackere ich gestern bis um 23 Uhr den ganzen Scheiß weg, damit ich heute, wenn die Bahner streiken, die paar Kleinigkeiten, die noch übrig sind, von zu Hause aus erledigen kann… da kackt mir prompt mein Internetz ab. Kriegt man gleich himmlische Laune davon. Der Plan, um nun doch irgendwie ins Büro zu kommen, ist, sagen wir mal, etwas diffus. Irgendwann mit dem Bus nach Darmstadt und von dort irgendwie nach Frankfurt. Es werden schon irgendwelche Züge fahren. Aha, na dann, soso.

Nur doof, wenn man den Bus grade um zwei Minuten verpasst hat, weil man kein Internet hat, wo man auf einen Fahrplan schauen könnte. Cool. Da stehe ich also mitten im Kaff und überlege, wie ich dann doch noch… man könnte ja mal gucken, ob am Bahnhof doch noch was geht. Abmarsch, durchs Kaff, ganze zehn Minuten Stechschritt. Auf der Zielgeraden, vielleicht 500 Meter vom Bahnhof entfernt, dann dieses Geräusch eines sich nähernden, langsamer werdenden Zuges. Nein! Gibt’s doch nich! Ich denk’ die streiken!

Wohl wissend, dass die Entfernung zu groß, der Zug zu nah und ich zu unsportlich bin, renne ich los. Schneller, vielleicht schaffstes doch. Der Zug fährt ein, ich renne. Krampf. Scheiß auf den Krampf, renn weiter! Schneller! Ich renne, der Zug hält, ich renne immer noch, die Lunge pfeift, mein Schienbein tut weh – scheiß drauf. Ich höre, wie sich die Pneumatik der Türen schließt, erreiche endlich den beknackten Bahnsteig, greif die Türe und der Zug fährt ab. Immerhin hab ich ihn „erreicht“, nur leider von außen.

Da stehe ich also nun, krieg keine Luft, völlig außer Atem und immer noch nicht im Büro, wo ich erstmal anrufe und einem Kollegen mein Leid schildere. Meine ersten Worte: „Ich könnt’ kotzen!“ Ich beneide niemanden, der von einem Anrufer solche ersten Worte an den Kopf gedotzt bekommt. Aber ich könnt’ kotzen! Und so stand ich dann am Bahnhof rum und wartete auf den nächsten Zug, der ja wohl, so hoffte ich, irgendwann fahren würde.


Grünzeug Chainsaw Massacre

Auf einmal kamen fünf Männchen vorbei, liefen mir gegenüber auf dem Bahngleis rum, hatten lustige Westen an und hantierten mit schwerem Werkzeug. Bahnarbeiter waren es und befreiten das Gleisbett von Unkraut und Grünzeug. Vorneweg lief ein Männchen mit einer gelben Weste. Das Männchen hatte eine Tröte dabei und blies darauf jedesmal, wenn ein Zug vorbeirauschte. Das heisst: das Männchen blies diesen Signalton jedesmal, bevor ein Zug vorbeirauschte. Sonst machte das ganze ja gar keinen Sinn und die Typen könnte man nun Bröckchenweise vom Gleisbett aufsammeln.

Nach dem Männchen in der gelben Weste, das nichts weiter tat, als den anderen bei der Arbeit zuzugucken und ab und zu komische Töne von sich zu geben, kamen drei Männchen in orangenen Westen. Das erste Männchen war fürs Feine, hatte ein Schneidedingsbums dabei, mit dem es all dem Gras und den Büschen den Gar aus machte. Hinterdrein kam das Männchen für’s Wegmachen. Das hatte eine Mistgabel und schaufelte damit das ganze Gras und die Büsche, die Männchen Zwei liegen gelassen hatte, ein wenig weiter vom Gleisbett weg und holte alle paar Meter zwei Kanister mit Ersatzbenzin für die Gerätschaften herbei.

Nun kam das Männchen fürs Grobe. Das hatte eine Motorsäge dabei und zerfetzte alles, was nun noch am Gleisrand stand, fällte die Bäumchen und zerhackte Buschreste. Eine reinste Zerstörungsorgie, ich hörte das Grünzeug förmlich schreien, aber es half ja nix. Grünzeug Chainsaw Massacre Gallore. Hinterdrein lief ein weiteres Männchen in einer gelben Weste, das machte nix – ich meine damit wirklich: gar nix -, guckte den Anderen bei der Arbeit zu und hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben.

Alle fünf Männchen sahen äußerst griesgrämig und schlecht gelaunt aus, was vielleicht daran lag, dass ich sie ebenfalls äußerst griesgrämig und schlecht gelaunt beobachtete. Schließlich kam endlich nach eineinhalb Stunden ein Zug, ich zeigte dem Lokführer den Mittelfinger (scheiß Streikbrecher), stieg ein und fing an zu tippen.

Und wie ich heute abend nach hause komme, beschreibe ich morgen früh nach einem fünfstündigen Fußmarsch. Oder so.

Bei all diesem Chaos bemerkte ich übrigens mal wieder, wie gerne ich das hab. Das Chaos meine ich. Ich mag das, wenn alles aus den Fugen gerät. Der Bahnhof war heute morgen übervoll mit Menschen, die alle in die Luft guckten und nicht wussten, wohin sie gehen sollten. War das ein Spaß.

Fahrkartenkontrolle

Ich wäre ein miserabler Fahrkartenkontrolleur.

Würde mir ein Mensch einen ganzen Stapel mit Monatskarten unter die Nase reiben und beteuern, dass man nur deshalb eine seit einem Tag abgelaufenen Fahrschein dabei habe, weil der Automat morgens ständig die Geldscheine wieder ausgespuckt hat und man am Bahnhof jetzt eine lösen wollte, ich würde Fünfe grade sein lassen und auf den formellen Anschiß in Form von 40 Euro scheißen. Und müsste die nun folgende Tirade von wahllos herausgegriffenen Beleidigungen nicht über mich ergehen lassen:

Dämliches Arschloch, Lackaffe, Paragraphenreiter, Beste-Kunden-Abzocker, Wichser, Drecksack, Penner, CDU-Wähler, Hackfresse, kleinkarierter Korinthenkacker, Fahrkarten-Fetischist, Sausack, Vollpfosten, Schäuble, Pfeife, Bastard, Hurensohn, Ficker, Sackgesicht, Depp, Word-User, Stinker.

Arschloch. Hässliches.

Natural Born Hängie

Ich bin ein Freund des gepflegten Abhängens. Einfach so irgendwo auf dem Sofa rumlümmeln und dem stilvollen Nichtstun nachgehen, das ist meine Welt. „Und, was macht ihr so?“ – „Och, wir hängen hier so rum.“ Gibt es solche die Welt aufrüttelnden Dialoge noch? Um das Anbhängen wäre es echt schade, deshalb widme ich ihm eine kleine Wortansammlung, damit es nicht vergessen geht, das Abhängen. Irgendjemand muss sich ja darum kümmern.

Heute morgen im Zug traf ich jedenfalls auf den natural born Hängie überhaupt. Das war nämlich ein circa zwölfjähriger Bub, der die ganze Zugfahrt über, immerhin ungefähr 35 Minuten, auf der Abfallklappe hing. Das muss man sich folgendermaßen vorstellen: die Arme hatte er verschränkt auf dem Ding platziert und der Rest, nun ja, hing eben so runter, während er draußen die vorbeihuschende Landschaft beobachtete. Und so blieb er tatsächlich hängen, bis Frankfurt Hauptbahnhof. Was für ein Talent.

The ultimate Dude, würde ich mal sagen.

Ich glotz Bahnhofs-TV

Wenn ihr heute Manfred Schell, den Vorsitzenden der Gewerkschaft der Lokführer, in den Nachrichten seht, denkt mal kurz an mich. Ich stand einen Meter daneben und goss mir Milch in den Kaffee.

Das Trommelpärchen

beast.jpgHeute abend saß ich im Zug. Mal wieder. Während ich durch das Fenster die vorbeifliegenden Bäume beobachtete, bemerkte ich auf den Sitzen gegenüber ein Pärchen. Frisch verliebt anscheinend. Man weiß ja, wie das ist. Frisch verliebt sind die Hände immer am anderen. Man befummelt sich und knutscht, wann es eben geht und gehen tut das ja eigentlich immer. Dann fummelt man noch ein wenig mehr. Schöne Sache.

Die beiden da gegenüber hatten allerdings nicht nur die Tatsache gemein, dass sie mit Händen und Füßen redeten und auch ständig etwas zu beschwatzen hatten. Da flogen ständig die Hände durch die Luft und man beugte sich im Sekundentakt nach vorne, um seinen Sätzen mehr Nachdruck zu verleihen. Die beiden amüsierten sich prächtig, redeten und knutschten ohne Unterlass. Was mir darüber hinaus auffiel: sie trommelten aufeinander.

Sie hauten sich ständig gegenseitig mit der flachen Hand Snare-Soli auf die Schenkel oder auf die Patschehändchen. Das klatschte ständig und viel, wenn sie sich nicht grade nach vorne beugten, um ihren Sätzen mehr Nachdruck zu verleihen. Und mit ständig meine ich ständig. Sie sagte was, er sagte was, beide lachten und hauten mit der flachen Hand aufeinander rum und hatten sichtlich viel Spaß dabei.

Der Begriff Spanking fand in den 1990er Jahren aufgrund des Umstands, dass der deutschen Sprache ein entsprechender Begriff fehlt und dank des Usenets und des World Wide Webs sehr rasch Einzug in den Sprachgebrauch der Anhänger dieser Sexualpraktik. Auch das entsprechende englische Verb to spank wird in der Umgangssprache der Subkultur eingedeutscht verwendet (”ich möchte mal wieder gespankt werden”), sowie weitere Begriffe der Szene wie Spanko (Kurzform von Spankophiler oder Spanking-Fetischist), Spanker und Spankee.

Nun hätte ich einerseits nie gedacht, dass mich die öffentliche Zurschaustellung von angedeuteten Sexualpraktiken so nerven könnte. Andererseits frage ich mich, was Freud zu meinen allmorgentlichen Trommelveranstaltungen sagen würde. Abgründe tun sich da auf, Abgründe.

Der Drummer der Muppets heisst nicht umsonst Beast Animal.

Luft! Luft!

Heute morgen hat einer in den Zug geschissen, dass es die helle Freude war. Wer den Film Labyrinth gesehen hat, möge sich bitteschön an den Fluß des ewigen Gestanks erinnern. Heute morgen saß ich im Zug des ewigen Gestanks. Und trotz meiner eingestöpselten Kopfhörer weiß ich zu sagen: das kann nur ein leiser gewesen sein. Ein Schleicher, die Sau. Der… Duft hing jedenfalls eine Minute in der Luft – man wartet ja in solchen Fällen immer mit dem Aktionismus in der Hoffnung, das Methan löse sich alsbald in Luft auf, woraufhin dann die Hoffnung zuletzt am Geruch eingeht -, als ich es nicht mehr aushielt und das Fenster aufriss.

Der Mann gegenüber scharrte nervös mit den Füßen und blickte betreten nach unten. Wahrscheinlich hat er was gesucht.

Kate

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Wer ein Muster erkennt, darf es behalten.

Heute morgen traf ich Kate Moss am Bahnhof. Sie stand im Zigarettenladen vor mir in der Schlange und blendete mich mit ihrem verchromten Gürtel von Dolce & Gabana. Auf wundersame Weise hatte sich Kate Moss verjüngt, sie sah aus wie zwanzig und warf mir einen kurzen Blick zu. So stand ich mit eingezogener Wampe da und genoss einen Augenblick von Kate Moss. Innerhalb von Sekundenbruchteilen sagten wir uns „Dem würde ich aber gerne mal die Nackenhaare kraulen, aber zu alt“ und „Ihr würde ich gerne mal [was Männer an dieser Stelle eben so denken], aber zu jung“. Ich gebe zu, der Gedankenzusatz „aber zu jung“ brachte mein Hirn nur widerwillig über die Windungen. Neurologische Windungs-Überwindung at its best. Goldene Locken umspielten ihr zartes Gesicht, die Stupsnase, die Figur – perfekt – garniert mit vornehmer Blässe und einem Hauch Sommersprossen. Warum begegnen mir die schönsten Mädchen eigentlich immer in diesem Zigarettenladen?

Mit eingezogener Wampe werde ich nicht mehr allzulange vor schönen Mädchen in Zigarettenläden stehen müssen. Der konsequente Verzehr von Mettbrötchen und einem Salat pro Tag, manchmal auch einer Thaisuppe für zwischendurch, zeigt seine Wirkung. Meine Hose rutscht. Und warum mir in diesem Zusammenhang wieder Kate Moss einfällt, liegt auf der Hand. Ja, ich stehe auf Kate Moss. Dafür muss sich kein Mann entschuldigen. Als Vanessa Paradies „Joe le Taxi“ sang, verliebte ich mich spontan in sie und wahrscheinlich halte ich Johnny Depp für einen ebensolchen, weil er mit ihr Sachen machen darf und ich nicht. Dieser Penner. Wenn ich demnächst mit Waschbrett im Zigarettenladen Winona Ryder begegne, werde ich den perfekten Spruch auf den Lippen haben, einen gesunden Teint vom Salat und geballte Kraft von rohem Mett. Bis dahin winke ich Vanessa, Winona und Kate aus der Ferne. Ihr gehört mir. Ihr wisst es nur noch nicht.

Wahrscheinlich will ich Kate, Winona und Vanessa im echten Leben gar nicht kennenlernen. Kate ist wahrscheinlich ein Wrack, Winona klaute mir meine Mettbrötchen und Vanessa lispelt. Jede Wette. Das ist, wie morgens im Zug seinen iPod zuhause vergessen zu haben und auf einmal mitanhören zu müssen, wie die hübsche Brünette, die man seit einem guten Jahr nun schon bewundert, eine Stimme aus der Hölle besitzt und von Geschehnissen berichtet, für die nichtmal die Vanity Fair fünf Meter Holz töten würde. Fantasie ist wichtiger als Wissen hat Albert Einstein gesagt. Aber der kannte auch keine Kate Moss.

Und von Kate Beckinsale fang ich lieber gar nicht erst an. Meine Hose rutscht.

Frühsport

Jeden Morgen dasselbe. Man steht auf, nachdem man den Wecker fünfzehnmal ausgemacht hat, viel zu spät eigentlich, aber den Zug erwischt man bestimmt noch. Man geht ins Bad, rasieren, duschen, kacken in genau dieser Reihenfolge. Jetzt ist es noch später und mittlerweile ganz schön knapp. Du kennst den Weg. Im Stechschritt brauchst Du exakt sieben Minuten zum Bahnhof. Du hast noch genau drei Minuten für einen Tee und ein belegtes Brot. Du schaufelst alles in dich hinein, spülst den Brei mit dem Tee herunter. Jetzt aber los.

Man hetzt zur Tür hinaus, zwei Schritte pro Sekunde. Nicht weniger. Da vorne kommt die süße blonde angeradelt, die eine behinderte Nachbarin pflegt. Schönen guten Morgen presst Du heraus und legst noch einen Zahn zu. Den Weg des Todes entlang, wo einem Katzen tote Mäuse in den Weg legen und der übersäht ist von zertretenen Schnecken, vorbei am Kindergarten und dem Jugendzentrum. Der gleiche Weg, seit Jahren. Der Kinderhort, wo einem morgens Ansammlungen junger Mütter die Krallen entgegenstrecken. Jeder männliche Fremde ist dort ein potentieller Mörder. Immerhin sehe ich morgens auch aus wie einer.

Weitergehetzt, über die Hauptstraße. Noch drei Minuten. Den Kreisverkehr mit Insel und Begrünung haben sie aber schön hinbekommen. Hat ja auch nur vier Monate gedauert. Die Kippe glimmt im Mundwinkel während ich den Vater eines Bekannten grüße. Morgens um 9 Uhr macht der im Garten rum. Menschen mit zuviel Zeit. So langsam zieht der Stechschritt in den Waden. Egal, da musst Du durch, wahrscheinlich musst Du demnächst auch noch rennen. Verdammt. Noch zwei Minuten.

Den mürrischen alten Sack ignoriere ich heute, habe die Ohren gespitzt und lauschen nach dem gewohnten Geräusch des sich nähernden Zuges. Dieses verrauschte Heulen, dass die Tonlage ganz langsam senkt. Noch ist nichts zu hören, vielleicht muss ich heute einmal nicht rennen. Pustekuchen. Da ist es. Ich kenne meinen Bahnhof genau, ich weiß, wann es sich nicht mehr lohnt, loszurennen. Heute habe ich Pech. Denn diesen Zug kann ich noch kriegen, wenn ich jetzt losflitze. Also los.

Als ob mich der Stechschritt der vergangenen sechseinhalb Minuten nicht schon genug Wadendings gekostet hätte, jetzt auch noch die Rennerei. Ich packe das Metallgeländer und schwinge mich auf den Bahnsteig, öffne die Zugtür und falle auf einen Sitz. Pusten. Keuchen. Wenn ich doch nur einmal zwei Minuten früher rauskäme, die würden ja schon reichen. Aber nein, jeden Morgen dasselbe.

Mein Frühsport.

Singsang

Ab und zu fährt eine Opernsängerin mit mir nach Frankfurt. Das merkt man daran, dass sie, während sie auf den Zug wartet, singt. Ich meine, es ist ja ihr Job und so. Aber ab und an denkt man schon darüber nach, in welchem Ausmaß diese Dame bekloppt sein muss.

Du schreibst ja auch immer das gleiche…

Natürlich tue ich das. Entgegen der allgemeinen Annahme führe ich kein Jetset-Leben, gehe garantiert nicht auf eine Prosecco-Party in Ibiza um morgens wieder heimzufliegen, nö. Ich bin 33 Jahre alt und fahre jeden Morgen die gleiche Strecke ins Büro. Dabei faszinieren mich immer wieder dieselben Dinge, nur jeden Morgen anders. Und das schreibe ich ab und zu auf.

Heute Abend bemerkte ich neben mir auf dem Sitz ein Flattern, das mich aus meiner Lektüre („Don’t believe the Hype – Die meistüberschätzten Platten der Popgeschichte“, nettes Buch) aufschrecken ließ. Neben mir quälte sich eine Motte über den Stoff und hinterließ dabei gelben Schleim. Anders gesagt: sie verteilte ihre Därme auf den Bahnsitz. Nun bin ich ein äußerst tierlieber Mensch. Außer Bienen und Spinnen kann ich keinem Viech etwas zu Leide tun. Selbst überdimensionierte Heuschrecken manövriere ich per Handtuch lebend nach draußen. Beim Anblick dieses zum Tode verurteilten Getiers nahm ich aber alle Schweinehunden zusammen, denn ich hatte weder Nähzeug dabei noch war ein auf Instekten spezialisierter Tierarzt in der Nähe, schnippte sie auf den Boden und beendete mit einem beherzten Fußtritt ihr Leiden.

So. Jetzt habe ich schon wieder etwas über eine Zugfahrt geschrieben. Repetive ÖPNV-Beats from Hell, oder so. Heute sogar mit Splatter-Anteil. Wenn das mal nix is. Jetzt muss ich aber los, meinen Flieger erwischen.

Feuerstraßen

Morgens mit der 11 durch Frankfurt zu fahren ist meist kein schöner Anblick. Die 11 verbindet den Hauptbahnhof inklusive Fixerstube mit einem Obdachlosenasyl. Und zwischendrin fahre ich jeden Morgen ins Büro und jeden Morgen zieht das Elend an mir vorbei. Man kann schonmal den Mut verlieren, wenn man ständig vernarbte Menschen mit roten Gesichtern auf der Straße sieht. Oder die modernen Sklaven, die auf der Hanauer auf Auftraggeber warten, die mit Kleinbussen vorbeikommen um sie zum Schuften für drei Euro irgendwohin zu fahren, während 50 Meter weiter ein Schild auf das Arbeitsamt zeigt. Jeden Morgen. Die Fratzen wechseln, nur die Narben bleiben gleich.

Und dann stöpselt man sich lieber die Kopfhörer ins Ohr, knallt aus der Welt und Arcade Fire besingen das Elend. Die Sonne kommt raus, echter Pathos in meinem Kopf, der Dreck auf der Straße, Lichtstrahlen im Kopf und alles explodiert. Und dann singen die Fratellis und an der Ecke steht eine Süße, die lacht und raucht. Das volle Spektrum, komprimiert in 20 Minuten in einem ratternden Ungetüm. Music is the Soundtrack of our Lives? Fuck. Das Leben liefert nur die Bilder zu meinem Musikfilm. Zu meinem ganz eigenen Streets of Fire.

Fand eigentlich noch jemand Willem Dafoes Hosen in dem Film so komisch?


(Youtube Direktfire)

Pissing Memories

Sie war das schönste Mädchen auf der Schule, blond, blaue Augen und ein Gesicht wie eine Prinzessin. Alle Jungs waren verliebt in sie, natürlich. Wenn sie auf den Pausenhof trat, ging ein Raunen durch die Reihen. Sie war da und alle verrenkten die Köpfe. Zu sagen hatte sie nichts. Mehr als „Ja“ oder „Nein“ kam nie über ihre Lippen, wenn wir mal miteinander redeten, im Club oder auf einer Party. Sie war einfach nur irgendwie immer dabei. Man könnte meinen, sie sei ein blödes Blondchen, aber sie machte ein anständiges Abitur und studierte. BWL. Natürlich. Irgendwann hörte ich, sie vögele mit ihrem Prof.

Heute morgen saß sie im Zug und schaute aus dem Fenster, ich hatte sie seit mindestens 15 Jahren nicht mehr gesehen. Und als mein iPod dann „New York“ von Tomte ausspuckte, hatte ich sie wieder vergessen.

Quitschbunt mit Glitzer

Heute morgen saß mir mein persönlicher, weiblicher Albtraum im Zug gegenüber. Dieses Grauen in Frauengestalt kann man gar nicht weit genug verachten und gebannt starrte ich dieses Wesen von Kopf bis Fuß an, blieb mit meinem Blick natürlich an den üblichen verdächtigen Stellen hängen, aber auch das konnte den Anblick, der sich mir da bot, nicht erheblich verbessern. Mir stellten sich alle Haare zu Berge, mein Magen wand sich in Übelkeit und ich sah Sterne vor den Augen. Und das meine ich wörtlich.

Diese Frau war übersät mit Glitzerzeug. An den Schuhen, auf den Fingernägeln, auf den Augenbrauen, auf der Sonnenbrille: überall glitzerten kleine Sternchen um für süß befunden zu werden. Die Schuhe, man glaubt es kaum, waren aus Kuhfell und neben Glitzersternchen mit Perlen behangen. Die Hose enganliegend und hellblau, das Oberteil ebenso. Die Schminke, aaaaah, die Schminke. Grell aufgetragen, die Lippen glänzten in der Sonne, die Augenlieder verklebt von hellem Tinnef, die Wimpern so dick wie die borstigen Haare, die Jeff Goldblum in „Die Fliege“ aus dem Rücken wachsen.

Und nun kommen wir zu den wirklich grausamen Dingen.

1.) Sie kaute Kaugummi, eine Angewohnheit, der ich persönlich nicht nachkomme, die ich aber normalerweise nicht weiter beachte. Die aber, oh, die kaute nicht, die malträtierte das arme Gummiteil mit ihren Kiefern, als sei es ein Basketball und sie Michael Jordan. Und sie schnallzte alle zwei Sekunden mit dem Ding, man hätte ihr eigentlich in den Mund greifen wollen, um das Ding aus diesen Fängen zu befreien. Ständig sauste die Zunge hervor und wickelte dieses Gummi um dieselbe, verschwand wieder in ihrem grelldick geschminkten Mund um zwei Sekunden danach wieder von vorne anzufangen. Die Hektik dieser Veranstaltung ist mit Worten nicht wirklich wiederzugeben.

2.) In ihrer linken Hand hielt sie ein Handy und tippte mit ihren mit grellbunten Mustern bemalten Fingernägeln zentimeterlangen, gebogenen Krallen drauf herum. In ihrer rechten Hand hielt sie ein Handy und tippte mit ihren mit grellbunten Mustern bemalten Fingernägeln zentimeterlangen, gebogenen Krallen drauf herum. Ich weiß ja, dass Frauen im Gegensatz zu Männern multitaskingfähig sind, aber das grenzte doch an Men-in-Blacksche Operatorfähigkeiten. Wenn die in einem Call Center arbeitet, dann ist sie sicherlich der King im Ring, der T-Rex der Hoppelhäschen.

Und in den langen, schwarzen Haaren steckte eine verspiegelte Sonnenbrille mit Glitzerkram. Dass aus ihrer Tasche eine GroßeBuchstaben-Zeitung ragte, vervollständigte das Bild schließlich zu einem Gesamtkunstwerk, wie ich es im Leben noch nicht erblickt habe. Ich starrte auf dieses Wesen Ding nichtswissende Müllhalde wie auf einen Autounfall. Das Spiel ihrer Zunge mit dem Kaugummi vermischte sich mit dem Klickern und Klackern ihrer bunten Fingerkrallen auf den Handytasten zu einer Kakophonie des Grauens, ich litt, ich fing an zu zittern und drückte mich an die Zugwand, kratzte am Fenster und wimmerte leise vor mich hin. Doch sie kannte kein Erbarmen. Kaugummi. Handy. Glitzer. Klickediklackschnalz, argh!

Jetzt, da ich entkommen konnte – ich nahm am Bahnhof schreiend die Beine in die Hand – bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich mir dieses Wesen nicht einfach eingebildet habe. Man möge mir bitte glauben: die großen Alten aus der Lovecraftschen Mythologie sind ein Scheißdreck, gegen diese Bling-Kaugummi-Handy-Tussi des Todes. Keine Nagelstudio-Besitzerin könnte jemals dieses Niveau unterschreiten. Ich weiß nicht, ob dieses Wesen ein Arschgeweih eintätowiert hatte, passen würde es allemal. Was ich weiß:

Sie hörte Hip Hop.

[nachtrag] Oha, die Kleine hatte sich in mich verguckt. Tja, tut mir leid, Baby. Aber mit uns, das wird eher nix…

Momente

Was ich heute morgen schon wieder für Momente hatte, man glaubt es kaum. Da war erstmal der Aua-Moment, in dem ich feststellte, dass das gestern Nacht dann doch ein Bier zuviel war, was der kopfschmerzfreien Erledigung allerhand anstehender Arbeiten nicht wirklich zuträglich ist. Und dann dieser Argh-Moment, als ich feststellte: „Huch! Wir ham’s ja schon 9 Uhr!“ und der Kack-Moment, wenn man dann noch den Zug verpasst. Und wenn man dann sein Handy zückt, um im Büro anzurufen, dass es doch noch später wird und feststellt, der Akku ist alle, dann ist das der Jetzt-is-sowieso-alles-egal-Moment.

Die surrealen Momente erlebt man, wenn im Hauptbahnhof jeder (jeder!) Mensch einen Trollie hinter sich herzieht und man auf der Straße ständig verlotterte Gestalten sieht, Marke: Jeans und schwarze Lederjacke, (Sommer!), Glatze, morgens um Elfe Bier in sich reinschütten. Da fragt man sich nicht wirklich, wie deren Geschichte aussieht. Aber immerhin erlebt man dann vielleicht, wenn man Glück hat, den Hihihi-Moment. Ich bin kein Mensch, der sich über die Äußerlichkeiten anderer lustig macht. Aber wenn am Straßenrand eine verhutzelte alte Frau mit Kopftuch steht, die aussieht, wie die Grimassen auf diese Postkarten, wo alte Männer die Backen aufblasen oder die Unterlippe über die Nase ziehen, dann muss ich schon in mich reingrinsen. Vor allem, weil sie ja offensichtlich keine Grimasse schnitt, sondern immer so aussieht.

Wahrscheinlich sehe ich später auch mal so aus. Verhutzelt. Und dann werde ich Postkarten-Modell und sorge für jede Menge Hihi-Momente. Das sind doch mal leckere Aussichten. Apropos lecker: ich habe Hunger und gehe jetzt zum China-Mann, kaufe mir leckere gebratene Nudeln mit Hähnchenfleisch und Gemüse und mit viel Sambal Oelek. Guten Apettit.

Ausgekräht

Als ich heute morgen meinen Weg zum Bahnhof bestritt, begegnete mir eine Krähe, die gänzlich plattgefahren ihre Eingeweide auf dem Asphalt verteilte. „Uärks“ dachte ich da bei mir, doch irgendwie passte das Szenario zum heutigen Montagmorgen. Da könnte man ein paar Buchanfänge draus stricken.

Zum Beispiel: An diesem wolkenverhangenen Montag lief Harry zum Bahngleis 3¼ und sah eine plattgefahrene Krähe am Wegesrand, deren Eingeweide sich auf dem Boden verteilten.

Oder: Die Krähe glotzte mich mit ihren toten Augen an und mir wurde kotzübel beim Anblick der weißen und roten Innereien, die seitlich aus dem Körper des zermatschten Vogels quollen.

Oder: Als der Regen langsam einsetzte, sah Reinhold aus den Augenwinkeln, wie sich eine Katze langsam diesem toten Vogel näherte, desses Federn wirr in alle Richtungen abstanden. Sie setzte sich auf die Straße und beäugte neugierig das leblose Ex-Federtier.

Auf was einen tote Vögel so alles bringen. Ich jedenfalls verdrängte den Gedanken an den frischen Tierkadaver auf der Straße und widmete meine Gedanken dem grade losregnendem Regen, der langsam aber sicher an Fahrt aufnahm. Just, als aus Niesel richtige Tropfen wurden, kam die S-Bahn mit einer Verspätung von genau sechs Minuten, ich entfleuchte dem Unwetter ins trockene Innere, fuhr mein Powerbook hoch und begann, von toten Vögeln zu tippen, doch das Elend nahm kein Ende, denn es sind Semesterferien, oder täusche ich mich? Jedenfalls waren heute morgen sämtliche hübschen Mädchen aus dem Stadtbild entfernt, oder sie versteckten sich vor mir, was bei meiner Montagslaune heute auch nicht so unwahrscheinlich ist.

Und dann stehen drei Menschen beim Brunchman, einem mobilen Brötchenverkaufsdingsbums mit A-Team-Soundtrack, und bestellen doppelt und dreifach, weil sie, haha wie witzig, ständig ein Käsebrötchen vergessen. Doch schließlich war ich an der Reihe, kaufte mir das extra für mich zurückgelegte Mett-Brötchen. Und nun sitze ich vor einem Brötchen belegt mit gehackten, rohen Fleisch und muss an die tote, zermantschte Krähe denken und fürchte, das Mettbrötchen bekomme ich heute nicht runter.

Montagmorgen, wie ich sie hasse.

„Wegen Bahnstreiks fällt die S-Bahn nach Frankfurt heute aus.“

Suuuuuuuper!

[nachtrag] Und drei Stunden zu spät saß René dann doch im Büro…

Lieber Bahnstreik

Ich versteh Dich ja, mehr Geld f?r die Bahnarbeiter, da steh ich voll dahinter, ich hab selber schon f?r mehr Arbeiterrechte auf der Stra?e gestanden und ich bin auch noch in der Gewerkschaft und ich versteh das und stehe gerne auf dem Bahnsteig rum f?r Dein Anliegen und ich kann mich da sehr gut mit identifizieren, doch, das stimmt, und ich opfere gerne 40 Minuten Wartezeit daf?r, dass die Lohnt?te etwas lauter klimpert am Monatsende.

ABER NICHT WENN ES PISST, DU ARSCHLOCH!

Barfußschlapper vs the Öffentliche Verkehrsmittel Werbebeklebung

Vorhin im Zug: wie kann man die Bild-Zeitung nur so angestrengt lesen, wie der junge Mann da im Blaumann vor mir? Ich verkeife mir den Drang, ihm die Bild-Zeitung zu entreißen und wie wild damit auf ihn einzuschlagen und zu rufen: “Du sollst keine Bild-Zeitung lesen! Du sollst keine Bild-Zeitung lesen!”, sondern konzentriere meinen Blick auf die brünette Schönheit links gegenüber. Sie unterhält sich mit ihrem Handy und wenn sie das nicht tut, schaut sie es an.

Der Vorteil am Sommer ist ja, das ist allgemein bekannt, das der weibliche Teil der Bevölkerung sich luftige Kleidchen über den Körper wirft und jubelt: “Jaa, es ist Sommer” und der männliche Teil rennt mit Bermudas, T-Shirts und Sandalen durch die Gegend und denkt sich beim Anblick der luftig bekleideten Mädchen: “Wie gut, das es wieder Sommer ist!”

Der Nachteil des Sommers liegt übrigens ebenso auf der Hand: heiße Füße. Gegen heiße Füße hilft nur eine Wanne mit kaltem Wasser unter dem Schreibtisch oder Barfußrumlaufen. Und ich bin ein Barfußdurchbürogeher. Sobald die Temperaturen an der 30°-Marke kratzen, fliegen die Socken und die festen Schuhe und Rene latscht mit nackt entblößten Unterleibsextremitätenenden durch die Gegend, auch im Büro. Ich kenne keine Gnade. Das klatscht auf den kalten Steinplatten wie Sau, aber die Kühlung meiner Füße ist mir ein wichtigeres Bedürfnis, als das traumatalose Leben meiner Büromitmenschen. Bis jetzt haben sie mich deshalb nur als “Hippie” beschimpft.

Ich weiß ja nicht, ob Hippies oft auf Hausbooten leben, aber auf dem Main, der jeden Morgen unter mir durchfließt, liegen Boote an Stegen und jedesmal stelle ich mir bei ihrem Anblick vor, auf einem Hausboot zu wohnen, genau wie Martin Riggs aus Lethal Weapon oder Crockett aus Miami Vice. Auf Hausbooten wohnen ja bekanntlich nur Haudegen und ich bilde mir manchmal ein, ich wäre einer, so ein Haudegen, die trinken und werkeln und kriegen alle Frauen und tragen trotzdem diese diffuse Melancholie mit sich herum, was von vollflächigen Werbebeklebungen öffentlicher Verkehrsmittel herrühren könnte (Überleitung, Überleitung!)

Das größte Verbrechen an der Menschheit sind übrigens vollflächige Werbebeklebungen Öffentlicher Verkehrsmittel. Das sind die Flashlayer unter der Außenwerbung. Da laufen draußen im Sommer die hübschesten Mädchen vorbei, und man sieht sie nur durch blöde kleiner Löcher, damit draußen auf der S-Bahn irgendein Dings für irgendein Bumms werben kann. Als hätten S-Bahnen nicht genug Werbeflächen unter den Fenstern. Wäre ich nun ein echter Haudegen, ich würde aufspringen, zum S-Bahn-Fahrer laufen und ihm mit geschwollenem Halse etwas von Komfort vortragen, der durch die aufgezwängten Gucklochwerbedingsbums doch extremst eingeschränkt ist. Muss man sich doch, aufgrund des allzuverwerten Blickes auf die Umwelt dem morgentlichen Pack zuwenden, dass da mit einem in der Straßenbahn durch die Stadt gondelt. Und das ist nur selten ein schöner Anblick.

Da kann ich es sogar fast verstehen, wenn man seine Nase in die Bild-Zeitung steckt oder sein Handy anstarrt. Aber nur fast. Ich guck lieber raus, auch wenn ich nicht allzuviel sehe.

Sonnige Aussichten

Gibt es eigentlich ein Wort für das Stroboskop der Sonne, wenn sie während der Zugfahrt hinter den Bäumen verschwindet und wieder erscheint, und das zehnmal in der Sekunde? Würde man die Zeitspannen messen, in denen die Sonne durchs Zugfenster scheint oder der Schatten eines Baumes auf die montägliche Matschbirne fällt, man erhielte eine wunderbare Gaußsche Normalverteilung, durchsetzt von großen Flächen, in denen man durch ein waldloses Gebiet fährt oder durch eine Unterführung. Manchmal schiebt sich auch eine Wolke vor die Sonne und dann ist es sowieso Essig mit dem Dingsbums, für das es kein Wort gibt. Ich hab da mal eins erfunden:

Sonnenblinzeln.

So ein Sonnenblinzeln ist morgens wirklich sehr erquicklich. Da hockt man im Zug, hat einen Kater von dem ein oder anderen Bier vom Vortag und denkt so bei sich: „Verdammte Kacke, dieser alte Sack hat doch keine Ahnung, aber immerhin blinzelt die Sonne angenehm durch die Bäume, das ist doch schonmal was” und das ist doch schonmal was, dann kann der Kater ja gar nicht so schlimm sein, wenn man sich so tolle Worte ausdenken kann. Und die zwei Damen gegenüber sind ebenfalls nett anzuschaun, die eine blond, die andre braun.

Leider liest eine der beiden in einer Illustrierten („Die Neue”), eine weibliche Eigenschaft die ich noch niemals nicht verstanden habe und die ich bisher immer dem, sagen wir mal, hausfraulicheren Teil der Bevölkerung zugeschrieben habe. Aber nö, diese Dame ist vielleicht Ende Zwanzig, durchaus hip gekleidet und liest die neuesten Ehekrachverschwörungstheorien aus dem Leben von Beckenbauerbohlenborggottschalk. Ich versteh das nicht, da gibt es so interessante Dinge wie die Gaußsche Normalverteilung oder meinzwegen auch das Paarungsverhalten von Borkenkäfern im Mai, und die Dame liest, was Franz Beckenbauer so unter der Decke treibt. Als ob sie das etwas anginge.

Die andere Dame ist mit ihrem Handy zusammengewachsen, was noch viel schlimmer als das Liebesleben von Franz Beckenbauer ist. Da sollte David Cronenberg mal einen Film drüber machen: Über mit ihren Handys zusammengewachsene Frauen, die symbiotisch mit ihrem Telekommunikationsanbieter eine Zweckgemeinschaft leben, um die Weltherrschaft zu übernehmen. Ich würde dann den Helden spielen, der die Telekommunikationsunternehmen allesamt in die Luft sprengt (Terrorist, ha!), die zweitausend Damen von ihren Handys befreit und fortan in Überfluss und Völlerei lebt wie Hugh Heffner in seiner Bunny-Mansion.

Auf was für Ideen einen so ein wenig Sonnenblinzen bringen kann, ist schon erstaunlich. Manche bekommen epileptische Anfälle, andere träumen von zweitausend Mädchen. Die Menschen sind eben unterschiedlich, da kann auch keine Blinzelsonne was machen.

Am Boden

Wir kannten uns noch nicht lange, vor ein paar Wochen, da hab ich Dich abgestaubt. Du hast Dich mir sofort ge??ffnet, hast Dich ausgebreitet, hast mir Schutz geboten und das gr??bste abgehalten. In Deinem kleinen Schwarzen sahst Du sehr elegant aus, wohlgeformt lagst Du in meiner Hand. Seit heute bist Du weg.

Ich habe meinen Schirm im Zug auf dem Boden liegen lassen und bin nass bis auf die Haut. Die dumme Drecksau.

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