Dieses ist wohl das turbulenteste Jahr für die Musikindustrie seit der Erfindung von Napster. War letztes Jahr nicht mehr als ein Hoffnungsschimmer am Horizont zu sehen, wenn mal die Rede von DRM-freiem Verkauf von Musik war, wagte EMI dieses Jahr zusammen mit Apple den Schritt, kam endlich im neuen Jahrtausend an und verkauft im iTunes-Store DRM-freie Songs. Die anderen Majors – bis auf Sony, wenn ich mich nicht irre – zogen nach und starteten mindestens Experimente in der Richtung. Das ist alles schonmal ein Schritt in die Richtung, es scheint sich so langsam die Einsicht durchzusetzen, dass es recht zwecklos ist, die Kundschaft mit Rechts- und Machtansprüchen zu gängeln, die man im Zuge der Digitalisierung längst verloren hat. Obendrein gewinnt die Musikindustrie den ersten vor Gericht verhandelten P2P-Fall (der übrigens in Revision gehen wird), Amazon startet den ersten komplett DRM-freien Musik-Store.
Ian Rogers von Yahoo erklärt das DRM-Problem sehr anschaulich, ich kenne dieses Problem aus eigener beruflicher Erfahrung:
Want a track on-demand? Oh have we got a deal for you! If you’re on Windows XP or Vista, and you’re in North America, just download this 20MB application, go through these seven install screens, reboot your computer, go through these five setup screens, these six credit card screens, give us $160 dollars and POW! Now you can hear that song you wanted to hear—if you’re still with us
Wie gut, dass die Musikindustrie zumindest ansatzweise Abstand von DRM nimmt. Man könnte fast meinen, die Dinosaurier hätten den Asteroiden fürs erste abgewehrt.
Aber.
Der Asteroid ist natürlich schon längst eingeschlagen, nennt sich Internet und dürfte langfristig den Tod für den Vertrieb von Musik über den Zwischenstop Label bedeuten. Und genau das sehen mittlerweile auch einige der größten Bands so und wenden sich von der Musikindustrie ab und dem Fan zu. Erst verkaufen die Stars ihr Album zwei Monate vor offiziellem Start über die Labelsite und iTunes (DRM-frei), dann veröffentlichen Radiohead ihr neues Album, zumindest dieses Jahr noch exklusiv, über eine Website – noch dazu mit selbst wählbarem Preis, der sich erfreulicherweise knapp unter dem Standard-Ladenpreis einpegelt – und nun schwenken Oasis, Jamiroquai, Nine Inch Nails und Madonna (!) auf ähnliche Kurse. Den Majors brechen die großen Acts weg. Und das ist ein Problem. Weil’s funktioniert:
Radiohead’s management says that the free-download experiment is working out very well so far, driving an 11-fold traffic boost to the band’s Web site and converting plenty of those hits into sales of premium boxed sets for £40 a pop. (Ars Technica)
Was mich dabei die ganze Zeit störte war der Gedanke, dass der direkte Verkauf von Musik von Band zu Kundschaft nur bei entsprechender Fanbase möglich sei. Sprich: ein Kaliber wie Oasis oder Radiohead, die sowieso ihre Schäfchen schon lange im Trockenen wissen, hat sichtlich kein Problem damit, seine Basis zu mobilisieren und ohne Umweg über die Labels immer noch einen Mörderschotter mit ihren Alben zu machen. Aber was ist mit den kleinen Bands? Die Bands, die ohne Hype auskommen müssen? Der Versuchsballon der Stars ist, soweit ich weiß, geplatzt und die Online-Umsätze aus der neuen Platte verbuchte man unter „Ferner liefen“. Was ist mit den wunderbaren „Los Campesidos“, könnten die ihre Platte aus eigener Kraft ohne Label verkaufen und damit Erfolg haben?
Ich verbuchte den Gedanken ebenfalls unter „Ferner liefen“, denn mir fiel kein Grund ein, warum es eine junge oder kleinere Band nicht auch ohne die Label schaffen sollte, die gleichen (nicht besonders zahlreichen) Verkäufe über das Web abzusetzen, wie sie es offline auch schon tut. Und wenn Myspace endlich einen Online-Shop für DRM-freie MP3s einführt, dann ist sowieso alles vorbei.
Nun erwarte ich nicht, dass die Musikindustrie die Segel streicht und sagt: „Tschüss, wir haben verloren, ihr braucht uns nicht mehr und so.“ Das wäre Unsinn, denn machen wir uns nichts vor: den Großteil vom Reibach machen die Labels immer noch über die CD-Verkäufe. Was natürlich daran liegt, dass die heavy Internet-User immer noch in der Minderheit sind. Digitale Info-Elite nannte das mal mein Chef. Ich mag den Begriff, weil er impliziert, dass eine Menge der Leute da draußen keine Ahnung haben, von was ich hier überhaupt rede und jetz mal ehrlich: das ist die Realität, willkommen darin. Die gehen immer noch die „billigen“ CDs im Mediamarkt einkaufen und freuen sich über die neue Platte von US5, oder sowas. Solange es Menschen gibt, die die Möglichkeiten des Internetzes und die unter dem Überangebot verborgene Freiheit noch nicht erfasst haben, hat die Musikindustrie ein sicheres Auskommen. Dies ist allerdings ein Festhalten an einem absterbenden Ast.
Denn was ich für mich heute erlebe ist nicht weniger als der Niedergang einer Industrie. Die Aufgabe der A+Rs und die Promotion übernehmen mittlerweile für mich Musikblogs. Den Vertrieb machen Bittorrent, die Hype-Machine oder die Band selbst. Und demnächst Amazon. Ich bin auf die Musikindustrie in ihrer jetzigen Form schon lange nicht mehr angewiesen und so wie mir wird es in den nächsten Jahren immer mehr Menschen gehen, da bin ich mir sicher. Die Einnahmen werden immer weiter einbrechen, der Direktvertrieb wird Standard und von DRM wird schon nächstes Jahr, spätestens 2009, keine Sau mehr reden. Die Musikindustrie wird sich auf „die sichere Bank“ ihrer Plastik-Acts zurückziehen, bis auch die keiner mehr hören will. Und irgendwann in zehn Jahren oder so wird die Musikindustrie aufhören, zu existieren. Sie ist dann Geschichte, genau wie Kutschfuhrwerksmanufakturen. Von Druckmaschinenherstellern will ich erst gar nicht anfangen.
Dann gibt es nur noch Musik. Und dann reden wir nochmal über den Terminus „Mainstream“.





Applaus!
Nur was würde ich wohl machen, wenn ich selber ein kleines Indie-Label hätte?
auf jeden fall sollte man in dem zusammenhang noch die einstürzenden neubauten mit ihrem schon seit jahren laufenden supporters-projekt, (gerade wurde phase 3 beendet) nennen.
@ Saint: Ich würde meine Platten über einen eigenen Webshop vertreiben… auch wenn das Labelsterben auch die Indies betreffen wird, ich glaube, die Umsatzeinbrüche sind bei ihnen nicht ganz so massiv… interessant ist ja grade, dass die wirklich großen Acts der MI den Rücken kehren… und zwar eben nicht nur einer oder zwei… das werden ja immer mehr…
@ r0ssi: Stimmt, die machen das auch schon lange, ich hab die nich so aufm Schirm…
In manchen Musikbereichen machen ohnehin jetzt schon die Webshops gut die Hälfte der Verkäufe für Labels aus. Auch die, die mittlerweile klassische Vertriebsstrukturen nutzen und nicht die eigenen sind. Ein anderer Teil geht über beatport o.ä. Und auch das gute alte Vinyl geht hin und wieder über den Tresen. Ich würde mich wohl nicht beschweren können. Im Moment zumindest noch nicht. Ich lehn mich wieder zurück und guck mir das vom Rand mal weiter an. ;)
Glaubst Du wirklich, dass Myspace weltweit so stark ist, dass bei Einführung eines DRM-freien Shops kleinere Bands es ohne Label schaffen können? Ich bin weder ein wirklicher Kenner der “fucking industry” (Biohazard) noch Myspace Nutzer, aber ich stelle mir die Fragen, wie kleinere Bands ohne Fremdfinanzierung ne’ vernünftige Produktion bekommen. Wobei die Kosten für den Vertrieb und die Produktion digital ja minimal sein sollten.
BTW: Woher stammt die Info, dass sich die Radiohead Downloads “knapp unter dem Standard-Ladenpreis” einpegeln?
Toller Artikel!
Ich freu mich auf die Zukunft :)
@ Saint: Klar, ganz verschwinden werden die klassischen Vertriebswege auch nicht… aber der Riesenapparat Pop, der ist tot.
@ Marc: Es werden neue Strukturen auftauchen, ob die besser sind sei dahingestellt… ob die Kohle für die Produktion nun von WarnerEMISonyUniversal kommt, oder von MySpace oder Apple ist der Band erstmal egal… die Info mit dem Preis stammt von der Band selbst, habe den Link ergänzt…
Gerade der Pop-Bereich wird vermutlich noch lange leben bzw. dahin siechen. Es gibt auch heute noch mehr als genug Teenies, die ihr Taschengeld auf den Tresen legen, um sich die neue Scheibe von Tokio Hotel, US5, Monrose und all den anderen Marionetten, die von den Labels erschaffen wurden, zu kaufen, nachdem sie darüber bei MTV, den Casting-Shows oder der Bravo was gehört haben. Und gerade bei Tokio Hotel kann man sehen, dass das noch funktioniert. Du hast es oben ja selber geschrieben, was heute im Internet WIRKLICH möglich ist, davon wissen nur die wenigsten, und klicken weiter brav auf mtv.de
Noch ist da aber das Stichwort. Die heute aktuelle Zielgruppe wird auch mal älter werden und merken, dass es qualitativ auch bessere Musik gibt. Und sicher wird die Zeit kommen, in der 12-14jährige dieses aktuelle Geschäftsmodell nicht mal mehr kennen werden. Aber bis dahin wirds halt noch ein bisschen dauern.
Ich glaube nur nicht, dass Pop zwangsläufig sterben wird.
Heute im Radio kam die Meldung, dass die Menge von legalen Downloads gestiegen ist, und der häufigste geladene Titel sei die eine Nummer von Ich + Ich (und den Gorillaz *husthust*). Ich glaub die Art des Kaufens wird sich nur mehr an die Art des Konsums anpassen…
die stars verkauften sich übrigens nur hier nicht so toll online, in Canada war der zug ein riesen erfolg, mit platz 1 der dowload charts, zigtausend verkauften exemplaren und was weiß ich.
Sehr sympathischer Artikel.
Aber solange es Millionen Bekloppte gibt, die Klingel-Töne im Jahresabo kaufen, braucht sich die Musikindustrie keine Sorgen um CD-Verkäufe machen.
Das, was an CD-Absatz wegbricht, macht die Musikindustrie in ein paar Jahren mit Online-Verkäufen wieder wett.
Die Zwischenzeit überbrückt sie mit dem Verklagen ihrer Kundenschaft. 9.250 Dollar und mehr pro Song bei Millionen von Nutzern, die ihre Musik auch auf Festplatte deponieren – da kommt schon schön was zusammen.
Zumal der Musikindustrie zum “Beweis” der Schuld ihrer Kunden nur ein Blatt Papier mit passender IP-Nummer und schnell manipulierte Screenshots genügen.
Wunderbarer Artikel!!!! Besonders der Schlusssatz!
Rene, sei mir nicht bös, aber das ist zum Teil reichlich naiv, was du da erzählst. Versuch mal, als Band deinen Lebensunterhalt mit Musik zu verdienen. Eine Familie zu versorgen oder sich auch nur die Miete zu leisten. Musik braucht eine Industrie, wie auch immer die aussehen mag. Dass die Arroganz der jetzigen Platzhirsche abgestraft wird, begrüße ich genauso wie du. Man hat den Kunden längst aus den Augen verloren. Aber was der Kunde aus den Augen verloren hat, ist der Wert von Musik. Klar, Leute wie du geben weiterhin Kohle für Musik aus, aber da bist du die Minderheit, wie die Statistik belegt.
burnster: Danke.
Burnie, ich weiß, dass das naiv ist und lediglich aus Kundenperspektive geschrieben ist. Nur: eine andere Perspektive habe ich nicht… mir ist auch klar, das die Labels nicht aussterben, sondern sich verändern, ersetzt werden, durch andere… Apple, Myspace, was weiß ich… ob das nun besser ist… keine Ahnung.
Tatsache bleibt für mich, dass hier eine Technologie ist, die von der MI naiverweise bekämpft wird. Daran wird sie zugrunde gehen, wenn sie nicht einsieht, dass es lediglich ein
natürlichertechnischer Weiterentwicklungsprozess ist, der sich nicht umkehren lässt. Weil der Kunde das toll findet.Jetzt müssen sie einen Weg finden, das ganze zu monetarisieren. Das geht, davon bin ich überzeugt.
Gerade das hier gelesen. Dieses “Total Music” klingt doch schonmal nach einem Schritt in die richtige Richtung. Wenn sie das auf allen Playern durchsetzen können und auf DRM verzichten könnte es gut werden.
Ich wünsche mir weniger Kunden und mehr Fans.
Uli, nach dem Kommentar müsste man selbige eigentlich schließen. Damit ist alles gesagt.
René, du hast Recht. Mit Ulis Kommentar ist wirklich alles gesagt.
Fans kriegen natürlich 20% auf alles – außer auf Hundefutter.
Schöner Artikel René,
Das Bild mit dem Internet-Asteroiden ist schön gewählt. Allerdings hast Du auch Recht damit, dass wir es – aus Sicht einer strukturellen Gesamtveränderung – mit einer zeitlupenartigen Szenerie zu tun haben. So hat die Speerspitze der “Digital Natives” die Oberfläche des Planeten “Recorded Music” bereits berührt und erste Erschütterungen ausgelöst. Bis der Kern und damit die gesamte Masse des Asteroiden aufschlägt, dauert es noch – hoffentlich nicht mehr als 5 Jahre unserer Zeitrechnung.
Durch die digitale Vernetzung werden Produktionsfinanzierung und Vertrieb als Aufgaben der Plattenfirmen obsolet. Bleiben Vermarktung und die Künstlerentwicklung. Während Erstere, wie Du sagst, durch Blogs oder meiner Meinung nach auch durch Music Recommendation übernommen wird, bleibt Artist Developement und wird womöglich zur Hauptaufgabe zentral agierender Musikindustrieller. Diese werden dann aber sicherlich nicht als Plattenfirma definiert werden.
Eine Industrie, die ihr Geschäft mit Musik macht, wird bleiben – deshalb geht diese nicht unter, wie Du anführst. die Plattenindustrie wird jedoch in der Tat überflüssig, während an deren Stelle vielleicht kleinere kreative Managementzellen treten, die sich um Künstlerentwicklung kümmern, bei Vertrieb, Promotion und Verkauf jedoch auf die handlichen, preiswerten Tools einer digitalen Generation zurückgreifen – so wie es die von Dir genannten großen Acts vorführen (wenn auch nicht im Bereich Vermarktung).
ueber den terminus “mainstream” steht hier auch ein guter artikel.
@René: Lies mal auf jetzt.de das Interview mit dem Chef von Tapete – soviel zum Thema: Kleine Labels leiden nicht so stark wie die Majors.
@All:
Was habt ihr alle gegen CDs?
Ich mag CDs (und würde auch gerne einen Plattenspieler besitzen, um das gleich mal klarzustellen) und verstehe nicht, warum sie hier als absolutes Auslaufmodell gelten (von der technischen Seite mal abgesehen). Natürlich höre ich Musik per PC, aber die MP3s konsumiere ich nur – die CDs besitze ich!
wunderbar zu sehen, dass obwohl der eintrag schon ein paar tage alt ist, hier immer noch fleißig diskutiert wird. und das in unserer ach so schnelllebigen welt…. sehr schön auch der artikel von neon!
Der Artikel von der Neon ist wirklich wunderbar und sagt genau das aus, was ich denke: Mainstream ist tot. Genau wie die klassische Musikindustrie.
Scheint so, als bliebe das gute, alte Mu$icbiz uns noch einige Zeit erhalten: http://www.boingboing.net/2007/10/19/radiohead-downloads.html
Ich finde es gibt jeder Menge kleine Bühnen und aufstrebende Festivals (Appletree Diepholz) wo junge Künstler sich präsentieren können. So lange gilt, dass Qualität sich durchsetzt. Und wenn Sie dann groß genug sind, kommt dann eh ein Major Label und verpflichtet sie.