Die Konferenz ICH, WIR UND DIE ANDEREN im ZKM in Karlsruhe zu rekapitulieren fällt mir schwer. Vieles von dem, was übrigbleibt, ist knapp unter der Oberfläche dessen gelegen, was ich formulieren kann. Meine Eindrücke sind eher in Gefühle übergegangen, die mich länger begleiten werden.
Der erste Vortrag, dem wir vollständig beiwohnen konnten, Blogs. Ich-Konstruktion durch Autor und Leser, wurde von Vanessa Diemand, einer der Organisatoren, gehalten. Sie stellte gut strukturiert sehr kluge Thesen auf, minderte aber den sonst äußerst positiven Eindruck dadurch, daß sie reichlich mädchenhaft auftrat. Damit man mich nicht falsch versteht: Sie wirkte auf mich professionell, sprach frei und sicher und war inhaltlich auf einer hochakademischen Ebene, ich hatte nur leider das Gefühl, daß sie in eine Falle tappte, der wenige Frauen ausweichen können: Die Verniedlichung. In einem Umfeld wie dieser Tagung war der Gestus sicher nicht ganz unangemessen, ihr Vortrag wirkte dadurch auch sehr locker und unterhaltsam, aber die Pointiertheit ihrer sehr ausführlichen Anmerkungen zum Themenbereich und die Tragweite dessen litten unter dem zuweilen eher plapperhaften Ton der jungen Frau.
Eine Erkenntnis, die mich wenig später berührte: Manche der erstaunlich wenigen Teilnehmer und Besucher der Konferenz nehmen sich und ihr Tun im Netz wichtiger als andere. Das wird dann zu einem Problem, wenn eine Kunstfigur, die sich nicht oder wenig, in einigen Punkten aber eben doch ganz fundamental (? – Genau!) von ihrem Schöpfer unterscheidet, auf Menschen trifft, die unverstellter im Netz agieren, ihre Existenz auf diesen Aktivitäten aufbauen oder, gelinde gesagt, undurchschaubare Ziele verfolgen. Wen meine ich wohl?
Der Vorwurf von Peter Turi in der Diskussionsrunde an R. Meyer, sich hinter der Kunstfigur Don Alphonso zu verschanzen, sich damit auch schützen zu wollen, aus der so entstandenen Deckung aber andere zu attackieren, hat mich nachdenklich gemacht. Immerhin schien mir Peter Turi das Gegenbeispiel zu all den happy-hippie-hot-and-trendy Webzwonull-Optimisten zu sein, die an jeder Ecke die nächste bargeldlegende Wollmilchsau zu entdecken glauben. Sehr emotionalisiert jedenfalls hakte er mehrmals nach, wie es denn sein könne, daß immer wieder verbal auf ihn geschossen würde, mit zittriger Stimme und mehr als schlotternden Knien.
Nach seinem Vortrag, Geschäftsmodell und Medienökonomie 2.0, der die Probleme beschrieb, die mit immer weniger Festanstellungen, kürzeren Ruhezeiten, unsicherer Auftragslage und erhöhtem, sich stets noch erhöhendem Selbstvermarktungsdruck einhergehen, bekannte er freimütig und doch so ernst, daß ich danach für den Rest der Veranstaltung einen Kloß im Hals verspürte (sinngemäß):
Ich bin das personifizierte Scheitern. Ich habe es nie zu einer Festanstellung gebracht.
Und das, nachdem eben noch MC Winkel gesprochen hatte. Dabei stellte dieser all seine bisherigen Aktionen vor, ließ sich von einer blondgelockten Assistentin Videoschnipsel einspielen und plauderte in Entertainer-Manier von Erfolgen, Versuchen und Rohrkrepierern. Die Reaktionen im Publikum reichten von wohlwollendem Gelächter bis hin zum genervtem Verfluchen der Wahl eines Platzes in der Mitte, die ein Entrinnen unmöglich machten. Einige empfanden es als Auflockerung, andere sahen in den vorgeführten Beispielen nurmehr Zumutungen, die an ihre honorige Person herangetragen wurden. Als Metaaussage blieb dennoch die Frage übrig: Menschen als Marke?
Der Holstenblogger und sein Klarname, auch so eine kleine Begebenheit: MC Winkel ist im Netz MC Winkel, möchte auch möglichst nur dieser sein, während andere seinen Klarnamen herbeizitieren. Dagegen verwahrte er sich ausdrücklich und bekam die joviale Zusicherung, das sei doch künftig kein Problem. Der Eindruck dieses kleinen Dialoges war: Da wirft sich jemand mit Anlauf und aller Kraft gegen eine Tür, auch zurecht, die ihm just in diesem Moment grinsend aufgehalten wird …
Mein Gefühl nach dieser Konferenz ist bestimmt von Ernüchterung und der Erleichterung darüber, nicht beruflich in diesem Haifischbecken (Online)Journalismus und Selbstvermarktung tätig sein zu müssen. Wenn es keinen Spaß mehr macht, kann ich jederzeit aufhören. Nicht jeder kann das von sich behaupten.
Anmerkung: Wäre nicht ständig das WLAN ausgefallen, hätte ich meine Überlegungen wohl weniger gedrängt und aktueller formulieren können. Daher der Titel.





aber triffts
Die Ausformuliertheit mancher Kommentare erstaunt mich immer wieder…
Bei „Mensch als Marke“ bin ich mir auch nicht sicher, obwohl Mensch auch im echten Leben immer irgendwo auch „Marke“ ist. Ich zum Beispiel als Musik- und Film-Experte in meinem Bekanntenkreis. Das erstreckt sich natürlich nie auf den kompletten Menschen, genauso wie die Marke „Nike“ sich nicht auf den kompletten Konzern erstreckte, Stichwort Sweatshops (letzteres hat sich ja in den letzten Jahren zwar erledigt, als Beispiel taugt es aber dennoch).
So gesehen funktioniert das Konzept „Mensch als Marke“ durchaus. Bei Blogs wird es dann aber teilweise problematisch, weil sie – streckenweise – ätzend authentisch sind. Das Kollidiert mit der Künstlichkeit, die einer Marke immanent ist.
Nun kann mans ja so machen wie Fonsi oder Winkel und das Private komplett rauslassen, was beide meiner Meinung nach aber auch nicht schaffen, bei Winkel zumindest habe ich schon durchaus autobiographische Texte gelesen.
Ob das problematisch ist, weiß ich nicht… hmmm… und worauf ich raus will weiß ich auch nicht… muss man mal länger drüber nachdenken…
du wirst mit jeder öffentlichkeit zur marke. natürlich schreibt der mc biographische texte, aber eben nur die, die er sich vorher aussucht. somit entscheidet er welche anekdote ins bild der marke resp. figur mc winkel passt. so macht das jeder. deine entscheidung formt das bild weiter. natürlich denkt sich das niemand so. aber thats how it works. eine reine kuntfigur kann es nie so geben, wenn sich da immer nur eine person drum kümmert. da bleiben die übergänge immer verschwommen.
Wie bitte? Eine Kunstfigur beleidigt einen echten Menschen und der echte Mensch kann nicht zurück beleidigen, weil der andere ja eine Kunstfigur ist?!??
Oh mei, oh mei…
Die Kunst mit der Kunstfigur ist es nicht, sich komplett neu zu erfinden, sondern sie so zu schreiben, dass der Leser niemals, noch nicht mal innerhalb eines Satzes weiss, welches Wort von der Kunstfigur und welches vom realen Menschen kommt. Es geht um eine anders aufgebaute Vielschichtigkeit der beiden Persönlichkeiten, mit vielen Überschneidungen und anderen Gewichtungen. Und desto besser die dadurch entstehende Literatur, desto feiner gewoben, desto schwerer für die Anderen, da einen Ansatzpunkt zu finden.
Will sagen: Nachdem ich mir darüber bewusst bin, wie das geht, ist es natürlich viel leichter für mich, den Winkel hinter dem MC Winkel zu treffen, als es für einen litararisch ahnungslosen Markenmacher ist, mich im Don Alphonso zu erwischen.
Menschen machen sich zu Marken, um sich die Köppe einzuhauen. 1969 wäre ich damit reich geworden.
@ Don Rainer: Aha, die Kunstfigur schreibt. Nicht der Meyer, nein, das Fons schreibt. Die Frage sei erlaubt, für wie merkbefreit manch einer seine Leser hält.
@ Boogie: Wo steht das?
Hätte ich gewusst, dass ihr alle da seid, ich hätte mich sofort ins Fanboi-Mobil gesetzt und wäre nach Karlefornien gekommen.
Turis Geblubber ist ähnlich bescheuert, wie die Kritik in der Weimarer Republik, dass sich Tucholsky hinter Kaspar Hauser, Theobald Tiger und co verstecken würde. Das ist doch dämlich; natürlich steckt immer eine gewisse Menge Meyer im Alphonso, Kritik am Alphonso ist AUCH Kritik an seinem Schöpfer!
@ René: Das steht nirgendwo. Ich les’ das nur zwischen den Zeilen heraus. Letztendlich ist es aber egal ob nun Roy Black oder Gerhard Höllerich singt, oder?
Bei Boogie und Sven Augustin weiss man wenigstens immer, dass es ein Spammer mit Pornolinks ist, gell?
Ach Rainer, erzähl doch nochmal die Geschichte aus der Zeit vor dem Krieg. ;)
Tragt Eure Privatfehden woanders aus.
Natürlich schreibt Rainer den Fonsi und sagt ja auch, dass es Deckungsgleichheiten gibt, aber eben auch Unterschiede. Ich seh das ein wenig wie „Mein Freund Henry“, der ja auch Sachen sagt, die sein reales Ich nicht sagen würde.
Wo ist das Problem, dieses Konzept auf ein Blog anzuwenden? Ich seh’s jedenfalls nicht…
@ René: Sorry, ich hab die Geschichte von vor dem Krieg hier nicht reingetragen (read: buhäääää, der da hat zuerst mit Sand geworfen). Okay, zurück zum Thema:
Ich seh da auch kein Problem, was das Konzept der Kunstfigur an sich angeht. Und noch weniger sehe ich ein Problem darin, dieses Konzept auch auf ein Blog anzuwenden. Warum sollte das, was in der plastischen Chirugie und in der Unterhaltungsbranche funktioniert nicht auch in Blogs funktionieren? Ich persönlich hab’ mit dieser “Ich will doch nur spielen”-Haltung kein Problem, seh aber sehr wohl warum andere damit ein Problem haben.
Boogie, das ist ja nun kein Grund. Denn wer ein Problem damit hat in der Öffentlichkeit (mit all ihren Vorwürfen – ob nun gerechtfertigt oder nicht) zu stehen, der sollte sich auch nicht in die Öffentlichkeit stellen.
@ Dr.Sno*: Wir sind da gar nicht auseinander. Ich sagte nur das ich sehe (nicht: verstehe) warum andere damit Probleme haben. Nicht jeder, der sich in die Öffentlichkeit/Netz begibt ist ‘ne alte Rock’n'Roll-Rampensau wie ich. Ich kenn das Spiel. Andere mögen anders ticken.