General Robots

5 Leben

Wir wurden alle im selben Jahrzehnt geboren, alle zwischen 1970 und 1980. Wir alle wuchsen im gleichen Kaff auf. Wir alle besuchten die selbe Schule. Zimmi, Alex, Sascha, Jens und ich. Wir alle gingen auf die selben Parties, vögelten die gleichen Frauen und prügelten uns mit denselben Typen. Wir hörten alle dieselbe Musik und kifften den gleichen Joint. Wie kann es also sein, wie verdammt noch mal kann es dazu kommen, dass wir heute, in dem Alter, dass man allgemeinhin “erwachsen” nennt, nichts mehr gemeinsam haben, abgesehen von unserer Vergangenheit? Wir bogen wohl alle in unterschiedliche Lebensstraßen ab, jeder für sich und an einer anderen Stelle. So sieht’s mal aus.

Sascha.

Mein ehemals bester Freund, mit dem ich wohl die allermeisten Joint gekifft, noch mehr Biere getrunken und hundertmal in die Hecken gekotzt habe, bis ich nicht mehr konnte und wollte. Heute pflegt er als 1-Euro-Jobber den Friedhof, weil er weder Schulabschluß noch eine Ausbildung hat. Arme Sau, jährlich an Kerb betrinken wir uns gemeinsam. Wegen der alten Zeiten.

Alex.

Der straighteste Typ von uns 5. Super reinlich und ordentlich und unheimlich korrekt. Unsere Rocker-Vergangenheit hat uns zusammengeschweißt, neben den drei gemeinsamen Freundinnen und der Prügelei wegen einer anderen. Mit Alex feiern hieß immer die geregelte Abfahrt. 2 Pillen, 2 Lines. Nicht mehr, nicht weniger. Heute ist er Sachbearbeiter bei einer Versicherung und ich habe ihn das letzte mal vor 5 Jahren gesehen. Immer noch unheimlich korrekt, der Alex.

Jens.

Die geschmackloseste Drecksau von uns. Er war die Sorte Typ, die Filme wegen der Schauspieler anschaut, nicht wegen der Regie. Musikalisch… Achwas. Frauen… humm… Schwamm drüber. Aber er hatte aber immer Drogen, und zwar viele. Heute ist er UPS-Fahrer. Und hat immer noch Drogen. Habe ich gehört.

Zimmi.

Der Sack. Er war wohl der extremste von uns. Er feierte grundsätzlich bis nichts mehr ging. Gar nichts. Wir haben ihn schon mit Zuckungen um 11 Uhr morgens vom Tanzboden des Omen aufgekratzt. Zimmi hat vier Autos geschrottet und zwei 80er. Mit Zimmi habe ich Pillen zerbröselt und gezogen und das Nasenbluten einfach weggerotzt. Mit Zimmi haben wir Autos geknackt. Zimmi hat dann 20000 Euro gespart und einen Business-Kurs an einer Business-Schule gemacht und ist heute Berater und fährt nen dicken BMW und hat eine großbusige Schönheit als Frau, die ich, von ihren Titten mal abgesehen, noch nie leiden konnte. Sie weiß es, ich weiß es. Es ist in Ordnung.

Und ich.

Ich hab die ganze Scheiße mit diesen vier Typen durchgezogen und hab mich damit mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht. Ich war konsumgeil, drogensüchtig und link, habe genau deshalb Freunde verloren und daraus gelernt. Ich war faul, habe die Schule geschmissen und mir war das sowas von egal. Dann habe ich ein Einser-Fachabi gemacht. Ich hab mich verkrochen, als H. mir das Herz brach und hab mich morgens um 4 Uhr vor ihrem Haus besoffen auf die Straße gelegt, nachdem ich den Bullen meinen Führerschein gegeben habe. Heute ist Frühling und ich strecke meine Fühler wieder aus. Ich habe den Bankjob abgelehnt ohne Absicherung. Ich wollte ums Verrecken keinen Anzug tragen, ich wollte ums Verrecken nicht mit solchen Lackaffen umgehen. Und da ich schon immer kreativ war und mein Lebensweg wohl genau deshalb alles andere als gerade – ganz im Gegenteil enthält er eine Menge Loopings und Kurven und Ecken und auch abgeschnittene Äste – mache ich heute irgendwas mit Medien. Und bin einen fingerbreit davon entfernt, das zu tun, was man “Verantwortung übernehmen” nennt. Mal sehen, ob ich wieder irgendwann irgendwo abbiege. Mal sehen, wo’s hingeht.

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23 Kommentare

  1. *clap, clap, clap*
    wow.

    1# - andreas - 04. Mai 2006 @ 13:25 Uhr Reply to this comment
  2. Bin auch gespannt, wie es weitergeht.

    2# - Alexander - 04. Mai 2006 @ 13:32 Uhr Reply to this comment
  3. life is a bitch…

    3# - george - 04. Mai 2006 @ 13:38 Uhr Reply to this comment
  4. Bravo, danke!

    Und fahr vorsichtig, René. Aber nicht zu vorsichtig, bisschen Spaß muss ja auch sein.

    4# - diaet - 04. Mai 2006 @ 13:53 Uhr Reply to this comment
  5. Das ist in der Tat Leben! Danke für die Einsicht in Deine Vergangenheit. Wenn ich das so lese und in meine Kreise schaue, dann ist neben mir ebenfalls der “verkorkste” Typ der Brenner unserer Truppe. Das liegt wohl daran ab und an einfach mal den Kopf frei zu machen :grin:

    5# - dfusion - 04. Mai 2006 @ 14:41 Uhr Reply to this comment
  6. Genau so ist es. Der dicke BMW kommt dann nur später, und die vollbusige Schlampe wird dafür umso jünger sein.

    6# - Spork - 04. Mai 2006 @ 15:58 Uhr Reply to this comment
  7. Hm.. Hehe. Die interessante Feststellung, wie seltsam unterschiedlich die Leben von mir und meinen besten Freunden irgendwann verlaufen hab ich auch schon gemacht. Es ist schon sehr sehr interessant, was für extreme sich da aufgetan haben, wie extrem wir auseinander drifteten. Manchmal auch erschreckend.

    7# - Patrick U. - 04. Mai 2006 @ 16:35 Uhr Reply to this comment
  8. …oder du kriegst am Ende einen vollbusigen BMW und eine dicke Schlampe, man weiß ja nie was kommt.

    Hoffen wir mal das Beste. Schöner Text!

    8# - Batz - 04. Mai 2006 @ 17:04 Uhr Reply to this comment
  9. schön! hört sich für mich sehr bekannt an, mann. ich vermisse auch die alten zeiten!

    9# - martin - 04. Mai 2006 @ 17:22 Uhr Reply to this comment
  10. schön geschrieben. rührt einen ja fast zu tränen.

    10# - HerrVegas - 04. Mai 2006 @ 17:25 Uhr Reply to this comment
  11. gut!

    11# - AlexK - 04. Mai 2006 @ 18:27 Uhr Reply to this comment
  12. wenn aus koksnasen staatsanwälte werden und aus dealergattinnen richterinnen ist das schon sehr putzig. ich applaudiere dem leben an diesen stellen des großen films gern für seinen humor.
    für die dickbusigen schlampen bin aber allein ich verantwortlich, darauf lege ich wert. war aber schon immer so. einen bmw fahre ich jedoch nicht.

    12# - malte welding - 04. Mai 2006 @ 18:47 Uhr Reply to this comment
  13. wirklich einer der besten einträge hier …

    13# - Dan - 04. Mai 2006 @ 20:03 Uhr Reply to this comment
  14. sehr sehr schöne geschichte. kennt wohl jeder mehr als genug, diese werdegänge.
    aber das mit den drogen, da bist du schon auch ein ganz klitze kleines bißchen stolz drauf, oder?

    14# - Ben - 04. Mai 2006 @ 20:19 Uhr Reply to this comment
  15. Aber nur ein klitzekleines bißchen ;-)

    15# - René - 04. Mai 2006 @ 20:31 Uhr Reply to this comment
  16. Interessant. Kennt wohl jeder… aber nur wenige würden wohl über sich selbst so authentisch schreiben.

    16# - mucknich - 04. Mai 2006 @ 21:29 Uhr Reply to this comment
  17. boah. also ich …ähm, das ist, das war, ich meine…äh…boah. wahnsinnsartikel.

    17# - nilz - 04. Mai 2006 @ 21:48 Uhr Reply to this comment
  18. Junge Junge – erst dache ich “das liest du nicht – du hast heut noch genug zu tun” aber wenn man anfängt schlägt die Neugier zu. Und der Stil hilft auch beim dranbleiben.
    Ansonsten: du bist nerdcore – du bist krass – du hast was hinter dir – du hast was vor dir (BMW und Titten und so).
    Und: du weisst sicher, das du Glück (?) hattest, das du der von euch 5en bist, der das blogt. Du hättest auch jeder von den anderen werden können. Oder?
    Leben ist doch so.
    Auf jeden Fall – Kompliment

    18# - Peter - 04. Mai 2006 @ 22:15 Uhr Reply to this comment
  19. Einfach köstlich aber auch tiefsinnig. Naja, das Leben ist eben eine Achterbahn, bei deren Wagen sich ab und an die Sicherheitsbügel lösen.

    19# - micha - 04. Mai 2006 @ 22:41 Uhr Reply to this comment
  20. Willkommen im Club.

    Die vollbusige Schönheit wird dann nach der Scheidung mit dem BMW und jeder Menge Kohle abdampfen …

    20# - sven - 05. Mai 2006 @ 11:30 Uhr Reply to this comment
  21. Hehe,
    der Text könnte glatt von mir sein….
    [mit weniger Drogen]

    Tja, so entwickelt sich das eben mit der Zeit….

    Meist ist es der Jung’, der am unzufriedensten ist mit seiner Entwicklung, bzw der, der am sprunghaftesten ist….

    [und meist ist derjenige der, der den grössten Community-Gedanken hat]

    cya
    BLOOD

    21# - BLOOD - 05. Mai 2006 @ 12:24 Uhr Reply to this comment
  22. ohje, das weckt alte erinnerungen.
    sehr schöne geschichte, danke ;)

    22# - micha - 06. Mai 2006 @ 13:10 Uhr Reply to this comment
  23. Dafür hast Du einen Ehrenplatz in jeder Blogroll verdient, Dicker!
    Mutig. Gut. So soll Blog sein.

    Mein Hut.
    Deine Mutter.

    (Soundtrack hierzu vielleicht “Münze des Glücks” von Curse, aber Du hörst ja kein Sprechgesang, aight?! :))

    23# - MC Winkel - 06. Mai 2006 @ 14:04 Uhr Reply to this comment

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