Mein kritischer Antifaschismus

Vor wenigen Wochen machte auf Twitter das Hashtag #IchbinAntifa die Runde. Ich habe nicht partizipiert, denn ich fühle mich nicht als Teil der Antifa. Sie ist für mich „nur“ eine der (selbst)organisierten Ausdrucksformen der Idee „Antifaschismus“ und eine der Konsequenzen dieser Organisation kann ich nicht unterschreiben. Let me explain.

Ich bin Antifaschist, seit mir meine Oma vom Krieg erzählte und ich sie fragte, ob sie damals etwas vom Holocaust wusste. Ob sie den Genozid ahnte. Sie sagte „Nein“ und ich habe ihr nie geglaubt. Die Auslöschung von 6 Millionen Menschen innerhalb einer Gemeinschaft ist nicht möglich, ohne dass diese Gemeinschaft ein Wissen darüber produziert. Geliebt habe ich sie trotzdem.

Die Antifa unterscheidet sich in meinem Bild vom Antifaschismus durch Organisation. Sie ist ein amorphes, nur oberflächlich formalisiertes Gebilde aus hunderten Vereinen und Gruppierungen und Einzelpersonen, in Konzept (und Ausführung!) den Trollen und Anons nicht unähnlich, nur linker und mit mehr Diskurs und runde hundert Jahre älter, als Trolle und Anons. Die Antifa ist die „Exekutive“ der Idee des Antifaschismus und während ich mich als Teil der *Idee* des Antifaschismus sehe, grenze ich mich vom auführenden Teil der Antifa bewusst ab (laufe aber manchmal bei Demos mit. Der Balance-Akt dieses Stück Textes deutet sich hier bereits an.)

Denn die amorph selbstorganisierte, „ausführende Antifa“ bedeutet für mich auch die *bewusste Entscheidung zur moralischen Grenzüberschreitung*, um eine dezentralisierte Gegengewalt zur inhärenten Gewalt des Faschismus zu produzieren. Das Ziel des Antifaschismus ist die Produktion von Angst vor der Organisation des Faschismus und diese Produktion von Angst erfordert Gewalt. Und da sich die Gewalt des Faschismus (zu Beginn seiner Organisation) außerhalb der gesellschaftlichen Moral bewegt, agiert die Antifa im gleichen Rahmen und setzt dieser Gewalt am ideelen Entstehungspunkt einen eigenen, ebenso außermoralischen Gewaltbegriff entgegen. Die Antifa bedeutet für mich damit die Auflösung von Poppers Paradox der Toleranz in einer Entscheidung von Wenigen zur Militanz.

Und genau diese Entscheidung kann ich für mich nicht treffen. Ich habe aber tiefsten Respekt vor ihr (und fürchte leider auch, dass die allerwenigsten, die von sich behaupten #ichbinantifa zu sein, diese Entscheidung jemals bewusst oder unbewusst getroffen haben. Organisierter Antifaschismus enthält nämlich zwingend den militanten, gewaltbereiten Arm, auch wenn dieser nur einen Bruchteil der Antifaschisten ausmacht.)

Ich kann diese Entscheidung zur Militanz auch deshalb nicht treffen, weil ich es nie musste. Ich bin nicht in einer „national befreiten Zone“ im Osten aufgewachsen, mich hat noch keiner als „Zecke“ beschimpft und ich wurde nie von Naziskins durch mein Kaff gejagt. Ich kenne zwar die Gewalt des Mobs und der Bullies (recht genau sogar), aber die spezifische Gewalt des Faschos ist mir nie begegnet. Viele Antifa-Aktivisten suchen sich ihre Rolle nicht aus – ihre Entscheidung kann ich für mich zwar dennoch nicht treffen, meine Solidarität ist ihnen aber sicher.

Mein Antifaschismus funktioniert daher anders. Wo die Antifa eine kompromisslose Ausgrenzung des organisierten Faschismus auch durch Gewalt anstrebt, ist meine Ausgrenzung spielerisch und bietet Raum für Re-Integration unter ganz bestimmten, formal engen Voraussetzungen. (Man kann mir das übrigens von links prima zum Vorwurf machen, wenn man nur fundamentalistisch genug drauf ist [genauso wie mein Wischiwaschi hier von beiden Seiten kritisiert werden kann – absurderweise aus demselben Grund: weil nicht konsequent genug. Ich bin aber nicht bereit, mich von irgendeiner Seite in irgendwelche Richtungen pushen zu lassen, ich halte meine differenzierende Herangehensweise aus durchaus hartlinker Perspektive für richtig. Und ich bin mir dabei natürlich in keinster Weise sicher, ob mein Weg der richtige ist. Aber wer ist das schon.])

Deshalb muss man über diese bewusste Entscheidung zur moralischen Grenzüberschreitung reden und was sie bedeutet: Gewalt gegen Personen halte ich für grundsätzlich falsch und auch wer mit Buttersäure eine Bude vergiftet, begeht eine Grenzüberschreitung, die massiv zu weit geht und nicht nur kritisiert werden muss – und zwar VOR ALLEM von der Linken.

Hier sehe ich meine Rolle als Antifaschist: Moderation und Kritik der automatisch emergierenden, außermoralischen Gewalt der Antifa in Zeiten, in denen sich die technisch/medialen gesellschaftliche Vorzeichen der Gesellschaft und damit auch der Blick auf diese Gewalt ändern.

Wenn ich nun diese ambivalenztolerante Haltung auf, zum Beispiel, die Proteste gegen den Auftritt des Antaios Verlag auf der Buchmesse anwende, ergibt sich folgendes Bild:

Das Management der Buchmesse hätte den Auftritt des Verlags mit juristischen Mitteln meines Erachtens nicht verhindern können; es ist die Messe einer Berufsvereinigung. Damit allerdings wussten sie von Anfang an, dass es zu Protesten kommen würde und der Versuch, die Lage mit dem Stand der Antonio Amadeu Stiftung zu kontrastieren, hat diese Proteste noch einmal verschärft. Die Eskalation der Proteste war logisch und ihr Mismanagement ist der Organisation anzulasten.

Gar nicht mal so absurderweise halte ich die Eskalation der Proteste auf der Buchmesse allerdings für *normal*. Vor allem Angesichts realer Gewalt vor Ort, rechtsradikalen Sprüchen gegenüber Besuchern mit Migrationshintergrund und Einschüchterungsversuchen durch Faschos.

Die Konfrontation der Antifa und Kubitschek kann man sich auf den Filmaufnahmen in der Doku „Die Rechte Wende“ ab Minute 2:30 ansehen. Was man da sieht, sind zwei Männer, die Erfahrung mit Gewalt haben. Kubitschek sagte in einem Interview: „Hools sind unsere Leute“, der kennt Gewalt. In dieser Situation ist die Gewalt immer präsent, immer Option, von der Seite des Punks der Antifa und von der Seite von Kubitschek, die Gewalt ist immer ganz bewusst im Spiel – und genau deshalb wird sie nicht ausgeführt. Die angedeutete Gewalt bleibt Symbol und wird so zum Teil *legitimen Protests*.

Die Situation *kann* in diesem Moment kippen, das tut sie aber nicht. Conflict like a pro. Ich kann an den Buchmesse-Protesten der Antifa alleine betrachtet nichts kritisieren. (Abgesehen vom Bücherklau in der Nacht zuvor. Like, really? Und das Protestschild „Das ist keine Literatur“ ist nur ein Offenbarungseid, der vor allem die eigene Hilfslosigkeit illustriert, dazu aber ein anderes mal. Der Typo-Remix am Display des Antaios-Stand war dagegen 1a!)

Die Antifa erfüllte mit diesen Protesten nur ihre gesellschaftliche Aufgabe: Die Benennung eines nicht-normalen Zustandes – ein rechtsradikaler Verlag mit antidemokratischen Bestrebungen auf der Buchmesse, dessen Bücher stellenweise offen Bürgerkrieg propagieren. Der Protest der Antifa auf der Buchmesse und auch ihre Eskalation war ein Nobrainer.

Selbst die Durchbrechung einer Absperrung durch einen bekannten Linken von Die Partei, der dann von Sicherheitskräften gestoppt wurde, erachte ich noch als „normale“ Eskalation. Ein bisschen Tumult auf der Buchmesse, ein bisschen Moshpit, who cares. Niemand ist aus Zucker, kein Rechter, kein Linker, kein Leser, kein Schreiber, und ein solches Gerangel müssen Rechte hinnehmen, genau wie die Leitung der Buchmesse. Auch sie muss, wenn sie den Rechten ein Forum bietet, den Tumult ertragen können. Der Tumult ergibt sich logisch aus unserer eigenen Geschichte und erst seine Abwesenheit würde mir Sorgen bereiten.

So ungefähr hätte eine Standard-Kritik der Antifa auf der Buchmesse aussehen können: „Gewalt ist kacke, Protest wichtig, Bücher klauen Euer ernst? Bisschen Eskalation geht immer und Kritik ist nötig, wisst ihr selber“. Dann aber haben ein paar Medienclowns in den Sozialen Medien gelogen dassdieschwartekracht und mit einer Arroganz auf Kritik reagiert, dass ich ein bisschen brechen musste. Eine Standard-Kritik der Antifa war danach praktisch nicht mehr möglich, da die Clowns mit ihren Lügen eine Anti-Antifa-Meme initiierten, die jede differenzierte Analyse verhinderte. Danke Jan, Danke Nico, Danke Leo. Very bad Job.

Worauf ich hinaus möchte: Der Antifaschismus ist ein Prinzip, das sich in unterschiedlichsten amorphen Organisationsformen äußert, unter anderem in einem militanten Arm. Diese Organisationsformen erforden individuelle Kritik und diese ist essenziell für das Gelingen des Antifaschismus, eine notwendige Bedingung, denn er bewegt sich ebenso prinzipiell stellenweise außerhalb des moralischen Handlungsrahmens.

Deshalb schreibe ich über neue memetische Eskalationsformen, die auch die Antifa nicht auf dem Schirm hat und die aufgrund neuer Bedingungen eine Menschenjagd bewirkt. Ich kritisiere die Antifa dann, wenn es nötig ist. Und Buttersäure macht Kritik nun einmal nötig, lügende Clowns auch, Menschenjagden sowieso und von den Haltungen innerhalb so mancher Gruppierung fange ich lieber erst gar nicht an (zumindest jetzt nicht). Aber all das ist Standard-Kritik. Die Verurteilung von Gewalt ist ein Nobrainer. Die Verurteilung der Lüge ist ein Nobrainer. Die Verurteilung von totalitären Ausprägungen des Linken ist ein Nobrainer.

Ein Tumult auf der Buchmesse juckt mich aber nur wenig, genauso wie Farbbeutel oder lauter Protest. Von der Eskalation der Gewalt auf den G20-Protesten habe ich mich distanziert – was allerdings nicht bedeutet, dass ich auch diese spezifische Gewaltform nicht differenziert betrachte und die stellenweise lokal unterstützte, symbolische Raumeroberung, die im Hinblick des Symbols „G20“ für zwei Tage eben auch den Gegenentwurf zum Gipfel erschuf, nicht von Kritik ausnehme. Gewalt ist komplex.

Antifaschismus bedeutet für mich die Einheit seiner amorphen, selbstorganisierenden Form (Antifa inklusive ihres militanten Arms) und ihrer komplementären Kritik, der Moderation des radikallinken Gewaltpotenzials, das sich genauso wenig verhindern lässt, wie das amorphe Gewaltpotenzial der radikalen Rechten.

Deshalb sehe ich mich nicht als Teil der Antifa, sondern als Teil ihres kritischen Gegengewichts innerhalb des Antifaschismus. Denn auch die Antifa hat in der von diesen neuen Medien verursachten Allsichtbarkeit jede Kritik bitter nötig. Ich bin ein sympathisierender, antifaschistischer Kritiker der Handlungen der Antifa unter neuen medial-gesellschaftlichen Vorzeichen.

Und da sich meine ambivalenztolerante Haltung zur Antifa in großen Teilen auf moralische Standards bezieht, bin ich mit dieser Haltung in der Lage, die Antifa-Auftritte etwa in Berkeley, G20, auf der Buchmesse oder beim IB-Haus in Halle sowohl zu kritisieren, als auch zu verteidigen. Mit einer Verurteilung der Gewalt selbst und einer Verteidigung der Struktur, die zu ihrer Emergenz führt. Das ist dann mein Paradox, mit dem ich leben muss.

Denn eins ist klar: In einer Welt, in der Faschismus existiert, muss auch Antifaschismus existieren in all seinen Ausprägungen – oder wir sind alle gefickt.