Wie ich mal mit einem Nazi um seine Gesinnung golfte

04.12.2017 Misc #Nazis #Storys

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Ich habe mal mit 'nem Nazi um seine Gesinnung gegolft und das kam so:

Eine Arbeitskollegin hatte sich verlobt und ein paar Leute eingeladen für ein kleines Fest mit Familie. Sie war allseits beliebt, coole wuchtige Mutti zum Pferdestehlen, immer mit 'nem unverschämten Spruch auf den grinsenden Lippen, kleine, listige, hellwache Augen.

Die Feier war auf einem gemieteten Hausboot und der Verlobte meiner Kollegin war ein Nazi.

Der sei ein harmloses Hemd, hatte sie gesagt, aber es haben bereits Kollegen abgesagt deshalb, sie wüsste nicht und – wie gesagt – andere hätten sich abgewendet und ihre Unsicherheit und sie fragt trotzdem. Sie würde sich freuen.

Ich wollte ihr den Gefallen tun, auch wenn ich an diesem Wochenende mit einem Freund nach Kassel ins Stammheim fuhr. Eins, zwei Bier vorher auf ner Verlobungsfeier abgreifen und einen Fascho beglotzen ging aber. Ich fragte C, was er dazu meinte. Er meinte „ok“.

Ich sagte zu und begab mich mit meinem Kumpel zur Feier auf dem Hausboot mit dem Nazi, um zur Verlobung zu gratulieren und was man so macht bei diesen Gelegenheiten.

In der südhessischen Provinz, in der Ecke wo ich herkomme, gab es damals nicht sehr viele Nazis. Man kannte welche, aber sie waren selten, alles fest in der Hand der SPD, Arbeiterkäffer voller Sozen und die schlimmsten waren unpolitische Drogen-Hools, die mal auf Speed gewaltgeil wurden und random Leute verdroschen. Meine Leute. (Ich hab’s versucht ihnen auszureden aber man ist ja nicht immer dabei und hört’s dann trotzdem weil Gang ist Gang und dann muss man die so hart provozieren, dass man selber auf’s Maul kriegt damit sie’s raffen, aber das ist eine andere Geschichte; Gewalt ist komplex.)

Als wir beim Hausboot ankamen war es dunkel und der Nazi scheinbar harmlos, so alleine mit seiner Verlobten und der Familie auf dem Hausboot. Freundlicher, offener Typ, grinst, Kollegin daneben, die Familien und eine handvoll Freunde auf Bierbänken an Pressspan-Tischen. Ich grinse zurück und frage, wo das Bier ist.

Das Boot hat eine zweite Etage, dort befand sich eine einfach Küche, zehn aufeinandergestapelte Bierkästen, zwei oder drei Stühle und ein Billardtisch. Auf dem lag aus Gründen, die mir nicht klar sind, ein Golfschläger, aber keine Queue.

Kollegin und ihr Typ setzen sich auf Stühle, ich nehme zwei Bier aus den Kästen, reiche eins meinem Buddy und mir wird klar:

Das wird jetzt awkward. Der weiß, dass ich weiß, dass der ein Nazis ist und ich weiß, dass der weiß, dass ich weiß, dass der ein Nazi ist. Was sagt man da? „Hey, Nazi, deine Braut ist cool und ich hab mit ihr mal den Doktor Technische Leitung im dritten Stock verarscht so wie keiner, aber Dich, Dich mag ich nicht, denn Du bist ein Nazi!“ Oder lieber „Mein Kumpel ist Russe, willst Du den rausschmeißen? Versuch mal!“

Ich könnte mich natürlich mit meinem Bier an den Billardtisch lehnen und sagen: „Du Kronprinz des industrialisierten Genozids, Botschafter der Kälte und des bürokratischen Hasses! Halt Dein Maul! Kein Wort will ich hören. Keine Minute, keine einzige Sekunde, keinen Laut, keinen einzigen Ton, nichts davon, nichts will ich von Dir hören. Nur und ausschließlich des Abends und der Freundschaft zu Deiner Verlobten Willen verkünde ich hiermit einen halbstündigen Frieden mit Dir, Du Ficker des Todes!“

Ich könnte den Nazi natürlich auch vollständig ignorieren, was auf einer Verlobungsfeier wohl die ultimative Kränkung wäre, aber meine Erziehung ist besser, als man allgemein annimmt. Die Umstände der familiären Umgebung, der am Ende doch intimen Feier verbieten das. Das Soziale will es.

Und man kann das nicht einfach kurz klären. Wenn man das tut, wird es laut und rot. Immer.

Ich denke also „WTF“, nehme den Golfschläger, klettere auf einen Stuhl und auf den Billardtisch, lege die weiße Kugel vor mich hin und sage zum Nazi, der genau weiß, dass ich weiß, dass er ein Nazi ist: „Wir golfen jetzt um Deine Gesinnung!“

„Wenn ich die Kugel dreimal reingolfe, wählst Du die Grünen.“ Der Nazi sagt „okay“, trinkt sein Bier und grinst. Alle lachen konsterniert. Alle sind gespannt.

Die erste mach’ ich rein – „Oho“ „aha“! – es wird gelacht und getrunken und alle haben Spaß, die Kollegin, ihr Nazi, die beste Freundin, der Kollege auf’m Billardtisch (ich), sein Kumpel, der im Hintergrund steht und still lächelt. Die Alten sitzen unten und schieben sich Sachen zu, dein Haus mein Haus alles für die Zukunft unserer Kinder etc usw.

Die Kollegin legt die Kugel wieder auf den Tisch und ich visiere an. Ich bin eher mittelgut in Minigolf, aber die Entfernung vom Ende des Billardtisches zur linken Ecktasche ist eine grade Strecke. Die zweite trifft ebenfalls – nur noch „Oho“.

Keiner sagt was, halb belustigte Spannung liegt in der Luft: Wenn ich treffe, wählt der dann wirklich die Grünen? Was sagt der denn dann? Was sagt sie denn dann? Wie stelle ich denn meinen Gewinn sicher? Soll ich dem etwa vertrauen? EINEM NAZI? Verarscht der mich? Was für eine dumme Frage. Natürlich verarscht der mich, genauso wie ich ihn. Und was sagt der Nazi denn, wenn er mich verarscht und verliert? „Heil Hitler, ich wähle trotzdem NPD“? Und was antworte ich dann auf sowas? Soll ich ihm mit dem Golfschläger einfach den Schädel zertrümmern?

Die dritte Billardkugel landet nicht in der Ecktasche. Ich weiß nicht mehr, ob absichtlich oder nicht. Die Entfernung ist eigentlich zu kurz, das Einlochen zu einfach. Ich glaube, ich wollte den Nazi nicht manipulieren, denn das wäre ideologischer Beschiss. Wenn ich einen Nazi zum Nicht-Nazi mache, dann nicht mit einem billigen Trick. Vielleicht hätte ich es trotzdem tun sollen, einfach einlochen, bescheißend gewinnen, einfach manipulieren, ob’s klappt oder nicht. vielleicht war ich auch schon zu betrunken zum golfen.

Vielleicht hat er ein Flüchtlingsheim angezündet. Vielleicht hätte er das nicht gemacht, wenn ich die scheiß Kugel reingemacht hätte. Vielleicht hätte er dann aber wegen des ideologischen Betrugs drei angezündet. Vielleicht sind sie verheiratet jetzt und haben Kids und vielleicht ist ihm ganz von selbst eingefallen, dass seine Ideologie Fake ist. Ich weiß es nicht.

Manchmal stelle ich mir vor, wie er sich in der Wahlkampfkabine an den Irren auf dem Billardtisch erinnert und möglicherweise darüber nachdenkt, dass eine rechtsradikale Partei vielleicht doch keine gute Wahl ist. Weil da einer fair gespielt hat. *Sure.*

Wir trinken drei Bier, ich rede mit Mutter und Vater von Frau Kollegin, lobe die Tochter und sage, sie ist 'ne gute und sie bringt es in der Zeitung sicher noch weit, die kann was, sie hat ja auch ein sehr gutes Gefühl für Typographie und ihr Zehnfingersystem ist 1a. Aber den Typen sollten sie lieber im Auge behalten. Lachen, trinken, prosten, Nazi lacht auch, ich guck ihn scheel an.

Wir verabschieden uns und während ich mit C zum Auto laufe, denke ich: Immerhin habe ich was neues versucht, immerhin habe ich die Situation so improvisiert, dass alle ein ehrliches Spiel spielen konnten, sogar der Lügner. Immerhin. Vielleicht hätte ich doch nicht zusagen sollen. Vielleicht war es das richtige. Vielleicht habe ich gewonnen, vielleicht nicht. Es bleibt: Zweifel.

Dann fahren wir weiter zum Feiern nach Kassel und schmeißen die erste Pille. Die feiern auch weiter.

Und so habe ich einmal im zweiten Stock eines Hausboots auf einem Billardtisch mit 'nem Nazi um seine Gesinnung gegolft. True story.