Homo Digitalis: Emo-Überwachung am Arbeitsplatz und die ewige Jugend (Werbung)

In ihrer neuen 7teiligen Webserie Homo Digitalis stellt der Bayerische Rundfunk die Frage nach der Zukunft des Menschen und zeichnet ausgehend von State-of-the-Art-Tech und Science das Bild einer Spezies, die immer mehr mit Maschinen verschmilzt.

Die Zukunft der Arbeit – digitales Glück am Arbeitsplatz

Die sechste Folge zeigt uns die Zukunft der Arbeitswelt und behandelt Fragen der Automatisierung und Überwachung.

Die Überwachung des Arbeitnehmers hat ihren Ausgangspunkt in der Erfassung der Arbeitszeiten, die alleine schon aus pragmatischen Gründen in der Vergangenheit nötig war. Tarifverträge haben sie für viele Branchen überflüssig gemacht, aber die neueste Generation der Arbeitnehmerüberwachung geht weit darüber hinaus: Es geht um die Überwachung von Emotionen und die Herstellung des „maximal glücklichen Arbeitnehmers“, der sich aufgrund seiner hergestellten Glücklichkeit maximal gut in den Betrieb einfügt. Marx hätte Spaß.

Ich bezweifle, dass sich die Überwachung der Emotionen von Arbeitnehmern in der Breite durchsetzen kann – ich sehe keinen großen Nutzen dieser Überwachung für die meisten Jobs. Ob ein glücklicher Lagerarbeiter schneller Regale einräumt, halt ich zumindest für fragwürdig und ich bevorzuge zwar einen glücklichen Zahnarzt, behaupte aber, dass das keinen nennenswerten Einfluß auf seine Produktivität hat.

Es gibt allerdings einige Jobs, für die diese Form der Überwachung eine große Rolle spielen könnte: Trader an den Börsen etwa (wobei die vorher bereits von Algorithmen verdrängt werden) oder, und die Implikationen werden hier besonders deutlich, Lehrer. Die Überwachung von Emotionen am Arbeitsplatz macht die Gefühle des Arbeitnehmers zum Tool in beide Richtungen. Der Arbeiter lernt, die Überwachung zu überlisten, Gefühle vorzutäuschen, der Arbeitnehmer passt sich den neuen Bedingungen an – und der Arbeitgeber optimiert seine Belegschaft hinsichtlich ihrer emotionalen Belastbarkeit, die auf verfälschten Daten basieren können. Emotionen werden zum Kapital. Die Gefahr liegt hier nicht alleine in der Überwachung der Emotionen, sondern in Datenleaks und Hacks. Man stelle sich eine Datenbank der Emotionsprofile aller berliner Lehrerinnen auf Krautchan vor, there you go. Keine schöne Vorstellung.

Neben der Überwachung stellt die Folge dann selbstverständlich auch die alte Frage, ob Roboter unsere Arbeit ersetzen werden. Vollständig oder nur ein bisschen? Kreative Arbeit genauso wie mechanische Arbeit?

Tech-Psychologe Bertold Meyer von der TU Chemnitz erzählt dazu mal wieder das alte Märchen der Substitution, dass also alte Arbeit durch neue ersetzt wird, selbst wenn diese neue Arbeit automatisiert ist, da die Automatisierung selbst neue Arbeit erfordert (Programmierung, Wartung, etc).

Im Gedankenexperiment landet man damit sehr schnell bei 1 Machine und 1 Programmiererin, die zusammen alle andere Arbeitsvorgänge durch Delegation an weitere Maschinen erledigen können. Eine vom Menschen programmierte und gewartete Supermaschine, die alle anderen spezialisierten Maschinen baut.

In der Praxis wird diese „perfekte Automatisierung“ nicht zu erreichen sein, aber sie ist weder auszuschließen noch unwahrscheinlich, im Gegenteil: Durch Synergie-Effekte verschiedener Automatismen können jetzt schon Arbeitsvorgänge automatisiert werden, für die sich eine direkte Automatisierung nicht lohnen würde. So wird etwa die Kassiererin an der Kasse nicht durch einen Roboter an der Kasse ersetzt, der immer noch mechanische Zahlen eintippt, sondern durch ein System aus automatischem Kassen- und Lagersystem, automatisierte Regalbefüllung und Preisauszeichnung und nicht zuletzt durch delegierte Arbeit an den Kunden selbst. Diese vollautomatisierten Supermärkte mit minimaler menschlicher Belegschaft sind bereits im Experimentalstadium – eine vollautomatisierte, einsatzfähige Sneaker-Fabrik wird im Moment bereits gebaut und zwar nicht im Silicon Valley, sondern in einer „Speedfactory“ in Bayern.

An die Ersetzung aller Jobs durch neuartige Jobs glaube ich nicht, allerdings auch nicht an die Ersetzung aller Jobs durch Automation. Die oben beschriebene Automatisierung eines Supermarkts lohnt sich mittelfristig für Konzerne, nicht aber für meine Bäckerin um die Ecke, denn ihr Automations-Potential ist bereits durch Franchising erreicht, sie bezieht ihre Brötchen aus einer mindestens teilautomatisierten Großbäckerei.

Allerdings habe ich auch mal ein Stück Metal in einem Lieferwagen von Darmstadt nach Stuttgart zu einem großen Autohersteller transportiert. Es war nicht mehr als ein handliches Paket, auch nicht besonders schwer, dennoch benötigte es vor 20 Jahren noch einen kompletten Arbeitstag bei Gebrauch eines kompletten Lieferwagens und einer kompletten Tankfüllung um ein Stück Metal von Darmstadt nach Stuttgart zu fahren. Regulierung des Dronen-Luftraums vorausgesetzt: Schon bald wird sowas zu einem Bruchteil der Zeit und Kosten erledigt.

Das Problem neuartiger Automatisierung besteht nicht darin, einen mechanischen Vorgang komplett durch Automatisierung zu ersetzen (wie während der Industrialisierung, als etwa der Hammerschlag durch eine Maschine und Laufband ersetzt wurde), sondern die Produktivität *aller* Formen der Arbeit (mechanische, geistige, kreative) wird soweit erhöht, dass diese durch eine handvoll Menschen erledigt werden können. Selbst kreative Arbeiten bleiben hiervon nicht verschont.

Ob ein Grundeinkommen darauf die Antwort ist, bezweifle ich (auch wenn mir keine andere Lösung einfällt) und kann mir beim besten Willen keine Menschheit vorstellen, die in Töpferarbeiten ihre hippieske Bestimmung findet. Möglicherweise brauchen wir eine virtuelle Arbeitssimulation mit motivierenden Gaming-Elementen, möglicherweise haben wir diese bereits erfunden und die Auswirkungen davon sind nicht abzusehen.

Die Zukunft der Gesundheit – Ewige Jugend

Die siebte und hier zuletzt vorgestellte Folge schließlich handelt von der Zukunft der Gesundheit und nicht weniger als dem ewigen Leben.

Das „ewige Leben“ halte ich für Mumpitz, auch ein Upload des Bewusstseins wird nicht funktionieren – wir wissen bis heute nicht, was das sein soll, wie es sich zusammensetzt, ob es überhaupt zusammengesetzt ist, was überhaupt hochgeladen werden soll.

Was allerdings möglich wird, ist eine Annäherung und eine weitere Steigung der Lebenserwartungen. Die realistischeren Schätzungen, die ich hier gesehen habe, erwarten eine zukünftige Lebenszeit von circa 160 Jahren, langfristig geht da vielleicht sogar mehr und alleine eine weitere Steigerung der Lebenserwartung wirft bereits genug Probleme auf, angefangen bei Überbevölkerung. Der Elefant im Raum ist allerdings nicht der Mumpitz vom Ewigen Leben, sondern die Crispr-Methode für DNA

Die Manipulation unserer eigenen Gene erlaubt die Minimierung von Krankheit und die Optimierung des Körpers hinsichtlich noch zu bestimmender Kriterien.

Bauen wir Menschen, die eine Tonne heben können? Oder welche, die besser sehen, als alle anderen? Dürfen wir das? Hat denn keiner hier den SciFi-Film Gattaca gesehen? Oder belassen wir es bei optischen Mensch-Ausdrucksmitteln? Die Wahl der Augenfarbe des Kindes optional gegen Einmalzahlung per Paypal? Haarfarbe gratis als Schnupperangebot? Einhorn-Ausstattung für Bio-Cosplayer via Download für den Eizellen-Printer?

Zuletzt zeigt uns die Folge noch Organe aus Bio-Druckern, die das Ende von Wartelisten für Organtransplantationen und langfristig das Instant-Ersatzteillager für den menschlichen Körper versprechen.

Ich halte alle diese Entwicklungen (minus „Ewiges Leben“) für extrem realistisch, die Technologien befinden sich alle mindestens im Experimentalstadium und mich beunruhigt daran weniger die Editierbarkeit des Menschlichen, sondern vor allem die Kosten und die daraus resultierenden Folgen einer klassistischen gesellschaftlichen Spaltung in „Optimierte“ und „Nicht-Optimierte“.

Diese Szenarien halte ich für sehr viel wahrscheinlicher, als alle Virtual Realities zusammen – wobei die Kombination digitaler Immersionstechnologien mit Gentechnik, also die genetische Optimierung auf die digitale Illusion, am wahrscheinlichsten ist. 20 Finger für Touchscreen-Excellence? Not a problem, 20k bucks its yours.

Schöne neue, totaleditierbare Welt.

Homo Digitalis – Alle Folgen

  1. Die perfekte Freundin
    Sind echte menschliche Beziehungen bald obsolet? Begegnen wir unseren Freunden künftig nur noch virtuell? Wie reagiert Helen Fares, wenn sie statt ihrer Freundin einem Hologramm gegenübersteht?
  2. Upgrade für dein Gehirn
    Auch unsere Körper und Gehirne lassen sich inzwischen technisch aufrüsten. Wer sich einen Chip ins Gehirn pflanzen lässt, kann seine Denkfähigkeiten enorm erweitern. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Maschine.
  3. Der digitale Höhepunkt
    Führt das Leben in der digitalen Welt dazu, immer weniger Sex zu haben? – Eine aktuelle Studie bestätigt diese These. Roboter könnten hier Abhilfe schaffen. Wie fühlt sich das an – Sex mit einem Roboter?
  4. Ewige Jugend
    Würdest Du deinen Körper tunen, ein Cyborg werden oder deine DNA hacken, um dein Leben zu verlängern? – Was nach Science Fiction klingt, ist teilweise schon Realität. Auch Helen Fares lässt mit sich experimentieren.
  5. Der virtuelle Kick
    Wer in der echten Realität schon alles ausprobiert hat, könnte in der virtuellen noch Aufregendes entdecken: als Superstar, als Extremsportler oder indem man in einen anderen Körper eintaucht.
  6. Digitales Glück am Arbeitsplatz
    Machen Maschinen und Roboter uns bei der Arbeit effizienter und letztlich auch glücklicher? Tatsächlich können Computer lernen menschliche Gefühle und Wünsche zu erfassen. Das müsste wunschlos glückliche Arbeitnehmer zur Folge haben.
  7. Eine neue Spezies Mensch
    Die digitale Revolution verändert uns Menschen nachhaltig – körperlich und geistig. Wie lange gehören wir bei diesem rasanten Fortschritt noch der Spezies Homo sapiens an? Hat nur der Homo Digitalis eine echte Überlebenschance in der Zukunft?

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