Dornröschen geht's super, aber Medien sind Internet

Ich wälze grade rund hunderttausend Worte, die ich mir im letzten halben Jahr notiert habe und es nimmt Formen an, sorry, dass das so lange dauert. Aber bevor ich mich Buchmessen und den verlogenen Debatten um Gedichte und Tittenbilder widme, möchte ich auf einen schönen neuen Fall von memetischer Rightwing-Outrage hinweisen, eine ganze Menge heißer Luft um nichts, gezielt geschürt von Mainstream-Medien.

Seit ein paar Tagen wird die Story um eine Frau herumgereicht, die findet, das alte Märchen vom Dornröschen würde Knutschen ohne Zustimmung, also übergriffiges Verhalten promoten. Ich stimme ihr nicht zu, ich finde ihre Haltung lächerlich und wäre es eine Forderung einer politischen Vertretung, würde ich der Outrage möglicherweise zustimmen und das wäre dann auch in der Tat eine Meldung. Aber das ist nicht, was hier passiert.

Was hier passiert: Ein Journalist hat verschiedene Monitoring-Tools, um Social Media auf Keywords zu überwachen. Soweit ich das zurückverfolgen kann, wurde die Story zuerst von der „Sun“ lanciert und im Falle der, sagen wir mal, eher konservativen „Zeitung“ dürften die Journalisten eine Menge Leftwing-Outrage-Keywords überwachen. „Ban“ zum Beispiel. Also findet irgendein Journo irgendjemanden, der irgendwo irgendwas zensieren will und macht aus dieser Einzelmeinung eine globale Story. Der Originaltweet hat bis heute nur 54 Retweets und 78 Likes – dafür aber 687 Replies, zum Beispiel diese hier:

Diese Dornröschen-Story ist keine News, das ist kein Journalismus – das ist Exploitation auf dem niedrigsten Level. Einzelmeinungen werden von Bad Actors zur politischen Meme aufgeblasen und es funktioniert. Clickbaiter hetzen Feministen und Antifeministinnen aufeinander und alle spielen mit, weil es ist ja auch ein geiles Game, die Outrage. Das neue Normal, bin begeistert.

(Und um einer Diskussion um den erweiterten Kontext zuvorzukommen: Ja, der Text von Pipi Langstrumpf wird geändert und nein, ich habe damit kein Problem für Neuausgaben und ja, ich habe ein Problem damit, den Original-Text auch aus Archiven zu verbannen, weshalb ich einer Änderung des Pipi-Langstrumpf-Texts für die kommerzielle Auswertung zustimme, aber die Zensur in Bibliotheken und Archiven ablehne. Ja, das geht, so ne Haltung kann man haben, is gar nich so schwer.)