Der Tyll vom Kehlmann

Kehlmanns Eulenspiegel ist ein Dieb, ein Lügner, ein richtiges Arschloch, ein Schelm, Possenreißer, Narr. Ein Dämon ist er, ein Hasardeur, ein Verräter, ein vergessenes Kind auf der Flucht durch die Zeit und ein Waldgeist mit blutigem Eselskopf, der durch die Jahrhunderte spukt. Das Buch handelt nur gar nicht vom Eulenspiegel, auch wenn sein Vorname, der gleichzeitig die Weisheit und die Ankunft des Bösen symbolisiert, in großen orangenfarbenen Lettern auf dem Cover steht. Kehlmanns Buch handelt vom Unsinn des Kriegs, des Glaubens und des Tods.

Am Anfang schmeisst der Knecht den Sohn des Müllers in den reißenden Mühlbach, wo er nur knapp dem Tod entgeht, während Friedrich, der Winterkönig, die böhmische Königskrone annimmt. In Prag werfen die Protestanten die Statthalter des Kaisers aus dem Fenster und der Dreißigjährige Krieg bricht aus. Als der Müller nun wegen seiner alchemistischen Studien und dem Interesse an Sternen von der Kirche gefoltert und hingerichtet wird – vom guten Henkermeister Tilman, der macht, dass es auch wirklich ganz schnell geht – und bevor die Gelehrten und die Pfaffen nun auch noch den Tyll erwischen, rennt der mit der Bäckerstochter Nele davon.

Von 'nem Gaukler lernen sie das Jonglieren, sie ziehen durchs Land und ab hier stürzt sich das Buch in die Geschichte, das Mittelalter flackert immer wieder durch mörderische Kriegsszenarien, der Tyll erscheint mal als geisterhafte Legende, mal als geschundener Soldat und dann wieder als der Narr am Hof. Er ist auch nicht wirklich der Protagonist des Buchs, das ist Lyz: Die Prinzessin der englischen Krone, ein Character-Mashup aus Elisabeth „Sissi“ von Österreich-Ungarn und Queen Elizabeth I. Als Leser verfolgt man vor allem ihren sie, begleitet von falschen Gelehrten, untalentierten Dichtern und ihrem Troll, auf dem Weg von einer einfältigen Aristokratin zur verarmten, aber ausgebufften Politikerin.

Natürlich beschreibt Kehlmann nichts davon in klassischen Settings des Historischen Romans, sein Tyll springt munter durch die Jahrhunderte, das Buch gleicht einer Kurzgeschichtensammlung mit rotem Faden und verschachtelter Chronologie, die Story vermengt Eulenspiegels Malerei mit politischen Sondierungsgesprächen und epische Schlachtenszenen mit Hardcore-Splatter, der legendäre Streich auf dem Seil über Braunschweig mit den Schuhen im Fluss wird hier zur eskalierenden Dorfschlacht mit Todesfolge, auf den Schlachtfeldern platzen die Köpfe und das Blut fliesst, dass es mir als Horror-Head eine wahre Freude ist. Und über allem schweb der Tyll als übermächtiger, genauso vertrauenswürdiger wie hinterlistiger und auch unheimlicher Geist. Hätte ich so nicht erwartet, Kudos, Kehlmann!

Am wunderbarsten aber finde ich die Evolution des Geistes, die durch das Buch schwingt. Die ersten Seiten begehen sich in mittelalterlichem Aberglauben voller Alraunen und der bösen Hexe im Wald, im Verlauf der Geschichte lernen wir immer mehr Unsinn kennen, der sich im Laufe der Jahre dann aber auf seltsamen Wegen neu gestaltet, umgestaltet, Formen annimmt und in dem sich eine Struktur den Weg bahnt, die man als den Beginn von Wissenschaftlichkeit deuten könnte, in Sprache und Material. Zum Ende des Romans kulminiert diese Evolution des Wissens in den ausschweifend formulierten Protokollen der Aristokratie und Politik – denen die Sissi und ihr Narr am Ende eine lange Nase machen.

Speziell diese Facette macht den Roman für mich zu einem der besten und ich hab das Buch nach dem Lesen neben meine Umberto Ecos gestellt. Der Tyll vom Kehlmann, ein wunderbares Buch.

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