100/55 = Nazi

Der Grund, warum ich das Internet als „Erfüllungsgehilfen“ des Postmodernismus betrachte und denke, dass das Netz letztlich zu einer totalen Dekonstruktion führt (ich meine das übrigens gar nicht so wertend, wie es klingt), ist unter anderem meine These, dass alle Perspektiven auf alle Informationen ausformuliert werden, vom verschwörerischsten Unsinn bis zur schlüssigen Interpretation. Aktuelles Beispiel: Die ehemalige Kaufhaus-Kette Hertie wollte eine Aktion mit alten D-Mark-Beständen machen und bot einen Wechselkurs an: Für 100 D-Mark sollte es 55 Euro geben, ein Wechselkurs von 1,81818181 Euro. Then this happened:

„Die Zahlen 1 und 8 die im Umtauschkurs nebeneinander sich ständig wiederholen, stehen vermutlich für den Ersten und Achten Buchstaben im Alphabet und könnten damit die Initialen eines toten Diktatoren darstellen“, schrieb ein „Sascha“ unter einen im Internet veröffentlichten Artikel, in dem die Werbeaktion vorgestellt wurde. Ob denn sonst niemandem auffalle, fabulierte er noch, was dem Hertie-Umtauschkurs „für eine widerliche Intention zugrunde liegen könnte“. Auch ein paar ähnlich obskure Telefonanrufe soll es gegeben haben.

In Folge fühlten sich auch Mitarbeiter angegriffen und Hertie änderte den Wechselkurs auf 56 Euro für 100 D-Mark – die Ursprung der Marke ist übrigens ein jüdisches Familienunternehmen, was die Verschwörungstheorie noch einmal extra absurd erscheinen lässt. Absurd, aber logisch: Die Information „Wechselkurs 1,818181“ wird von allen Seiten interpretiert (meinzwegen „oh, hertie gibts noch?“, „funny“, „ui kohle“, „D-Mark loswerden“ und „Nazi“), die emotionalste gewinnt („Nazi“ mit riesigem Abstand) und Hertie hat keine andere Wahl, als den Kurs zu ändern, um einen Shitstorm zu vermeiden.

Es ist nun letztlich völlig egal, wie sich die Firma hier am Ende verhalten hätte: Wäre der Wechselkurs bei 1,8181 geblieben, wäre der Vorwurf weiter eskaliert. Und mit geändertem Kurs macht die Story nun als scheinbare Skurrilität die Runde und eskaliert in einer anderen Outrage-Form. So oder so landet der Vorgang in der Presse und wird in Kommentaren, Threads auf FB und Twitter weiter dekonstruiert. Und genau das passiert mit zunehmender Geschwindigkeit mit allen Themen von Young Adult Novels bis Marketing-Wechselkursen. Das Endergebnis ist ein komplett verminter Kommunikationsraum, in dem kein tabu-freier Platz existiert und alle Zeichen zum Abschuss freigegeben sind. Geiles neues Internet halt. Tja.

Nochmal ein Zitat aus Jamie Bartletts Total-Division-Text: „In the end, this leads us to ever more distinct and fragmented identities, all of us armed with solid data, righteous anger, a gutful of anger and a digital network of likeminded people. This is not total connectivity; it is total [deconstruction].“