Podcasts: Klaus Kusanowsky über politisches Kapital, Mark Fisher und das Gespenstische, Kehlmanns Tyll Ulenspiegel und Qualityland – die schöne neue Welt.

Podcast-Sammlungen gibt's als MP3-Feed unter der URL https://nerdcorepodcasts.appspot.com/. Danke Michael!

Mark Fisher: "Das Seltsame und das Gespenstische" – Visionen einer anderen Welt (MP3, Info):
„Horror, Science-Fiction, Post-Punk: Zeitlebens hat Mark Fisher vor allem an den popkulturellen Rändern der Kulturgeschichte gegraben, um seine klugen, erschütternd-präzisen Gegenwartsanalysen zu entwickeln. Er lehrte am Londoner Goldsmith College, wo er sich in seinen letzten Jahren mit zwei Affekten beschäftigte, die jetzt in Buchform die Suche nach Gegenentwürfen zum Status quo (die Fisher in der Kulturproduktion seit den Nullerjahren so schmerzlich vermisst hatte) in den Blick rücken. Auf das 'Seltsame und Gespenstische' trifft Mark Fisher in Romanen, B-Movies, Fernsehserien und Popmusik, die auf jeweils eigene Weise auf ein radikal anderes 'Außen' verweisen.“

Letzte Essays von Mark Fisher – Die Geister und Gespenster der Gesellschaft (MP3, Info): „Der verstorbene Kulturtheoretiker Mark Fisher hat in seinen letzten Essays flüchtige Momente festgehalten: 'Das Seltsame und das Gespenstische', heißt die Sammlung. Fisher habe versucht, Phänomene im Moment ihres Verschwindens greifbar zu machen, sagte der Übersetzer und Philosoph Robert Zwarg im Dlf.“

Dietmar Dath: "Der Schnitt durch die Sonne" – Was man nicht mehr kann, wenn man zu viel kann (MP3): „Dietmar Dath ist nicht nur FAZ-Feuilletonredakteur, sondern auch Autor von über 20 Romanen und zahlreichen Sachbüchern. In seinen Arbeiten vermengt er Science Fiction mit politischer Theorie, Heavy Metal mit Naturwissenschaft, Mathematik mit Zeichentrickserien. Für seinen neuen Roman 'Der Schnitt durch die Sonne', für den er unter anderem den Fundus der Mythologie plündert, lässt er eine Gruppe von sechs Menschen zur Sonne reisen - auch, weil schon so viele Romane auf dem Mars und auf dem Mond spielen, wie er im Gespräch auf Deutschlandfunk Kultur scherzhaft sagt.“

Marc-Uwe Kling: "QualityLand" – Schöne neue Welt? (MP3): „Melde dich bei TheShop an, und du bekommst automatisch alle Produkte zugeschickt, die du haben willst. Die liefernde Drohne weiß selbstverständlich, wann du zuhause bist. Deinen Partner suchst du am besten bei QualityPartner aus, denn der Algorithmus weiß besser als du selbst, wer am besten zu dir passt. Schwierige Entscheidungen musst du keine mehr treffen, denn wer in QualityLand lebt, hat sowieso nur noch eine Antwort-Möglichkeit: OK.“

Andreas Speit: "Reichsbürger - Die unterschätzte Gefahr" – "Ein Teil von denen hat längst zu den Waffen gegriffen" (MP3, Info): „Seit vielen Jahren befasst sich der Journalist und Sozialökonom Andreas Speit mit dem rechtsextremen Milieu. Jetzt hat er den Band 'Reichsbürger – Die unterschätzte Gefahr' herausgegeben. 'Reichsbürger' nennt sich eine rechtsextreme Strömung, die die Bundesrepublik Deutschland als souveränen Staat nicht anerkennt. Laut Speit teilt sich diese in mehrere unterschiedliche Milieus auf, die insgesamt etwa 13.000 Personen umfassen. So gebe es zum Beispiel die 'Souveränitisten', die denken, dass die Bundesrepublik 'kein realer Staat' oder 'eine Firma vielleicht sei. Und dann haben wir die Selbstverwalter. Das sind diejenigen, die in den letzten Jahren begonnen haben, eigene Reiche zu gründen, Königreiche zu gründen. Und auch eigene Staaten, in denen sie nach ihren Gesetzen und Normen leben wollen.'“

NC-Podcast: Politisches Kapital mit Klaus Kusanowsky (MP3): Klaus Kusanowsky hatte neulich auf Twitter den Begriff des „politischen Kapitals“ seziert, ein paar Tage später haben Frau @mundauf, Klaus und ich einen Podcast darüber aufgenommen.

Ein Partei wie die AfD, die Gesinnung durchsetzen will, muss autoritär funktionieren und ist auf einen Führer angewiesen. de.m.wikipedia.org/wiki/F%C3%BChrerprinzip

Das Führerprinzip wurde eingerichtet, um die Einsicht zu verweigern, dass Menschen kein politisches Kapital haben. In Wirklichkeit können nur Organisationen politisches Kapital akkumulieren. Auch um diese Einsicht zu verweigern ist das Führerprinzip erfunden worden. Denn nur mit einer unbedingten Befehlsgewalt eines Führers kann innerhalb der Organisation Gesinnung geordnet werden, also: durch Angst vor Gewalt. Ohne Gewalt ist Gesinnung nicht ordnungsfähig und wirkt toxisch auf die Struktur der Organisation. Eine Organisation kann erst dann politisches Kapital akkumulieren, wenn der Ordnungswert nicht Gesinnung, sondern Inklusion ist.

Inwiefern sammelt Inklusion als Ordnungswert politisches Kapital?

Die Vermehrung von Partizipationsmöglichkeiten schlägt irgendwann um in Erfolgswahrscheinlichkeiten von Inklusion. Deshalb ist die Unterscheidung von Partizipationsmöglichkeiten und Inklusionswahrscheinlichkeit wichtig. Je höher die Inklusionswahrscheinlichkeit ist, um so geringer sind die Partizipationsmöglichkeiten, und andersherum ---> Exklusivität leistet und garantiert Inklusion. Daher der Begriff der Elite als Fiktion dieser Struktur, die als Ausrede für das Nichtwissen um die sozialen Bedingungen des Gelingens fungiert.

Beispiel Sekte: Die hätte hohe Inklusionswahrscheinlichkeit ("bindet eng/stark") aber wenige Optionen in der Partizipation, wenn das umgekehrte Verhältnis von Partizipationsmöglichkeiten und Inklusionswahrscheinlichkeit bereits absorbiert ist. Heißt, Organisationen "öffnen" sich erst, dann "schließen" sie sich ab, sammeln kein Kapital mehr und sichern umso stärker den Fortbestand und damit erst ihr politisches Kapital. Auf diese Weise entsteht Exklusivität als knappes Gut, das dann zum Attraktor für Partizipationsbegehren wird.

Und organisationsinterne Eliten (sog. Führungskäfte) sind eine Fiktion und das Führerprinzip seine Hypostasierung. Mit dieser Fiktion wird nur der soziale Prozess der Ordnungsfindung verdeckt und das Führerprinzip sollte außerdem für Unerkennbarkeit des Prozesses sorgen. Diese Hypostasierung ist gleichsam das ideologische Korrelat einer sozial durchgesetzten Lernverweigerung infolge irreflexiver Organisationszwänge im Selbstentfaltungsprozess moderner Subjektivität.

Es handelt sich dabei um einen gesellschaftlichen Problemerfahrungsprozess. Ein Vertrauen in Subjektivität zu gewinnen, gelingt nur unter garantierten Sicherheitsvorkehrungen, die Subjekte selbst nicht erbringen können. Soll empirisch dennoch Subjektivität als Adressierungsinstanz für Vertrauen zustande kommen, dann muss der dafür entscheidenden Voraussetzung Misstrauenserwartungen entgegen gebracht werden. Die entscheidende Voraussetzung ist die soziale Selbstorganisation von gesellschaftlichen Strukturen. Da aber darüber niemand etwa entscheiden kann, muss zur Markierung einer geeigneten Empirizität 'der Entscheider' sichtbar werden. Zuerst das Genie (18 Jh), dann die Autorität (19 Jh), dann die geniale Autorität, der Führer (20 Jh). Reflexix wird das in der Philosophie von der Romantik bis zur Existenzphilosophie.
Diese Etappen beschreiben einen Zerfallsprozess von Misstrauenserwartungen hinsichtlich der Selbstorganisation von Gesellschaft, der zweierlei erbringt: Erstens Vertrauen in Subjektivität, weil ja auch der Widerstand gegen solche Formen seine Helden und Genies findet, und zweitens - wird dieses Vertrauen schließlich gefunden: Umänderung der gesellschaftlichen Problemsituation.

Es stellt sich damit ein neues Vertrauensproblem, wenn das Problem verschwunden ist, für das ein Vertrauen in moderne Subjektivität eine Lösung ist.