Blade Runner 2049 (Review)

★★★★★ | No spoilers ahead

Es gibt in Blade Runner 2049 eine Szene, in der ein ganz bestimmter, nur schwer zu beschreibender Sound zu hören ist. Eine einfache, leicht in der Tonhöhe absinkende Sinuswelle, wie von einem klassischen Analog-Synth. Diesen einen Sound hört man in leicht abgewandelter Form sowohl in Ridley Scotts Alien, als auch im ersten Blade Runner, hier der 12-Stunden-Loop einer Variante davon.

In Denis Villeneuves Sequel hört man diesen Sound irgendwann im ersten Drittel und spätestens ab dieser Stelle war ich komplett gefangen in dieser aktualisierten 80s-Vision einer Zukunft, in der die ultra-klassistische Gesellschaft aus dem Vorgänger den Weg bereitete für eine Form der Robot-Ausbeutung, die nicht mehr nur das reine Existenzrecht der Maschine abspricht, sondern auch ihre Identität, ihr Selbstbild – ihr Maschinenbild sozusagen – und ihre Individualität in Frage stellt. Erst in diesem zweiten Schritt, der das künstliche Wesen aus seiner rein funktionalen Existenz befreit und zu einer eigenen Persona macht, wird die tatsächliche Maschinenrevolution möglich. Und das ist nur das großartige Update der Philosophie von Blade Runner, denn dieser zweite Teil hat natürlich auch sonst alle Hausaufgaben gemacht und ist seinem Vorgänger durchaus überlegen.

Villeneuve durchbricht die überbordernde Mischung der barocken und Film-Noir-Elemente aus dem ersten Teil mit verödeten und taghellen Landschaftsaufnahmen, in denen nebelverhangene Bauwerke von einem gigantomanischen Brutalismus zeugen, während der neue Blade Runner K mit seinem nicht mehr ganz wackelfesten Spinner über die Felder einer Agrarwirtschaft fliegt, die man am besten mit Maden-Pragmatismus beschreibt. Eine hoffnungslose Einöde, in die sich dann auch Ks Vorgänger Deckard zurückzog – umgeben von geschmackvollem Retroscheiß. Auch 2049 gibt es noch Holo-Elvis und auch in Blade Runner ist der Retro-Wahn eingezogen – zwar immerhin nicht als Stranger Things-Unfug, aber dafür als letzte Zuflucht in einer düsteren Zukunftswarnung.

Im Subtext verhandelt Villeneuve vor allem die Künstlichwerdung des Künstlichen, die ihre eigene Form anstrebt und sich von ihrem Schöpfer löst, also den Post-Human – und damit verhandelt er natürlich gleichzeitig die Menschwerdung des Betrachters. Wo der erste Teil das Künstliche noch vor allem in Abhängigkeit vom Menschlichen zeigte und die Lösung am Ende nur andeutete, ist es genau diese sich entwickelnde Autonomie, die Villeneuve hier zum Hauptthema des Films macht.

Er symbolisiert das einerseits mit dem immer wieder auftauchenden Thema eines bekannten russischen Orchester-Kinderliedes, dessen Text sich in abgewandelter Form problemlos auf genau diese X-Werdung des Gegensatzpaares „Künstliches“ und „Menschliches“ anwenden lässt: „What kind of bird are you if you can't fly?“ said the little bird and „What kind of bird are you if you can't swim?“ said the duck. Parallel dazu erzählt Villeneuve die Geschichte des K als zweifelnden Future-Pinocchio, inklusive einer schwebenden Holo-Fee. Andererseits symbolisiert der Blade Runner K einen Kafka, der seine Existenz im endlosen Labyrinth der künstlichen und nicht-künstlichen Realitäten sucht. Ob er sein Ziel erreicht, bleibt offen.

Natürlich sind alle audio-visuellen Milestones des Vorgängers referenziert: Der Sound, die Flächen, durchdrungen von aktualisierten, zeitgenössischen Beats und Zimmers Kawumm, das sich hier allerdings maßvoll zurücknimmt. Der Moloch des zukünftigen Los Angeles ist natürlich noch dreitausendmal molochiger und frisst mittlerweile die komplette Bay Area mit ganzen ehemaligen Städten als Müllhalde, umgeben von gewaltigen Staudämmen und wir beobachten diese trostlose Landschaft durch lang gezogene Kamerafahrten.

Nach ein paar Minuten in diesem Film ist man komplett hynpotisiert von der elegisch dahinschwebenden Zukunftsvision, die nur punktuell von wenigen Gewaltausbrüchen oder Actionsequenzen unterbrochen werden – das Drama dieses neuen Blade Runner ist viel eher „evenly distributed“, wie Gibson sagen würde, und es entspricht den immer mitschwingenden Zweifeln des Protagonisten an seiner eigenen Realität.

Ich muss mir den Film sicher noch zwei oder dreimal anschauen, um wirklich alle Details aufzuschnappen aber ich kann jetzt schon ganz sicher sagen: Denis Villeneuve ist da (schon wieder) ein ganz großer Wurf gelungen und möglicherweise ist Blade Runner sogar ein besseres Sequel, als es der olle Godfather ist. Da muss ich aber nochmal drüber nachdenken. So oder so: Schaut Euch den Film an, auf der größten Leinwand die ihr findet – Blade Runner 2049 ist ganz fantastisches SciFi-Kino und ganz sicher jetzt bereits ein moderner Klassiker.

(Übrigens: Es hilft tatsächlich ein bisschen für das Verständnis des Films, sich die BR2049-Kurzfilme vorher anzusehen. Wirklich nötig ist das allerdings nicht.)

Blade Runner 2049

Thirty years after the events of the first film, a new blade runner, LAPD Officer K (Ryan Gosling), unearths a long-buried secret that has the potential to plunge what’s left of society into chaos. K’s discovery leads him on a quest to find Rick Deckard (Harrison Ford), a former LAPD blade runner who has been missing for 30 years.

From executive producer Ridley Scott and director Denis Villeneuve, #BladeRunner2049 stars Ryan Gosling, Harrison Ford, Ana De Armas, MacKenzie Davis, Sylvia Hoeks, Lennie James, Carla Juri, Robin Wright, Dave Bautista and Jared Leto.