Neal Stephenson – Amalthea (Review)

„A silvery moon which then explodes for no adequately explored reason.“ (Douglas Adams, Hitchhikers Guide to the Galaxy)

Mit diesem Zitat aus dem Hitchhiker lässt sich Neal Stephensons Amalthea (engl. Seveneves) zwar ziemlich gut zusammenfassen (und es wäre auch sehr lustig), aber das Buch nutzt seinen explodierenden Mond nur als krachenden Hintergrund für eine 5000 Jahre umspannende Geschichte der Evolution einer neuen menschlichen Rasse zu erzählen, die sich – gezwungen durch die Umstände der ultimativen Katastrophe –, in unterschiedlichste Sub-Spezies auffächert, die alle auf ihre Weise auf das Überleben in Space genetisch optimiert wurden. Es ist diese Mischung aus grandiosem Menschheits-Epos, zu Ende gedachten (sozialen) Folgen von Bio-Engineering, brachialem Katastrophen-Trash und Hard-SciFi, die den Wälzer von anderen Dystopien abhebt.

Die Story ist relativ simpel: Der Mond bricht aus unbekannten Gründen auseinander und während die großen Bruchstücke um die Erde kreisen, wird der Menschheit klar, dass die Kollisionen zu einer immer größeren Masse an Boliden erzeugen wird, deren Masse irgendwann nicht mehr ausreicht, um sie in der Umlaufbahn zu halten. Und dann beginnen die Bruchstücke, in einem „Harten Regen“ auf die Erde zu fallen. Game over.

Diese Geschichte erzählt Stephenson in 3 Segmenten: Der erste Teil beschreibt das Auseinanderbrechen des Mondes, die Formung des „White Sky“, in dem die Bruchstücke sich in der Atmosphäre sammeln, und den Exodus zur ISS; der zweite Teil den Harten Regen und der Überlebenskampf der Rest-Menscheit auf der ISS (1850 Personen); der dritte Teil springt schließlich 5000 Jahre in die Zukunft und erzählt die Story der beginnenden Rückkehr dieser neuen „Menschheiten“ auf den Planeten Erde.

Stephenson interessiert sich in Amalthea nicht so sehr für die wirklichen Methoden des Überlebens, auch wenn sich das Buch seitenlang durch Orbitalberechnungen und Rocket-Science wälzt, die von seltenen und punktierten, eruptionsartigen Gewaltausbrüchen unterbrochen werden, wenn mal wieder ein Bruchstück des Mondes eins der Raumschiffe im Schwarm um die ISS durchschlägt oder die unvermeidlichen politischen Auseinandersetzungen in Konflikten resultieren. Viel mehr beobachtet Stephenson in beiden Hälften des Buchs (Katastrophe/Überleben einerseits und Zukunft andererseits) genau die sozialen Konflikte und die Neuformung von Gesellschaft, diese Social SciFi verpackt er dann in jede Menge Tech-Babble und Spacetravel.

Am spannendsten fand ich dabei nicht etwa diesen ganzen neuen Tech- und Space-Schnickschnack (Krieger mit Neanderthaler-Genen, intelligente Atmosphären-Wingsuits, „Thors Hammer“), sondern die Konstanzen: Auch 5000 Jahre nach der Explosion des Mondes gibt es noch Bücher auf Papier, der Exodus und die Begründung der neuen Menschheit durch die Überlebenden resultiert in einer religionsartigen Verehrung, es gibt eine extreme Polarisation zwischen „Links“ und „Rechts“, es gibt Apfelwein in Städten auf Mondbrocken, die um exakt um den Äquator kreisen und natürlich gibt es immer noch Krieg. Und vor allem: Die Menschheit hat, bedingt durch extremes Bio-Engineering und genetische Manipulation und die daraus resultierenden Sub-Species, immer noch einen ganzen Haufen Vorurteile. Die Neanderthaler sind dumm, die Julianer hinterfotzige Politiker, die Camilianer sind creepy und haben Kannibalen-Gene, die Dinaner und Ivys dagegen sind Helden und die Moiraner sind hochkompetente Snowflakes, die bei emotionaler Überforderung „sterben“ und in eine neue Daseinsform mutieren.

Es ist diese Weitererzählung von menschlichen Konflikten, die wir schon lange kennen und die Stephenson als Konstante der Menschheit beschreibt, die das Buch so faszinierend machen. Das beginnt bereits beim geplanten Exodus auf die ISS, die ganz offensichtlich nicht genug Menschen aufnehmen kann. Wie wählt man die Überlebenden aus? Was sind die Kriterien? Wie managed man die ISS? Baut man eine neue Regierung? In welcher Form? Wie wird Macht ausgeübt? All diese Fragen werden auf engstem Raum und in kürzester Zeit verhandelt.

Neal Stephensons Amalthea ist eine äußerst gelungene Mischung aus Hard- und Social-SciFi und ich habe den 1000-Seiten-Wälzer gradezu verschlungen. Definitive Empfehlung!