FFF-Trailerfest: IT, Bad Match, Land of the little People, Have a nice Day, This is your Death, Sicilian Ghost Story, Shock Waves

Ab morgen findet das nun schon 31. Fantasy Filmfest in München (6.–16. September), Stuttgart (7.–17. September), Hamburg (7.–17. September), Berlin (13.–24. September), Frankfurt (14.–24. September), Nürnberg (21. September–1. Oktober) und Köln (21. September–1. Oktober) statt.

Ich habe dieses Jahr wieder eine Dauerkarte (Danke Rosebud!) und werde mir dort einiges anschauen. Ich habe zu den Filmen, die mich interessieren, Trailer (und im Fall von IT ein tolles Featurette) rausgesucht (sofern ich die hier noch nicht hoch- und runtergefeatured habe [It comes at Night etwa, oder Raw, oder The Villainess – zu denen kommen wir aber ohnehin gleich nochmal]).

Ich werde definitiv zum Eröffnungsfilm (IT) kommen, der entgegen meiner Erwartung und laut ersten Reaktionen wohl tatsächlich ziemlich gut sein soll. This is your Death sieht mir nach einer netten Mediensatire aus, könnte aber auch zu zynisch werden. Bad Match dürfte ein großer Spaß mit Tinder-Hackfleisch werden, Schneeflöckchen sieht nach tatsächlich guter Genre-Action aus Deutschland aus, Shock Waves ist wohl ein solider Actionkracher aus China, Blade of the Immortal ist ein Miike (sein 100.!) und wird geguckt, Darkland und Killing Ground sehen mir nach ebenso soliden Action/Slasher-Filmen aus, Night of the Virgin klingt nach 'nem schönen Party-Splatter, sehr gespannt bin ich auf Land of the little People und seiner Actionkriegthriller-Gesellschaftskritik aus Israel, sowie auf Sicilian Ghost Story, ein bisschen Geisterschnickschnack mit Märchen-Anteilen und ganz viel Arthouse.

Trash-Empfehlung am Rande, aber ich schätze, dass der sehr scheiße werden wird: It Came From The Desert, die Verfilmung eines alten Amiga-Games mit Riesenameisen in Anlehnung an den Nuclear-Scare-B-Film Them! aus dem Jahr 1954.

Auf dem Fantasy-Filmfest werde ich mir auch definitiv noch einmal Raw ansehen, über den ich schon ein paar mal gebloggt hatte und der sicher als einer der besten Horrorfilme des Jahren in einigen Bestenlisten landen wird. Das dürfte auch die einzige Gelegenheit hierzulande sein, um den Film auf der großen Leinwand zu sehen.

IT – Face Your Fears

Was Regisseur Andrés Muschietti hier abliefert, ist kein 08/15-Mainstream- Aufguss. Es ist ganz großes Genrekino. Dass der IT Kinofilm genau 27 Jahre nach der TV-Version von 1990 erscheint, ist kein Zufall. Immerhin ist das exakt der gleiche zeitliche Abstand, in dem der sadistische Gestaltenwandler „It“ in Stephen Kings Bestsellervorlage das kleine Städtchen Derry heimsucht. Meist tritt er dabei in Form von Pennywise, dem Clown auf. Etwa wenn er in einem der eindrücklichsten Momente der Horrorgeschichte den unschuldig mit seinem Papierschiffchen spielenden Georgie in die Kanalisation hinabzieht. „It“ hat es nämlich in erster Linie auf die örtlichen Kinder abgesehen. Die sich selbst Klub der Verlierer getaufte Außenseiter-Clique um den stotternden Bill, hat der teuflischen Macht allerdings überraschend viel entgegenzusetzen.

MAMA, der Vorgängerfilm von Regisseur Muschietti, avancierte 2013 vor allem dank seiner verstörenden Titelfigur zum Kinohit. Kein Wunder also, dass IT bei ihm in guten Händen ist. Vom impressionistischen Gemäldemonster bis hin zu einem kopflosen, bedrohlich stockend animierten Ungeheuer wird Freunden kreativen wie abgefahrenen Creature Designs bei der Gestaltung des namengebenden Schreckens extrem viel geboten. Im Gegensatz dazu beschwört der grandiose Kinder-Cast ein sommerliches Cliquen-Gefühl herauf, das wir derart glaubhaft zuletzt in einer anderen unvergesslichen Stephen-King-Verfilmung erlebt haben: Rob Reiners STAND BY ME. Die Wucht von IT steht und fällt aber natürlich mit der Inkarnation von Pennywise. Bill Skarsgård ist in dieser Hinsicht ein wahrer Besetzungscoup! Kompromisslos grauenerweckend findet der Schwede seinen ganz eigenen Zugang zu dem ikonischsten aller Kinderfresser. Manege frei für den furchterregendsten Clown aller Zeiten!

This is your Death

Nachdem seine unorthodoxe Reality-Heiratssendung mit einem tödlichen Amoklauf endet, übt der fassungslose Moderator Adam (großartig: Josh Duhamel aus der TRANSFORMERS-Reihe) radikal Selbstkritik. Nur um sogleich ein noch krasseres Game-Format zu initiieren. Die Kandidaten sollen sich vor laufender Kamera selbst umbringen, um ihren Familienangehörigen per Spendenaufruf die Zukunft zu sichern! Wenn schon sterben, dann für einen selbstlosen Zweck. Chefin Ilana (Famke Janssen, widerlich gelackt) ist begeistert, die Schock-Show geht durch die Decke. Nur Adams Schwester Karina und Produzentin Sylvia wettern erfolglos gegen das Format. Aber wen interessieren schon Moralfragen im Zeitalter des Zynismus?

Giancarlo Esposito ist in seiner Rolle des Hühnchen-Drogenbarons Gustavo Fring in BREAKING BAD zur Legende geworden. In seiner zweiten Regiearbeit verknüpft er den satirischen Biss aus NIGHTWATCHERS mit dem sozialen Gewissen aus MONEY MONSTER und tritt dem Trash-TV hochglanzpoliert in die Eier. Konsequent und mitreißend treibt Esposito sein maliziöses Schreckensszenario auf die Spitze. Dafür mimt er selbst mit berührender Menschlichkeit einen aufrechten Arbeiter, der aus Verzweiflung für seine von Schulden erdrückte Familie zum Kandidaten wird.

Bad Match

Der lässige Hipster Harris hat den Dreh raus. Als Online-Dating-King schläft er nie zweimal mit demselben Mädchen, sondern vögelt sich unbekümmert quer durchs Gemüsebeet. Als der bindungsscheue One-Night-Stand-Dogmatiker allerdings auf die bildschöne Riley trifft, fängt er sich eine besitzergreifende, eifersüchtige Stalkerin ein, die sich trickreich in seinem Leben festklammert. Üble Pranks, Telefonterror und Auflauern in seinem Apartment sind nur der Auftakt zu ihrem gefährlichen Spiel. Bald ist sogar Harris‘ Traumjob im Internet-Startup gefährdet, denn die hartnäckige Riley hat nur eins im Kopf: den leichtsinnigen Macker dafür zu bestrafen, dass er seine Dates nach Gebrauch einfach wegwirft. Dafür ist ihr jedes Mittel recht.

Was CHEAP THRILLS-Co-Autor David Chirchirillo aus der Prämisse Playboy-trifft-Psychopathin herausholt, ist ein so verblüffend glaubwürdiger und nachvollziehbarer Psychothriller, dass wir für das nächste Tinder-Date einen ordentlichen Backgroundcheck empfehlen. Subtil und überzeugend errichtet er eine Kulisse aus Bedrohung und Unsicherheit, würzt sie mit roher Gewalt und bitterbösen Pointen und schafft so einen modernen FATAL ATTRACTION für die Smartphone-Generation. Wer jetzt aber denkt, er wisse genau, was ihn erwartet, sollte Vorsicht walten lassen! Sonst erwischt ihn BAD MATCH genauso eiskalt wie Riley ihren Harris.

Shock Waves

Eine Taxikolonne gespickt mit Sprengstoff rollt durch die Nacht, brutale Bankräuber liefern sich eine wüste Verfolgungsjagd mit den Cops und ein Undercover-Ermittler wird zwischen Gangstern und Polizisten aufgerieben – und das alles, bevor überhaupt der Filmtitel zu sehen war! SHOCK WAVE drückt von Anfang an ordentlich aufs Gaspedal. Nichts anderes sind wir gewohnt von Regisseur Herman Yau (NIGHTMARE, IP MAN ZERO) und Hauptdarsteller Andy Lau (INFERNAL AFFAIRS I-III, HOUSE OF FLYING DAGGERS), der neben Chow Yun-Fat, Jet Li und Donnie Yen zu den größten Stars des asiatischen Adrenalinkinos zählt.

Lau spielt J.S. Cheung, einen hoch dekorierten Experten für Kampfmittelbeseitigung. Seine ultimative Bewährungsprobe steht bevor, als Terroristen den verwundbarsten Punkt der Megametropole Hongkong in Geiselhaft nehmen: den unter Wasser liegenden Cross-Harbour Tunnel. Wiederholt steht Cheung vor der einzig wahren Entscheidung des Actionfilms: roter oder gelber Draht? Bei SHOCK WAVE ist der Titel Programm. Wir werden von einer Verfolgungsjagd in die nächste Schießerei geschleudert und regelmäßig fliegt etwas mit großem Feuerball in die Luft! Dabei besitzt der Film die nötige Härte und Fallhöhe, um auch emotional zu erschüttern. Am Ende dieses mit eleganten Kamerafahrten gespickten Actionfeuerwerks steht ein Bodycount in dreistelliger Höhe – aber definitiv nicht mehr alle Bausubstanz.

Schneeflöckchen

Das Berlin der nahen Zukunft sieht aus wie Hamburg während des G20-Gipfels. Die Kettensäge locker über der Schulter hängend, schlagen und schießen sich die Kleinganoven Tan und Javid durch die Spreemetropole, in der es nicht mal mehr anständigen Döner gibt. Stattdessen entdecken sie in einer geklauten Karre ein Drehbuch, in dem sie ihre eigenen Dialoge Wort für Wort wiederfinden. Exakt das Gespräch, das sie in eben jenem Moment führen! Und ihren Tod. Dafür werden sie Skriptautor Arend bluten lassen.

Parallelstory: Eliana und ihr Bodyguard suchen in Osteuropa nach einem Auftragskiller. Eliana will Rache für den Mord an ihren Eltern. Außerdem gibt es noch den Stromstöße schießenden Superhelden Hyper Electro Man sowie eine Menge weiterer illustrer Gestalten, die die Schwelle zum Wahnsinn längst überschritten haben.

SCHNEEFLÖCKCHEN steht unter Strom! Oder wie Tan es ausdrückt: „Alter, das fickt meinen Kopf!“ Was Regisseur Adolfo J. Kolmerer und Autor Arend Remmers hier an erzählerischen Kapriolen schlagen, ist nicht von dieser Welt. Seinen totalen Irrwitz entfaltet SCHNEEFLÖCKCHEN schließlich beim großen Finale. Allerdings nur, um im Abspann noch einmal nachzulegen. So einfallsreich war deutsches Kino lange nicht mehr.

Blade of the Immortal

Leinwand frei für Opus Nummer 100 des bereits jetzt unsterblichen Regiemeisters Takashi Miike! Einmal mehr nimmt er sich hier des Samuraifilms an. Sein Martial-Arts-Highlight 13 ASSASSINS ließ er 2010 in einen Endlosshowdown mit unzähligen Toten münden, BLADE OF THE IMMORTAL legt gleich mit einem solchen Leichenberg los! Verantwortlich dafür ist der tief gefallene Samurai Manji, der tödlich verwundet aus der Schlacht hervorgeht. Eine Hexe findet ihn und verleiht ihm ungefragt Unsterblichkeit. 50 Jahre später: Die kleine Rin schwört Rache an dem Mörder ihrer Eltern, dem androgynen Master Anotsu. Das Mädchen wendet sich an unseren legendären Eremiten Manji, der inzwischen den sinnigen Beinamen „Hundred Killer“ verpasst bekommen hat. Er wird Rin helfen – und den einhundert Toten noch einige weitere hinzufügen.

BLADE OF THE IMMORTAL lief in Cannes außer Konkurrenz und wurde gebührend abgefeiert. Miike schwelgt in Kostümen und Ausstattung, ausufernden Kampfkunstchoreographien sowie Blutfontänen und umherfliegenden Körperteilen. Zimperlich ging es bei ihm noch nie zu und seine Samuraivariante von LEON – DER PROFI markiert keinen Sinneswandel! Unterschwellig behandelt BLADE OF THE IMMORTAL, welches Leid Vergeltungssucht über alle Beteiligten bringt. So finden wir die Rache in dem des Lebens müden Krieger Manji und der kindlichen Rin personifiziert, aber in gleichem Maß auch in ihrem Antagonisten Anotsu. Der Teufelskreis verschlingt sie alle.

Darkland

Zaid hat genug von seinem Bruder. Yasin hat sich einmal mehr mit dreckigen Geschäften Ärger eingehandelt und bettelt nun schon wieder um Geld. Zaid hingegen hat sich ein Leben als erfolgreicher Arzt aufgebaut, seine Frau ist schwanger – Yasin soll gefälligst verschwinden! Am nächsten Tag ist der Bruder tot. Desillusioniert und entsetzt wendet sich die Familie an die Polizei. Doch der Staat Dänemark interessiert sich wenig für den Mord an einem irakischen Möchtegern-Gangster, dem Abschaum der Gesellschaft. Zaid bleibt keine Wahl. Zu lange hat er die Augen vor der Schattenwelt, in die Yasin abgerutscht ist, verschlossen. Jetzt zieht er ohne Rücksicht auf Ehe und Karriere in den Rachefeldzug und dabei eine Schneise des Todes durch die Unterwelt von Kopenhagen.

Selten wurde die dänische Hauptstadt so düster und bedrohlich in Szene gesetzt wie in DARKLAND. Die Kamera verfolgt die Hauptfigur auf Schritt und Tritt, macht den Schmerz, die Wut, Schuld und Ohnmacht spürbar. Man will Zaid zurufen, genau wie seine Frau, Freunde und die Polizei: „Hör auf! Lass es gut sein!“ Doch für den unerbittlichen Vigilanten ist das keine Option mehr, ebenso wenig für diesen kompromisslosen, rohen und nachhaltig schockierenden Thriller. DARKLAND liefert realistische und sich immer weiter steigernde Eskalation und trifft den Nerv der Zeit.

Have A Nice Day

Kleinganove Xiao Zhang entwendet seinem Boss eine Million Yuan. Jeder, der in dem südchinesischen Kaff Wind davon bekommt, egal ob arbeitslos oder Profikiller, ist bald auf der Jagd nach Xiao und seiner Tasche. Langsam und unwiderruflich zieht das Geld eine tief blutrote Spur hinter sich her.

HAVE A NICE DAY ist ein Fest für Animationsgourmets. Liu Jian präsentiert seine klassische Story auf äußerst unkonventionelle, um nicht zu sagen unkommerzielle, Art und Weise. Das fängt beim zynischen Titel des Films an und setzt sich fort in dem Motiv, das Xiao zu seinem aussichtslosen Diebstahl führt. Auch die durchweg lakonischen Figuren sind eigenwillig gezeichnet. Selbst inmitten der furchtbarsten Gräueltaten bleiben sie leise und werden dadurch umso bedrohlicher. Dabei wird der reduzierte Animationsstil dieses Berlinale-Wettbewerbsbeitrags zu einer wirklich eindrücklichen Erfahrung. Denn die langsamen Bewegungen der Charaktere und die starren Hintergründe machen die Trostlosigkeit der chinesischen Provinz geradezu physisch spürbar! Das ist definitiv kein Postkartenidyll, das die verlotterten Gestalten in den Rinnsteinen, die streunenden Hunde, die zerfallenden Hütten und Smogschwaden hier entwerfen. Eiskalt hält die schwarze Komödie der Welt den Spiegel vor: Die Aussicht auf ein bisschen Geld vermag uns alle zu Bestien zu machen. Denn Moral füllt keine Bäuche und Träume erfüllt sie schon gar nicht.

Night of the Virgin

Männer tun alles für ein bisschen Geschlechtsverkehr. Auch Möchtegernaufreißer Nico taumelt hormongesteuert von einem Korb zum nächsten. Denn der Schlacks mit Überbiss und Rüschenhemd hat ein klares Ziel: Dieses Silvester soll seine Jungfernschaft geopfert werden! Als ihn schließlich die deutlich ältere Medea abschleppt, ahnt er noch nicht – in dieser Nacht wird noch weit mehr geopfert werden... Es ist ein teuflisches Fremdschäm-Vergnügen, mit anzusehen, wie Nico jedes Warnsignal in den Wind schlägt. Das Zuhause der Angebeteten ist mit Kakerlaken übersät, die Küche ist versiffter als jede Studenten-WG, im Badezimmer steht ein Kelch voll Blut. Medea hat für alles eine Erklärung. Auch für ihre Statue der nepalesischen Männerhasser-Göttin Naoshi. Schon ist Nico raus aus der Unterbuchse und mitten drin in einem wahren Bad aus Körperflüssigkeiten.

Keine Nation dreht solch durchgeknallt abgefahrene Filme wie Spanien. Tatsächlich mutet Roberto San Sebastiáns vielfach preisgekröntes Regiedebüt an, als hätte Álex de la Iglesia ROSEMARY’S BABY durch den Fleischwolf gedreht und mit einer Prise fiesem Humor versetzt. Konsequent und ideenreich übertreten er und seine schmerzfreie Darstellerriege jegliche Ekel- und Tabugrenzen. Es wird gekotzt, gewichst und geblutet, was die Schläuche hergeben. Dabei reicht der Wahnwitz bis in den Abspann hinein. Also unbedingt sitzen bleiben und Hosen oben lassen!

Land of the little People

Auch wenn die Scharmützel auf einem ganz anderen Nebenschauplatz stattfinden, der Horror des Krieges trieft aus dieser Geschichte wie Blut aus einer tiefen Wunde. Vier verschwiegenen Kindern dient eine von Stacheldraht umzäunte, verlassene Militärbasis als geheimer Rückzugsort. Hier verbringen sie ihre Tage, stellen Bärenfallen auf und jagen mit Pfeil und Bogen Tiere. Die werden an ein mysteriöses Wesen in einer Fallgrube als Opfergabe verfüttert, unter dem Mantra der Gruppe „Eat them and not us!“. Doch plötzlich sind Eindringlinge im Camp. Zwei Deserteure, die sich vorm Zivildienst an der Front drücken wollen, verstecken sich am falschen Ort, dem Herrschaftsgebiet der Kinder. Es beginnt ein Kampf, in dem nichts gewonnen, aber viel verloren wird: kindliche Unschuld, Moral und ganze Leben.

Yaniv Bermans Film wird besonders in Israel heftig diskutiert, weil er mehr als den offensichtlichen Thrill bietet, den Kinder mit geladenen Handfeuerwaffen mit sich bringen. Er erzählt eine Coming-of-Age-Parabel, die zwischen Märchenhaftem und Horror pendelt. Ein HERR DER FLIEGEN nicht als dystopisches Gesellschaftsexperiment, sondern als ein durchaus mögliches Gewaltszenario einer kriegsgeprägten Kultur. An deren Ende hier wie da jedoch keine gereiften Jugendlichen stehen, sondern Menschen, die bereit sind zum Töten – und wie in einer Griechischen Tragödie bestimmt keine Erlösung erfahren.

Killing Ground

Ihr glaubt, das australische Outback sei mittlerweile sicher? Dann wird euch KILLING GROUND wie ein heftiger Tritt in die Magengrube vorkommen, der euch schmerzerfüllt und geläutert im Staub zurücklässt. Ein Liebespaar ist auf dem Weg zu einem abgelegenen See. Als sie ankommen, steht dort bereits ein Zelt, dessen Besitzer spurlos verschwunden zu sein scheinen.

Mehr braucht KILLING GROUND nicht als Ausgangspunkt, um die Spannung fortan bis ins Unerträgliche zu steigern. Unerträglich bleibt sie dann, wenn in einem clever konstruierten Erzählpuzzle der Überlebenskampf der verlorenen Zeltbesitzer mit dem der Neuankömmlinge verflochten wird. Konzentriert und stilsicher steuert der Suspense-Thriller auf ein Finale zu, in dem sich Nihilismus und Schmerz schließlich eiskalt entladen.

Bei den Sundance Midnights gefeiert, verführt Damien Powers starker Debütfilm erst mit Widescreen-Shots der betörenden Landschaft, nur um dann die schon längst lauernde Gewalt mit Wucht ins Panoramabild zu holen. KILLING GROUND ist kompromissloses, bretthartes Terrorkino, das sein Publikum von der ersten bis zur letzten Minute in Unbehagen versetzt und ein weiterer filmischer Meilenstein für den Genrestandort Australien.

Sicilian Ghost Story

Ein sonniger Nachmittag im Süden Italiens. Ein erster unschuldiger Kuss, der selbst die kühnsten Träume der 13-jährigen Luna tausendfach übertrifft. Aber dann ist ihr Klassenkamerad Giuseppe plötzlich verschwunden und statt eine großangelegte Suchaktion zu starten, herrscht in der ganzen Stadt betretenes Schweigen. In der Schule heißt es lediglich, Giuseppe sei eben etwas länger krank, aber Luna weiß es besser. Sie und Giuseppe verbindet nämlich ein unsichtbares Band, das Luna immer stärker zu ihrem Freund hinzieht.

SICILIAN GHOST STORY, der diesjährige Eröffnungsfilm der International Critics‘ Week beim Filmfestival in Cannes, basiert lose auf einem sehr bekannten italienischen Kriminalfall. Den konkreten Bezug auf das historische Vorbild jedoch stellt erst der Beginn des Abspanns her. Entsprechend lassen die Regisseure Fabio Grassadonia und Antonio Piazza den Zuschauer in ihrem zweiten Film nach ihrem vielfach preisgekrönten Mafia-Thriller SALVO zunächst lange im Dunkeln. Lediglich die exquisite Tonspur kündigt bereits von dem unvermeidbaren Unheil, das die Teenager erwartet. Vom Plätschern der Wassertropfen über das Schlagen eines Pferdeherzens bis zum Kläffen eines wilden Hundes – neben den herausragenden Nachwuchsdarstellern Julia Jedlikowska und Gaetano Fernandez ist das subtil-verstörende Sounddesign der heimliche Star des Films.

SICILIAN GHOST STORY ist vollgepackt mit Anspielungen auf Märchen und Sagen. Rotkäppchens Mantel ist zum Beispiel nur eines von zahllosen Gebrüder-Grimm-Zitaten. Eine alles beobachtende Eule, die in der griechischen Mythologie mit dem Totengott Hades in Verbindung gebracht wird, taucht ebenfalls auf. Das weckt Erinnerungen an Guillermo del Toros genredefinierende Klassiker THE DEVIL’S BACKBONE und PAN’S LABYRINTH, die das kindliche Erleben des erwachsenen Schreckens ebenfalls mithilfe von geisterhaften oder mythologischen Erscheinungen illustrieren. Wie bei del Toro hat es auch hier etwas Tröstliches, dass es irgendwo noch mehr zu geben scheint als nur die Gräuel der realen Welt. Die sagenhaften Kreaturen lauern im Geheimen und manchmal beobachtet der Zuschauer das Geschehen sogar durch ihre Augen.

SICILIAN GHOST STORY ist eine grausam-poetische und poetisch-grausame Coming-of-Age-Tragödie, deren zärtliche, mystische Elemente absolut nötig sind, um den unaussprechlichen Schrecken der Geschichte ertragbar zu machen. Kalt wird diese radikal konsequente Neuinterpretation von William Shakespeares „Romeo und Julia“ jedenfalls niemanden lassen.

Disclosure: Ich habe mit den Veranstaltern des FFF einen non-monetären Deal am laufen, ich verlose ein paar Tickets und bringe ein paar Trailer, dafür gibt's Dauerkarte, Blut und ein bisschen Liebe. Zur Verlosung kommen wir gleich.