The Dirtbag Left: Drecksäcke aller Länder!

Spiegel Online hatte vergangene Woche einen netten Text über die Dirtbag Left, ein Schlagwort über eine halb-neue Ausformung der Linken, die gleichzeitig PC-Autoritäre sowie rechte Nationalisten und Traditionalisten angreift – eine Pöbel-Linke mit großem Maul und Drecksack-Attitüde.

Wie kann sich […] eine Linke aufstellen, die sich weder intern zerfleischt noch verängstigt zuschaut, wie rechte Trolle das Internet aufmischen? Im englischsprachigen Raum hat sich aus diesen zwei Bestreben heraus - dem Hintersichlassen von identitätspolitischen Kleinstscharmützeln und der Wiedereroberung einer lustvollen Streitkultur - die Dirtbag Left formiert, so getauft von der US-Autorin Amber A'Lee Frost. Dirtbag bedeutet direkt übersetzt Drecksack oder Schmierlappen, die Bewegung an sich lässt sich aber am treffendsten als Pöbel-Linke bezeichnen: Sowohl ihre Ausdrucksweise als auch ihre Lebensumstände betreffend steht sie für die unfeine Art ein. […]

Doch ist Pöbelei mehr als persönliche Triebabfuhr, mehr als ein Rückfall ins selbstherrliche Mackertum? Welches emanzipatorische Potenzial im Vulgären steckt, hat Amber A'Lee Frost in dem Aufsatz "The Necessity of Vulgarity", gewissermaßen dem Schlüsseltext zur Dirtbag Left, aufgefächert. "Es ist unsere Pflicht, Vulgarität von den Trumps dieser Welt zurückzuerobern, denn wir werden uns mit unserer eigenen Höflichkeit behindern, wenn wir nicht ab und zu das Profane willkommen heißen. Vulgarität ist die Sprache des Volkes, und als solche sollte sie auch zu den Grammatiken der Linken gehören - so, wie sie es historisch gewesen ist, um mit Fug und Recht gegen die Korrupten und die Mächtigen aufzubegehren."

[Den letzten Satz und speziell die Formulierung „Grammatik der Linken“ sollte man auch im Kontext von Judith Butlers… bemerkenswert lahmen Antwort auf das Buch „Beißreflexe“ lesen, in der sie die „Grammatik der Härte“ nur in einer politischen Richtung verortet. Damit liegt sie falsch.]

Das Wort „Dirtbag Left“ kommt anscheinend vor allem aus dem Umfeld des Chapo-Trap-House-Podcasts (den ich nie gehört habe und der mir nicht allzu interessant erscheint, mag mich aber täuschen), wurde aber von Amber A’Lee Frost vor einem Jahr als Neologismus zum ersten mal erwähnt. Ich habe auch schon von „Alt-Left“ als Pendant zur „Alt-Right“ gelesen, das schien mir aber nur eine Beschreibung der „alten“ extremen Linken zu sein und jetzt ehrlich: „Alt-Left“ ist als Wortschöpfung schon sehr unkreativ und langweilig. Dann lieber Drecksack. (Sidenote: Meine Oma hatte mich schon damals immer nur „Stinkbock“ genannt [ich bin von Sternzeichen Steinbock]. Die wusste schon damals Bescheid.)

Ich mag das, sehr sogar, und zähle mich schon seit längerer Zeit zu dieser linken Ausformung, und zwar nicht ausschließlich, weil ich gerne unrasiert „Scheiße“ sage. Aus Amber Frosts Ur-Text:

The left will always need its journals and polemic and academic writing, but there are times when it is both right and proper to terrify the bourgeoisie with your own feralness. Reclaiming vulgarity from the Trumps of the world is imperative because if we do not embrace the profane now and again, we will find ourselves handicapped by our own civility. Vulgarity is the language of the people, and so it should be among the grammars of the left, just as it has been historically, to wield righteously against the corrupt and the powerful. We cannot cede vulgarity to the vulgarians; collegial intellectuals will always be niche, but class war need not be.

Count me in.