Memetische Verantwortlichkeiten des Journalismus am Beispiel von CNN und G20

Letzte Woche trugen sich zwei relativ vielbeachtete Ereignisse zu, an denen sehr deutlich wird, wie die memetischen Bedingungen des Netzes in den Journalismus hineinwirken und ihm neue Verantwortlichkeiten auftragen. In beiden Fällen haben die Journalisten eklatant auf professioneller Ebene versagt.

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Der erste Fall ist CNNs erpresserische Nicht-Veröffentlichung der Identität eines typischen Rightwing-Trolls, der ein eher harmloses Viral-GIF produzierte. Das GIF hatte ich selbst verlinkt, es handelt sich natürlich um den CNN-Bodyslam, ein GIF, das ich selbst als Trump-Verächter dann doch sehr lustig fand.

Die eigentliche Story ist banal: Ein User auf r/the_donald postet das GIF, Trump findet das GIF lustig und retweetet es, CNN findet den User und macht ihn zur zentralen Figur einer Story. In der Veröffentlichung droht CNN nun damit, die Identität des Users zu veröffentlichen, sollte der noch einmal irgendetwas von seinem vergangenen Verhalten wiederholen (das auch antisemitische, rassistische und sexistische Postings mit einschloss).

Dazu gibt es zwei Dinge festzuhalten:

1.) Der GIF-Macher war durch den Retweet Trumps durchaus zu einer Person öffentlichen Interesses geworden und Rightwing-Trolls sind ein Phänomen. CNN hat also durchaus das Recht, in dieser Form aufzutreten. Die Frage bleibt, ob ihre Story angemessen ist.

2.) CNN hat mit dem Wrestling-GIF keinen „Meme-Maker“ identifiziert, sondern den banalen Produzenten eines Virals. Dieses GIF steht tatsächlich für zwei (relativ unterschiedliche) Memes, die nicht zwingend kombiniert auftreten: a) Die Meme (Idee) „Lügenpresse“, „Lückenpresse“, spezieller: „CNN is Fake News“ und b) die Meme (Bau-Anleitung) „Logo + Thing + Trump + Bodyslam/Kick/Shot (preferably from a well known Movie or Instance)“.

In beiden Fällen ist es eine Falschmeldung, den Reddit-User als „Urheber der Meme“ zu präsentieren, was aus einem unterkomplexen Meme-Verständnis der Journalisten resultiert.

Diese zwei Punkte lassen folgenden Schluß zu: CNN war zwar im Recht, die Identität des Users zu veröffentlichen (oder eben nicht), aber die Story, die sie um das GIF aufbauten war hyperbole (sie behaupteten, das GIF würde zu Gewalt gegen Journalisten aufrufen) und falsch (der User ist kein Meme-Maker) und letztlich aus diesen Gründen völlig uninteressant.

Interessante Punkte wären gewesen: Wer hat das GIF abgefilmt und warum hat man darauf geachtet, dass das WWE-Logo nicht zu sehen ist? Lässt Trump seine Virals vor dem Tweet anwaltlich prüfen? Wer prüft das? Was ist die eigentliche Meme hinter dem Viral? Wie spielt die Russland-Story und die von Trump initiierte Meme „CNN is Fake News“ in diese Story hinein? Und dann meinentwegen auch: Wie steht der „einfache Viral-Macher“ zur größeren Meme? Hat er sie bedacht und wenn nein, warum nicht? Etc.

Dass CNN keine dieser Fragen als berichtenswert erachtet und seinen Artikel ausschließlich auf die Identität des Users konzentriert, macht aus dieser Story eine Form von Internet-Vigilantism und es ist keine große Überraschung, dass nicht nur /pol/ CNN nun den großen Meme-Krieg erklärt hat, man dort nun ein mittleres, eigenes CNN-Gamergate vor sich hat (inklusive der üblichen Morddrohungen), letztlich die Journalisten selbst die „CNN is Fake News“-Meme befeuert und formalisiert haben, sondern dass auch viele linksgerichtete Kommentatoren CNNs Entscheidungen kritisieren.

Exemplarisch ein Zitat von Popehat: „I think we should talk about whether naming people who act like assholes is proportional or decent. And certainly we should talk about whether it's decent for a major network to threaten to name someone unless they speak acceptably.“

Nettes Detail: CNNs KFILE und Andrew Kaczynski wurde erst im Oktober von Buzzfeed abgeworben, während Buzzfeed selbst seine eigenen Ex-Kollegen kritisiert.

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Während der Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg fotografierte ein deutscher Journalist eine Gruppe von vier Personen, die er den Identitären zurechnete, und gab die Information als „100% safe“ an die Antifa weiter, worauf sich eine Menschenjagd entspann. Die vier Leute, die fälschlich als Mitglieder der Identitären Bewegung identifiziert wurden, sind Lauren Southern, Max Bachmann, Luke Rudkowsky und Tim Pool.

In einem Interview fast der Journalist nochmal seine Version der Story zusammen:

1) How did you find out that Lauren Southern, Tim Pool, and Luke Rudkowski were coming to the G20 protests in Hamburg? Did you see them there first, or did you have advance notice?
I walked to the rally and saw a girl with a shirt of the Far Right group “Identity Europa.” I didn’t know who she was.

2) After you saw this, how did you publicize it?
I warned people on Twitter, because in Germany “Identitäre” [Identitarians] and other Far Right groups take photos from antifascists and journalists for their files.

3) What happened to the them?
I heard that people attacked them—but I only heard this from Luke Rudkowski’s Youtube channel.

4) What happened to you afterward?
Luke made a Youtube video with my Twitter account and photo. After this I got a shitstorm from the Far Right, Reuters, and others. Now they are harassing me on different kinds of platforms.

Lauren Southern ist eine der weltweit bekanntesten Alt-Right-Aktivistinnen, Max Bachmann ist wohl ebenfalls dem stramm rechten Spektrum zuzurechnen, Luke Rudkowsky ist „Verschwörungstheoretiker“ (der auch für Alex Jones Infowars arbeitete) und Tim Pool ist ein linker, preisgekrönter Journalist. Die Einschätzung des deutschen Journalisten ist also in mindestens einem Fall komplett falsch, aber selbst wenn sie „100% safe“ wäre, ist seine Entscheidung ethisch nicht vertretbar.

Der Journalist erklärte seine Entscheidung in seinem Blog: „Wie immer machte ich Fotos von solchen Personen und gab entsprechende Infos und Fotos auf Twitter heraus.“

Dazu ist es nun wichtig zu wissen, was er genau mit „Wie immer“ meint. Der Mann ist normalerweise ein bekannter Dokumentar-Fotograf der Neonazi-Szene, er reist zu Nazi-Demos und Aufläufen im ganzen Land, fotografiert sie und identifiziert die prominentesten Teilnehmer auf Sozialen Medien. Ich bin ihm selbst eine Weile gefolgt und halte die Arbeit für wichtig und gut.

Aber: Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich die Identität eines Nazis in einer linken Filterbubble veröffentliche, während der Nazi auf einer Nazi-Demo herumläuft – oder ob ich die Identität eines Nazis in einer linken Filterbubble veröffentliche, während der Nazi auf einer linken Demo mit dem größten Schwarzen Block Europas herumläuft. Ob das nun ein Fehler aufgrund von Workflow-Automatismus war oder eine bewusste Entscheidung: Es war ein Fehler, es war journalistisch unenthisch und er brachte damit Menschen in Gefahr.

Und genau dieser eine Journalist hätte genau das wissen müssen und deshalb finde ich es nochmal sehr viel erstaunlicher, dass er die schlecht recherchierten Einordnungen auf seinem Blog wiederholt. Dort bezeichnet er Tim Pool nämlich erst als preisgekrönten Journalisten, dann reicht ihm aber das Bild eines Meetings und ein falscher Tweet eines Antifa-Accounts aus, um ihn dem rechten Spektrum zuzuordnen. Das ist schlechte Arbeit und hat, wie bereits die Story um CNN, viel eher den Charakter von „Internet-Vigilantism“ und erinnert an Menschenjagd-Storys auf 4chan und Reddit, etwa während der Anschläge von Boston.

Der Journalist hat also hier eine Meme produziert („4 Faschos beim G20“), die sich in rasender Geschwindigkeit verbreitete („People were looking at their phone and pointed at us“) und in Menschenjagd und Gewalt mündete. Diese Meme produzierte er unabsichtlich und aus Inkompetenz bezüglich der internationalen Rightwing-Szene.

(Ein weiteres Detail dieser Inkompetenz: Er retweetete grade die Information „Lauren Southern behauptet in ihrem YT-Channel, sie hätte am Morgen von #w2h 'aus Versehen' das IB-Shirt einer Freundin gegriffen“. Dieses Shirt war ein Phalanx Europa-Shirt und die „Freundin“ dürfte Martin Sellner gewesen sein, mit dem Lauren Southern vor ein paar Wochen erst fälschlicherweise ein Schiff von Doctors without Borders blockierten in der Annahme, es handele sich um ein Schiff voller Flüchtender.)

Ich bin nun nicht sicher, ob das Ergebnis dieser Meme ein anderes gewesen wäre, hätte der Journalist ethisch sauber gehandelt oder um die Macht der Memetik gewusst. Denn: Ethisch sauber und für Menschen ungefährdend wäre im Kontext der konkreten Situation (G20, Schwarzer Block, vereinzelte Rightwinger) nur eine Nicht-Veröffentlichung oder eine nachträgliche Veröffentlichung. Aber: Die Meme „4 Faschos auf dem G20“ wäre wohl auch automatisch durch die einfache Präsenz von Lauren Southern entstanden. Die Dame ist weltbekannt und wäre früher oder später aufgefallen, mit oder ohne IB-Shirt. Dann wären sie so oder so von Linksradikalen vertrieben worden. Man könnte also entlastend für den Journalisten argumentieren, dass er die Meme lediglich beschleunigte und nicht wirklich initiierte. Das ist aber Spekulation.

Bemerkenswert ist nun auch, wie die Story mutiert und weitergegeben wird:
- Der Journalist reduziert die „Kritik“ an seinem Verhalten auf „internationales Netzwerk an Rechten“. Er kann das auch gerne mit NC versuchen, good luck.
- Max Bachmann wird von Tim Pool in Nachbesprechungen mit Southern oder Sargon of Akkad als „Journalist für linke Mainstreammedien“ bezeichnet, was falsch ist (der Typ ist Youtuber für eingeschenkt.tv). Meine Vermutung ist, dass Max Bachmann hier eine querfrontige Lüge aufbaut, um in der internationalen Youtuber-Community nicht radikal dazustehen. Es könnte aber auch sein, dass Tim Pool es besser weiß, aber die Information verschleiert um die Opfer-Story zu unterstreichen.
- Die Rechten benutzen nun natürlich diese (authentische) Menschenjagd-Story, basteln daraus einen Opfer-Status, verbinden sie mit den Ausschreitungen und zeichnen damit das Bild einer authoritären, gewaltbereiten und anarchistischen Mainstream-Linken, die es angeblich zu bekämpfen gilt. Und aus ihrer Perspektive ist dem argumentativ nur schwer zu begegnen, ohne sich allzusehr zu verbiegen, denn der Fehler in dieser Story ging eindeutig vom Journalisten aus.

Die Folge ist nun in der Tat ein massiver Shitstorm von Rechts gegen den Journalisten, was natürlich selbst eine in bizarre Proportionen aufgeblasene und völlig unverhältnisse „Kritik“ darstellt und die selbst völlig unsauber arbeitet (was ich von der rechten Seite allerdings auch nicht anders erwarte) und die auch vor eindeutigen Vergleichen und Morddrohungen nicht halt macht:

In meinen Vorträgen bezeichne ich solche Vorfälle übrigens als Beispiele für „memetische Kompetenz“, in der tausende Menschen zu einer virtuellen Schwarm-Intelligenz mit einem Ziel beitragen, diese aber eben aufgrund hoher Vernetzung ins bizarre mutiert und in „Weaponized Autism“ mündet: „'Weaponized Autism' is an expression referring to the impressive capabilities of socially awkward, tech-savvy internet users, typically associated with those who frequent imageboards like 4chan and 8chan.“

Diese indeed „impressive capabilities“ haben oft (oder gar meistens) den Charakter einer Menschenjagd und nichts anderes hat der Journalist in diesem Fall ausgelöst.

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Ich gebe zu: Nach diesen Ausschreitungen war ich kurz davor, ebenfalls einen dieser „Ich bin nicht mehr links“-Texte zu schreiben. Ich frage mich, seit ich die Linke in ihrer authoritären und illiberalen Manifestation hier kritisiere, ob ich mich auf einem Pfad nach Rechts befinde. Das Problem dabei ist nur, dass ich, egal wo ich mich informiere über politische Bewegungen und wo ich meine Haltung einsortieren könnte, immer wieder (weit) links lande und jedesmal, wenn ich mir ansehe, wofür Rechts wirklich steht, komme ich zum selben Schluß: Ich bin links.

Ich kann mich nur von den gewalttätigen Authoritären auf meiner Seite distanzieren und finde es mehr als befremdlich, dazu nun auch internet-vigilantistische Journalisten mit mangelhaftem Meme-Verständnis vom CNN und von der Zeit hinzurechnen zu müssen und ich denke, dass diese Leute den Rechten massiv in die Hände spielen. Die AltRight und der Sellner jedenfalls dürften sich nach dieser Woche die Hände reiben. Well done.

[update 19:31] Meedia: Nach „Hetzjagd“-Vorwürfen beim G20: Zeit Online trennt sich von „Störungsmelder“-Autor Sören Kohlhuber

Kohlhubers Foto sowie die dazu geteilten Informationen über die Gruppe machten binnen Minuten die Runde, ein Twitter-Account der Antifa funktionierte quasi als Ticker, der über die Aufenthaltsorte von Southern auf dem Laufenden hielt. Das Ergebnis: Mehrfach wurden die Berichterstatter von gewaltbereiten Demonstranten angegriffen und massiv bedroht – die Vorfälle hielten die Betroffenen auf Video fest (s. hier, hier, hier oder hier). Die Aufnahmen sollen zudem belegen, dass die Demonstranten Kohlhubers Fotos gezielt zur Identifizierung der Berichterstatter genutzt haben.

In den sozialen Netzwerken – vor allem bei Twitter – ist nun eine mit Anfeindungen verschärfte Diskussion über Kohlhubers Verhalten entfacht – vor allem weil Kohlhuber eben nicht nur ein linksaktiver Blogger ist, sondern sein Name auch mit dem höchst seriösen Nachrichtenportal Zeit Online in Verbindung steht. Dort schreibt Kohlhuber unter anderem für das Projekt Störungsmelder, das sich als Watchblog für Rechtsextremismus versteht.

Was Kohlhuber vorgeworfen wird: Mit der Identifizierung der Gruppe um Southern habe Kohlhuber eine Art Hetzjagd in Gang gesetzt und dabei in Kauf genommen, dass die Betroffenen durchaus ernsthaft verletzt werden könnten. Denn wie die Videoaufnahmen belegen, war die Stimmung unter den Anhängern der Antifa deutlich aggressiv.

Hinzu kommt: Bis auf Southern lässt sich kein weiteres Mitglied dieser Truppe eindeutig und zweifelsfrei als Anhänger oder Sympathisant der Identitären Bewegung identifizieren – auch wenn man sie nicht als neutrale Berichterstatter bezeichnen möchte und sie (zumindest zeitweise) mit Southern unterwegs waren.

Die Vorwürfe, die Kohlhuber nun gemacht werden, wiegen so schwer, dass Zeit Online sich von ihm und einem weiteren, ungenannten aber involvierten Autoren, distanziert hat. In einer Stellungnahme heißt es: „Beide ehrenamtlichen Autoren waren während G20 nicht im Auftrag des Störungsmelders aktiv. Wir haben aber versucht, die Vorfälle gemeinsam mit ihnen zu rekonstruieren. Die Verharmlosung oder Rechtfertigung von Gewalt ist nicht mit einer Mitarbeit beim Störungsmelder vereinbar. Wir werden daher mit beiden Autoren in Zukunft nicht mehr zusammenarbeiten.“

Unabhängig von der politischen Gesinnung der vier Betroffenen ist Kohlhubers Aktion ein aus juristischer wie auch medienethischer Sicht inakzeptables Verhalten.

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