Eigentechno: The Slow 90s-Revival

Alanis Morissette hat gestern eine Musical-Version ihres Über-Albums Jagged Little Pill angekündigt (und vor drei Jahren meinte Courtney Love in einem Interview, sie würde gerne ein Nirvana-Musical produzieren). Bei der Meldung kam ich auf einen Nebenaspekt meiner Kritik am 80s-Retrowahn:

Ich rede in meinem Vortrag (nächste Woche Samstag in Offenbach auf dem Bended Realities Festival) unter anderem über „kulturellen Stillstand“, tatsächlich schreibe ich darüber schon länger, und ein Unteraspekt davon ist das, was ich „Slow 90s-Revival“ nennen würde.

Es zeichnet sich zwar schon eine Weile ab, mit ersten Erscheinungen in den circa 2012ern – allerdings waren die ersten Vorläufer des 80s-Revival tatsächlich bereits 1997 mit I-F Space Invaders zu hören, von wo aus ein Electro-Revival einsetzte (Dopplereffekt in Detroit), von dem aus sich das 80s-Revival mit dem Electroclash Anfang der 00er ausbreitete.

Wenn man die Geschwindigkeit des 80s-Revival (zarte Ausläufer Ende der 90s, explosive Mainstreamfähigkeit Anfang der 00er) mit der des 90s-Revival vergleicht (zarte Ausläufer zu Beginn der 10er, Mainstreamfähigkeit Mitte der 10er mit etwa Kimmy Schmidt oder den Slaves und The Hunter, natürlich auch im Trash von Lady Gaga und ihren Kolleginnen und jetzt ganz frisch im das Animaniacs-Reboot), so lässt sich, denke ich, aus dieser Perspektive sehr wohl ein „Slow-Down“ beschreiben – vor allem gemessen an der Geschwindigkeit der kulturellen Innovation in den Jahren von 1950s–1990s.

Genau das lässt sich hervorragend an Kwinton Crauwels Music Genre Map ablesen:

Interessant wäre an dieser Stelle noch eine Einordnung von PC-Music und Vapourwave, beide stark beeinflusst vom Synthpop der 80s, ersteres zusätzlich versetzt mit Retro-System-Sounds und Glitches aus der Gegenwart. In die Zukunft gerichtet ist nichts davon, aber PC-Music zeigt immerhin Spuren eines 90s-Revivals. Ein Fortschritt zwar, aber nur ein kleiner.

Anders gesagt, und ähnlich klingt das dann in meinem Vortrag: Wir betreten den Raum aller Stilphasen, in dem alle Zeiten verschwimmen und die 50s (Charles Bradley, Leon Bridges) neben den 60s (Arctic Monkeys, The Strokes) neben den 70s (Devendra Banhart, The Libertines) neben den 80s (Examples are Legion) neben den 90s (Lady Gaga, Slaves) neben allem anderen existiert, die nur noch klingen, wie Amalgame aus den Jahrzehnten zuvor, Sprünge in andere Soundwelten gibt es dabei nicht mehr. Innovation gibt es noch, aber sie wird immer kleiner – sie wird zum kulturellen Fraktal.

Enter: Eigentechno – Applying Principal Component Analysis to a data-set of short electronic music loops.

I downloaded 10,000 electronic music tracks that were licensed with the Creative Commons License. The aim was to make a data-set of short music loops that could be used for analysis and generative models.

Electronic music can vary a lot in tempo; but, since I wanted the loops to all have the same length, I changed the tempo of each track to to the median tempo using soundstretch. The median tempo of the tracks was 128 beats per minute. After this, I extracted 1-bar, 1.827-second loops from each track. Ending up with 90,933 short files. The total length is just below 50 hours.

Hier hat Umut Isik seinen Statistik-Voodoo auf kurze Techno-Loops angewandt und den sogenannten Eigenvektor von Techno ermittelt, also praktisch formuliert: Die Essenz von Techno.

Für mich nicht weiter überraschend klingt dieser Eigentechno hier genau wie der von 1999 und genau wie der von 2009 und wahrscheinlich genau wie der von 2019. Isn't it ironic?