Sifftwitter: Mit den Trollen ums Datenfeuer tanzen

Gepostet vor 1 Monat, 17 Tagen in #Kultur #Tech #DasGeileNeueInternet #Feminism #Trolls

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Luca Hammer auf der Republica gestern über Sifftwitter: Mit den Trollen ums Datenfeuer tanzen. (Vorher auf NC: Das versiffte Trolltwitter, Inside Sifftwitter: Ein Twitter-Troll erklärt das Trollen, Illu oben: Cool Balder).

Offizieller Infotext zum Talk:

Der öffentliche Raum, zu dem auch Twitter gehört, ist kein Safespace. Eine zentrale Stoßrichtung von Trolltwitter. Die Problematik des Begriffes dann im Vortrag. Jede_r darf im Internet seine Meinung veröffentlichen, aber jede_r muss zugleich damit rechnen auf Kritik zu stoßen. Wie geht man damit um, wenn diese Kritik aus Beleidigungen und Gewaltandrohungen besteht? Blocken ist für viele zur Standardantwort geworden. Und die Trolle feiern sich für jedes geblockt werden. Mit Screenshots und Verweis an den Rest, wen man gut ärgern kann.

Außerdem sei man ja nur Satire. Und Twitter darf man sowieso nicht so ernst nehmen. Nur Performance. Aber bitte die Kritik, die sich dahinter versteckt ernst nehmen. Aus der Bloßstellung der eigenen Schwächen Profit machen, das gehört sich nicht. Und sich ständig selbst bemitleiden auch nicht. Opfer sind Opfer.

Die beobachteten Trolle lassen sich in unterschiedliche Gruppen einteilen. RU steht nicht für Russland, sondern RapUpdate. Die Drachenhater schauen gern YouTube. Da sind die Commies und die Nazis. Die Maskus und die Anis. Teilweise mit mehr, teilweise mit weniger Überschneidungen. Fast allen ist gemeinsam, dass Twitter als Bühne wahrnehmen und nutzen.“

Slides hier, wenn ihr Luca bei seinen Datenvisualisierungen und Netzwerk-Analysen helfen wollt, könnt ihr ihm hier Twitter-API-Calls spenden. Wir werden das Thema hier demnächst ohnehin komplett aufmachen, inklusive Drachengame, daher belasse ich es hier erstmal nur bei dem Vortrag und diesen lustigen Sachen hier:

Die Reaktionen aus dem 3rdwavefeministischen Lager ließen natürlich nicht lange auf sich warten, ein paar Bits (paraphrasiert und anonymisiert, um Trollen keine Angriffsmöglichkeit zu bieten):

„MRAs legitimieren, Twitter unternimmt was gegen Trolle, Trolle sind meist links. Uärks. 'Opferrolle wird kritisiert'. Kthxbye.“; „Es gibt sicher Probleme, aber diese Movements zeichnen sich lediglich dadurch aus, misogyn zu sein.“; „'Twitter tut sehr wohl was gegen Trolle' - nein, verdammt noch mal. Und der Begriff alleine schon!“; „Ich will keine WhiteHeteroMen-Vorträge, in denen Männer erzählen, dass sie überrascht von Hate Speech seien.“

Diese Aussagen, teilweise von Leuten, die sich als „Expertin“ bezeichnen, sind allesamt falsch.
1. (Linke) MRAs vertreten nicht nur Anti-Feminismus, sondern auch legitime Anliegen.
2. Twitter löscht Trolle, einzelne Tweets werden lokal blockiert, die Trolle sind oft links (ob sie wirklich meist links sind, glaube ich nicht – ich schätze grob die Hälfte und ein guter Teil von ihnen ist apolitisch, die treffendere Aussage wäre vielleicht: Der Anteil der wirklich rechten Trolle ist bei Sifftwitter zumindest eher gering. Das löst zwar nicht das generelle Problem der teilweisen Nutzung verfassungsfeindlicher Kennzeichen und die damit verbundene Normalisierung, dafür werde ich sie aber schon bald hart durch den Fleischwolf drehen.)
3. Sifftwitter zeichnet sich nicht exklusiv durch Frauenfeindlichkeit aus. Sie ist sicher Bestandteil bei einigen, aber es ist nicht das Alleinstellungsmerkmal der Bewegung. Wenn es Anti-Irgendwas ist, dann ist Sifftwitter ein Anti-Idiots-with-Audience-Movement. Das ist selbst schon problematisch genug, aber nicht misogyn.
4. Der Begriff „Troll“ findet sich seit Jahren in akademischer Fachliteratur. Die „Expertin“ wüsste das, wenn sie Expertin für Netzkultur wäre. Ist sie aber nicht.
5. Luca war nicht „überrascht von Hate Speech“.

Was diese Bullshit-Reaktionen gemeinsam haben: Auf Korrekturen, Richtigstellungen oder berechtigten Nachfragen wie „Hast du Fakten die seine Einschätzung widerlegen?“ ist die Antwort immer dieselbe: *Crickets*.

Solange diese Leute außerhalb ihrer Fembubble abgesehen von Polemiken (die durchaus punktuell ihre Berechtigung haben) nichts zustande bringen, werden sie weiterverlieren. Leider, denn ich teile recht viele ihrer Standpunkte.

Die Lektionen aus Gamergate haben sie ganz offensichtlich nicht gelernt, es wird schlichtweg genauso weitergemacht, wie immer (denn es funktioniert ja so prima und birgt ja auch überhaupt keine Widersprüche in sich, wenn man sich etwa die Sprach-Debatte anschaut). Es wird weiter pauschalisiert und man weigert sich trotzig, genau hinzusehen und schlimmer noch: Wer es tut, der soll sich doch bitte nicht auf eine Bühne stellen.

Es tut sich zwar was, die Jäger&Sammler haben etwa gestern per Youtube drei ihrer größten Kritiker zu einem Gespräch eingeladen (Doktorant, Domian und Die Vulgäre Analyse [ich erwähne das an dieser Stelle, da Domian unter einem anderen Nick ein ziemlich prominenter Sifftwitterer ist]), auf Youtube treffen sich transsexuelle Anti-Feministinnen zum Gespräch mit SJWs, ich habe durchaus Hoffnung.

Aber wie man sieht: Ich verliere meine Geduld mit dieser ignoranten Haltung um nicht zu sagen: Ich habe die Schnauze gestrichen voll von diesem Mumptitz. Eure Bewegung ist ohnehin keine feministische mehr, sie ist eine allgemeine Anti-Diskriminierung-Bewegung. Macht eine 5th Wave und holt alle ins Boot! Erfindet Weird Political Correctness! Bohrt Euren Scheiß endlich auf, sonst werdet Ihr Euer 3rdwavefeministisches Projekt an die Wand fahren und mit ihm das linke – „you're waking a monster that will drive you from your orioles of gold“!

Yes, this was mansplaining. Deal with it.

Disclosure: Ich kenne Luca persönlich seit 10 Jahren. Nicht gut, wir sind keine „Freunde“, sondern typische SocialMedia-Bekannte. Ich mag den und er macht einen hervorragenden Job. Ich schreibe das, um meine Perspektive zu seinem Vortrag und meine eigene Bias zu erklären. Ich weiß auch, dass sich die 3rdwavefeministische Bewegung sehr wohl bewusst darüber ist, dass sie derzeit massiv unter Feuer aus dem eigenen linken Lager steht (aus dem anderen sowieso). Die Debatte darüber findet aber anscheinend im Verborgenen statt – und genau das ist ein Fehler.

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