RechtsLinks 3.5.2017: Kamau Bell vs Richard Spencer, the Digital Crowded Global Village und die Neue Avantgarde

Comedian und Talkshow-Host Kamau Bell hatte in seiner ersten Folge seiner Sendung „United Shades of America“ den AltRight-Oberscheitel Richard Spencer zu Gast, hier die Episode:

Auf CNN erklärt er nun, warum er einen Nazi einlud:

Just because you put someone on TV, you aren't necessarily cosigning everything (or anything) they do. It is about how you frame it -- and in this case, the frame around Richard Spencer is beautiful. While you are watching Spencer express horror at the idea of a "Black James Bond" (sorry, Idris Elba) you will also meet...
Ruby Corado, a refugee and LGBT activist who specializes in helping refugees who have been victimized and are in need of shelter.
Sarah Zullo, a woman who came to this country from Ethiopia and dedicated her life to welcoming people who have come from war-torn countries and have no place to go.
Mohammad, a newly-arrived Syrian refugee who wants to work hard and provide for his family.
Williams Guevara, a refugee whose court testimony changed a law and thereby saved the lives of refugees including his sister's life.
They are all refugees. Extremely. Vetted. Refugees. And their stories are beautiful, and you need to hear them. […]

These stories of immigrants and refugees are incredible on their own, but I believe you need Spencer in the show to prove how tenuous their safety and peace of mind is. Spencer and his people want all those beautiful people gone. And the scariest part is that the alt-right doesn't think Steve Bannon (or President Trump for that matter) is alt-right enough.

But if you are afraid that just having Spencer on TV and talking is going to help him recruit more people to his side, then what you are really saying is that you think his ideas are better than your ideas. I don't think his ideas are better than mine. In fact, I think his ideas are much, much, MUCH worse.


Seit Jahren schreibe ich, dass wir uns deshalb im Netz gegenseitig an den Hals gehen, weil wir zuviele Menschen auf zentralen und gigantischen Plattformen sind, die zu viel voneinander sehen können. Diese Erkenntnis ist jetzt auch bei Nicholas „Is Google Making Us Stupid?“ Carr angekommen und er hat dafür ein paar Studien rausgekramt, die ich noch nicht kannte und die meine Thesen aber sowas von stützen: How tech created a global village — and put us at each other’s throats.

In a series of experiments reported in the Journal of Personality and Social Psychology in 2007, Harvard psychologist Michael Norton and two colleagues found that, contrary to our instincts, the more we learn about someone else, the more we tend to dislike that person. “Although people believe that knowing leads to liking,” the researchers wrote, “knowing more means liking less.” Worse yet, they found evidence of “dissimilarity cascades.” As we get additional information about others, we place greater stress on the ways those people differ from us than on the ways they resemble us, and this inclination to emphasize dissimilarities over similarities strengthens as the amount of information accumulates. On average, we like strangers best when we know the least about them.

An earlier study, published in 1976, revealed a similar pattern in communities. Three professors from the University of California at San Diego studied a condominium development near Los Angeles, charting relationships among neighbors. They discovered that as people live more closely together, the likelihood that they’ll become friends goes up, but the likelihood that they’ll become enemies goes up even more. The scholars traced the phenomenon to what they called “environmental spoiling.” The nearer we get to others, the harder it becomes to avoid evidence of their irritating habits. Proximity makes differences stand out.

The effect intensifies in the virtual world, where everyone is in everyone else’s business. Social networks like Facebook and messaging apps like Snapchat encourage constant self-disclosure. Because status is measured quantitatively online, in numbers of followers, friends, and likes, people are rewarded for broadcasting endless details about their lives and thoughts through messages and photographs. To shut up, even briefly, is to disappear. One study found that people share four times as much information about themselves when they converse through computers as when they talk in person.

BEING EXPOSED to this superabundance of personal information can create an oppressive sense of “digital crowding,” a group of British scholars wrote in a 2011 paper, and that in turn can breed stress and provoke antisocial reactions. “With the advent of social media,” they concluded, “it is inevitable that we will end up knowing more about people, and also more likely that we end up disliking them because of it.”


Nancy Fraser über das, was eine neue Links machen müsste: Nancy Fraser über Populismus – 'Eine neue, linke Erzählung bieten': „Die Politikwissenschaftlerin und Feministin Nancy Fraser über Identitätspolitik, soziale Gerechtigkeit und neue linke Anti-Trump-Koalitionen.“ Ich stimme ihr in den meisten Punkten zu, vor allem in dem etwas untergehenden Punkt, dass die Linke hier in einer Bringschuld ist, da sie innerhalb der Arbeiterklasse aufgrund ihres Pakts mit dem Neoliberalismus entlegitimisiert wurde („Eine ernsthaft egalitäre soziale Bewegung sollte sich mit der verlassenen Arbeiterklasse verbünden. Sie muss erklären, warum beides zusammengehört.“)

Was können wir tun?

Wir müssen eine neue, linke Erzählung bieten. Eine ernsthaft egalitäre soziale Bewegung sollte sich mit der verlassenen Arbeiterklasse verbünden. Sie muss erklären, warum beides zusammengehört. Ich selbst engagiere mich für einen Feminismus der 99 Prozent. Damit stehen wir im erklärten Gegensatz zu „Glasdeckenfeminismus“: Wir kämpfen sowohl für die (weiblichen und männlichen) Arbeitenden als auch für Migranten und die, die sich unbezahlt an Care Work aufreiben. Das kann nur zusammen erkämpft werden, wie es der progressive Populismus von Bernie Sanders macht.

Ob das Konzept der 99 Prozent so sinnvoll ist? Es sind nicht alle Reichen böse und alle Armen gut. Zu den 99 Prozent gehören auch Rassisten. Und das Problem liegt ja nicht nur im Fehlverhalten der Eliten.

Sie haben recht, die Sache mit den 99 Prozent ist nicht das letzte Wort. Ich bevorzuge selbst die Klassenpolitik. Der Unterschied zwischen dem progressiven Populismus von Sanders und dem reaktionären Populismus Trumps ist allerdings, dass Sanders keine Sündenböcke konstruiert. Trump gibt Mexikanern und Muslimen die Schuld. Er spricht echte Missstände an, folgt aber einer völlig falschen Analyse. Sanders verbindet den Kampf für soziale Gerechtigkeit mit dem Kampf für Minderheitenrechte. Das funktioniert erstaunlich gut. Auch „die Reichen“ stellt er nicht per se als schlecht dar, sondern er greift strukturelle Ursachen auf und zu Recht diejenigen an, die die Wirtschaftspolitik zu ihrem Vorteil manipulieren.

Aber wie soll man Leute ins Boot holen, die reaktionären Positionen anhängen? Das sind nicht Mitstreiter, sondern Gegner.

Vielleicht hilft eine genauere Analyse: Trumps Wähler*innen bestehen aus etwa drei Blöcken. Die meisten wählen traditionell Republikaner. Die haben ihn gewählt, aber dabei oft die Nase zugehalten. Dann gibt es die „Alt-Right“-Leute, Rechtsextreme, die meiner Ansicht nach nur einen kleinen Teil seiner Wählerschaft ausmachen. Zum dritten Teil gehören unter anderem ehemalige Gewerkschaftsmitglieder. Bei denen finden wir nicht die eindeutig rassistischen Ressentiments, auch wenn sie teils dazu neigen. Diese Leute sind erreichbar.

Wir sollten also reden?

Wir sollten nicht prinzipiell davon ausgehen, dass die alle Rassisten sind. Damit würde die Linke ihr sicheres Versagen vorantreiben.

Die TAZ hat sich einen Twitterbot gebaut, der die meistgeteilten Beiträge der rechten Filterbubble teilt: Das Braune aus dem Mainstream.

Seit April haben wir […] begonnen, die Links zu verfolgen, die von rechten Twitterkonten geteilt werden. Unser Account @DieRechteBlase teilt dabei Artikel aus Mainstreammedien, die unter Rechten besonders beliebt sind.

Für @DieRechteBlase werden mehr als 200 Twitterkonten ausgewertet. Zunächst haben wir eine Liste von Twitterkonten angelegt, die besonders häufig Artikel aus rechten Medien teilen, darunter die Junge Freiheit, Compact und „PI-News“, die auch hier besprochen werden, sowie rund 20 weitere Publikationen. In einem Schneeballverfahren wurden dann weitere Konten hinzugefügt, die ebenfalls offen rechte Inhalte teilen. Aus dieser Liste werden nun die am häufigsten geteilten Artikel von regulären Medien ermittelt und dann von @DieRechteBlase geteilt. (Interessanterweise hat diese Liste von rechten Accounts große Überschneidungen mit der Liste von AfD-Unterstützeraccounts, die der Tagesspiegel und Netzpolitik.org ermittelt haben.)

@DieRechteBlase ist nun gut einen Monat online und aus den Links, die bislang geteilt wurden, lassen sich erste Beobachtungen ableiten. Im April twitterte der Account 126 Links, davon führten 30 auf Welt.de, 25 auf Focus.de und 12 auf Bild.de – gut die Hälfte aller Links führten also auf diese drei Seiten. Die restlichen Accounts waren eine bunte Mischung von Lokalmedien, Boulevardzeitungen und überregionalen Medien, bei der kein einzelnes Medium mehr als fünf Mal vorkam.

Von den 126 Artikeln handelte es sich bei 52 um Kriminalitätsmeldungen, wobei die Tatverdächtigen oder Täter in allen Fällen nicht-weiße Männer waren – die sogenannte „Ausländerkriminalität“ also, die das Schwarzbrot des rechten Journalismus ist. Sechs weitere Artikel handelten von Terrorismus, ebenfalls durch Nicht-weiße. In einem Artikel ging es um den terrorverdächtigen Bundeswehrsoldaten, der sich als Flüchtling registriert hatte. In 20 Artikeln ging es um das Thema Asyl, in zehn um Islam oder Muslime und in sieben um Einwanderung. Weitere Themen waren die Grünen, die SPD oder linke Aktivisten. In sieben Artikeln ging es um die AfD.


The Conversation: The cultural division that explains global political shocks from Brexit to Le Pen:

we are witnessing the reemergence of an ancient fault line that has separated human groups for centuries, and is now thrusting itself into global politics. This fault line is what we call tightness versus looseness. Tight groups are defined by strict rules and social order, tradition and predictability. Loose groups eschew rules, welcome new ideas and embrace tolerance. […]

Our research, using computational models, international surveys and archival and historical data, shows that threat lies at the heart of tightness-looseness differences.

Threats include warfare, famine and natural disasters. Under threat, societies are likely to tighten up in order to survive, establishing strict rules and embracing strong leaders to maintain order. Japan, which is a tight society, faces the threat of 1,000 earthquakes every year. Germany – also relatively tight – has been the center of two world wars in the last century. Looser nations, like New Zealand and Brazil, on the other hand, face fewer threats and can afford to be more permissive.

But tightness-looseness is far more than just a way of understanding cultural differences. It is also the key to unlocking many ongoing political clashes that have the potential to rewire political maps around the world.

We have identified two notable emerging trends.

First, while the tight-loose axis reliably differentiates between countries, it is now playing out dramatically within nations, pitting rural, working-class and mostly low-mobility communities against urban, middle-class and highly mobile multicultural communities.

Second, and more important, leaders worldwide are intentionally manufacturing threats to tighten society and get themselves elected. Trump’s recent election is an example of this dynamic. In a study of more than 500 Americans, a higher concern with threat predicted a Trump vote. Anxiety about external threats from North Korea and the Islamic State, and fear that the U.S. was becoming too lax, were the best predictors of support for Donald Trump relative to other measures, including authoritarian beliefs. Trump supporters desired a tighter society and voted for the leader they believed could bring about these stronger norms.


Zeit.de: Identitäre Bewegung: Die Scheinriesen: „Sie wollen als neue Jugendbewegung erscheinen. Deswegen reist ein kleines Grüppchen Identitärer durchs Land – und versucht seine rechtsextreme Herkunft zu verschleiern.“

Es läuft gerade gut für die Identitären. Berlin, Köln, Dresden: Aktivisten der Organisation verschaffen sich immer wieder Zugang zu prominenten Orten, sie klettern auf das Brandenburger Tor, hängen Großbanner am Kölner Hauptbahnhof auf oder am Antikriegsdenkmal vor der Dresdener Frauenkirche und verschwinden kurz darauf wieder. Bilder ihrer Aktionen vermarkten sie im Internet als Symbole des Widerstandes gegen die Flüchtlingspolitik. So erzeugt die Gruppe seit Monaten einen erstaunlichen Medienhype. Hip, frech und gewaltfrei wollen sie sein. Ein neues Greenpeace, nur eben für Patrioten. Kein bisschen rechtsextrem. Das ist die Eigen-PR.

Doch Recherchen von ZEIT ONLINE widerlegen diese Selbstinszenierung. Die Identitären sind keine "Bewegung", ihre Distanzierung von der rechten Szene ist Taktik. Ihre Führungsfiguren kommen aus der NPD-Jugend, aus radikalen Burschenschaften und sogar aus der verbotenen Neonaziorganisation Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ). Die Identitären bieten ihnen eine neue Heimat und eine frische Corporate Identity, unter der sie alte Ziele weiterverfolgen können.


Sehr langer und guter Text von Jörg Scheller über eine Podiumsdiskussion, die abgesagt wurde, weil ein AfDler auf dem Panel teilnehmen sollte. Von diesem Miniatur-Skandal ausgehend betrachtet er dann das ganze LinksRechts-Drama aus der Perspektive der endenden Post-Moderne, deren dekonstruktivistische Gedankenschule grade abgelöst wird. Durch was, das werden wir sehen (ich tippe auf den Neuen Realismus). Der Prozess dürfte allerdings noch einige Jahre oder gar Jahrzehnte in Anspruch nehmen, bis wir uns endlich von diesem ganzen atomisierten, scheinlustigen, hyperironischen und supersubjektiven Weltbild verabschieden können.

Jörg Scheller: Die neue Avantgarde – Rückblick auf ein Podium, das nicht stattfand:

In ihren wesentlichen Ausprägungen beliebte die westliche Moderne säuberlich zu unterteilen: in männlich und weiblich, biologisch und chemisch, zivilisiert und primitiv, politisch und gesellschaftlich, natürlich und kulturell, modern und rückständig, links und rechts, high & low, usf. Das infolge dieser Ausdifferenzierung erwartbare Chaos versuchte sie zu verhindern, indem sie durch das "anthropische Prinzip" die auseinanderdriftenden Stränge im Menschen als Fluchtpunkt bündelte.

Die – in der Moderne, etwa bei Darwin, 'natürlich' bereits angelegte – Postmoderne rückte in ihren besseren Formen von diesen komfortablen binären Konstrukten, bei denen das Methodenraster letztlich die Realität erzeugt, ab, und hinterfragte die Zentralstellung des Menschen im Kosmos. […]

Im Anti-Kern war diese Postmoderne das, was weiten Teilen der Linken heute fehlt: komplex. Utopisch. Krass. Ozeanisch. Aber: glaubhaft komplex. Gebrochen utopisch. Mannigfaltig krass. Archipelagisch-ozeanisch. Sie musste alle auf Abkürzungen wandelnden Halt-, Heimat- und Identitätssuchenden – und die sterben bekanntlich nie aus – gnadenlos überfordern […]. Zugleich öffnete sie Möglichkeitsräume, die faszinierend und verlockend wirkten. Es ist dieser gebrochen-utopische, widerborstig-ozeanische Anti-Kern, der die Postmoderne bis auf weiteres wenigstens als Supplement oder Komplement unverzichtbar macht – und nicht etwa jener verhausschweint-pseudopostmoderne Pluralismus, der sich primär auf die zielgruppenziselierende Angebotsvielfalt im Kartoffelchips-Sortiment bezieht. […]

Spätestens seit Trump Präsident der USA ist, stehen die Zeichen hüben wie drüben wieder auf "klare Fronten" (wie klar diese Fronten in Wirklichkeit sind, werde ich unten erörtern; wichtig ist zunächst, dass sie als klar inszeniert werden). Die rapide Renaissance von Nationalismus, Autoritarismus und Kulturchauvinismus hat zur Folge, dass manche ihrer GegnerInnen den Widerstand aufs 'Kerngeschäft' ausrichten und für die Bündelung ihrer Energien eine kollateralschadenträchtige Komplexitätsreduktion in Kauf nehmen (während die braven Bürger mit den Achseln zucken und murmeln, nun ja, jetzt sei halt mal die Rechte dran, kannmannixmachen). […]

Zwar teile ich, wie vielerorts nachzulesen ist, die inhaltliche Kritik an der (Neuen) Rechten und nehme die Warnungen, diese wollten vermittels "bürgerlicher Intelligenz" salonfähig werden, ernst. Aber ich habe so meine Zweifel, was die zielführenden Strategien anbelangt. Was seitens der PodiumsgegnerInnen zu lesen und zu hören war, überzeugte mich nicht. Es lief darauf hinaus, dass wer sich links positioniert, auch effektiv gegen rechts wirkt; dass wer die Neuen Rechten hasst, das Richtige liebt; dass wer nicht mit den Rechten redet, die Dinge zum Besseren wendet; dass wer das Gute will, auch das Gute tut (und überhaupt: der Gute ist). Sprich, dass der Wille identisch mit dem Weg wie auch dem Ziel ist. Dass es dritte, vierte, xte, verschlungene Wege jenseits dualistischer Szenarien geben könnte, geriet aus dem Blick. […]

Wenn die Neue Rechte Komplexität und Pluralität als Feigenblätter des autoritären Charakters missbraucht, bedeutet das nicht, dass Ambivalenz als solche in Misskredit geraten muss. Im Gegenteil. Wie oben erwähnt, ist (postmoderne oder Voegelin'sche) Ambivalenz alleine schon deshalb wichtig, weil sie noch Utopisches, in gebrochener Form, in sich birgt; weil sie als transversaler Lebensstil bislang leider vor allem in marktgängigen Schrumpfformen auftritt; weil sie eine Sensibilität für alle Bereiche des (Da)Seins weckt; und weil sie sowohl jene, die wieder Mauern um ihre Menschengehege hochziehen wie auch jene, die sich ihres eigenen progressiven Linksseins allzu sicher sind, ziemlich nervt. […]

In seinem Buch Die Gegenwärtigkeit des Mythos stieß der Marxist Leszek Kołakowski, ernüchtert, ja entsetzt von der real existierenden Linken, in den 1970ern in dasselbe Horn wie heute Rau. Die mythische (bei Rau: anarchische) und die rationalisierte (bei Rau: systemtheoretische) Ordnung eigneten sich nicht zur Synthese – gleichwohl seien wir gezwungen, uns in beiden zu bewegen. […]

Allein in dieser Hinsicht haben Trump & Co., die da angetreten sind, die postmoderne Dekonstruktion zu dekonstruieren (und das bedeutet auch: die Vielfalt vermittels Vielfalt zu bekämpfen), die Ironie zu überwinden und die Herrschaft des Mythos zu reinstituieren (aka "Postfaktizität"), bereits gewonnen: Ambivalenz ist wieder zu einer Gefahr geworden. Stephen Bannon kennt nur den steroidösen Lenin als Zerstörer, während Gianni Vattimos "schwaches Denken", das so erfrischende Unwahrscheinlichkeiten wie eine Kontinuität zwischen christlicher Theologie und postmoderner Philosophie/Ethik postuliert, Teilen der Linken angesichts der Militanz von Trump & Co. als unzureichend erscheint.

Letzteres ist einerseits – wenigstens intuitiv – nachvollziehbar. Andererseits wird so ein Prozess in Gang gesetzt, bei dem stets die Populisten am längeren Hebel sitzen. Je einseitiger ihre Invektiven und Handlungen, desto einseitiger die Reaktionen ihrer GegnerInnen; desto mehr verbunkert man sich im eigenen Lager (das so "eigen" eben nicht ist). Die einen rufen "Grenzen zu!" Die anderen rufen "Kein Mensch ist illegal!" Die einen rufen "Linksfaschisten"! Die anderen rufen "Nazis"! Die einen rufen "Gutmenschen!" Die anderen rufen "rechte Hetzer!" Die einen rufen "Neoliberale!", die anderen "Kommunisten!" In ihrem Essay "Ich bin nicht mehr links" [Link zum Text (Paywall), hier ein Rip auf 'nem komischen Blog), schrieb Verena Friederike Hasel kürzlich: "Als ein Zürcher Theater vor Kurzem eine Podiumsdiskussion anberaumte, an der … auch ein AfD-Politiker teilnehmen sollte, protestierten Kulturschaffende so scharf, dass die Veranstaltung abgesagt wurde. Ich fragte einen Regisseur, den ich noch aus Studienzeiten kenne und der zu den Initiatoren des Protests gehörte, ob er denn nicht glaube, dass eine politische Auseinandersetzung mit der AfD nötig sei. Er habe sich schon in einem seiner Stücke intensiv mit der AfD auseinandergesetzt, antwortete er. Wie er haben offenbar viele Linke das Selbstgespräch für sich entdeckt." […]

Das Brisante ist, dass die Neuen Rechten dieses "Spiel der Identitäten" verstanden haben. Sie inszenieren sich als komplex, widerspenstig, pluralistisch. Sie kapern das Erbe der 68er, sie locken mit jener Aura des Verbotenen, Abenteuerlichen und Gegenbewegten, die früher der Linken zu eigen war. Manche entwickeln gar einen verstörend hybriden queer fascism; Subgruppen der Alt-Rights laborieren – wie schon der gruselige Ernst Röhm – an einem Konzept von Homosexualität als Männerbund (Jack Donovan). Das hat nichts mit postmoderner Ambivalenz zu tun, sondern zielt auf einen im Telos gewaltsamen Kulturkreis-Pluralismus, der nicht auf Koexistenz, sondern auf Konkurrenz; nicht auf Verwindung, sondern auf Überwindung abzielt; der nicht auf dynamisch-transkulturelle Mikro-Unterschiede, sondern auf ahistorisch-interkulturelle Makro-Unterschiede fokussiert. Wenn etwa Marc Jongen und Jörg Meuthen vom "68er-verseuchten Deutschland" sprechen, ist klar, auf was ihre Rede hinausläuft: Seuchen merzt man aus. Dumm nur, dass ihre heftigsten Kritiker ebenfalls glauben, auf der richtigen und gerechten Seite zu stehen, sich in Ausmerzungsphantasien ergehen und sogar dann, wenn Frauen Trump oder AfD wählen, nicht auf den Gedanken kommen, es könne vielleicht weniger etwas mit Trump und der AfD per se als damit zu tun haben, dass das Lager der Trump- und AfD-Kritiker keine überzeugenden Alternativen anbietet.