4chan doesn't know what a Semiotics is mmmkay 👌

4chan behauptet seit ein paar Tagen, das OK-Sign sei rein und ausschließlich auf seine „Okay“-Bedeutung fixiert und Symbole könnten keine Bedeutungsverschiebung und/oder Erweiterung erfahren. 4chan denkt auch, ein Witz könnte keine Bedeutung in einem Symbol etablieren.

Dieser Bullshit äußert sich zum Beispiel in einem Clip von Sargon of Arkad, den ihr möglicherweise von Gamergate kennt, ein Mitte-Rechts-Youtuber, der sich selbst als „classic liberal“ bezeichnet, praktisch aber durch Support sowohl für Trump als auch LePen als auch den Brexit auffällt und zwar oft aus nationalistischen Gründen (meist aber aus seiner Ablehnung der „Alt-Left“/„CTRL-Left“, worin ich ihm halbwegs zustimme) – „classic liberal“ also höchstens im Sinne der FDP. Den Kanal des Herrn habe ich dennoch abonniert, auch um mich über die „Haltung von Kekistan zu kontemporären Outrages“ zu informieren. Den Job macht er gut, aber auch nur dann, wenn man mit Vorwissen zu Netzkultur und Medien rangeht, denn der Typ kolportiert neben einem guten Überblick über sehr feinteilige Details auch jede Menge Bullshit.

Tim Pool, der Ex-Vice-Journalist, den ich neulich hier hatte mit seinem Clip zu „Fake-News aus Indie-Media-Perspektive“, behauptet gleichfalls in seinem Video „4chan has won the Internet“, /pol/ könne von allem und jedem Behaupten, es wäre „rassistisch“ und diese Bedeutung würde sich in besagten Bedeutungsträger (aka Symbol) manifestieren. Das ist aber nicht, was hier beim OK-Zeichen passiert.

Ich schreibe das deshalb so genau auf, weil man dieselbe Verteidigungsstrategie (Satire, Joke) praktisch in allen Debatten um Trump, Links/Rechts, Fake-News oder Trolle findet. Ich schreibe das aber auch deshalb so genau auf, weil sich hier ein sehr verbreiteter Mechanismus im Netz findet: Sargon of Akkad ist kein Experte in Semiotik (die Wissenschaft der Zeichensysteme), Sargon ist Experte für Netzkultur und Youtube (und GameDev). Tim Poole ist Experte für Journalismus und Netzkultur, kein Experte für Semiotik. 4chan ist ebenfalls kein Experte für Semiotik. Und alle drei haben das Wort „Semiotik“ möglicherweise noch nie gehört, denn sie ist eine eher junge, kleine, unbekanntere Disziplin.

Unter anderem beschreibt die Semiotik Zeichen und Symbole in Sprachsystemen und zu denen gehören neben den herkömmlichen Sprachen selbstverständlich auch Körpersprache. Die Forschungsrichtung innerhalb der Semiotik, die sich mit Körpersprache (im weiteren Sinne) befasst, ist die Gestik („das semiotische Ausdruckspotential des Körpers“), die speziellere Forschungsrichtung für „das systematische Studium menschlicher Kommunikation durch Körperbewegungen“ ist die Kinesik. Das Kopfnicken zum Beispiel ist ein sogenanntes Kinem und weist aus „mikrokinemischer“ Perspektive eine „minimale soziale Bedeutung“ auf („Ja“, „Lets go“, „Zustimmung“, etc), hier lässt sich das OK-Zeichen einordnen.

Wesentlich für die Betrachtung der „OK-Symbol“-Shenanigans ist hier der Kommunikationsprozess – und Zeichen im Kommunikationsprozess sind immer kontextabhängig, oder anders formuliert: Wenn ich Euch in einer Headline den Stinkefinger zeige, dann hat diese Geste eine andere Bedeutung, als zeigte ich den Mittelfinger in Milo Fuckopolous general direction. In diesem Sinne kann das „OK-Symbol“ mit unterschiedlichsten Bedeutungen belegt werden, abhängig von den jeweils individuellen Merkmalen der Sender und Empfänger. Nochmal anders: Das „OK-Symbol“ eines Tauchers hat eine andere Bedeutung („Ich hab genug Sauerstoff, alles super“) als das „OK-Symbol“ eines Rightwing-Trolls („I'm from /pol/“) und für Okkultisten hat das „OK-Symbol“ die Bedeutung „Number of the Beast“. Die Nutzung des Symbols „OK“ als Erkennungsmerkmal durch eine Gruppe führt dem Symbol also seine alternative Bedeutung zu – und dabei ist es völlig unabhängig davon, ob das Symbol als Witz etabliert wurde.

Hier treffen wir dann auf Siegmund Freud und sein 1905er „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten“, eine Studie, die er Jahre vor seinen Theorien zur Symbolik anfertigte und in der er die Hypothese aufstellt, Witze seien nicht symbolisch. Diese Aussage trifft er allerdings auf psychoanalytischer Perspektive und auf der Grundlage, dass der Witz (im Gegensatz zum Traum) keine unbewussten Inhalte transportiert.

Freud schreibt darin dann allerdings auch, dass Witze trotzdem immer einen „Gedanken“ transportieren, der weder inhaltlich noch mit den technischen Aspekten des Konstrukts „Witz“ identisch sein muss. Der Joke „Kill all Renés“ transportiert auf der Oberfläche also den Gedanken „Kill all Renés“, diese Bedeutung wird dann durch die Mechanik des Witzes allerdings in den Gedanken „Viele Nerdcore-Leser wissen, dass sich René ganz gerne zum Affen macht und gerne selbsterniedrigende Witze reisst, wink wink nudge nudge“ tranformiert. Die eigentliche Bedeutung des Symbols „Kill all Renés“ ist im Kontext der Nutzung auf Nerdcore.de also eine gänzlich andere, sie entspricht einem banalen „Hallo, ich bin's!“

In diesem freudschen Sinne wird das OK-Symbol also erst durch die Nutzung mit Bedeutung aufgeladen und diese Bedeutung ist abhängig von den Identitäten der Kommunikationsteilnehmern. Wenn sich die Alt-Right und deren Freunde darauf einigen, die Linken mit scheinbaren Nonsense-Symbolen zu ärgern, dann entfernen sie im Wortsinn den „Nonsense“ und geben dem OK-Sign den von ihnen bestimmten Sinn: „Ich bin einer von Euch, ich komm von /pol/ und das hier ist unser Handzeichen-Joke, wink wink nudge nudge“. Es ist nicht der Witz, der das OK-Symbol zum Rightwing-Symbol macht (das ist das, was 4chan, Sargon und Pool behaupten) – es ist der Kommunikationsprozess unter Gebrauch des Symbols innerhalb dieser Gruppe.

Es gibt dann doch drei (relativ schwache) Argumente gegen die Bezeichnung von „OK-Sign“ als „Alt-Right-Symbol“: 1.) Es ist viel eher ein „Pepe-Symbol“ denn ein „Alt-Right-Symbol“ und als solches seit 2015 bekannt. Zwar haben die Gruppen „Alt-Right“, „4chan-Trolls“ und „/pol/“ großflächige Überlappungen, sie sind allerdings nicht identisch. 2.) Die Aufbereitung in den Massenmedien, hier eine beispielhafte Headline von Inquisitr.com: „White Power Handsign: Is the 'OK' Hand Signal racist?“ Alles an der Headline ist falsch, kolportiert wird die Assoziation des „Pepe-Symbol“ mit real existierenden White Power-Handzeichen vor allem durch einen viralen Tweet von Fusion-Journalistin Emma Roller, von dem ausgehend das Thema größere Beachtung fand, und die zur Unterstreichung ihrer neuen Erkenntnis eine weitere Grafik postete – die von Trollen auf 4chan erstellt wurde (und auch fälschlicherweise von der Anti Defamation League aufgegriffen wurde, soweit ich mich richtig erinnere.)

Dennoch: Auch wenn das „OK-Symbol“ explizit weder „White Power“ noch Rassismus bedeutet, so ist es doch eindeutig durch den gut sichtbaren (memetischen) Gebrauch sowohl on- und offline mit Bedeutung aufgeladen, die von den Anhängern der Alt-Right problemlos verstanden wird. Damit wird das OK-Handzeichen zu einem gruppenspezifischen Kommunikationsmittel und tatsächlich zum „Symbol der trolling-affinen 4chan-Anteile der Alt-Right“. Der wichtigste Faktor ist allerdings schlichtweg die Nutzung dieses spezifischen Symbols durch diese spezifische Gruppe und dafür gibt es genug Beispiele, auch lange bevor die Story viral ging. Deshalb ist die Headline von Rollin Bishop bei The Outline zu 100% korrekt: „The OK sign is becoming an alt-right symbol“.

Wenn 4chan und seine Freunde also denken, Medien wären „cancer“ und „cringe“, weil sie von scheinbaren „Nonsense“-Symbolen berichten, die 4chan zuvor durch den Trolling-Prozess selbst (unbeabsichtigt) mit Sinn befüllten – dann sollte sich 4chan vielleicht geilere Symbole ausdenken und ein Studium der Semiotik anvisieren. Oder um es mit den wunderbaren Worten eines sehr weisen Mannes zu sagen: Don't bullshit a bullshitter. „Kek“.

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