Techno-Reue in der Hyperrealität

Gepostet vor 3 Monaten, 11 Tagen in #Kultur #Tech #DasGeileNeueInternet #Philosophy

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Auszug aus Social Media-Kritiker Geert Lovinks neuem Buch Im Bann der Plattformen – Die nächste Runde der Netzkritik auf Monde Diplomatique: Techno-Reue in der Hyperrealität.

Das Buch habe ich grade vorbestellt und sein altes Das halbwegs Soziale – Eine Kritik der Vernetzungskultur grade geordert, kommt auf meine lange DasGeileNeueInternet-Bücherliste.

Der Text ist mir ein wenig zu allgemein und auch Lovinks Meme-Begriff greift zu kurz, ich gehe aber davon aus, dass es sich hier um sowas wie ein gekürztes Vorwort handelt und das Buch sehr viel näher auf die einzelnen Punkte eingeht. Lovinks Analyse dieser Punkte ist aber anscheinend sehr viel tiefgehender, als man es von der Debatte um neue Internet-Phänomene (Fake-News, Clickbait, Meme-Wars, etc) gewohnt ist.

Hier ein längeres Zitat mit ein paar Anmerkungen [in kursiven eckigen Klammern]:

Die Ernüchterung über das Internet ist eine Tatsache: Aufklärung bringt uns nicht Befreiung, sondern Depression. Die einst märchenhafte Aura, die unsere geliebten Apps, Blogs und so­zia­len Medien umgab, hat sich aufgelöst. […]

In den Post-Brexit und Trump-Ereignissen gibt es keine Chronologie, keine Entwicklung, keinen Anfang oder eine Mitte, geschweige denn ein Ende. Nur die Intensität des sich ewig wiederholenden Jetzt. [ed: Siehe Marc Fisher oder mein ständiges Gesülze von kulturellem Stillstand] Was passiert, wenn die Aufregung der Informationssättigung in ein tiefes Gefühl der Leere umschlägt? Wenn wir über diesen Punkt hinaus sind, wird das Digitale weder verschwinden noch wird es sich materialisieren. Die niemals endenden Ströme kulminieren nicht mehr in einem altrömischen Spektakel. Stattdessen erfahren wir das Simulakrum als vorrangige Realität.

Die tausend Plateaus (nach Deleuze und Guattari) der Tweets, Blogs, Instagram- und Facebook-Postings schaffen eine Kultur der tiefen Verwirrung. Fragmentierung und Vielfalt hätten uns bereichern sollen. So wie es ist, war es nicht geplant. Ist das die „Differenz“, die wir einmal angestrebt haben?

Unsere Social-Media-Wut ist nicht nur ein pathologischer Zustand von wenigen; sie gehört zur conditio humana. Es herrscht geistige Erschöpfung (#sleepnomore). Mit leeren Händen diskutieren wir über eine machtlose Database-Kritik nach der anderen. Um es in räumliche Begriffe zu bringen, der Cyberspace hat sich als ein Raum entpuppt, der ein Haus enthält, das eine Stadt enthält, und ist in eine flache Landschaft kollabiert, in der sich die geschaffene Transparenz in Paranoia verwandelt. Wir sind nicht in einem Labyrinth verloren, sondern ins Offene geworfen, beobachtet und manipuliert, ohne irgendeine Kommandozentrale in Sicht. [ed: Alle Menschen sehen (scheinbar) alles von Allen. Hyper-Sichtbarkeit als Problem.]

Eine entscheidende Rolle im Zerfallsprozess spielen die Mainstream-Medien. Während ihre Deutungshoheit schwindet, wird ihr Einfluss immer noch als signifikant betrachtet. Ihre Rolle als Clearingstelle für Tatsachen und Meinungen wurde von wachsenden Zentripetalkräften in der Gesellschaft untergraben, die Gefühlslagen (und Interessen) der Babyboomer nicht mehr als legitimierten Konsens hinnehmen.

Die Unfähigkeit der „Mainstream-Medien“, mit den Veränderungen in der Gesellschaft umzugehen, hat eine Kultur der Gleichgültigkeit hervorgebracht. Die blinden Flecken in den Theorien der postmodernen Generationen sind zu zahlreich, um sie aufzulisten. [ed: Deshalb meine Bücherliste, ich würde diese „blinden Flecken“ gerne identifizieren.] Der große Elefant im Raum ist Jürgen Habermas. Viele von uns hängen immer noch seiner Vorstellung von der bürgerlichen öffentlichen Sphäre an, als einer Arena, in der verschiedene Meinungen im rationalen Dialog miteinander konkurrieren. Doch im Internetzeitalter ist es nicht mehr möglich, eine sichere, geschützte Habermas’sche Sphäre herzustellen, die auf einem nationalen Konsens beruht. Was in diesem neuen Kontext ist denn „Gegenöffentlichkeit“? Der nutzergenerierte Content von 4chan, Reddit und YouTube?

Der rationale, zurückhaltende Ansatz scheitert an den ironischen Strategien dieser Kultur der Meme. Meme, ikonische Bilder und Slogans, die durch das Internet reisen, fassen Argumente zusammen und ermöglichen einfache Beurteilungen komplexer Probleme, mit dem allgemeinen Ziel, zu beschleunigen und die öffentliche Debatte überflüssig zu machen.
Meme verkörpern die Krise der „partizipativen Kultur“. Während für die Prä-Internet-Babyboomer-Generation Bildung synonym war mit der Fähigkeit, Quellen zu hinterfragen, Meinungen zu dekonstruieren und aus quasineutralen Botschaften Ideologien abzulesen, geht es nun um die Fähigkeit, eigene Inhalte in Form von Antworten, Beiträgen, Blog-Postings, Social-Media-Updates und Bildern zu produzieren. [ed: User-Generated, super-customized/individualized Ideologies thru Memes? Ich bin unsicher, ob sein Vergleich von Medienkompetenz und „Antwort“ (im Sinne von „digitale Entgegnung“) haltbar ist, aber es ist ein interessanter Gedanke.]

Der Übergang vom kritischen Konsumenten zum kritischen Produzenten hat einen Preis: Informationsinflation. (Die gut gemeinte „Prosumer“-Synthese kam nie zustande.) Jeder kann Meme erzeugen, aber was bedeutet es, wenn deren Botschaft das Ende einer rationalen und ausgewogenen Diskussionskultur ist? Sollten wir die Meme ignorieren und wünschen, dass sie verschwinden – oder lieber Kulturtechniken kopieren, in der Hoffnung, dass wir das Unbehagen in eine andere Richtung steuern können? […]

Gibt es Möglichkeiten, nicht nur mit Zensur und moralischen Urteilen zurückzuschlagen, sondern einen Schritt voraus zu sein? Wie können wir von Daten zu Dada kommen und zur Avantgarde des 21. Jahrhunderts werden, die den technologischen Imperativ wirklich versteht und zeigt, dass wir das Soziale in den sozialen Medien sind? [ed: Ich fürchte, genau diese Erkenntnis hat auf der rechten Seite des politischen Spektrums bereits stattgefunden.]

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