Georg Seeßlen über Donald Trump

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Einen Auszug aus Georg Seeßlens neuem Buch Trump! POPulismus als Politik hatte ich bereits hier verlinkt, nun hat Telepolis ein sehr langes, ausführliches Interview mit ihm darüber.

Ich denke, sein Ansatz, diese neuen Phänomene aus der Perspektive von Storytelling und Popkultur zu analysieren, ist genau der richtige und er trifft den Nagel mehr als einmal genau auf den Kopf. Das ist exakt der Grund, warum ich (wie grade eben hier beschrieben) vor allem grade nach explizit apolitischen Erklärungsansätzen suche.

Essential Reading mit tatsächlich hoffnungsvollem Ende:

Der Wahlsieg von Donald Trump basiert unter vielem anderen auf dem Umstand, dass ihn sich ein Teil der politischen Kultur, ein Teil der kritisch-liberalen Öffentlichkeit, aber auch ein Teil "der Leute" einfach nicht hat vorstellen können. Und diese Unvorstellbarkeit, diese Unfähigkeit zu begreifen, was da eigentlich geschieht, begleitet uns auch in die eigentliche Amtszeit hinein. Jede neue Pöbelei, jeder neue Twitter-Angriff, jeder neue Bruch mit den Gepflogenheiten, der Sprache, der Moral einer Balance von Politik, Ökonomie und Person löst wieder diese Reaktion aus: "Das kann doch nicht wahr sein."

Deswegen schien es mir notwendig, neben die politische und rationale Erzählung der Demokratie (einschließlich ihrer Ausschläge nach links und rechts), in der ein Präsident Trump offensichtlich nicht wirklich zu erklären ist, die Erzählungen und die Bilder der Pop-Kultur heranzuziehen. In dieser zweiten Erzählung aus Game Shows, scripted reality, SitComs, Helden- und Schurken-Bildern aus Filmgenres, Stand-Up-Comedians, Casting-Shows und Trash-TV lässt sich manches erklären, was in einer Erzählung, die auf Interessen, Meinungen, Fakten und Debatten beruht, völlig unerklärlich bleiben muss. All das Kontrafaktische, das Selbstwidersprüchliche, das Vulgäre, das Clowneske, das willkürlich Boshafte, das Sprunghafte, das Ignorante, das effekthascherisch Inszenierte, das Spiel mit Mythen und Klischees usw. ist in einer politischen Erzählung unerträglich, in einer Pop-Performance aber gerade das, worauf es ankommt. […]

516fPtbO0HL._SX353_BO1,204,203,200_Ein Donald Trump ist durch rationale Kritik ebenso wenig zu erreichen wie seine Anhänger, man kann ihn nicht einmal besonders gut karikieren, weil er ja stets auch schon als seine eigene Parodie auftritt. Die härteste Kritik bringt er selber mit obszöner Offenheit auf den Punkt, wenn er behauptet, er könne rausgehen und jemanden erschießen, und die Leute würden ihn trotzdem wählen. […]

In den Mythen, die in den siebziger Jahren von Stallone und Schwarzenegger initiiert wurden, geht es stets um den Erfolg des weißen Mannes, der sich stets zunächst als Opfer sieht, als Opfer der Frauen, Opfer der Fremden, Opfer der "Eliten", Opfer des Staates und der Behörden, Opfer der falschen Regeln und der falschen Strukturen. Was damals noch vor allem als heroisch-dramatische "Wiederauferstehung" inszeniert wurde, findet sich heute vor allem als mehr oder weniger lustige Buddie-Phantasie wieder: Männer wie Homer Simpson oder Kevin James wollen einfach nur mit ihren Kumpeln Spaß haben und Bier trinken und ab und zu dem eigenen Größenwahn folgen, aber die moralischen und rationalen Frauen lassen sie nicht. Auch bei Trump scheint ja Erfolg vor allem darin zu bestehen, alles was er anfasst (einschließlich der Frauen) in "Spielzeug" zu verwandeln. Noch seine engsten Verbündeten haben Donald Trump ja zugerufen: "Werd' erwachsen!". Aber vielleicht ist ja genau das eines seiner Wahlversprechen, nämlich das Erfolghaben von der Verpflichtung zum Erwachsenwerden zu befreien… […]

Jemand wie Donald Trump ist zugleich das Produkt der Pop-Kultur und ihr erbitterter Feind; wie alle Rechtspopulisten fängt er zu allererst den Streit mit der liberalen Presse und dann mit dem Rest der nicht gefügigen Pop-Kultur an. Denn so wenig ihm die rationale und moralische Kritik gefährlich werden kann, so sehr muss er "Stimmungswandel" in der Pop-Kultur fürchten. Man könnte ihn absetzen, wie man eine Fernsehserie absetzt, wenn sie beginnt, an Zuspruch zu verlieren. […]

In der Kultur der "Post Truth Politics" dagegen ist die Wahrheit einer Nachricht beglaubigt durch die Zahl und Reaktion ihrer Empfänger. […] Diese Haltung entsteht zum einen aus dem Zweifel daran, ob es die materielle und rationale Wirklichkeit überhaupt gibt und welchen Überbringern und Vermittlern denn noch zu trauen wäre, und zum anderen aus einem allgemeinen Trend zur Fiktionalisierung der Welt. Wie soll jemand, der Pokemons im Stadtpark jagt, noch an eine objektive Wirklichkeit glauben? Wirklich ist, was "gut ankommt" und was eine Reaktion auslösen kann. […]

Möglicherweise ist Donald Trump das "Gesicht" (das Testimonial) des Neoliberalismus in seiner Umschlagphase zu Rechtspopulismus und Anarcho-Kapitalismus. Seine Administration wird einen weiteren Umbau des ohnehin fragilen Systems von check & balance versuchen. Aber genauso wahrscheinlich ist es, dass auf ein Strohfeuer der Trumpanomics die nächsten schweren Krisen folgen und Trump nicht derjenige ist, der dem Neoliberalismus zum "endgültigen" Erfolg verhilft, sondern derjenige, der seinen Zusammenbruch maskieren soll.