RechtsLinks 19.1.2017: Die völkische Umkopfung der AfD, Big Data im Wahlkampf und eine Fake-News-Studie

Sascha Lobo auf spOnline: Björn Höcke in Dresden – Schauen Sie diese Rede!: „Ein Gedankenexperiment: Wenn sich einhundert Menschen versammeln, und ein paar sind darunter, die murmeln Nazi-Zeug - das macht die restlichen 95 nicht zu Nazis. Aber wenn diese paar zum Beispiel anfangen würden, sichtbar Hakenkreuz-Fahnen zu hissen, dann kommt ein essenzieller Moment: Wie gehen die 95 mit den fünfen um? Akzeptiert die große Mehrheit diese Symbole unwidersprochen? Bleiben die fünf Teil der Gruppe? Ab einem bestimmten Punkt steht eine gehisste Fahne nicht mehr nur für die fünf, sondern kann oder muss als Absichtserklärung der gesamten Gruppe verstanden werden. So funktioniert politische Gruppendynamik: über Zustimmung, Schweigen und Abgrenzung. Und es gibt einen Moment, da wird Schweigen zur Zustimmung.“

Zur Höcke-Rede will ich auch nochmal den Vortrag von Patrick Gensing auf dem Zündfunk Netzkongress 2016 empfehlen, der sich (trotz anderslautendem Titel) über weite Strecken mit dessen Nazi-Sprache beschäftigt:

Torben Friedrich auf Facebook: Die völkische Umkopfung der AfD.

AfD-Spitzenpolitiker erregen seit Beginn an gern mit extremen Positionen Aufmerksamkeit. Anschließend folgt stets das Dementi: Man sei falsch verstanden worden..

Was die Rechtspopulisten da tun hat Methode. Und diese Methode ist niederträchtig. Denn es geht nicht nur darum, rechte Gedankenbilder in den politischen Diskurs einzuführen, ohne sich strafbar zu machen. Das Ziel ist sprachliche Überwältigung. Deutungshoheit über Worte, Meinungen und Bilder in den Köpfen der Bevölkerung. Systematisch deuten rechtsgerichtete Politiker wichtige Begriffe des freiheitlichen, demokratischen Gemeinwesens der Bundesrepublik Deutschland um.

Es ist ein Kampf um Worte und Bilder in den Köpfen. Möglichst einfache Worte und Bilder, plump und für jeden verständlich. Ein bisschen Angst dazu und eine Prise Fremdenfeindlichkeit hat auch nie den etablierten Parteien geschadet. Nur diesmal wird der Rundumschlag der Rechten rechts von der Union immer perfider.

Die Strategie ist es, Begriffe und Bilder des demokratischen Diskurses umzudeuten, "völkisch" zu machen und Demokraten im eigentlichen Wortsinn sprachlos. Wie soll man auf sowas noch reagieren? Was ist eine angemessene Antwort? Wie kann man da noch Augenhöhe bewahren? Was Höcke da in Dresden gesagt hat, bricht mit allem je in der Bundesrepublik Deutschland bisher gehörten politischen Diskurs.

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Michael Seemann über Big Data im Wahlkampf: Drei Missverständnisse bei der Debatte um Big Data im Wahlkampf.

In Zeiten, wo die AfD bei diversen Wahlkämpfen anonyme Schützenhilfe bekommt, indem sie Flyer, Anzeigen und Plakate aus dunklen Kanälen gesponsort bekommt und in Zeiten, in denen Russland mutmaßlich mittels gezielter Hackingangriffe und Veröffentlichungsaktionen in den amerikanischen Wahlkampf eingegriffen hat – in diesen Zeiten sollen wir uns darauf verlassen, dass unsere Gesetzeslage Big Data aus dem Wahlkampf raushalten wird?

Sagen wir so: Wäre ich Putin, wäre das genau mein Angriffwinkel auf die Bundestagswahl. Über dubiose Kanäle würde ich die AfD im Wahlkampf mit einer ausgefeilten Big Data-Kampagne flankieren.

Das ist vor allem deswegen erfolgversprechend, weil die Wahlkampflandschaft hierzulande im Gegensatz zur USA nicht auf Big Data eingestellt ist. Es wäre wie mit der Neutronenbombe zum Messerkampf zu kommen. Die anderen Parteien wären der zusätzlichen Effizienz hilflos ausgeliefert, denn sie dürfen ja nicht.

The fuckers may be loud, but they are not many: Buzzfeed: How 550 Facebook Users Spread Britain First Content To Hundreds Of Thousands Of People: „A BuzzFeed News analysis of data from the social platform has identified the most prolific boosters of material from the far-right party.“

The Facebook profiles seem entirely ordinary. Scattered across towns in England, Wales, and Scotland – as well as Spain, Australia, and the US – they share photos of their grandchildren, missing children warnings, sad tales of animal abuse, and cute memes about hugs.

But these 559 profiles are also among the most prolific spreaders and boosters of anti-Muslim, anti-immigration, and far-right content on the internet. Each of them has liked hundreds of posts on a leading far-right political party’s page, prompting Facebook’s algorithms to push the content up the News Feeds of first thousands, then hundreds of thousands more.

Poynter: Did fake news help elect Trump? Not likely, according to new research. Hier das Paper: Social Media and Fake News in the 2016 Election, Abstract:

We present new evidence on the role of false stories circulated on social media prior to the 2016 US presidential election. Drawing on audience data, archives of fact-checking websites, and results from a new online survey, we find: (i) social media was an important but not dominant source of news in the run-up to the election, with 14 percent of Americans calling social media their “most important” source of election news; (ii) of the known false news stories that appeared in the three months before the election, those favoring Trump were shared a total of 30 million times on Facebook, while those favoring Clinton were shared eight million times; (iii) the average American saw and remembered 0.92 pro-Trump fake news stories and 0.23 pro-Clinton fake news stories, with just over half of those who recalled seeing fake news stories believing them; (iv) for fake news to have changed the outcome of the election, a single fake article would need to have had the same persuasive effect as 36 television campaign ads.

Telepolis: Generalsekretär des Europarates warnt vor Zensur durch Maßnahmen gegen "Fake News": „Der ehemalige norwegische Ministerpräsident Thorbjørn Jagland, der seit 2009 Generalsekretär des Europarates ist, hat vor aktuellen Bestrebungen in Deutschland und der EU gewarnt, schärfer als bisher gegen so genannte 'Fake News' vorzugehen. Seiner Ansicht nach muss man sehr klar zwischen eindeutig und bereits jetzt strafbaren Inhalten wie Gewaltandrohung, Holocaustleugnung und Kinderpornographie auf der einen und 'Inhalten, die nicht klar illegal sind' auf der anderen Seite unterscheiden. Bei letzteren sollte man der Warnung des Sozialdemokraten alter Schule nach nach 'vorsichtig sein', weil Maßnahmen hier 'auf die falsche Weise genutzt' und 'zu einer Art Zensur werden' könnten, mit der unliebsame Meinungen verboten und Debatten abgewürgt werden könnten.“

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Los Angeles Review of Books: America, America.

One of the most alarming aspects of the rise of Trump is (or should have been) his embrace of the Orwellian lie. This also cannot be normalized with a comforting “all politicians lie.” Of course they do. Lying is not telling the truth, or shaping a version of events with the intent to deceive. These things happen. Jimmy Carter promised he would “never lie to us.” Great. Nixon told so many lies it’s amazing he could keep track of them. But we are not talking about garden variety lying here — we are talking about the totalitarian lie: lies told, repeatedly, loudly and insistently, in direct confrontation with the indisputable truth. Lies purposefully designed to undermine the very capacity to make truth claims. Orwell was right to warn of this. But here we are.

spOnline: Offener Pressebrief an Trump – "Genießen Sie Ihre Amtseinführung": „Das Verhältnis zwischen dem nächsten Präsidenten und den meisten Medien der USA könnte schlechter nicht sein. Der Chefredakteur des renommierten Magazins 'Columbia Journalism Review' schreibt nun eine Kampfansage.“

We’re playing the long game. Best-case scenario, you’re going to be in this job for eight years. We’ve been around since the founding of the republic, and our role in this great democracy has been ratified and reinforced again and again and again. You have forced us to rethink the most fundamental questions about who we are and what we are here for. For that we are most grateful.

Enjoy your inauguration.

—The Press Corps