Links 5. 12. 2016: Big Data Voodoo, Political Correctness, Verschwörungstheorien, Gamergate und Trump

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Diese Story von Das Magazin über die Rolle von Psychometrie und targeted Facebook-Werbung bei der Wahl Trumps wird seit dem Wochenende hoch und runtergeteilt:

wie gross war der Einfluss der psychometrischen Methoden auf den Ausgang der Wahl? Cambridge Analytica will auf Anfrage keine Belege für die Wirksamkeit der Kampagne liefern. Und es ist gut möglich, dass die Frage nicht zu beantworten ist. Und doch gibt es Anhaltspunkte: Da ist die Tatsache, dass Ted Cruz dank der Hilfe von Cambridge Analytica aus dem Nichts zum schärfsten Konkurrenten Trumps in den Primaries aufstieg. Da ist die Zunahme der ländlichen Wählerschaft. Da ist der Rückgang der Stimmenabgabe durch Afroamerikaner. Auch der Umstand, dass Trump so wenig Geld ausgab, könnte sich mit der Effektivität persönlichkeitsbasierter Werbung erklären. Und auch, dass er drei Viertel seines Marketingbudgets in den Digitalbereich steckte. Facebook erwies sich als die ultimative Waffe und der beste Wahlhelfer, wie ein Trump-Mitarbeiter twitterte. Das dürfte beispielsweise in Deutschland der AfD gefallen, die mehr Facebook-Freunde hat als CDU und SPD zusammen.

Es ist also keineswegs so, wie oft behauptet wird, dass die Statistiker diese Wahl verloren haben, weil sie mit ihren Polls so danebenlagen. Das Gegenteil ist richtig: Die Statistiker haben die Wahl gewonnen. Aber nur jene mit der neuen Methode. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass Trump oft über die Wissenschaft schimpfte, aber wohl dank ihr die Wahl gewonnen hat.

Ein anderer grosser Gewinner heisst Cambridge Analytica. Ihr Vorstandsmitglied Steve Bannon, Herausgeber der ultrarechten Onlinezeitung «Breitbart News», ist gerade zu Donald Trumps Chefstrategen ernannt worden. Marion Maréchal-Le Pen, aufstrebende Front-National-Aktivistin und Nichte der Präsidentschaftskandidatin, twitterte bereits, dass sie seine Einladung zur Zusammenarbeit annehme, und auf einem internen Firmenvideo steht über dem Mitschnitt einer Besprechung «Italy». Alexander Nix bestätigt, dass er auf Kundenakquise sei, weltweit. Es gebe Anfragen aus der Schweiz und Deutschland.

Dazu auch: How the Trump Campaign Built an Identity Database and Used Facebook Ads to Win the Election.

Und hier ein Vortrag von Herr Nix, der auf im Text oben erwähnt wird:

Man sollte den Text definitiv gelesen haben, man sollte das BigData-Voodoo aber auch nicht überbewerten. Trump hat gewonnen, weil er riesige Ralleys veranstaltete und die Leute abgeholt hat – und zwar auch in ihren berechtigten und unberechtigten Ressentiments. Die hat er halt zusätzlich per Facebook-Werbung befeuert.

Komplett wird der Text mit diesen Kritiken daran:
Wired: A Lot of People Are Saying Trump’s New Data Team Is Shady
Dennis Horn: Hat wirklich der große Big-Data-Zauber Trump zum Präsidenten gemacht?
Jens Scholz: HAT EIN BIG DATA PSYCHOGRAMM TRUMP WIRKLICH DEN SIEG GEBRACHT?

In einer Diskussion auf Facebook tauchte die Frage auf, ob auch Gruppen mit volatilen Profilen auf eine Handlung wie "wählen gehen" motiviert oder demotiviert werden können. Ja, sicher. Das ist aber nicht, was die gemacht haben bei der Brexit- und der Trump-Kampagne. Das was volatile Menschen an Kommunikation brauchen, ist halt die klassische politische Überzeugungsarbeit - das mit Argumenten und Versprechen und Diskussionen - , da komm ich nicht mit plattem Marketing und Claims an. Das Problem dabei ist außerdem, es dauert lange, ist aufwändig, sehr teuer und es erreicht dennoch immer nur den einen Menschen, den man vielleicht am Ende überzeugt hat. Diese Arbeit haben die sich nicht gemacht.

Wenn ich mich auf die Verstärker meiner Botschaft konzentriere, mit der ständigen Wiederholung von "Make America great again" und "Build a wall!" und "Drain the swamp!" auf einen Streich Millionen erreiche und aktiviere, dann sorgen diese Leute für eine enorme zusätzliche Reichweite und Lautstärke. Übrigens: Was bisher noch niemand erklärt hat, warum diese Lautstärke wichtig ist, denn sie motiviert und bestärkt nicht nur die Gleichgesinnten sondern demotiviert auch die Gegner.

Das „Erzeugen von Lautstärke“ von dem Jens da spricht, das nennt man übrigens Memetik. Lautstärke durch Ideenvervielfältigung. Dabei hilft es eben, siehe oben, wenn die Botschaften einfach sind und die Leute abholen. Da werde ich mich auch weiterhin dran abarbeiten, denn auch wenn viele Themen von DasGeileNeueInternet seit der Wahl von Trump im Mainstream verhandelt werden (Fake-News/Clickbait zum Beispiel), so reden immer noch zu wenige über die psychologischen Mechanismen dahinter.

Mehr:

Verschwörungstheorien: 'Nichts ist, wie es scheint':

ZEIT: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Verschwörungstheorie und Populismus? Donald Trump hatte ja auch behauptet, Hillary Clinton plane gemeinsam mit dem Großkapital heimlich das Ende der Souveränität der USA. Ist das populistisch oder verschwörerisch?

Butter: Da gibt es eine große Überlappung. Sowohl unter den Anhängern von Trump als auch in der deutschen Pegida-Bewegung oder der AfD sind Verschwörungstheorien weit verbreitet. Der Populist behauptet ja: "Die Eliten repräsentieren die Bevölkerung nicht mehr." Und von da aus ist es nur ein kleiner Schritt zu der Annahme: "Die Eliten kümmern sich nicht um uns, weil sie anderen Herren dienen."

ZEIT: Zum Beispiel den Juden, dem Kapital, den Illuminaten ...

Butter: ... irgendeiner Gruppe im Hintergrund jedenfalls, die heimlich alles plant und steuert. So lautet das übliche Narrativ der Verschwörung: Nichts ist, wie es scheint.

Ich stimme dem langen Artikel im Guardian über Political Correctness nicht in allen Punkten zu – etwa wenn er bezweifelt: „They complained that other people were creating and enforcing speech codes, while at the same time attempting to enforce their own speech codes“ – they definitely do. Aber an dieser Stelle hat er Recht:

The anti-PC liberals were so focused on leftists on Twitter that for months they gravely underestimated the seriousness of the real threat to liberal discourse. It was not coming from women, people of colour, or queer people organising for their civil rights, on campus or elsewhere. It was coming from @realdonaldtrump, neo-Nazis, and far-right websites such as Breitbart.

Google, democracy and the truth about internet search: „Tech-savvy rightwingers have been able to ‘game’ the algorithms of internet giants and create a new reality where Hitler is a good guy, Jews are evil and… Donald Trump becomes president“.

Mein Buddy Gregor bei den Krautreportern: Bots unter Generalverdacht: „Bots haben Trump zum Wahlsieg verholfen, Bots gefährden die Demokratie, Bots sind böse, lese ich überall. Dabei könnten diese Aussagen selbst von einem Bot stammen. Mal ganz von vorn: Was sind Bots überhaupt?“

Auch diesem Stück hier – What Gamergate should have taught us about the 'alt-right' – stimme ich nicht in allen Details zu, aber es ist richtig, in Gamergate eine Mikroversion und Ursuppe dessen zu sehen, was wir grade auf der globalen Bühne erleben. Oder wie ich damals schrieb:

Die Debatten um Identity Politics wurden und werden bereits extrem hitzig geführt, aber erst deren Kombination mit der supervernetzten Gaming-Szene und der ekligen, ansonsten aber vor allem Gossip-artigen Aktion eines gekränkten Ex-Lovers, der 4chan als Instrument seiner Rache nutzte, führte zu einem Urknall und zu dem Kommunikations-GAU, den wie heute sehen – a Shithole formerly known as Netz-Diskurs.

Und ich hatte in diesem Text damals bereits gewarnt, dass sich einige Gamergater sehr schnell im Bett mit Rightwingern finden könnten und ihnen als Steigbügelhelfer dienen würden. Tja.

The greatest strength of Gamergate, though, was that it actually appeared to represent many left-leaning ideals: stamping out corruption in the press, pushing for better ethical practices, battling for openness. There are similarities here with many who support Trump because of his promises to put an end to broken neo-liberalism, to “drain the swamp” of establishment corruption. Many left-leaning supporters of Gamergate sought to intellectualise their alignment with the hashtag, adopting familiar and acceptable labels of dissent – identifying as libertarian, egalitarian, humanist. At best they unknowingly facilitated abuse, defending their own freedom of expression while those who actually needed support were threatened and attacked. Genuine discussions over criticism, identity and censorship were paralysed and waylaid by Twitter voices obsessed with rhetorical fallacies and pedantic debating practices. While the core of these movements make people’s lives hell, the outer shell – knowingly or otherwise – protect abusers by insisting that the real problem is that you don’t want to talk, or won’t provide the ever-shifting evidence they politely require.

The beauty of this anti-establishment standpoint is, when any mainstream media source seeks to challenge the collective beliefs of the movement, it’s merely used as further evidence that journalists are untrustworthy and aloof. This is a challenge the press must be ready to face in today’s political climate: confronting these movements comes with a cost – it has never been possible to write openly about Gamergate without attracting a wave of online abuse.

Zum letzten Satz: Yes, it is possible. But it's a whole lotta work, I can tell you that.