Trump, eh?

Gepostet vor 23 Tagen in Politics Share: Twitter Facebook Mail

Vor circa 25 Jahren lernte ich eine Lektion für's Leben. Ich befand mich grade in meiner rebellischen Phase, was sich in ständigen, sehr heftigen Auseinandersetzungen mit meinem Vater äußerte, dessen Regeln ich nicht mehr anerkannte und dessen ganzer Lebensentwurf im scharfen Kontrast zu meinen albernen Teenage-RavingSociety-Utopien stand. Bei einem Streit am Essenstisch landete ich dann irgendwann bei dem „Argument“, er sei ja nur ein „dummer Handwerker“, der keinen blassen Schimmer habe. Den Blick in seinen Augen werde ich nie vergessen und ich wusste noch in der Sekunde, als ich mein saudämliches und arrogantes Maul zumachte, dass ich hier eine Grenze überschritten hatte.

Wir hatten uns im Laufe der Jahre wieder zusammengerauft, aber der bis ins Nachbarkaff für alle laut hörbare Sound seines brechenden Herzens verfolgt mich noch heute und genau dieselbe Arroganz der utopistischen Linken gegenüber der „hard working“ und „silent Majority“ ist einer von vielen Gründen für den Wahlsieg Trumps.

NEW YORK, US - NOVEMBER 09: View of US presidential poll votes at the Empire State Building on Manhattan Island on November 09, 2016 in New York City. Donald Trump defeated Democratic presidential nominee Hillary Clinton to become the 45th president of the United States. (Photo by Vanessa Carvalho/Brazil Photo Press/LatinContent/Getty Images)

Ich habe seit gestern viel über seinen Wahlsieg gelesen, habe mir tausend Ursachen angehört. Facebook ist schuld, die Russen, das FBI, ökonomische Ungleichheit, Rassismus, die Korruption des Establishments und Clinton, Political Correctness, die Trolle, die Medien, Social Bots, die Nazis, Memes und fucking Pepe.

Alles für sich genommen wahre Gründe, aber meines Erachtens erreichen sie nicht den Kern des tiefen Spalts, der sich (nicht nur) durch die amerikanische Gesellschaft zieht und dieser Graben verläuft zwischen urbanen Zentren und der gerne auch abfällig so bezeichneten Provinz.

Cracked.com (of all places) hat in diesem Kontext eine der bislang besten Analyse geliefert, die ich in den vergangenen Wochen gelesen habe: How Half Of America Lost Its F**king Mind.

"Nothing that happens outside the city matters!" they say at their cocktail parties, blissfully unaware of where their food is grown. Hey, remember when Hurricane Katrina hit New Orleans? Kind of weird that a big hurricane hundreds of miles across managed to snipe one specific city and avoid everything else. To watch the news (or the multiple movies and TV shows about it), you'd barely hear about how the storm utterly steamrolled rural Mississippi, killing 238 people and doing an astounding $125 billion in damage.

But who cares about those people, right? What's newsworthy about a bunch of toothless hillbillies crying over a flattened trailer? New Orleans is culturally important. It matters.

Diese Kluft trennt gleichzeitig die gut gebildete „digitale Info-Elite“ (wie mein Ex-Chef das mal formulierte) von den angeblich so dummen Bauern auf dem Land. Und es ist sehr wohl so, dass die progressiven Kräfte schon vor Jahren einen ihrer ureigensten Werte verraten haben: Die Solidarität, die sich in zwei von drei Worten der Losung der französischen Revolution äußerten, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Dieser Verrat lässt sich ziemlich genau zurückdatieren: Der Schulterschluß der Linken mit dem Neoliberalismus, in den 90er Jahren eingeleitet von Bill Clinton und der von Naomi Klein im Guardian als „Davos Class“, von mspr0 als „globale Klasse“ bezeichneten Gruppe der Globalisierungsgewinner.

Naomi Klein im Guardian: It was the rise of the Davos class that sealed America’s fate.

the force most responsible for creating the nightmare in which we now find ourselves wide awake: neoliberalism. That worldview – fully embodied by Hillary Clinton and her machine – is no match for Trump-style extremism. The decision to run one against the other is what sealed our fate. If we learn nothing else, can we please learn from that mistake?

Here is what we need to understand: a hell of a lot of people are in pain. Under neoliberal policies of deregulation, privatisation, austerity and corporate trade, their living standards have declined precipitously. They have lost jobs. They have lost pensions. They have lost much of the safety net that used to make these losses less frightening. They see a future for their kids even worse than their precarious present.

At the same time, they have witnessed the rise of the Davos class, a hyper-connected network of banking and tech billionaires, elected leaders who are awfully cosy with those interests, and Hollywood celebrities who make the whole thing seem unbearably glamorous. Success is a party to which they were not invited, and they know in their hearts that this rising wealth and power is somehow directly connected to their growing debts and powerlessness.

For the people who saw security and status as their birthright – and that means white men most of all – these losses are unbearable.

Hierzulande wurde dieser Schulterschluß vollzogen durch die SPD, Gerhard Schröder und HartzIV und dieser Verrat an der Solidarität ermöglichte in Konsequenz den Aufstieg einer neuen, globalen, technokratischen Elite in Form von Konzernen, die ihr Geld rund um den Globus jagen und sich nahezu komplett von ihrer lokalen Verantwortung abkoppelten. Dass die Linke dann schließlich in den 2000er Jahren die Identitätspolitik intern popularisierte, ihre Solidarität nur noch nach Minderheits-Zugehörigkeit verteilte und gleichzeitig die von ihr selbst mitverursachte ökonomische Ungleichheit nahezu völlig aus den Augen verlor und jeden als Nazi brandmarkte, der er wagte zu widersprechen, machte das alles nicht besser.

Es ist eine Farce, dass nun ausgerechnet einer der parasitärsten Abzocker dieses Neoliberalismus, der mit seinen RealityTV-Shows wie kein zweiter für die ruchlose Unmenschlichkeit dieses Systems und die Verweigerung der Solidarität steht, ins Weiße Haus gewählt wurde und auf dem Weg dahin die Abschaffung dieses korrupten Systems versprach. Stunning, indeed.

Und ja, es ist Blendwerk anzunehmen, Trumps Anhänger hätten vor allen aus rassistischen Motiven gewählt.

Alleine mit seinen KKK-Anhängern und mit den Alt-Right-Fickern hätte Trump nicht gewonnen, das funktionierte nur mit der Aktivierung der Abstiegsängste der weißen Mittelschicht im sogenannten „Rust Belt“, den ehemaligen Industriestaaten im Nordosten und die Zahlen sprechen hier für sich: Trump gewann in Staaten, die vier Jahre zuvor Barack Obama wählten und die Niedriglohnschichten, die 2012 noch zu 60% für Obama stimmten, wählten nun nur noch zu 50% democrat – es ging also in letzter Konsequenz um die Einforderung der von ihm lange versprochenen „Change“.

All das war durchaus abzusehen, ich hätte allerdings nicht damit gerechnet, dass denen Trumps offener Rassismus und seine Menschenfeindlichkeit am Ende so egal sind. Ein Rassismus, der seine Ursachen (auch) im Versagen des Kapitalismus und der neoliberalien Ideologie hat. Glenn Greenwald formuliert das so:

People often talk about “racism/sexism/xenophobia” vs. “economic suffering” as if they are totally distinct dichotomies. Of course there are substantial elements of both in Trump’s voting base, but the two categories are inextricably linked: The more economic suffering people endure, the angrier and more bitter they get, the easier it is to direct their anger to scapegoats. Economic suffering often fuels ugly bigotry. It is true that many Trump voters are relatively well-off and many of the nation’s poorest voted for Clinton, but, as Michael Moore quite presciently warned, those portions of the country that have been most ravaged by free trade orgies and globalism — Pennsylvania, Ohio, Michigan, Iowa — were filled with rage and “see [Trump] as a chance to be the human Molotov cocktail that they’d like to throw into the system to blow it up.” Those are the places that were decisive in Trump’s victory.

Diesbezüglich ist die Wahl von Trump auch als Rache am korrupten Neoliberalismus zu lesen, die gleichzeitig den Verlust linker Werte spiegelt: Die Wähler der weißen Mittelschicht verweigern ihren schwarzen und muslimischen Nachbarn die Solidarität und ermöglichen damit letztlich eine Institutionalisierung und Normalisierung rassistischer Strukturen, die schon vor der Wahl jede Menge Todesopfer forderten. Das taten sie für die scheinbare Sicherheit von Industriejobs und sie nehmen dafür Trumps Normalisierung von Rassismus in Kauf, der sich bereits jetzt, einen Tag nach der Wahl, in Gewalt an Schwarzen und Homosexuellen äußert.

Die Wahl von Trump ist eine Katastrophe. Mike Pence befürwortet die Heilung von Homosexualität“, Trump hat grade einen Klimaskeptiker zum Chef für den Umbau der Environmental Protection Agency ernannt, Rudolph Giuliani als Chef der Justizbehörde und fucking Sarah Palin ist auch noch da. „Pink Underwear“-Sheriff Joe Arpaio wird als Homeland Security-Fuzzis gehandelt, Trumps isolationistische Außenpolitik wird garantiert nicht zur Stabilisierung internationaler Konflikte beitragen und seine Wahl für den Ersatz für Justice Scalia am obersten Gerichtshof dürfte die Rechtssprechung in den USA auf Jahre verändern und Trump wird die Unterzeichnung des Klimaabkommens von Paris zurückziehen – und das obwohl denen bereits halb Florida und Miami absäuft.

Angesichts des Ausmaßes dieser „amerikanischen Tragödie“, wie der New Yorker es so treffend formulierte, stimme ich Naomi Klein vollkommen zu, wenn sie nun nach einer gnadenlosen Selbstanalyse der Linken und grundlegenden Reformen ruft:

Neo-fascist responses to rampant insecurity and inequality are not going to go away. But what we know from the 1930s is that what it takes to do battle with fascism is a real left. A good chunk of Trump’s support could be peeled away if there were a genuine redistributive agenda on the table. An agenda to take on the billionaire class with more than rhetoric, and use the money for a green new deal. Such a plan could create a tidal wave of well-paying unionised jobs, bring badly needed resources and opportunities to communities of colour, and insist that polluters should pay for workers to be retrained and fully included in this future.

It could fashion policies that fight institutionalised racism, economic inequality and climate change at the same time. It could take on bad trade deals and police violence, and honour indigenous people as the original protectors of the land, water and air.

People have a right to be angry, and a powerful, intersectional left agenda can direct that anger where it belongs, while fighting for holistic solutions that will bring a frayed society together.

Wie man diese linken Reformen auf deutsche Verhältnisse überträgt, weiß ich nicht. Aber auch hier sind sie bitter nötig, um bei den Wahlen 2017 schlimmeres zu verhindern.

Meine Vorschläge dafür sind bekannt: Ein neuer linker Populismus, der anders als rechter Populismus weniger aus „dem Volk nach dem Maul reden“ besteht, sondern in der Vermittlung von komplexen Zusammenhängen durch populäre Medien, ein linkes Boulevard oder Popkultur (und den ich basierend auf einem Schreibfehler hier auf NC als „Popularismus“ bezeichnen würde). Das gepaart mit einer Rückbesinnung auf Ur-Linke Themen wie eben Solidarität, Arbeiterrechte und soziale Gerechtigkeit könnte den neuen Rechten den Boden unter den Füßen wegziehen, sofern es dafür nicht bereits zu spät ist.

Further Readings:
Meike Lobo: Hass: „Man mag es als Zivilcourage feiern, bestimmten kleingeistigen Meinungen keine Plattform geboten zu haben, aber auf gesellschaftlicher Ebene habe ich damit große Schwierigkeiten. Die soziale Ausgrenzung von Konservativen beispielsweise als frauen-, schwulen- und flüchtlingshassende Nazis führt ja keineswegs dazu, dass diese konservativen Meinungen verschwinden und die Gesellschaft fortschrittlicher und offener wird. Dort am Rande versinken die Meinungen nicht in der Bedeutungslosigkeit, wie wir Linke hartnäckig hoffen, sondern erst dort bekommen sie so etwas wie gesellschaftliche Macht.“

George Lakoff: Understanding Trump

Vox.com: The smug style in American liberalism

Zeit.de: Was macht die Autoritären so stark? Unsere Arroganz: „Jahrelang haben die liberalen Eliten die da unten und ihre Sorgen heimlich verachtet. Jetzt wählen die Abgehängten die Rassisten, und der Schreck ist groß.“

Tags: DonaldTrump Election USA

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