Why Horror rules okay

Gepostet vor 4 Monaten, 24 Tagen in #Movies #Horror #Psychology

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horror1Falls Ihr's noch nicht mitbekommen habt: Horror erlebte spätestens dieses Jahr ein Mainstream-Comeback.

Der Horrorfilm durchlebt traditionell Phasen und wird so ungefähr alle 20 Jahre im Mainstreamkino wiederentdeckt, immer als Reflexion vorausgegangener Jahre des Umbruchs. So führte die große Depression in den 20ern zur ersten großen Horrorwelle der 1930er mit seinen Universal Monstern, als die Menschen angesichts der Nachwirkungen einer sich nur langsam erholenden Weltwirtschaft und der sich anbahnenden Katastrophe in Europa ihre klassischen Monster wieder entdeckten.

So war es auch in den 50ern als Verarbeitung des Schreckens des Weltkriegs und der Atombombe, in den 70ern landete der Ende der 60ern im amerikanischen Underground-Kino angeschobene New Horror als Reaktion auf den Vietnamkrieg und Rassenunruhen im Mainstream und die hedonistischen 90er mit ihrem angeblichen Ende der Geschichte (das ja auch etwas sehr nihilistisches in sich trüge, würde es denn existieren) ironisierten mit dem weltweiten Erfolg von Scream die endlose Slasher-Welle, die aus den 70er Jahren bis weit in die 80er wirkte. Die Reaktionen des Horrorkinos auf den Schrecken des 9/11 und der Greuel von Abu Ghraib war unmittelbar und mündete im genauso plumpen wie angemessenen Subgenre des Torture Porn, ein Genre, dass den Schrecken der Echtwelt nicht mehr im Subtext verarbeitete, sondern explizit auf die Leinwand brachte.

Es ist also keine große Überraschung, dass der Horrorfilm im Jahr Drumpf und in Zeiten von Alt-Right, Dark Enlightment, Troll-Invasionen und Post-Truth, Klimawandel, Anthropozän und sich immer weiter beschleunigendem gesellschaftlichem Wandel eine neue Renaissance erlebt. Der Horrorfilm ist spätestens mit Mainstreamerfolgen wie Don't Breathe, Lights out oder 10 Cloverfield Lane zurück im kollektiven Bewusstsein. Sogar der deutschsprachige Genrefilm erlebt nach Jahrzehnten des Dahindarbens mit Meisterwerken wie Der Bunker und Der Nachtmahr ein ganz und gar außergewöhnliches Comeback. (Ich würde sogar so weit gehen und zumindest Teile der Superhero-Explosion dem Horrorgenre zurechnen, geht es doch vor allem um Newschool-Übernatürliches und Mutationen – aber darüber müsste man nochmal einen eigenen Artikel schreiben.)

Denn Horror macht das Unbekannte erfahrbar. Aus dem sicheren Platz im Kinosessel heraus – ein wortwörtlicher Safespace übrigens! – können wir uns der Gefahr stellen und das Nicht-Greifbare, die unsichtbare Bedrohung, die ganze Gesellschaften erfasst hat, kennenlernen, ohne dabei draufzugehen. Der evolutionsbedingt geerbte und durch den Horrorfilm nachweislich aktivierte Fight-or-flight-Response wird zum Mechanismus für den kollektiven Alptraum, der die Verarbeitung gesamtgesellschaftlicher Ängste ermöglicht.

Eugene Thacker beschreibt das im Vorwort zu seinem Buch In the Dust of This Planet: Horror of Philosophy (das, übrigens, von Nic Pizzolatto als einer der maßgeblichen Einflüsse für True Detective zitiert wurde), in dem er versucht, diese neue Welt philosophisch mit den Mitteln des Horrors zu erklären, so:

The world is increasingly unthinkable, a world of planetary disasters, emerging pandemics, and the looming threat of extinction. In this book Eugene Thacker suggests that we look to the genre of horror as offering a way of thinking about the unthinkable world. To confront this idea is to confront the limit of our ability to understand the world in which we live - a central motif of the horror genre.

Von „limit of our ability to understand the world“ gibt es in diesem Jahr nun wahrlich genug und es ist genau diese Qualität des Genres, das Angebot an den Zuschauer, sich diesem Unbekannten zu stellen und sich von ihm in sicherer Distanz überwältigen zu lassen, die es von allen anderen Genres unterscheidet. Der Horrorfilm wird genau dank dieser Mechanik zur blutigen Psychoanalyse der Menschheit, was das Genre zur vielleicht grundlegendsten Spielart des Kinos macht. Der Horrorfilm ermöglicht dem Zuschauer eine Bestandsaufnahme seiner diffusen Ängste und bietet im besten Fall eine kathartische Wirkung, nach man die Welt ganz neu und aus gänzlich von allen Zwängen befreiten Perspektiven betrachten und beurteilen kann.

Und es mag dann am Ende vielleicht auch eine erleichternde Erkenntnis im Dunkeln des Kinosaales sein, dass auch im Jahr 2016 mit all seiner Weirdness und all seinen Entsetzlichkeiten das wirklich ultimate Unbekannte immer noch der Tod ist in all seinen blutigen Facetten. Angesichts dieses finalen Schreckens verliert dann noch jeder Trump und jeder Troll seinen Schrecken.

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