Podcast: Die lange Nacht der Massen

Superinteressanter Podcast, nicht nur weil ich grade Canetti lese: Die Lange Nacht über Massen – WIR sind nicht DIE, hier das MP3 als lokale Kopie: http://www.nerdcore.de/podcast/die_lange_nacht_ueber_massen.mp3. (via Swen)

Snip vom Deutschlandfunk:

obwohl sie in Krisenzeiten, in denen alles Vertraute fremd wird, Identität stiftet, dem Einzelnen Kraft und Selbstsicherheit gibt, wird die Rückkehr der Massen nicht nur freudig aufgenommen. Schon die klassischen Massentheorien von Le Bon bis Canetti warnten vor der Zerstörungslust der Massen.

Die Masse ist maßlos und ohne Vernunft, sie überrollt den Einzelnen und macht alles gleich. Mit der Rückkehr der Massen kehren auch diese Ängste zurück. Und mit ihnen die, die von solchen Ängsten profitieren, um eigene Massen zu bilden. Von der Debatte über die Flüchtlingsströme bis zur Angst vor Islamisierung oder Globalisierung heißt es "Wir sind nicht die", wird die eigene Masse gegen eine andere Masse ins Leben gerufen. Die Masse bleibt ein ambivalentes Phänomen; sie kann eine Befreiungsbewegung sein, aber auch eine Hetzmeute.

Die 'Lange Nacht' zeichnet die großen Erzählungen über die Massen nach - die politischen und philosophischen, die literarischen, filmischen, soziologischen und politischen. Sie stellt aber auch die Frage, wer diese Erzählungen schreibt und warum. Im Namen der Masse reden viele. Hat sie aber auch selbst eine Stimme, und wenn ja: Woran erkennt man sie?

[update] Für mich relevante Stelle, bei Min 33:

Ein Kennzeichen dieser neuen Massen ist ihre Flüchtigkeit und ihre lockere Struktur. Sie ist wenig formiert ohne dabei in chaotische gewalttätige Massenbewegungen umzuschlagen. Die Entladung, jener Kernbegriff Elias Canettis, der den Moment bezeichnet in dem die in der Masse aufgestauten Energien explodieren und die Masse auseinanderfällt, tritt bei ihnen zumeist unverzügich ein. Prototypisch dafür ist der Flashmob, der sich trifft, eine gemeinsame Handlung vollzieht und sich dann sofort wieder auflöst. Für den Zuschauer vollzieht sich die Massenbildung und -auflösung blitzartig. Tatsächlich aber beginnt sie viel früher, nämlich dann, wenn sich die Akteure in den Kommunikationsnetzwerken für die Aktion verabreden und sie vorbereiten.

Um diese modernen (oder postmodernen) Massenbildungen zu verstehen, ist noch einmal ein Blick zurück auf die Theorie Gabriel Tardes hilfreich. Zur gleichen Zeit als LeBron das Zeitalter der Massen ausrief, rief Tarde ein ganz anderes Zeitalter aus: „Ich kann also der These des schwungvollen Schriftstellers Dr. LeBon, unsere Epoche sei ein Zeitalter der Massen, nicht zustimmen. Sie ist das Zeitalter des Publikums oder der Publika, was etwas ganz anderes ist.“

Anders ja, ganz anders sicher nicht, denn das Publikum ist nur eine neue Art der Masse, die Form, die die Masse in der Moderne annimmt. Während die traditionelle Masse für Tarde an die Präsenz der Körper am gleichen Ort gebunden bleibt, ist das Publikum virtuell und real zugleich.

Seine innere Gleichartigkeit stellt sich dadurch her, dass viele, obwohl sie sich niemals persönlich begegnen, den gleichen Moden folgen oder die gleichen Zeitungen lesen und so die gleichen Meinungen haben. Die Ströme der Körper werden nun, wie Tarde schreibt, zu „Strömen von Meinungen“, die sich über den virtuellen Gesellschaftskörper verteilen und die einzelnen einander angleichen. [ed. That's Memetics right there.]

Die neue virtuelle Masse verknüpft sich über Medien, nach Tarde eine Ansteckung ohne Berührung. Der Siegeszug des Internet, das Tarde noch nicht kannte, hat diese Tendenz weiter verstärkt.

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