Inside Sifftwitter: Ein Twitter-Troll erklärt das Trollen

Gepostet vor 2 Monaten, 15 Tagen in Kultur Tech Share: Twitter Facebook Mail

siff

Wir hatten hier bei einem Posting über Twitter-Trolle (Das versiffte Trolltwitter), ein paar ziemlich interessante Diskussionen in den Kommentaren. Einer der Sifftwitters hat mir nun in einem längeren Text die Motivationen und Ziele der Trolle erklärt. Ich unterschreibe nicht alles davon, aber ich halte den Text für so ungefähr halb-wichtig, um in der Debatte mal einen Schritt nach vorne zu tun. Interessant finde ich vor allem den Punkt, er würde ebenfalls zwischen Hatespeech und Trolling unterscheiden wollen. Dem stimme ich zu und deshalb hatte ich ursprünglich gefragt, ob er mir das nicht alles mal ausführlicher erklären wolle. Here we go:

Die andere Seite des Grabens

In den Köpfen von Socialmedia-Beauftragten und in den Diskussionsrunden Berliner Szenekneipen gibt es in den letzten Wochen ein verstärkt auftretendes Thema. Die dunklen Seiten der Onlinegesellschaft, die Hasskultur, Sifftwitter. Heerscharen von Trollen überziehen die Plattformen, kapern die Diskussionen und wollen allen und jedem ans Leder. Aus purer Destruktivität und weil halt irgendjemand der Bully sein möchte. Ohne erkennbares Muster stürzen diese sich auf irgendwelche Opfer, gut organisiert und just for the lulz.

Und aus den Mündern der Opinion-leader schallt es mit vereinten Stimmen: “Das ist abzulehnen, das zerstört unsere Diskussions-, ja unsere Gesprächskultur und wir alle werden so am Ende in unserer Freiheit eingeschränkt.” Ganz klar: Trolle sind Krebs, dem kann niemand etwas Positives abgewinnen. Ausgelöst von emotionalen Blogeinträgen, Verabschiedungen oder Artikeln von Getrollten stellen sich alle gegen dieses Übel.

Aber ist dieses Trollen so vollkommen willkürlich? Sind Trolle nur an Streit und Zwietracht interessiert? Was soll der ganze Scheiß eigentlich?

troll1Ich bin Troll, mit großem Spaß dabei und ich vermisse in der aktuellen Diskussion einige ganz wichtige Aspekte, die das Trollen differenzierter betrachten, ja, ihm vielleicht sogar eine wichtige Rolle in der Diskussionskultur zusprechen.

Was ist denn eigentlich Trollen? Wikipedia definiert es als eine Aktion zur Unterbindung normaler Kommunikation um den Gegenüber zu einer Reaktion zu nötigen. Das finde ich teilweise sehr passend. Trollen beginnt mit dem Entdecken einer streitbaren Person oder Meinung, wie auch immer geartet. Meist hängt sich eine einzelner Troll an irgendetwas auf und schreibt die entsprechende Person an, teilt ihr oder ihm mit, dass er da widerspricht. Und wie bei jedem anderen, der Socialmedia nutzt, enden die allermeisten Interaktionen damit. Der gegenüber interessiert sich nicht für dich, stimmt zu, lehnt ab, was auch immer, normale Kommunikation eben.

Doch es gibt eine anderen Schlag von Mensch, einen, den man als Troll sucht. Die Person, die auf Kritik eskaliert, sich triggern lässt. Die Muster sind meist sehr ähnlich: Die Kritik wird abgelehnt, weil die kritisierte Person dem Troll ja überlegen sei, dass die Kritik in ihrer vorgetragenen Art ja schon mal nicht ginge und außerdem würde der Troll mit seiner Kritik ja diese oder jene Aussage indirekt bestätigen.

Das ist der Punkt, an dem eine Person eine 08/15-Kommunikation in einen Trollhoneypot wandelt, der Keimpunkt des getrollt werdens. Die Suche nach weiteren Triggern beginnt, man versucht als Troll Widersprüche in den Aussagen der getrollten Person zu finden und zu verbreiten. Kein Trigger funktioniert zuverlässiger als das ins Licht Zerren einer allzu bigotten Selbstdarstellung nach außen.

Hier fällt auf: Das Triggern funktioniert in beide Richtungen. Auch die getrollte Person ist sich in allen Fällen die mir bekannt sind sehr genau darüber bewusst, wie sie die Trolle zur Weißglut treibt. Artikel wie der über das “Sifftwitter” wurden meiner Meinung nach ganz bewusst überspitzt und mit Halbwahrheiten garniert um die Position der Autorin besser darzustellen und damit die Trolle zu triggern. Well played, guter Troll, muss ich neidlos eingestehen.

Aber Widersprüche alleine sind es nicht, die Leute zu Opfern allzu großer Trollattacken machen. Auch hier werden bestimmte Muster meiner Erfahrung nach vom “Mob” ganz klar bevorzugt. Aussagen, wie dass man diesen Trollen ja schon lange die Meinung gesagt habe. Es würde nur noch gespielt mit den Trollen. Und überhaupt, Leuten mit diesem Nutzernamen/Freundeslisten/Ansichten sei man überhaupt nichts schuldig. Zudem sei man nur Opfer dieser unberechtigten Kritik und brauche nun dringend Hilfe der Community.
Gerne getrollt wird auch Doppelmoral und allzu arrogante Selbstdarstellung. Auffällig oft sehen sich die Getrollten selbst als Fürsprecher in irgendeiner Sache, als Opinionleader, als Vordenker. Und haben hier für sich selbst gleich die Begründung, warum es gerade sie erwischt. Jesus hat ja früher auch keiner gemocht. Onlineredakteure brüsten sich damit, wie sie das Internet in der Hand haben oder wie sie als Dozent auftreten, eine Transrechtaktivistin bekräftigt, dass ihr hoher IQ das Hauptproblem mit der Kommunikation weniger intelligenter Geschöpfe ist, eine Ikone der Behindertenbewegung wird nicht müde, von Heldentaten zu berichten. Muster zeichnen sich hier ab.

Diese Getrollten eint nach meiner Einschätzung hier gestörtes Selbstbild, der Mangel an Selbstreflektion, welcher dann auch deutlich empfänglicher für Trigger macht. Das eigene Weltbild in der Echokammer darf eben nicht gestört werden. Zugegeben: Bis hierhin fällt es mir schwer, erhobenen Hauptes für das Trollen zu sprechen. Jeder normale Mensch würde wohl mit “Juckt?” antworten und auch dass die Trolle hier selbst zu einer Art Gedankenpolizei mutieren ist keinesfalls ein Pluspunkt dieses Hobbys.

Aber an dieser Stelle kommt eine finale Zutat, etwas, das die ganze Sache zum Kippen bringt: Die getrollte Person, ob der geäußerten Kritik und ob des Spottes, will nicht eine Diskussion über die angesprochenen Themen. Die Aussagen kommen ja nur von Trollen, per Definition die Verhinderer guter Kommunikation, nicht wahr? Also beginnt die getrollte Person, die Deutungshoheit zu gewinnen. Das seien alles Sozialterroristen, die nur stören wollen. Man sei Opfer (!). Wir auf unserer Seite des Grabens würden Hass verbreiten. Es wird begonnen zu blocken (und “wer blockiert verliert” heißt es unter Trollen. JEDE Kritik gilt es auszuhalten, mehr als oft genug auch untereinander). Es wird gemeldet und andere aufgerufen zu melden, Behörden eingeschaltet, Anwälte engagiert.
Das Feindbild des Trolls wird weiter aufgebaut, ständiges Adressieren, ständiges Hervorzerren einzelner Injurien, der Verlust des “freien geilen Internetzes” heraufbeschworen.
Die Trolle werden als Stalker betitelt, die ja nichts anderes machen würden, als den ganzen Tag auf einen neuen Tweet, ein neues Instabild, ein neues Video warten.

Hier sollen Mechanismen ausgelöst werden, ganz bewusst. Denn gerade die aktuelle Hatespeech-Debatte ist hier ein willkommener Verbündeter. Der Troll als Hassmob. Hat man ja auf SpOn gelesen. Sifftwitter, die Achse des Bösen des Internets, stabil definiert wie das Wort “Terroristen”. Doch diese Deutung ist geprägt von der Seite der Getrollten, die auf den Zug der Empörung über den Hass im Netz aufspringen wollen. Und den gibt es, zweifellos. Denn leider gibt es hier einen weiteren Punkt, der die Trollerei in kein gutes Licht rückt.

Viele Trigger sind geschmacklos und schlicht nicht ok. Aber häufig, weil der interne Dialekt nach außen noch stärker verletzend wirkt. Der Begriff “Fiqqhure” ist eben nicht einfach nur eine Beleidigung, es ist eine Reminiszenz an einen großartigen Troll, “ab ins Gas” ist Berndsprech und rührt aus dem deutschen 4chan-Ableger. Auch ein Hitler als Profilbild oder Ähnliches sind eben nicht die Kinder rechter Geister sondern einfach prominent platzierte Trigger. Und wer sich einmal die Mühe macht, genauer hinter die Fassade von dem einen oder anderen prominenten Troll zu blicken wird häufig einen scharfen Beobachter finden, der mit teilweise groben, teilweise messerscharfen Bemerkungen feingeistiger auftritt, als man das vermuten möchte. Aber auch kein gutes Licht, weil es leider halt überall Arschlöcher gibt. Eine angedrohte Vergewaltigung ist halt einfach nie ok.

Hier ist eine Linie zu ziehen zwischen der in der Öffentlichkeit geführten Diskussion über Hass und dem Auftreten der Trolle, die hier mit in den Kessel geworfen werden sollen. Meine Beobachtungen bei den so gehassten Sifftwitterern ist, dass diese meist sehr viel Gesellschaftskritik mit in das Trollen bringen, dass hier häufig von vielen Diskussionen geschliffene Positionen zu finden sind, dass wohldifferenziert mit der eigenen Rolle umgegangen wird.

Keiner, der mir bekannt ist und von den Sifftwittervorwürfen betroffen ist, findet Gewalt im RL gut. Doch die Deutung übernimmt hier die Gegenseite. Hier gerne ebenfalls ein Beispiel:

Eine überaus links angesiedelte Aktivistin hat sich damit gebrüstet, wie gewaltaffin ihr 4-Jähriges Kind doch im Bezug auf Nazis sei und wie gut sie das fände. Hier wurden die Trolle aktiv und das gesamte Sifftwitter war praktisch unisono der Meinung, dass das einerseits ein sehr zweifelhaftes Statement sei und andererseits ein vierjähriges Kind doch bitte aus diesem Scheissgame herausgehalten werden soll. Die Frau war überzeugt, Opfer eines koordinierten Hassaufrufes gegen Ihr Kind geworden zu sein (?), transportierte diese Botschaft zusammen mit einem eher umstrittenen Piratenpolitiker nach außen und sammelte mit dem Hashtag #KleinPeng rund 3000 € an Spendengeldern ein, um mittels eines Anwaltes die Kritiker ihres Lebensstiles abzumahnen.
Mir ist an dieser Stelle die Ironie durchaus bewusst, dass hier Trolle gerne selbst als Gesinnungspolizei auftreten.

Es stellt sich bei diesen Punkten die Frage, ob Trollen wirklich nur Krebs im Netz zugunsten eines flüchtigen Grinsens ist, oder ob da mehr dahinter steckt. Und ich glaube letzteres. Trollen ist die Eskalation, die auftritt, nachdem eine Person Kritik durch Vorwürfe ad hominem kontert. Trollen ist die Gegenreaktion, wenn Kritik von Personen als justiziabel dargestellt wird. Besagte Transaktivistin droht jeden abzumahnen, der sie falsch gendert. What could possibly go wrong? Trollen ist eine Gegenreaktion.
Auf das Einbringen des Konstruktes eines Safespaces in die Diskussionkultur, auf das Verwenden einer social justice Bewegung als Waffe gegen andere Meinungen. Dabei sind wir als Trolle recht unpolitisch. Linke Arbeitslose auf Spendensuche werden genauso getrollt wie Reichsbürger, die langweiligsten Spießbürger wie Onlinejournalisten genauso wie schillernde oder behinderte Personen. Das Trollen ist hier - auch wenn das zynisch klingen mag - weiter, gerechter, emanzipierter als vieles andere im Netz. Du wirst völlig unabhängig von deinem Äußeren oder deiner Einstellung getrollt. Etwas, das in die Opferrolle so gar nicht passen mag.

Hier ist der Punkt, der das Trollen für mich wichtig, ja vielleicht sogar zwingend notwendig macht, wenn wir in dieser - unseren - Gesellschaft weiter ergebnisoffen und mit Respekt voreinander kommunizieren wollen.
Das Trollen ist eine Gegenreaktion auf destruktive Diskussionskultur, nicht deren Ursache. Getrollte, wenn sie denn im Rahmen einer Diskussion persönlich getroffen werden, mutieren gerne zu bigotten “Almans”, die sich humanistische Werte ganz groß auf die eigenen Flaggen schreiben, aber ohne mit der Wimper zu zucken Geschütze ausfahren, die sich nicht einmal in der Nähe von einer akzeptablen Reaktion bewegen.

Da werden Blocklisten nach persönlichem Gusto erstellt, die doch bitte alle Follower auch übernehmen sollen. Wer da alles drauf ist? Wer das fragt, gehört auch zu “denen!”. Die Ironie, wenn so etwas von einem Netzpolitiker ausgeht, sehen wohl nicht alle.

Auch das ganz offen das Meldesystem missbraucht werden soll, um kritische Accounts löschen zu lassen, wird offen propagiert. Dass der entsprechende Account sich immer voll im Rahmen einer ordentlichen Diskussionsführung bewegt hat? Papperlapapp, das ist ein Troll, ganz klar, der muss weg!

Auch ein Outcalling von Kritikern kommt immer wieder gerne. Wie schön wäre es doch, wenn die getrollte Person auch die Power hätte, einen Sturm über die Trolle hereinbrechen zu lassen. An dieser Stelle nur kurz der Hinweis, dass unter den Getrollten häufig überaus kräftige Accounts stecken. Das häufig kritisierte Einprügeln auf irgendwelche kleinen Lichter ist nicht die Regel.

Wenn nun die vereinte Gegenwehr der “Guten” ausbleibt, werden dann staatliche Organe mit eingeschaltet. Wieder: Das überall so geschätzte Mittel der Abmahnung soll dann auf einmal für völlig legale Kritik herhalten. Gerne eingerahmt von 2-3 echten Injurien, damit auch jeder sieht, dass wir Trolle ja nix anderes können als beleidigen und haten. Dass es sehr lange dauert, bis eine getrollte Person mehr Beleidigungen als echte Kritik um die Ohren gehauen bekommt, wird dabei jedoch großzügig ignoriert.

Dabei sollen Trolle auf keinen Fall die Möglichkeit zu einer differenzierten Stellungnahme bekommen. Da wird schon einmal ganz öffentlich von einem Chefredakteur gedroht, die geballte Macht des “reichweitenstärksten Nachrichtenportals” auf ein kleines Blog niederregnen zu lassen, sollte ein dort veröffentlichtes Interview nicht wieder runter genommen werden.

Und als letzter großer Schritt kommt das, was mich persönlich am meisten triggert: Der Rückfall in die Opferrolle. Denn die getrollten Personen sind doch zumindest am Anfang durchaus streitlustig. Doch der Gegenwind, die Suche nach Anerkennung, die Suche nach dem moralischen “High Point” macht einen Wendehals von Nöten. War man am Anfang doch der Überzeugung, dass man jeden fronten könnte, weil der ja als Troll per se im Unrecht ist, wird bei zunehmendem Druck gerne hervorgehoben, in welchem Feuer man ja gerade steht. Tweets werden hervorgehoben, es wird mit dem Finger gezeigt.

“Mein Kind wird gefährdet”, “Ich kann kaum noch schlafen”, alles Aussagen, die sich halt besser kommunizieren lassen, als der Weg der Eskalation, der eingeschlagen wurde. Von beiden Seiten.

Und hier findet die wahre Destruktion der Streitkultur statt. Wer nach tagelanger Diskussion irgendeinen einzeln herausgehobenen Tweet als Anlass nimmt, sich selbst als Opfer, den anderen als Täter und jedwede Argumentation dagegen als Mittäterschaft darzustellen, hat die Kraft, jede Diskussion zu zerstören.

Können wir darüber reden, ob Abmahnungen gegen falsches Gender uns nach vorne bringen oder zurückwerfen? Natürlich nicht, wir sind ja nur Trolle, die insgeheim Transen hassen. Sieht man ja.

Was mich dazu bringt, was ich mir an Veränderung wünsche in dieser tollen Umgebung, in der wir kommunizieren - Wir müssen dringend verhindern, dass sich das Narrativ “Kritik = Hass” so problemlos transportieren lässt. Wir müssen verhindern, dass jedwede Attacke auf eine Person diese sofort zum Rückzug in eine Opferrolle berechtigt. Wenn du eine Arschlochmeinung vertrittst und dabei Gegenwind bekommst, muss man sich diesem stellen. Dass eine Behandlung der Trolle von oben herab nicht funktioniert, ist auch etwas, das irgendwie nicht anzukommen scheint. Ein Troll, der deinen Status nicht anerkennt oder respektiert, lässt sich von Aussagen, wie: “Kritik akzeptiere ich nur von Accounts mit mehr als 1000 Followern!” nicht beeindrucken. Auch wenn diese total ironisch gemeint waren, sure thing.

Zu meiner Person: Ich bin Mitte 30, kaufmännisch ausgebildet, genoss einen MINT-Studiengang. Sexuell frustriert, von den Eltern ungeliebt und schon seit vielen, vielen Jahren Troll, früher eben in Foren, heute auf Twitter.

Tags: DasGeileNeueInternet Trolls

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