Handschrift ist geiler als Tippen

pen4Grade geht ein paar Wochen alter Artikel der NY-Times mit dem Titel „Handwriting Just Doesn’t“ über die angeblich so anachronistische Kulturtechnik der handschriftlichen Notizen durch meine techno-utopistische Timeline. Anne Trubek, die zufällig auch grade ein Buch namens The History and Uncertain Future of Handwriting am Start hat, behauptet darin, ein Verlust der Handschrift hätte „no loss to our children’s intelligence“ zur Folge. I beg to differ.

Frau Trubek zitiert im Artikel zwei Studien:

A 2012 study of 15 children found that forming letters by hand may facilitate learning to read. But there seems to be no difference in benefits between printing and cursive. A 2014 study found that college students who took handwritten notes in lectures remembered the information better than those who typed notes

Sie wischt die Erkenntnisse aus diesen Studien mit dem Argument einer stärkeren Informations-Selektion weg. Sie argumentiert, „that may indicate only that the slower speed of handwriting causes students to be more selective about what they write down“ und man bräuchte daher nur bessere Notierungs-Techniken, die wichtige Informationen von unwichtigen trennt.

Die 2014er Studie besagt allerdings auch: „Telling stu-dents not to take notes verbatim [wortwörtlich] did not prevent this deleterious behavior“. Die Einfachheit und Schnelligkeit des Tippens begünstigt also das Transkript, während die Handschrift aufgrund ihrer manuellen Arbeit einen Filter erfordert und die Informationen bereits vor der Mitschrift verarbeitet.

Was Trubek mit keinem Wort erwähnt: Genau diese Informationsverarbeitung in Kombination mit feinmotorischen Bewegungsabläufen, explizit und grade mit der Hand, dem nach wir vor wichtigsten Bio-Tool des Menschen, verankert das zu Lernende neurologisch in der Erinnerung.

Aus einem alten Artikel des Wall Street Journals:

Virginia Berninger, a professor of educational psychology at the University of Washington, says handwriting differs from typing because it requires executing sequential strokes to form a letter, whereas keyboarding involves selecting a whole letter by touching a key. She says pictures of the brain have illustrated that sequential finger movements activated massive regions involved in thinking, language and working memory—the system for temporarily storing and managing information.

Das ist eine Erfahrung, die ich selbst gemacht habe und die ich hier auch schon ein paar mal erwähnt habe. Als ich damals mein Fach-Abi gemacht habe (in Wirtschaft mit Buchführung und so Quatsch, glaubt man gar nich, aber ich hätte auch echt BWLer werden können), habe ich so ungefähr fünf Tage vor'm Test begonnen, zu lernen. Mein Vorteil war damals, dass ich bereits während eines Praktikums große Teile meiner Lehrbücher neu formuliert und gelayoutet hatte (kein Wunder, dass ich dann Schriftsetzer wurde). Genau diese (getippten) Notizen habe ich dann in den paar Tagen nochmal neu zusammengefasst und handschriftlich festgehalten. Ich habe also die Information doppelt verarbeitet und per Handschrift in mein Hirn gebrannt. Mein Abi war das beste des Jahrgangs. (Trotz einer 4 in Buchführung. War'n schlechter Jahrgang.)

Die hätte ja für ihren Artikel auch mal jemanden Fragen können, der mit Kids arbeitet. ’Nen Lehrer zum Beispiel.

Ich habe mich letztes Jahr während meines Urlaubs mit einem alten Lehrer aus Holland genau über dieses Thema unterhalten. Der arbeitet an einer Privatschule und die waren technisch supergut ausgestattet, mit Laptops und Tablets im Unterricht und Schnickschnack. Der meinte auf meine Frage, ob sich der Verlust der Handschrift bemerkbar machte nur: „It's horrible.“ Notizen werden transkribiert ohne Verständnis für's Material, obendrauf ADHS.

Ich schätze mal, Anne Trubeks Buch ist sehr viel differenzierter, als ihr Artikel in der NYTimes und ich will gar nicht behaupten, dass das Tippen mit der Tastatur keine ausgleichende, positive Effekte auf das Lernen und die Verarbeitung von Informationen im Gehirn hat.

Aber den Verlust von Handschrift mit anekdotischen Emo-Storys („The kinetic movement of pen across paper is pleasurable, and soothing in its familiarity. It is affecting to see the idiosyncratic loops and strokes of relatives from generations past.“) und wackeligen Vergleichen mit der Vergangenheit der Informations-Notation schönzureden („consider how rarely people now carve words in stone“) ist grandios verkürzt und wird dem tatsächlich sehr wichtigen Thema so gar nicht gerecht.

Nur in einem mag ich Frau Trubek zustimmen: „The kids will be all right.“ Und zwar weil die Kids auf Reddit schon ein ganzes Stück weiter sind als die in ihrem veralteten Techno-Utopismus stehengebliebene Frau Trubek.