Das versiffte Trolltwitter

panopticumSeit gestern geht ein Artikel über das sogenannte „Sifftwitter“ rum, der ist so halbspannend und sagt nur wenig neues. Erhellender ist da eine Replik von @twfuuu: “Sifftwitter”, 1 Entgegnung, der sich erstaunlich sachlich und so mitteleloquent gegen die Beschuldigungen zur Wehr setzt.

Am interessantesten sind für mich ein paar Formulierungen, die mich an Banthams Panopticon erinnern (Bild rechts), einem „Konzept zum Bau von Gefängnissen und ähnlichen Anstalten, aber auch von Fabriken, das die gleichzeitige Überwachung vieler Menschen durch einen einzelnen Überwacher ermöglicht.“ Mit dem Unterschied, dass die Überwachung hier nicht durch einen Einzelnen stattfindet, sondern über Twitter-Bots und Netzwerke.

Die Bots screenshotten jeden einzelnen Tweet und jede Reply von Leuten, die auf den Hasslisten der Sifftwitterer stehen. Diese Screenshots werden dann mit verschiedenen Hashtags im Format “#PersonWatch” neu getwittert, wobei “Person” der Name der Person auf der Hassliste ist.

und

Die Bots werden von einzelnen Usern als “Service” für die anderen betrieben. Wer auf der Liste derjenigen, dessen Tweets gespiegelt werden, landet, ist mehr oder weniger Zufall. Jedoch beobachten der oder die Betreiber jedoch selbstverständlich, wer gerade “im Gespräch” ist und richten sich danach. So viel ich weiß, nehmen sie auch Wünsche entgegen. So sieht nun mal die unerfreuliche Demokratisierung von Öffentlichkeit im Internet aus: Früher waren es nur Hollywood-Stars, die ein Heer von Fotografen auf jedem Schritt verfolgte und über die sich ein Heer von “Journalisten” in der Regenbogenpresse mit Millionenauflage das Maul zerriss. Heute kann das jeden treffen (wenn auch nicht in diesem Maßstab).

Interessant ist hier der letzte Teil. Die Mobber/Trolle nehmen hier anscheinend im vollen Bewusstsein die Rolle von Überwachern ein und spielen sich als Richter über andere auf, die aus mal „mehr oder weniger Zufall“ ins Visier geraten. Das ist vor allem dann hochgradig lustig, wenn man bedenkt, dass die Trolls gerne mit „freiem Internet“ und sowas argumentieren lol.

Was die Mobber/Trolle ebenfalls übersehen, wenn sie sich mit Formulierungen wie „Tratschen“ oder „Spott“ verteidigen: Wir haben es hier mit einem Masse-Phänomen zu tun. Der Spott tritt hier nicht vereinzelt auf – niemanden interessiert es einen Scheiß, ob ich „René ist ’ne Fotze“ ins Netz schreibe –, solche Arschlochereien sind allerdings hochgradig memefähig und viral, die Opfer werden davon in einer Masse getroffen.

Der einzelne Kommentar ist dabei oft nicht justiziabel (was immer noch die Richtschnur für die Hatespeech-Debatte sein sollte), allerdings ist die Masse ein Problem, das in dieser Form erst durch das Netz entstanden ist. Deshalb ist der Rückzug auf Begriffe wie „Spott“ oder „Tratschen“ nicht wirklich treffend. Und übrigens: Die Trolle fügen sich mit solcherlei Idiotien freiwillig in die Rolle von billigem Yellowpress-Gossip. Haha, Idiots. Und wenn in DasGeileNeueInternet nun jeder wie „Hollywood-Stars, die ein Heer von Fotografen auf jedem Schritt verfolgte“ agieren muss – dann haben wir ein Problem. Wäre echt geil, wenn die total superironische und krass schlaue Troll-Intelligenzia das mal anerkennen würde.

[update] Differentia: Die Twitterpunks der Volksfront von Judäa:

Kein Wunder also, dass dort, wo die Konventionen massenmedialer Sinnproduktion nicht mehr nach bekanntem Schema verlaufen, der Zähler wieder auf Null gestellt werden muss. Das gilt für social media. Es steht unentschieden. Die Beobachtungsverhältnisse sind andere. Wer sich grundlos für alle ansprechbar macht und dann genauso grundlos angesprochen wird, gibt jede Möglichkeit aus der Hand, die Regeln der Kommunikation einseitig durchzusetzen. Dies zu ignorieren und trotzdem glauben zu wollen, die eigene moralische Besserstellung sei selbstverständlich von übergeordneter Relevanz, zieht notwendig die Aufmerksamkeit von Twitterpunks auf sich, die jederzeit, genauso selbstlos, auf die verschwundenen Selbstverständlichkeiten hinweisen und welche kein bißchen die Bereitschaft haben, sich von irgendetwas abhalten zu lassen.

Die Twitterpunks der Volksfront von Judäa haben allerdings den selben Mangel zu fürchten. Denn es gibt da ja auch noch die judäische Volksfront, die auch vorgibt, ganz genau zu wissen, was dahinter steckt.

Philippe: Das Phänomen #sifftwitter verstehen

»Wir sind keine ‚guten‘ Menschen und das wissen wir. Es ist aber auch die Eigenheit vieler Menschen, gerne andere leiden zu sehen oder zumindest wie sie ausrasten, ist nunmal so«, lässt sich eine der Teilnehmerinnen zitieren. Dieses Menschenbild scheint die Gruppenaktivität einerseits gegenseitig zu bestätigen, aber auch bei anderen durchsetzen zu wollen. Die moralischen Haltungen, etwa von Holler oder »Lotta Peng«, werden durch die Trollerei einer Prüfung unterzogen, es wird getestet, ob es eine Alternative zum eigenen Menschenbild gibt.

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