Swiss Army Man: Existenzialismus, Magie und Körperfunktionen

Gepostet vor 3 Monaten, 24 Tagen in Movies Share: Twitter Facebook Mail

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Swiss Army Man sollte nicht existieren, nicht im Jahr 2016. Niemand sollte ein Drehbuch über einen Schiffbrüchigen oder Verirrten oder Verwirrten finanzieren, der eine Leiche mit Körperfunktions-Superkräften findet. Für sowas dürfte eigentlich kein Geld da sein. Nicht für ein Drehbuch, das die Psyche seines Protagonisten anhand von Errektionen, Scheiße und Fürzen durch eine Leiche analysieren lässt, damit zwar der eigentlichen Psychoanalyse sehr nahe kommt, die dergestalt aber keinen Platz im zeitgenössischen Filmschaffen haben dürfte.

armyyyUnd ich hatte in diesem Jahr 2016 sicher nicht mehr damit gerechnet, einen dermaßen originellen und weirden Film zu sehen. Dan Kwan und Daniel Scheinert haben aber genau das getan, sie haben einen Film über einen Irren und seinen toten besten Freund mit Furz-Kräften gedreht und noch dazu zwei nicht ganz unbekannte Stars in den Rollen des Irren und der Leiche besetzen können.

Paul Dano spielt Hank, ein Verlorener auf einer einsamen Insel, die kaum inselgleich eher ein Sandhaufen im Meer darstellt. Dort will er sich grade samt Zauselbart erhängen, weil das ja alles ohnehin keinen Sinn hat, als auf einmal Manny (Daniel Radcliffe) am Strand rumliegt. Hank, von einem letzten Anflug Lebenswillen gepackt, möchte den frisch Angespülten retten, nur um festzustellen, dass der schon eine Weile tot ist – aber noch immer kräftig vor sich hinfurzt. Und zwar so kräftig, dass er als Flatulenz-Jetski taugt, auf dem Hank ans Festland fahren kann. Hier schlagen sich Hank und der immer weiter furzende, besser funktionierende und immer neue Superkörperflüssigkeitskräfte entwickelnde, nach wie vor aber immer noch ziemlich tote Manny durch die Wildniss auf der Suche nach dem Glück, nach ihrem Zuhause und nach den Wurzeln ihrer Existenz.

Ich hatte nach den Trailern damit gerechnet, dass der Film recht großartig ausfallen sollte. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, dass mich der Film ab der etwas trostlosen Eingangssequenz mit magischen Bildern überraschen würde. Der Film schafft es, aus neu entdeckten Minimal-Körperfunktionen seiner Leiche tatsächlich wunderschöne Bilder zu entlocken und Radcliffe spielt die Totenstarre seines Manny mit einer spastischen Körperlichkeit, die gleichzeitig Ekel – vor allem vor den Sounds, gar nichtmal die Fürze in ihren dreitausend Varianten, sondern vor allem vor den zahlreichen Knack-Geräuschen – und fast schon innige Zuneigung hervorrufen. Denn wie Hank wissen wir: Alle enden irgendwann genau so und „everybody poops“. Und für Mannys debiles Grinsen während der zahlreichen Fürze und Erektionen nominiere ich Radcliffe schonmal für einen Oscar.

Swiss Army Man ist kein perfekter Film, er verliert gegen Ende ein wenig an Schwung, das Finale wirkt ein wenig konstruiert und prätentiös, allerdings ohne die Grenze zum Kitsch zu übertreten. Und ganz so originell, wie er tut, ist er auch nicht. Der Film ist, wie so viele Filme dieser Zeit, ein Flickenteppich aus tausenden Einflüssen, die mal mehr („If you haven't seen Jurassic Park, you don't know shit“), mal weniger offensichtlich durchscheinen. Spike Jonzes Where the Wild Things are natürlich, und ganz viel Michel Gondry, Märchen, ein bisschen Lynch.

Diese Einflüsse werden aber nie mit der groben Kelle dargeboten – hallo Stranger Things! –, sondern bleiben vage ästhetische Andeutungen. Der Film baut aus ihnen seine eigene, idiosynkratische Sprache, die man in diesem bizarren Gemenge bislang noch nie gesehen hat. Und der Film schafft es damit, seine beiden Hauptcharaktere, den Verwirrten und den Toten, in einer innigen, völlig absurden Freundschaft zu zeichnen, die so unendlich viel liebenswerter und doch so viel trauriger ist, als es das wahre Leben jemals sein könnte.

Der Film war gestern der Auftaktfilm des 30. Fantasy Filmfests und es würde mich nicht wundern, wenn wir damit bereits den besten Film des Festivals gesehen haben. Swiss Army Man läuft ab dem 13. Oktober 2016 in Deutschland im Kino und falls Ihr etwas neues sehen wollt, dann schaut Euch den an. (Zweiter Film auf dem Fantasy Filmfest gestern: Havenhurst mit Julie Benz. Ganz große Kacke.)

Tags: Fart FFF Review

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