Diedrich Diedrichsen über Neurechte und Political Correctness

Diedrich Diedrichsen 20 Jahre nach seinem Buch „Politische Korrekturen“ über die PC-Debatte und die neuen Rechten. Hier die für meine DasGeileNeueInternet-Sammlung relevanten Stellen (Hervorhebungen von mir). Das ganze Interview ist aber unbedingt emfehlenswert zur Einordnung derzeitiger Ideologie-Debatten:

Schließlich gibt es den neuen rechten AfD/Pegida-Mainstream, dessen psychologische Infrastruktur sich über Internetkommentare langsam konstituiert hat und mittlerweile dynamisch einer fast schon nationalsozialistischen Situation zuarbeitet […] das ist auch immer noch eine Folge des Endes des Industriezeitalters und des Fordismus: Den fordistischen Kompromiss gibt es nicht mehr. Darauf reagieren die Leute weltweit mit Neotraditionalismen, also Berufung auf vermeintliche, gern vormoderne Traditionen, von der ethnisch homogenen milchproduzierenden Alpenrepublik bis zum gottgefälligen Kalifat. Islamisten und ihre Gegner sind sich da ganz nahe. […]

Dass der Anti-PC-Diskurs große Mengen von Leuten, um nicht zu sagen Massen erreicht hat, ist ein Phänomen, das sich erst durch die Internetkultur entwickelt hat. Das Empfinden, man sei Opfer, wird von Nichtmächtigen in der autoritären Identifikation mit der Macht im Internet wiederholt – von kleinen, einst isolierten Trotteln, die nun zur kritischen rechtsradikalen Masse geworden sind. […]

ich denke, dass die Textform des Ausbruchs, wie der Netzkommentar ihn bietet, für die Rechtsradikalisierung sehr hilfreich ist. Man ist zu Hause, allein, ganz bei sich und seinem Computer, der auch die Spiel- und Freizeitmaschine ist, man ist in einer scheinbar geschützten und emotional sicheren Zone und nun ballert man von dort aus – und wird auch noch gehört und bestätigt, und zwar je mehr, desto mehr man die Sau rauslässt. Am Stammtisch gibt es zwar auch Radikalisierung, dort entstehen Mobs, aber es gibt auch eine soziale Kontrolle und einen Wirt, der keinen Ärger will – das gibt es im Netz alles nicht. […]

Pegida ist doch erst großgeschrieben worden, weil ihre kulturkämpferische Peinlichkeit so ein dankbar simples Interface abgibt: für entsetzte Gegnerschaft oder vertrottelte Identifikation. Denn ob die Junge Freiheit 30 000 Hefte verkauft oder die Online-Portale wie Sezession zigtausend Klicks haben, das war eigentlich immer ein Randphänomen. Erst als die Kulturkämpfe qua Internetskandalisierungen popularisiert wurden, änderte sich das. Und nun rücken alle anderen lange schlafenden oder schlummernden Rechten nach.

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