Serien auf Highspeed

Gepostet vor 1 Jahr, 3 Tagen in #Movies #DasGeileNeueInternet #Series

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Ich habe vor dreihundert Jahren mal einen Film im Bildsuchlauf angesehen. Das war David Lynchs Wild at heart, ich war 15 oder so und da Mutti in einer Stunde zur Videothek fahren wollte, musste ich den Film irgendwie in diese eine Stunde quetschen. Also in doppelter Geschwindigkeit. Ein Filmerlebnis war das nicht, von Genuss ganz zu schweigen, und ich musste den später noch einmal anschauen, um Schnitt, Rythmus und Stimmung des Films tatsächlich zu sehen. Es reichte grade so für eine Bestandsaufnahme des Plots.

30 Jahre später: Neulich las ich auf Reddit in Comments, man würde sich heutzutage diese „Thinkpiece-YT-Videos“ in doppelter Geschwindigkeit ansehen. Kann ich nachvollziehen, bestehen diese Blubber-Vids doch häufig aus Inhalten, die man auf zwei Absätze Text zusammendampfen kann und die als Blogposting dreitausendmal besser aufgehoben wären.

Und jetzt das: I have found a new way to watch TV, and it changes everything. Jeff Guo erklärt darin, wie und warum er Serien in Fast Forward schaut. Highspeed-Reception of Stuff is a thing.

I watch television and films in fast forward. This has become increasingly easy to do with computers (I'll show you how) and the time savings are enormous. Four episodes of "Unbreakable Kimmy Schmidt" fit into an hour. An entire season of "Game of Thrones" goes down on the bus ride from D.C. to New York.

I started doing this years ago to make my life more efficient. Between trendy web shows, auteur cable series, and BBC imports, there's more to watch ever before. Some TV execs worry that the industry is outpacing its audience. A record-setting 412 scripted series ran in 2015, nearly double the number in 2009.

"There is simply too much television," FX Networks CEO John Landgraf said last year. Nonsense, responded Netflix content chief Ted Sarandos, who has been commissioning shows at a startling rate. "There's no such thing as too much TV," he said.

1.) Ja, Ted, es gibt ein „Zuviel“ von allem. Auch Serien, Filme und Musik. Wenn man in einer Flut aus Kultur ersäuft, hilft man sich anscheinend erstmal mit Highspeed-Rezeption und landet dann wohl irgendwann bei Desinteresse.

2.) Jede kulturelle Rezeption, die auf Effizienz basiert, muss scheitern. Das gilt für Speed-Reading, das gilt auch für Serien und Filmen auf High-Speed. Rythmus, Schnitt und Stimmung sind essentiell für Rezeption, um ein vielfaches wichtiger als der reine Plot. Effiziente Rezeption ist die BWLer-Version von Kultur, vom Time-Management bestimmte Kunstauffassung.

3.) Bemerkenswerterweise reflektiert das relativ neue Genre einer neuartigen, völlig fragmentierten elektronischen Musik (wie etwa der Kram von Sophie oder DJ Paypal, aber auch die punktuelle Unhörbarkeit mancher Death Grips-Tracks), die keinen Strukturen mehr folgt und in extrem schnellen Cuts zwischen Geschwindigkeiten wechselt, diese immer weiter voranschreitende Auflösung in kulturelle, kleinstmögliche Bits. Das Genre als Reflektion ist in sich selbst interessant, die Ursache dafür bereitet mir Sorgen.

4.) Mich interessiert daran noch ein weiterer Aspekt: Wenn man Kultur dergestalt immer weiter komprimiert und das zu Ende denkt, erhält man Noise.

Der Text oben wird dann nochmal interessanter, er schreibt zur Ursache für seine exzessives Serienschauen: „Nowadays, to stay on the same wavelength with your different groups of friends […] you have to watch in bulk.“

Social Pressure als Rezeptionsgrund gab es natürlich schon immer, aber auch hier wird offenbar durch DasGeileNeueInternet eine neue Qualität erreicht und der soziale Druck, um kulturell „up to date“ zu bleiben, erhöht sich anscheinend exponentiell. Scalability als psychologische Voraussetzung für Kulturgenuss. The Horror The Horror.

Er beschreibt dann noch, wie diese Hochgeschwindigkeitsrezeption angeblich mehr als effizient sein soll:

But speeding up video is more than an efficiency hack. I quickly discovered that acceleration makes viewing more pleasurable. "Modern Family" played at twice the speed is far funnier - the jokes come faster and they seem to hit harder. And I get less frustrated at shows that want to waste my time with filler plots or gratuitous violence.

As I've come to consume all my television on my computer, I've developed other habits, too. I don't watch linearly anymore; I often scrub back and forth to savor complex scenes or to skim over slow ones. In other words, I watch television like I read a book. I jump around. I re-read. Sometimes I speed up. Sometimes I slow down.

I confess these new viewing techniques have done something strange to my sense of reality. I can't watch television in real-time anymore. Movie theaters feel suffocating. I need to be able to fast-forward and rewind and accelerate and slow down, to be able to parcel my attention where it's needed.

Er erklärt dann noch eine Weile die Geschichte von SpeedUps, wie der Entwicklung von „Silent Reading“ im Mittelalter, und zitiert Studien, die Hochgeschwindigkeitsrezeption von Videos unterstützen. Zu Kunst hat er selbst nur sehr wenig zu sagen.

Ich denk' darüber mal ’ne Weile nach und rede mit Sascha in unserem nächsten Wowcast darüber. Jetzt schmeiß ich erstmal ein paar Serien aus meinem ShowRSS.

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