Sascha Lobo: Das Ende der Illusion die wir Gesellschaft nannten

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Sascha Lobo in einem tollen Vortrag auf der 13. Tübinger Mediendozentur über DasGeileNeueInternet und „das Ende der Illusion die wir Gesellschaft nannten“. Falls Ihr mein DGNI-Tag verfolgt, solltet Ihr den ansehen, auch als Lobo-Nichtsotollfinder (vielleicht sogar grade dann). Er spricht (im YT-Clip ab circa Minute 30) vor allem darüber, wie die neue Sichtbarkeit von allem in den Sozialen Medien unserer Vorstellung einer Gesellschaft ein Ende bereitet, die noch vor wenigen Jahren durch Gatekeeper und mediale Mäßigung aufrecht erhalten wurde, und die sich letztlich als Illusion entpuppt, jetzt, wo wir in die Köpfe von allen schauen können.

SWR2 hat eine grobe Zusammenfassung, ich empfehle aber unbedingt den kompletten Vortrag.

lobo"Da schreibt ein Mann aus Österreich anlässlich des Lieferwagens, in dem 71 Flüchtlinge qualvoll erstickt sind: Schade, dass es nur 71 waren." Früher sagt Lobo, war so etwas undenkbar, ein Tabu. Die Massenmedien und die bürgerliche Öffentlichkeit hätten solche Gefühlsausbrüche, Hass- und Gewaltphantasien ausgeklammert, abgepuffert. Ja, für unmöglich gehalten. Damit sei jetzt Schluss. Die Sozialen Medien legten offen, wie es wirklich um unsere Gesellschaft bestellt sei, sagt Lobo. Nämlich radikaler, extremistischer und gewaltbereiter als wir dachten. Und die, die – vermutlich schon immer – so extrem tickten, bekämen im Netz plötzlich Bestätigung.

„Mit jeder Aussage, die etwas monströser daher kommt als die zuvor, aber eben immer noch hundert Likes bekommt, verschiebt sich die Grenze des öffentlich Sagbaren in der Gesellschaft weiter in Richtung Monstrosität.“ Erinnert mich sehr an das hier von your's truly vor einem Jahr: „Viralität hat eine Outrage-Bias, weshalb sich der Kommunikationsraum Internet zunehmend über Zeit selbst vergiftet.“

Ein paar Brocken grob transkribiert:

  • Unser Verständnis von dem was dort draußen passiert […] geht zu Ende. Eben diese Illusion, die wir uns gemacht haben, und zwar vor allem durch die Sozialen Medien. […] Genährt wurde diese Illusion durch das eigene soziale Umfeld und die Massenmedien des 20. Jahrhunderts. Die haben uns ein Spektrum von normativem Verhalten vorgeführt.
  • Wenn man sich für ein iPhone anstellt, denkt man nicht daran, dass andere vielleicht irgendwo innerlich brodeln.
  • Was wir dort beobachten können, ist wie sich live unsere Illusion von der Gesellschaft auflöst.
  • Die bürgerliche Öffentlichkeit ist in Wirklichkeit nur ein kleiner und temporärer Ausschnitt der Gesellschaft.
  • Der Begriff Lügenpresse zielt auf die mediale Mäßigung der Öffentlichkeit. Wer Lügenpresse sagt, meint eigentlich: „Die Medien sind nicht bereit, meine extremistische und kompromisslose Welthaltung abzubilden“. Es ist eine Attacke auf den bürgerlichen Wert der Mäßigung.
  • Die explizite Abwesenheit von Gefühlen als Doktrin in der Bürgerlichkeit. Kinski fand deshalb Eingang in die Geschichte der Massenmedien, weil er sich nicht an die Gefühlsreduktion der Massenmedien hielt.
  • Normalzustand in den Sozialen Medien ist die Erregung.
  • Soziale Medien sind Gefühlsschleuderwerke. Hauptwerkzeug sind die Emotion, die Information kommt danach.
  • Die Sphäre des Gefühls funktioniert fundamental anders, als die massenmediale Sphäre.
  • Diese neue Illusion ist etwas näher an der Wirklichkeit.

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