Cyborgs: Leben am Limit™ mit Aussicht auf Weltfrieden

Gepostet vor 6 Monaten, 9 Tagen in Misc Share: Twitter Facebook Mail

Manchmal ist das scheinbar Besondere beim näherem Hinsehen recht häufig anzutreffen. Es springt nur nicht immer ins Auge, weil der Mensch dazu neigt das Alltägliche zu suchen.

Elle „Darth“ Nerdinger.

Laut Twitter-Bio „nonbinary Cyborg“ und „Geeky Lifeform and Democratically Operating Snob (GLaDOS)“.

Daneben ist Elle Sprecherin für den Cyborg e.V. und wissenschaftliche Fachreferentin für den Bereich Kultur und Medien der Piraten im Landtag Nordrhein-Westfalen.

Hier auf Nerdcore berichtet sie in unregelmäßigen Abständen aus der Perspektive eines Menschen, der sich nicht als Mann oder Frau sieht, über das Getümmel im Genderwahnsinn der heutigen Zeit.

Liebe Freunde der Todesstern-Konditorei,
wie wird man eigentlich Cyborg? Diese Frage kann man in vielen langen Nächten mit viel Rotwein zu Genüge besprechen – man wird immer wieder auf offene Fragen stoßen. Was jedoch fest steht, ist, dass ein Cyborg ein Mischwesen ist. Er existiert zwischen Biologie und Technologie. Im Prinzip könnte man den simpelsten technischen Erklärungsversuch nehmen nehmen und sagen, dass man dann Cyborg ist, wenn Technik mit Biologie irgendwie verschmilzt. Sei es mit dem Herzschnittmacher, einer Prothese oder sogar einer Brille. Die technische Antwort ist aber nur die Beschreibung eines Zustandes, ohne die kulturelle oder gesellschaftliche Bedeutung zu kennen.

Das eigentliche Mischwesen Cyborg ist, wenn man Donna Haraways Cyborgmanifesto als Maßstab nimmt, schon längst in den menschlichen Alltagszustand übergegangen. Cyborgs sind halb-maschinelle Wunderwesen, die das bipolare Dasein zwischen Frau und Mann längst überwunden haben und am Tenniscourt des Lebens sitzen und zunehmende Nackenschmerzen vom immer rasanter werdendem (heterosexuellen) Geschlechtertennis bekommen. (Wenn bloß Björn Borg alle einfach assimilieren könnte, dann wäre Ruhe!)

Das klingt nach (ulkigem, wahrscheinlich britischem) Science-Fiction Stoff, der in die Wirklichkeit gekrochen ist. Genauso fühlt es sich auch an.

So komisch und surreal das auch scheinen mag, irgendwann merkt man, dass die Science-Fiction eine Art erzählerischer Cyborg ist. Fiktion und Wissenschaft gehen eine Symbiose ein um durch Erzählen Ideen in die Köpfe zu setzen die dann irgendwann ihre realen Konsequenzen hervorbringen können: Wer sich noch erinnert, es gab in den 90er Jahren mal ein Mobiltelefon, welches dem Kommunikator aus der Classic Star Trek Serie namentlich wie vom Design her nachempfunden war. Diese Schnittstelle zwischen Vorstellungskraft und wissenschaftlicher Neugierde, die technologischen und auch kulturellen Fortschritt erzeugen, ist eine der vielen Brücken die gelungenes Menschsein ausmachen. Diese Brücken sind die Ambiguitätstoleranz. Dieses kompliziert klingende Wort bedeutet ganz einfach, dass man für einen gemeinsamen Mehrwert, Widersprüche aushalten kann. Es ist die Anti-Zerfleischung, die Aufhebung des scheinbaren Gegensatzes zwischen Kultur und Natur beinhaltet.

cyberlust

Ich bin so ein Cyborg mit vereinten Widersprüchen und ich bin es, glaube ich, schon immer gewesen. Nur habe ich einen langen Weg bis zum Coming-Out gehen müssen. Kleine und größere Schlüsselerlebnisse haben mich, ähnlich wie bei anderen queeren Identitätsformen, in die Welt der Selbstanalyse, der Experimente mit dem Selbst und Identität sowie der Selbstmodifizierung geführt. Das praktische ist, dass dieses Grenzgängertum in meiner gesamten Bio-Familie recht verbreitet ist. Wir sind alles Migranten, kommen nicht wirklich von hier oder dort und einige Vorfahren haben ihre Religion etwa wie die Unterhosen gewechselt, um irgendwann beim Atheismus oder Agnostizismus zu landen. (Persönlich bin ich seit meinem 14. Lebensjahr der Göttin Eris verbunden, ich nehme höchstens noch Dinge dazu wie den Pastafarianismus etwa. Nudeln sind einfach so gut.) Daher hatte ich in meiner Kindheit und Jugend nicht das Problem eines verständnisbefreiten Elternhauses, dafür jedoch mit erheblichen Reibungen mit meinen jugendlichen Mitmenschen, die mich selten gerafft haben. Wie denn auch, wenn der eigene Blickwinkel eine völlig andere Realität ergibt, als die der anderen Leute um mich rum.

Im Nachhinein bin ich denen nicht mal böse, denn man muss drauf kommen, dass diese Reibungen keine Arschlochereien sind, sondern das Ergebnis von abweichenden Weltbildern. Wer dann aber erwachsen wird und das mit der Ambiguitätstoleranz irgendwann kann und 'ne Portion Neugier mitbringt, hat schon einen kleinen Schritt in Richtung Weltfrieden und eigenem Lebenserfolg getan. Es gibt keine reine Lehre die wirklich existieren kann, außer in Laborbedingungen, quasi. Es gibt aber die Kunst des Blickwinkelwechsels und der Rücksicht, um mit Diplomatie die Erkenntissuche im Kleinen wie im Großen zu meistern.

Als Individuum bin ich auch irgendwann zum Schluss gekommen, dass die Natur oder das Landleben nicht meine große Erfüllung sind. Ich musste einsehen, dass das, was viele wirksam für sich als Ruhepol oder Inspirationsquelle nutzen, für mich nicht funktioniert. Glaubt mir, ich habe es als suchendes Teenagerwesen sogar mit dem Umarmen eines Baums im Hinterhof meines Elternhauses versucht. Der Baum ist eingegangen. Ich habe einen sowas von schwarzen Daumen, dass ich irgendwann eingestehen musste: Ich bin nicht naturverbunden. Dafür muss ich aber nicht naturfeindlich sein. Im Gegenteil, als kritisch-technologiefreundlicher Mensch empfinde ich wissenschaftlichen und technischen Fortschritt als wunderbare Tools, um unsere Umwelt zu erhalten und um unser Leben gleichzeitig zu verbessern. Aber diese Natur muss eben nicht mein persönliches Heil sein.

Es gibt aber leider Menschen, die nicht nur ihren inneren Frieden im Grünen suchen, sondern gleich ihre ganzen Ideologien auf eine etwaige Natur zurückführen, um Ungerechtigkeiten im menschlichen Miteinander zu rechtfertigen. Bei aller Liebe, aber diese Form von „Natürlichkeit“ ist unmenschlich. Vielmehr versperren sich manche dieser Leute der knallharten Realität, die sie so gerne als „Wie es ist“-Alibi für ihre Menschenverachtung heranziehen.

Es entspricht nämlich der Realität, dass wir uns alle auf einem einzigen uns verfügbaren Planeten in einem einsamen Sonnensystem tummeln und die Aliens wahrscheinlich fazialpalmierend an uns vorbeifliegen und nicht mal eben „Hallo“ sagen wollen. Wir müssen, das schätze ich zumindest so ein, erstmal in Einklang mit unserer gesamten Menschlichkeit kommen, bevor wir eine Natur idealisieren, um für Ungerechtigkeiten ein praktisches Alibi zu sein.

Daher hat mich das Cyborgsein, das Transhumane, näher an meine Menschlichkeit gebracht. Im scheinbaren Widerspruch zwischen Mensch und Maschine, zwischen Technologie und Natur, habe ich den Blick dafür gefunden, was es wirklich bedeutet, ein Erdenmensch zu sein, auf dieser Landmasse mitten in einer wunderbaren Galaxis. Mit diesem Stichwort verabschiede ich mich mit einem geliebten Stück meiner Kinderstube, die meine Eltern mir kulturell verabreicht haben. Don't Panic!

Mögen die Backwaren der dunklen Seite euch immer gewogen sein,
Darth Elle Nerdinger, a.k.a @forschungstorte

P.S.: Nächstes Mal erzähle ich euch von meinem Weg zur Dunklen Seite und wie ich zum "Darth" Titel kam.

Tags: Cyborgs Feminism Gender Guestblogger LGBTQ

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