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-0,9 -0,75 Dioptrien

Gepostet vor 2 Monaten, 29 Tagen in Eyes Medics Storys

gonk

Meine Augen funktionierten nicht mehr gut, sage ich zu der Dame im Optikbedarfsgeschäft in der Kaiser-Wilhelm-Passage zu Schöneberg. Ich wohn da, noch halbwegs unberührt von Gentrifizierung oder irgendwelchem Szene-Crap. Marlene Dietrich erblickte dort das Licht der Welt und Bowie und Iggy lebten da 'ne Weile. Rote Insel, alles voller Kommunisten, bunte Bagage aus Proleten, Künstlern, Arbeitern und Intellektuellen. Ich pass' da gut hin.

Gute Gegend, aber leider sehe ich sie nicht mehr so richtig, weil meine Augen nicht mehr so gut funktionieren.

Irgendwann vor zehn Jahren fiel mir das zum ersten mal so richtig auf. Alles war nicht mehr so richtig scharf. Zuerst bemerkte ich es im Kino, glaube ich, da musste ich meine Augen zunächst fast unmerklich, irgendwann ein wenig mehr zusammenkneifen und draußen auf der Straße erschienen die Lichter in den Lampen ein kleines bisschen verschwommener. Nicht viel, nur ein bisschen. Und dann ein bisschen mehr.

Mich hat das erstmal nicht besonders gekümmert, meine Augen waren schon immer eher super, abgesehen von einer angeborenen Deuter-/Protanopie, die mir während der gelegentlichen Tests mit Ishihara-Farbtafeln optische Minderwertigkeitskomplexe einhandelten, weil ich die dämlichen roten Ziffern in den grünen Punkten nicht sehen konnte. Abgesehen davon: Alles a-okay. Das war irgendwann in den 90ern.

Zwanzig Jahre Bildschirmarbeit später dehnt die Kontraktion des Ziliarmuskels am Rande der Iris meine Augenlinse nicht mehr flach genug, um den Brennpunkt des reflektierten Lichts weiter entfernter Objekte auf meine Netzhaut zu fokussieren. Klassische Myopie. Kurzsichtigkeit.

Ich befinde mich damit in guter Gesellschaft, rund die Hälfte aller Erwachsenen in den USA und Europa sind kurzsichtig, doppelt soviele wie noch vor einhundert Jahren. Ein Drittel der Menschen auf der ganzen Welt, unglaubliche 90% aller jungen Leute in China, wo es vor 60 Jahren noch so 20% der Bevölkerung waren. Wir befinden uns mitten in einer myopischen Epidemie, Wissenschaftler kommen derzeit zu dem Schluß, dass es vor allem zunehmende Indoor-Aktivitäten sind, die sie verursachen, was mich als Bildschirmfuzzi, Bücherwurm und Filmliebhaber natürlich zum klassischen Kurzsichtigkeitsopfer macht. Was soll's, man kann da eine Weile mit leben, bis der Scheiß eben zu sehr nervt und dann erzählt man einer Dame beim Augenladen davon. Die kümmert sich um den Rest.

Vor ein paar Monaten saß ich auf einer Insel in Griechenland, hatte drei Tage lang keinen Screen mehr gesehen und auf einmal konnte ich zwei Kilometer weit auf die türkische Küste gucken, gestochen scharf. Ich erkannte Bäume und Boote und sah die Brandung da drüben und ich wunderte mich, wie schnell sich Augen erholen können und auf einmal scheinbar gar nicht mehr myopisch drauf sind. Dann linste ich eines Abends mal wieder drei Minuten auf mein Telefon und –POW!– die Küste war wieder nurmehr ein verschwommen-brauner Klumpen Land, der über einem unscharfen Horizont hing. Die Boote waren mal wieder weiße Flecken und die Brandung in der Ferne nicht zu sehen. Da dachte ich mir „Alter“, dachte ich, „Alter, wenn Du zuhause bist, dann besorgst Du Dir endlich mal 'ne Brille, kann ja nich' so weitergehen mit dem Schlonz.“

Also sitze ich beim Brillenmacher und lasse mir meine allererste Sehhilfe anfertigen. Das geht so: Man klemmt seine Augen in einen dieser fantastisch-weird-mechanisch-gruseligen Phoroptoren und macht einen Sehtest mit ganz vielen Zeichen in ganz vielen Größen.

1280px-Geraet_beim_Optiker

Ergebnis: eine Korrektur von -0,9 Dioptrien auf dem linken und -0,75 Dioptrien auf dem rechten Auge. Eine Dioptrie ist die Maßeinheit für die Brechkraft optischer Systeme, normalgesunde Augen haben eine Brechkraft von rund 60 Doptrin, meine bildschirmgeschwächten optischen Biosysteme haben also unkorrigiert 60,9dpt und 60,75dpt, verschobene Brennweite im Nachkommabereich, und die konkaven Zerstreuungslinsen meiner brandneuen optomechanischen Augenerweiterung biegen die eintreffenden Lichtreize nun in ultrascharfen Netzhautfokus.

-0,9 -0,75dpt, das ist nicht viel, hat man mir gesagt. Das sei gar nichts. So wirklich bräuchte ich ja keine Brille. Außer zum Fahren, ja wahrscheinlich, wenn ich einen Führerschein besäße, und eigentlich ja auch schon so generell ein bisschen, zum Scharfsehen, na klar, man wird ja auch nicht jünger und im Ü40-Club gehört es fast beinahe schon zum ungeschriebenen allgemeingültigen Lebensplan, dass man da mit Brille erscheint. Da erledigt sich sowas ja fast schon von alleine mit 42 Jahren, aber ich bin mit -0,9 -0,75dpt nun alles andere als blind und es ginge wohl noch eine ganze Weile ohne, ich käme schon zurecht, ziemlich gut sogar wahrscheinlich, auf kurze Entfernungen habe ich keine internsichtbaren Beeinträchtigungen und in die Ferne muss man als moderner Mensch in der großen Stadt ja auch nur selten gucken, vor allem so als Bildschirmarbeiter und es ginge schon, für eine ganze Weile noch, ganz gut sogar. Fuck that. Scheiß auf ganz gut. Ich besorge mir 'ne Brille.

Nach dem Sehtest und der Sehschwächenkorrekturmaßnehmung wählt man ein Brillengestell, passend zu Gesicht und Form, das die gläsernen Augen-Optimierungs-Vorrichtungen mit dem Kopf zu einem harmonischen Gesamtgebilde fusioniert, leistet eine Anzahlung von soundsoviel Euro, erhält einen Abholschein so wie es sich für eine gut funktionierende Kapitalismusbürokratie gehört, ein paar Tage später sind die Gläser fertig geschliffen und eingesetzt, es klingelt das Telefon und die nette Dame sagt, die Brille sei fertig und abholbereit. Man zahlt soundsoviel Euro Restbetrag, lässt sich noch die ein oder andere Versicherung und ein Etui (stoßfestes, schwarzes Plastik) aufschwatzen und verlässt als erstmalig bebrillter Neuscharfseher den Laden.

Mit meiner frisch korrigierten Optik spazierte ich dann erstmal eine Weile durch mein Viertel und sah mir die Gegend an. Meine Fresse!

Man erkennt plötzlich weit entfernte Gesichter, wo's bis eben nur beigebraunrosafarbene Ovale mit angeflanschten Frisuren gab, und kann den Menschen auf einmal in 50 Meter Entfernung in die Augen sehen. Die Schriften auf den Schildern plötzlich auch aus einiger Entfernung lesbar und wenn man eine gerade gebaute, vielbefahrene Straße entlangschaut, verschwimmt die Welt am Fluchtpunkt nun nicht mehr zu einer bunten Masse aus lustig umhertaumelndem Zeug mit Fransen zwischen weichgekannteten Gebäuden, sie werden jetzt zu richtigen Häusern, Autos und Personen, die Bauten in der Ferne haben Vorsprünge und Eingänge, die Dinge haben harte Ränder und Kanten überall.

Als ich mit einem Bekannten nachts auf einer Bank im Park über Neuromuster unterhalte und Pläne zur Rettung der Welt schmiede, kann ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite nicht nur die hell erleuchteten Fenster sehen, ich kann in sie hinein sehen. Es sind nicht mehr einfach nur verschwommen leuchtende Rechtecke in dunkelgrauen Kästen, es sind erkennbare Scheiben, Gucklöcher in den Wohnungen der anderen und darin erkenne ich Lampen, Bücherregale, Bücher in den Bücherregalen, Gardinen und Vorhänge, Maschen in den Gardinen und Vorhängen, Bilder an den Wänden, Motive auf den Bildern auf den Wänden, Leute, die in ihren Wohnungen umher gehen, Brillen auf den Nasen der Leute, die in ihren Wohnungen umher gehen. Ein bisschen creepy vielleicht, ich weiß, dafür aber unheimlich präzise.

Drei Tage hintereinander fuhr ich abends mit dem Doppeldecker-Bus durch Berlin. Habe mich oben ganz nach vorne gesetzt und mir staunend die Stadt angesehen. Alles neu! Die ganzen Neonlichter, die blinkenden LED-Anzeigen, in denen jede einzelne Diode auf einmal so klar und deutlich zu sehen ist. Die Straßenlampen leuchten und ich kann die milchigen Ablagerungen von Witterung und Straßendreck und die Muster und Strukturen im Plastikfantastik der Straßenlampenhersteller erkennen und drumherum tanzen die Motten im Licht.

Und dann sitze ich ein paar Tage später mit meiner neuen Brille auf einem Fensterplatz im Flugzeug: Kummuluswolken, Königreiche aus Wasserwatte, durchzogen von feinen Nebelfetzen, die ganze Berge aus weißem Luftschaum krönen, Felder und Steppen aus Zirruswolken, durchpflügt von den Bahnen der Flugzeuge, ein winziger Wirbel, ganz furchtbar klein, vielleicht, der in einer Schlucht aus Schwaden kreist, unmöglich größentechnisch zu taxieren, könnte ein 20cm-Kreisel sein, könnten aber auch 20 Meter wirbelnder Nebel sein, wer weiß das schon, und dann sind wir auch schon vorbeigeflogen an dem Ding.

Unten der Ozean und die Wellen darin und die tausendmillionen Reflektionen darauf, die alle punktgenau auf meine Netzhaut hauen, eine nach der anderen. Eine glitzernd-blaue Fläche sich bewegender Struktur.

Der Horizont ist jetzt eine klar geschnittene Linie, leicht gekrümmt, die Boote klar zu sehen, Katamarane mit Seilen und Schriften auf den Segeln und den generischen Namen, die Lucy und die Queen of Waves. Die Bäume mit all diesen Blättern und ihren gezähnt, gesägt, gebuchtet, gekerbten Spreitenrändern, jedes einzelne davon in 100 Meter Entfernung auszumachen. Die Moirés in den Reihen der Palmgewächse mäandern im Wind und schlagen die irrsten Muster und die Brandung vor'm Riff mit all dem aufgeschäumten Salzwasser und die Sandkörner am Strand, als ob man die alle zählen könnte.

Gar nicht viel Dioptrien, nur -0,9 -0,75dpt.
Aber WHOA, die Details!

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