Warum „It Follows“ der beste Horrorfilm der letzten Jahre ist

itfollowsIch habe „It Follows“ vor circa einem halben Jahr zum ersten mal gesehen und es war der erste Film seit… keine Ahnung, seit einer ganzen Ewigkeit, wahrscheinlich sogar seit ich zum ersten mal „The Haunting“ gesehen habe, dass ich wirkliche, echte Angst während eines Films verspürte. Und während die Kritiken sich so ziemlich einig sind, dass dieser Film möglicherweise in seiner Innovationsfreudigkeit und Intensität halbwegs neue Maßstäbe setzt, so oberflächlich finde ich die Lesart des angeblichen Subtexts.

„It Follows“ handelt einer Jay, einer jungen Dame aus einem Vorort von Detroit. Dort hängt sie mit ihrem Freund Hugh im Kino rum, schläft mit ihm, woraufhin er sie plötzlich knebelt und fesselt, in eins der tausenden verrottenden Gebäude der zerfallenden ehemaligen Industriestadt schleppt und ihr erzählt: „Unser Rumgeficke hat einen Fluch an Dich weitergegeben. Von jetzt an wird Dir etwas folgen. Niemand außer Dir. Du weisst nie, wie es aussieht. Es kann ein Kind, eine alte Frau, oder ein Obdachloser sein, irgendjemand. Es rennt nicht, es ist langsam, aber es bewegt sich immer weiter auf Dich zu. Kriegt es Dich, tötet es Dich und folgt dem vorherigen Träger des Fluchs. Mir.“ Sie glaubt es nicht und natürlich ist alles wahr.

Die gängige Lesart des Subtexts geht so: Ein Film über einen sexuell übertragenen Fluch ist ein Film über eine sexuell übertragene Krankheit. Als wären wir noch im Camp-Slasher der 80er und als würden die Regeln des Slashers noch gelten, die schon von Scream in den 90ern in die Ecke ausrangierter Motive gestellt wurden. Wie langweilig, wie faul. Dabei hat „It Follows“ weit mehr zu bieten:

Die Kamerafahrten und 360°-Rotationen erzeugen ein konstantes Gefühl der Paranoia, das geschickte Spiel mit der Sichtbarkeit für Jay und der Unsichtbarkeit für alle anderen das der Isolation, selbst wenn sie im Kreise ihrer Freunde an einem scheinbar sicheren geheimen Versteck weilt. „It“ ist immer da und der Film baut mit diesen zwei, drei simplen Techniken und ein paar tatsächlich ungewöhnlich komponierten Bildern einen immensen Druck auf die innere Person der Jay auf. Denn das, was ihr folgt, sind nicht irgendwelche sexuellen Metapher. Was ihr folgt, ist ihre Umwelt, die Gesellschaft, die zerfallende, alternde Welt um sie herum und natürlich letztlich damit: Wir, der Zuschauer.

Diese Lesart ergibt vor allem dann Sinn, wenn man weiß, dass sowohl Regisseur David Robert Mitchell als auch eine Reihe der Schauspieler aus Detroit stammen, dem Mahnmal des langsam in sich einstürzenden Amerikanischen Traums. Mitchell selbst sagt zur Interpretation von „It Follows“: „To me, it's dream logic in the sense that they're in a nightmare, and when you're in a nightmare there's no solving the nightmare. Even if you try to solve it“.

Der Film ist die metaphorische Kapitulation vor der Ohnmacht der Politik angesichts allmächtiger Konzerne, die mit ihrer Cheating-Software nochmal einen großen Haufen auf den Klimawandel kacken und die eine globale Finanzkrise auslösen können, ohne das wir etwas dagegen unternehmen könnten, und Sexualität ist der Initiationsritus, der sie in diesen Kreislauf aufnimmt. „It“ ist nichts anderes als die Welt, die wir erschaffen haben, und die sie verfolgt bis zu ihrer Vernichtung. Und nur wenn sie den Gedanken an das Schlechte und Böse aus der echten Welt wegfickt („Fuck the pain away“), findet sie Erlösung. Zumindest für eine Weile.