Nerdcore per Mail

RSS Feed About Archive NC-Sources Impressum Datenschutz

This is where I leave you. (For a while.)

Gepostet vor 10 Monaten, 1 Tag in

Das hier ist der derzeitige Status Quo der Netzkultur, eine zwar oberflächliche, aber von außen vollständig wirkende Assimilation durch den Mainstream:

bloed

(Der Tweet stammt von einem Medienberater im Kontext einer Konferenz vor ein paar Wochen.)


„The Dark Side clouds everything.
Impossible to see, the future is.“


Als ich dieses Essay (und sein Update) vor drei Wochen online stellte, fing es draußen an zu donnern und zu blitzen. Die Synchronizität fand ich in dem Moment sehr bemerkenswert und ja, ich fand sie auch ein bisschen geil. Es kommt nicht allzu oft vor, dass es hier lauter wird, während es draußen lauter wird. Einen Tag später implodierte Reddit, eine Woche später Gawker, Merkel, Nuhr, Moores Law (Kurzweils Singularity ist schon eine ganze Weile abgesagt), Schweiger und überhaupt alles – während in Schöneberg irgendwo ein Feuerwerk abfackelt und es tatsächlich überall kracht und knallt, online und offline, überall. Und da habe ich von wirklich dringenden Themen wie Griechenland, dem IS oder Mass-Shootings noch gar nicht angefangen. Dieser Sommer brennt.

fire1

Vor ein paar Monaten hatte dieses Blog seinen zehnten Geburtstag und ich gab darauf nichtmal einen fliegenden Fick. Hätte man mir das noch vor einem Jahr erzählt, ich hätte sie ausgelacht. Einen Rave wollte ich mal zum Zehnjährigen machen, mindestens ’ne Party. Stattdessen habe ich mich bekifft auf der Couch am Sack gekratzt und starrte gelangweilt auf meinen mit altem Scheiß, Fakes und „lustigen Videos“ überlaufenden Feedreader und fragte mich, was zum Geier passiert ist. Gestern habe ich nun schließlich alle RSS-Abos gekündigt, nur eine handvoll habe ich behalten. Das hat seine Gründe in zwei kausalverschränkten Dingen: 1.) Ich werde 3 Monate Blogpause machen und ein bisschen verreisen und 2.) Clickbait.

clickbait

Das Wort Clickbait habe ich hier im Blog zum ersten mal vor rund zwei Jahren erwähnt. Wikipedia nennt als erste Quelle Derek Thompsons Artikel im Atlantic vom November 2013.

Spätestens seit damals verfolge ich das Thema mehr als aufmerksam. Gawker versuchte vor einem Jahr, Clickbait als „Standard Yellow Press“-Mechanismus zu verkaufen und die Kritik daran zu diskreditieren – unter völliger Missachtung von Curiosity Gaps und Trennung von Link und Inhalt. Man könnte mit viel gutem Willen einen Curiosity Gap in den Querfalz einer Tageszeitung hineininterpretieren („Below the Fold“ stammt aus dem Zeitungsdruck), wenn man den Bullshit von Gawker fressen will. Ich bin allerdings schon eine ganze Weile fertig mit solchem Gewäsch, denn Clickbait hat das hier mit dem Internet gemacht:

Interessante, neue und unbekannte Inhalte werden durch Gravitationseffekte in Social Media-Kanälen verdrängt und ersetzt durch:
1.) Neu verpackte, alte und oft „dumbed down“ Inhalte: Buzzfeed-Listen oder neu hochgeladene YT-Videos auf Facebook, oft ohne oder nur mit versteckter Verlinkung, im Prinzip eine nicht-vernetzte Ausbeutung vorhandener Archive, die wir in den letzten 15 Jahren aufgebaut haben.
2.) Outrage: „Die Sau“ wurde vor wenigen Jahren noch circa einmal alle zwei Wochen durchs „Dorf“ getrieben. Mittlerweile kann man sich ein tägliches Menü aus mehreren Aufregern zusammenstellen: Ein „Shitsandwich“ aus mehreren „Outragelayern“. Shitstorms werden mittlerweile auch offensichtlich als politsches Instrument missbraucht, um sich gegen Partei-Rivalen in Stellung zu bringen. Der Shitstorm ist nicht mehr die Ausnahme, er ist die Regel.
3.) One-Pic-Jokes: The „quickest, easiest, most seductive“. Nur eine Katze, die sich am Arsch kratzt. GIF’d. „Nur“. Oh, how much I hate that word in headlines.
4.) Kommerzialisierte Virals.
5.) Bad Science, die über wissenschaftliche Einzelmeinungen in Gossip-Blogs über Umwege Einzug in Broschüren respektabler Institutionen schaffen und so zu scheinwissenschaftlichen Fake-Facts werden.
6.) Nihilistic Memes.
7.) The unclicked Stream.
8.) Chum.

But you just don’t give a shit, don’t you.

This was not a Question.

¯\_(ツ)_/¯
¯\_(ツ)_/¯
¯\_(ツ)_/¯
¯\_(ツ)_/¯
¯\_(ツ)_/¯


Keins dieser Dinge ist per se doof, ich hab’ wohl Beispiele für alles davon hier im Blog, Trash und Junk und KatzenGIFs sind letztlich nur eine weiteres Stilmittel um seine eigene Blogsprache zu finden. In Kombination mit Abhängigkeit von Klickzahlen, Aufmerksamkeits-Gravitation in sozialen Netzwerken und dieser ganz furchtbaren Shruggie-„Not giving a Shit“-Haltung entwickelt der Kram allerdings eine ganz eigene Dynamik, die alle Kanäle verstopft mit billigen Jokes und Geschrei. Gleichzeitig entwertet das Mobile Web mit dem Link das zentrale Element des Webs und die bisherigen Werbefinanzierungsmodelle sind kaputt. Geile, neue Ideen vergammeln auf ungelesenen Blogs, weil Grumpy Cat sez „No“. Everything sucks.

Aber es sind nicht nur Inhalte, die sich seit ein paar Jahren in einem konstanten Rewind-Modus befinden: Technologische Innovation stagniert und wurde durch Produkt-Variation ersetzt (immer neue Iterationen des geilsten Handys mit immer fein aufgelösteren Screens, die praktisch ganz genauso funktionieren, wie schon vor 10 Jahren). Ich möchte an dieser Stelle mal daran erinnern, wie lange es vor zehn Jahren noch von Jeff Hans erster Multitouch-Präsentation bis zum ersten iPhone dauerte: 1 fucking Jahr. Nochmal: EIN FUCKING JAHR.

Natürlich ist das ein Extremfall und ein singuläres Beispiel für ausgereifte Technologie, die zum richtigen Zeitpunkt auf eine erneut explodierende Netzkultur traf. Und es hilft auch nicht, dass ich in einer Zeit ständigen Wandels aufgewachsen bin. Die Innovationsgeschwindigkeit während meiner Sozialisation von Ende der 70er bis zu den 90ern war mindblowing: Vom 70s-Mief durch die Pop-80s zu den GrungeTechnoHipHop-90s entstand so circa alle drei Jahre irgendeine neue Musik und neue Subkulturen, getrieben von neuen Technologien und Ausdrucksformen, Digitalität demokratisierte praktisch alle Medien-Produktionsmittel in einem vorher nicht dagewesenen Tempo.

Anfang des neuen Jahrtausends noch saß ich bei der Entwicklung des Online-Ablegers unserer lokalen Tageszeitung bei der Planung mit am Tisch und bewunderte das sauteure, saukomplexe Content Management System, das zu diesem Zeitpunkt noch nichtmal mit dem internen Print-Redaktionssystem synchronisiert war. Wenige Jahre später hatte ich mit meinem Ein-Mann-Blog und einem Open-Source-CMS das zehnfache von deren Traffic. I can’t even.

Und nun muss man eben konstatieren, dass die Innovationsgeschwindigkeit in allen Feldern deutlich abgenommen hat. John Markoff begleitet digitale Technologie seit den 80ern und das WWW seit seiner Entstehung als Journalist und schrieb vor ein paar Tagen erst: „In fact, things are slowing down. In 2045, it’s going to look more like it looks today than you think.“

Ich würde sogar so weit gehen und die cineastische Superhelden-Schwemme hier in die Gleichung mit aufzunehmen, denn auch sie zeigt vor allem: Wir befinden uns in einer Zeit des kulturellen Stillstands. 2015, das große brennende Jahr der Kopf-in-den-eigenen-Arsch-Stecker.

Clickbaits Rolle dabei lässt sich wunderbar am Beispiel von Buzzfeed analysieren: Die Website wurde von Jonah Peretti konzipiert, um Identitäten zu bestätigen: „You’re born in the 80s? Here’s your List and here’s another one. You are born in the 90s? Here’s your Eurodancecrap. Eat it. EAT IT!“ Ein ständiger Loop aus selbstversichernden Kultur-Items. Wenn eine solche Website zum Global Player wird, Netzkultur in einem ständigen Kreislauf aus Nostalgie gefangen hält und Werbefinanzierung gleichzeitig praktisch alle Online-Medien dazu zwingt, alle Zielgruppen zu bedienen, um auch noch das letzte bisschen Traffic aus Aufmerksamkeitsströmen zu quetschen, wird diese Kultur früher oder später zum Stillstand kommen. Und exakt das passiert grade.

Und ja, es mag ein bisschen unfair sein, alleine auf BF mit dem Finger zu zeigen. Die machen teilweise wirklich guten Journalismus und gegen BWLer-Komplettschrott wie Heftig sind die ja sogar fast schon Deluxe. Analysieren lässt sich das Schlamassel anhand von BF dennoch prima.

(Ein großartiges Bild für diese Form von kulturellem Stillstand sind übrigens die Junk People aus Jim Hensons Labyrinth [„Everything you ever cared about is right here“]. Nichts gegen Junk, dieses Blog ist voll davon. Aber es gibt einen Punkt, an dem ist es genug, und den habe zumindest ich in diesem Jahr erreicht.)


Es fiel mir schon immer schwer zu beschreiben, was ich hier eigentlich tue. Nerdcore wurde im Laufe der Jahre beschrieben als: Kulturblog, Funblog, Techblog, ein Blog über Netzfundstücke, über Internet-Skurrilitäten, Linkschleuder, Musikblog, Design- und Kunstblog, Durchlauferhitzer, Zeitgeist-Blog, Schockblog, Trashblog, Schrottblog, Eyecandy, Wundertütenblog. Ich persönlich würde noch Manchmal-im-Suff-Blog und Meme-Blog hinzufügen, so richtig trifft es all das aber nicht. Nerdcore wurde für mich am besten in einem Dialog von zwei Kommentatoren vor hundert Jahren so beschrieben: „’Immer wenn man meint, man habe alles gesehen, kommst Du mit so ’ner Story um die Ecke…’ – ’And exactly that is Nerdcore’“.

Ich versuche hier vor allem, sowas wie „Neue Ästhetik“ zu sammeln (nicht zu verwechseln mit James Bridles New Aesthetic). Schlichtweg mir bis dahin „unbekannte Muster“: Halbgesprühte Hotelzimmer. Mushroom Burial Suits. Temple Installations. Neutrino Detection Art. Recursive Frank Zappa Mustache. Und da ich eine meiner grundsätzlichen Aufgaben darin sehe, eben diese „Neue Ästhetik“ zu identifizieren und das dank meines ursprünglichen Jobs als Zeichenmacher, Illustrator und Grafiker seit mehr als 20 Jahren so betreibe, habe ich darin ein bisschen Übung entwickelt. „Ein Auge für Neues haben“ – wie gesagt, es lässt sich schwer beschreiben. Wenn man mit dieser Berufsauffassung mit kulturellem Stillstand konfrontiert wird, ist das einerseits suboptimal, andererseits aber auch unvermeidlich. Kultur entsteht, blüht auf, zieht immer mehr Menschen an, explodiert in tausend Farben und Formen, sättigt sich, wird schließlich aufgebläht und müde und stirbt den memetischen Erstickungstod.

Dass ich nun mit diesem Blog in diese Falle getappt bin, ist zum größten Teil meine eigene Schuld, denn immerhin ist das tolle am Netz, dass man sich sein eigenes basteln kann. Das ist Teil der Definition von Filterbubble. Und ich gebe zu: Mit meiner bin ich nicht sehr sorgsam umgegangen. Im Moment laufe ich bei allem, was „typische Netz-Ästhetik“ ist, schreiend davon. Das ging irgendwann vor ein paar Monaten so weit, dass ich mir freiwillig eine BluRay mit alten Gottschalk-Filmen gekauft habe, nur um mal wieder etwas zu sehen, das nicht „edgy“, „cool“ oder „abgefahren“ war. Wenn man dämliche, deutsche Kleinbürger-Kultur als Ausgleich braucht, hat man definitiv ein Filterproblem.

Ich hätte viel mehr Fluktuation in meinen Quellen haben und initiativ neue ausfindig machen müssen. Ich hätte schon vor Jahren alle Mainstream-Blogs rausschmeißen und viel mehr mit Twitter-Quellen experimentieren müssen. Hätte hätte Fahrradkette. Habe ich nicht getan, weil lief ja alles, ich bin ja so ein fauler Sack und überhaupt und stattdessen beschwere ich mich lieber seit Jahren auf Twitter über das langweilige Netz. Weil, is’ ja einfacher („quicker, easier, more seductive“). Jetzt läuft’s halt nicht mehr und ich muss die Konsequenzen ziehen.

Aber keine Sorge (bzw. freut Euch nicht zu früh): So schnell werdet Ihr mich nicht los. Not at all.


„All I know is that first, YOU’VE GOT TO GET MAD!
You’ve gotta say: I’m a human being, godammit!
My blog has value!“


Martin Weigert hat vor ein paar Wochen genau darüber geschrieben: Sehnsucht nach dem „alten” Web: Die Nostalgie der Fortschrittsbefürworter.

Heute zeichnen sich weite Teile des Webs durch massive Kommerzialisierung und Machtkonzentration aus. Einige wenige Giganten geben den Ton vor und nutzen ihre Netzwerkeffekte, um dem Ökosystem als Ganzes ihre Regeln aufzudrängen. Links und rechts davon kann zwar jeder das offene Web noch immer so nutzen wie bisher. Nur schwindet die Aufmerksamkeit der breiten Masse. Denn die ist mit Candy Crush, Instagram und WhatsApp beschäftigt. […]

Wer agil bleibt, pragmatisch denkt und nach vorne schaut, kann die Chancen ergreifen, die sich ergeben. Wer stattdessen gedanklich immer nur im Gestern lebt, wird es zwangsläufig schwer haben, die Zukunft mitzugestalten. Selbst wenn dieses Gestern am Ende vielleicht tatsächlich der objektiv bessere Zustand gewesen sein sollte. Er ist Geschichte. Für immer.

Es liegt Veränderung in der virtuellen Luft. Keine technische, sondern eine kulturelle. Ein Umdenken darüber, was man mit Netzwerken und Hypertext noch alles anstellen kann und was davon sinnvoll ist. Ich denke, dass diese anstehenden „cultural Fixes“ sehr schnell passieren können und die Zeichen der Veränderung sieht man bereits – das Phänomen Nein.Quarterly beispielsweise, oder langsame Explainer-Blogs wie Wait But Why. Oder The Awl, die mit seltsamen Meta-Kommentaren den Clickbait-Giganten an Einfluss haushoch überlegen sind. Technisch könnten Indieweb und PersonalAPIs demnächst nochmal einiges verändern. Es gibt die guten Sachen da draußen, ich habe mich nur viel zu lange nicht um sie gekümmert.

Blogs und Websites haben als Handwerkszeug für meinen Job als „Kurator von Dingen“ seit der kulturellen Machtübernahme durch Clickbaiters immens an Wert verloren. Der gute Scheiß kommt dort schlichtweg nicht mehr an, weil alle um Clicks abzugreifen nur noch den populärsten Scheiß posten, nicht den besten. Das ist für mich und wie ich arbeite ein massives Problem, das kann man sogar bis hin zur Finanzierung dieses Blogs analysieren: Ein „schnelles Cultural-Item-Blog“ wie NC steht meistens am Anfang von „Item-Hype-Cycles“. Nur: Da passiert nicht viel Traffic, denn die meisten Menschen behaupten zwar, sie würden gerne „Neue Dinge“ sehen, stimmt aber nicht. Deshalb müssen „Neue Dinge“ erstmal ein bisschen die Runde machen und nach ein paar Tagen bei The Verge landen, dann fliegt die Luzie.

Das heisst: Desto schneller ich bin, desto geiler für Euch zwei Smartasses da draußen, aber desto weniger Traffic für mich und sinkende Einnahmen. Das wirkliche Problem dabei ist: Ich will genau das auf keinen Fall ändern, die zwei Smartasses da draußen sind genau das Publikum, das ich mit so ’nem Blog anvisiere. Das ist der Kern vom Nerdcore, und der funktioniert nach wie vor. Ich muss dafür allerdings ein Finanzierungsmodell finden und meine Arbeitsstruktur komplett umstellen: Raus aus dem Mainstream-Netz – das können Buzzviralheftigag gerne behalten: „You keep it, We don’t want it“.

Es gab so ein Zeitfenster, in dem war es möglich, ein werbefinanziertes Ein-Mann-Magazin im Netz zu etablieren, und zwar ohne größere inhaltliche Kompromisse, von dem man tatsächlich leben (und teilweise wirklich gut leben) konnte und in dem ich Kunst und Wissenschaft und Poetry auf Augenhöhe mit Unsinn und Fun und Philosophie zeigen konnten. Aber diese Zeiten sind vorbei. (Maybe not, but we'll get to this.)

Maciej Cegłowski in einem Talk vom November 2014:

Tech culture is like a deadbeat who lives on your basement sofa. You ask him:
“When are you going to do all those things you promised?”
“Oh, wait until everyone has a computer.”
“They do.”
“Okay, I mean wait until they’re all online. ”
“They are. Why isn’t the world better?”
“Well, wait until they all have smartphones... and wearable devices,” and the excuses continue.
The real answer is, technology hasn’t changed the world because we haven’t cared enough to change it.

Jason Kottke vor ein paar Wochen:

Two or three years ago, I thought I would do my site professionally for the rest of my life, or at least a good long while. The way things are going, in another year or two, I’m not sure that’s even going to be an option. The short window of time in which individuals could support themselves by blogging is closing rapidly.

Verge-Mitgründer Joshua Topolsky vor einer Woche:

The reality in media right now is that there is an enormous amount of noise. There are countless outlets (both old and new) vying for your attention, desperate not just to capture some audience, but all the audience. And in doing that, it feels like there’s a tremendous watering down of the quality and uniqueness of what is being made. Everything looks the same, reads the same, and seems to be competing for the same eyeballs. In both execution and content, I find myself increasingly frustrated with the rat race for maximum audience at any expense. It’s cynical and it’s cyclical — which makes for an exhausting and frankly boring experience.

Hossein Derakhshan vor ein paar Tagen:

I can’t close my eyes to what’s happening: A loss of intellectual power and diversity, and on the great potentials it could have for our troubled time. In the past, the web was powerful and serious enough to land me in jail. Today it feels like little more than entertainment. So much that even Iran doesn’t take some — Instagram, for instance — serious enough to block.

So, what next?


Die Wahrheit ist: Selbst wenn Blogs als Kuratoren für mich nicht mehr funktionieren (weil sie nicht mehr kuratieren) und ich schleunigst meine Filterbubble justieren muss und der gute Scheiß im Mainstream nicht mehr ankommt, so ist dennoch die Menge an gutem Scheiß schlichtweg explodiert. Warum soll ich denn warten, bis irgendwelche „nett“ animierten GIFs die Runde machen und mich nicht selbst nach geilen Animationen umschauen? Warum soll ich warten, bis das langweiligste Mainstream-Designblog endlich mal etwas Brauchbares postet und nicht selbst auf Behance nachschauen? Wisst Ihr, wie ich seit ein paar Monaten Trailer finde und wieder Musikvideos poste? Nicht in Blogs und auch nicht auf den Websites der Magazine, sondern über Youtube-Subscriptions und Alben-Käufe. That easy. Ich brauche schlichtweg eine neue Struktur hinter dem Blog und ich will mehr Zeit haben für längere Essays und Webcomics.

Die Arbeit an diesem Gamergate-Ding hat mir enorm viel Spaß gemacht und mit dem größeren Thema dahinter bin ich noch lange nicht fertig. Das und dieses Posting hier sind keine Endpunkte, sondern ein Anfang. Ich kann noch viele weitere Themen aufbohren, ich hab’ hier im Blog mehr als 25000 Punkte, die ich zu irren Sachen verbinden kann. Die ganze Superhelden-Mythologie müsste man mal auf einen 2015er Marvel-Disney-Stand bringen und aus historischer Perspektive zum neuen Blockbuster-Kino in Beziehung setzen. Man könnte die immer gleiche Netzkunst der letzten 3 Jahre anhand von kommerzialisierter Memetik untersuchen. Ich habe wieder begonnen, zu zeichnen und ich sage mal salopp: Es fließt mir ziemlich leicht aus der Hand nach drei Tagen üben. Will sagen: Da geht was.

Ich hab’ hier 10 Jahre lang Netzkultur, Technologie, Wissenschaft und Kunst in einer enormen Masse eingesaugt, die es so in Deutschland wohl nicht nochmal gibt – und jetzt kotze ich den ganzen Scheiß in irgendeiner Form wieder aus.

Ich will daraus etwas neues bauen, das das „alte“ Nerdcore zwar weiter enthält, allerdings vor allem als Fundament. Ich will die Formate behalten, die hier in irgendeiner Art für Euch funktionieren (Linklisten, Podcasts, Musikvideos zum Beispiel) und mit Ideen verheiraten, die ich bei anderen geil finde und die „kopierwürdig“ sind oder die ich schon lange mit mir rumschleppe und die „man schon immer mal machen müsste“.

Linklisten kann man in thematische, über Tags verknüpfte Verticals aufbohren (Climate Change etwa, die Hatespeech-Debatte, Meta-Memetik). Man müsste mal ein Hörspiel machen, dessen Story sich in einem Kommentarthread selbst erzeugt. Man müsste mal eine Lesung von all diesen völlig absurden PR-Mails als Podcast machen – und dann Porno-Soundtracks drunterlegen. Man müsste halt mal. Ich dagegen wühle mich seit Jahren jeden Tag durch immer langweiligere Feeds und warte, dass irgendeiner mal was macht. Stattdessen kommen irgendwelche BWL-Deppen, gründen die beschissenste Website der Welt, holen sich auf irgendwelchen Konferenzen für tote Medien der Zukunft einen auf ihre fünfzehnmillarden minderwertigen Fake-Clicks runter und bestimmen auf einmal das Bild von Netzkultur? Not on my watch.


Ich will auch gar nicht behaupten, dass diese ganze Entwicklung wirklich falsch sei. Das Gegenteil ist der Fall. Damit sich Kultur weiterentwickelt, muss sie sich ständig neu erfinden und abgestandene, lahme Teile müssen sterben (dazu müssen sie aber eben erstmal lahm und abgestanden werden). That’s how this shit works. Ich will auch nicht behaupten, dass Clickbaiters untergehen werden. Der Diekmann und seine verwandten Billo-Schleimscheißer werden mit ihrem Müll weiterhin die größten aller Erfolge feiern und damit positionieren sie sich exakt da, wo sie hingehören: Die RTLs und QVCs des Internets. Identifiable. Ignorable. Outpaceable, if you’re small and fast enough.

Und das ist ja nun auch wirklich nix neues: Als die den Rock’n’Roll erfanden und erst groß und breit und dann langweilig und operettenhaft machten, brachte das den Punk. Als New Wave und Joy Division in den 80ern Synthesizer mit Gitarren mischten, und dann Ende der 80er die fucking Traveling Wilburys (falls Ihr die nicht kennt: ’Ne saudoofe Supergroup bestehend aus Bob Dylan, George Harrison, Jeff Lynne, Roy Orbison und Tom Petty, gilt allgemein als eine der schrecklichsten Bands der 80er) auftauchten, brachte uns das letztlich Nirvana. Kulturelle Regression schafft immer ein Vakuum, in dem etwas neues entstehen und explodieren kann.

Vielleicht ist es der Black Punk-Metal-HipHop, den ich seit den Death Grips immer und immer häufiger sehe. Vielleicht ist es die überall stattfindende Debatte um Ethics und Empathie, die zu etwas neuem führt. Vielleicht ist es tatsächlich Virtual Reality. Ich weiß es nicht. Die Frage ist allerdings nicht, ob eine neue kulturelle Explosion entsteht, sondern wann und wo. Ich behaupte: wir befinden uns (möglicherweise schon sehr) kurz vor diesem Zeitpunkt.

Und genau das freut mich nicht nur. Ich bin fast begeistert und ich spüre etwas, das ich seit Jahren nicht mehr wirklich gespürt habe: Bei mir macht sich Aufbruchsstimmung breit. Ich hab’ wieder Bock. Und ich habe Hunger.


Vor einem Monat veröffentlichte der Dutch Journalism Fund seinen Journalism 2025-Report, in dem entwerfen sie vier Zukunfts-Szenarien, ich sehe die von Nerdcore vor allem in einer der DIY-Szenarien (links im Bild):

“The Wisdom of the Crowd,” a world where journalistic startups have crushed traditional industry and the sharing economy prevails. Journalistic enterprises are bootstrapped and rely on crowdfunding, while a healthy skepticism by the public of major media interlopers like Apple and Facebook is maintained. […]

“A Handful of Apples,” where giant technology companies […] have set the agenda. News is highly personalized, but that’s due to the fact that all the chains and distribution platforms have been tightly contracted into the webs of these huge new powers. In this dystopian future, the traditional news industry has not survived and is now ruled by tech. […]

“The Shire” [where] traditional institutions have […] been replaced by local and regional publications that are civically inclined. On thematically driven community sites, both citizen journalists and professional reporters find an audience. […]

“Darwin’s Game,” is well, darwinian — media organizations must adapt or perish. The narrowing mechanism is, rather unexpectedly, transparency. In “Darwin’s Game,” the news-consuming public has come to have exacting standards for the quality of their journalism, and wants journalists to show their work.

Und jetzt der Kicker:

Ich habe aus Gründen derzeit die Ressourcen, um das zu pushen. Ich bin momentan nicht wirklich auf Werbeeinkünfte angewiesen und in der Lage, das Ding hier durchaus mittelfristig aus eigener Tasche zu finanzieren. Das schafft Freiräume und kommt wahrscheinlich zum genau richtigen Zeitpunkt. Wenn man dazu noch ein halbwegs innovatives, übergangsweise mit Werbung gemischtes Finanzierungsmodell findet, dass zusätzlich abfedert, kann man hieraus etwas entwickeln, das für die nächsten 10 Jahre funktioniert. Ich halte solche langfristigen Zielsetzungen für eine wichtige Grundvorraussetzung, denn solche Dinge brauchen vor allem Zeit und Geduld – Nerdcore war von Anfang an ein Langzeitprojekt –, aber auch ’ne hemdsärmelige Einstellung und Pragmatismus, sowie ein feines Gespür für Ästhetik und kulturelle Strömungen. Hab’ ich, alles. Und deshalb spiele ich nicht mehr nach den Standard-Online-Publishing-Regeln, sondern nach meinen eigenen.

Ich rede „Behind The Scenes“ bereits mit sehr vielen Leuten über ein „Neues Nerdcore“. Viele davon kennt Ihr, ein paar dürften Euch überraschen und ich habe eine ungefähre Vorstellung davon, wo die Reise hingehen kann. Verraten will ich allerdings noch nichts, dazu ist das alles noch zu unkonkret und es kann gut sein, dass die nächste – tatsächlich erst die zweite – Iteration von NC der jetzigen gar nicht so unähnlich ist, wie ich grade tue. (Falls Ihr Ideen, Wünsche oder Vorschläge habt: Ab in die Comments damit!)


Aber vorher mach ich mir ’nen klaren Kopf und fahre in Urlaub. Richtigen Urlaub, nicht nur zwei Wochen bekifft auf der Couch rumflätzen.

Deshalb fliege ich nächste Woche irgendwo an einen Strand, leg’ mich da eine Woche schlafen, fliege dann nach New York, guck mir einen oder zwei Tage lang die Stadt an und besuche Kevin Smiths Comicladen in New Jersey, nehme ein Taxi an den Rand der Stadt und latsche/trampe/whatever dann nach Boston, wo ich eine Freundin am MIT besuche. Da schaue ich mir ein paar Robots an. Und dann latsche/trampe/whatever ich durch’s ganze Land nach San Francisco zu einem Kumpel und lasse mir drei Monate Zeit dabei. Und in dieser Zeit werde ich mir überlegen, was man hieraus basteln kann, ganz klassisch auf einem Notizblock mit Kuli.

Ich hab’ mir ein paar grobe Ziele zwischen Boston und San Francisco gesteckt – Ich will den Truffle Shuffle vor’m Goonies-Haus tanzen, in die Technicolor Cartoon-Ausstellung und Kirschkuchen im Twin Peaks-Diner essen. Solche Sachen. –, aber generell habe ich (außer Equipment) nicht allzu viel geplant und werde da einfach spontan gucken, wo ich hinwill. Oder ums wie Craig Ferguson auszudrücken: „Walking earth, solving crimes“ (maybe by Train, maybe not).

Das ist auch keine „ultimative“ Ansage: Ich bin noch ein paar Tage da, werde unterwegs mobiles Netz haben und mich garantiert melden, und auf meinen Facebooks und Tweeties bin ich sowieso aktiv. Ich hab’ mir bereits ein paar IFTTTs angelegt, mit denen ich hier auch mal ’nen schnellen Schnappschuss mobile-bloggen kann, wortwörtlich aus der Hüfte geschossen. Ich halte nicht viel von Offline-Auszeiten, I think they are fake.

Und da drüben gibt’s überall kostenlose Hotspots, mein Laptop habe ich auch dabei: Da geht also was und es bleibt hier jetzt nicht komplett still. Urlaubsvertretung habe ich mir auch angelacht: Sascha und Martin werden hier drei Monate lang übernehmen – ich habe sie allerdings gebeten, eher eine ruhige Kugel zu schieben. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es vielleicht grade in diesem brennenden Sommer ganz gut ist, wenn ausgerechnet hier, in diesem (normalerweise) Hochfrequenz-Blog, einfach mal eine Weile Ruhe im Puff ist. Ich mag den Gedanken, also mache ich es so.


Ich habe in diesem Text grade dreimal geflunkert. Als ich oben Maciej Cegłowski zitierte, verschwieg ich seine Konklusion: „Rather than waiting passively for technology to change the world, let’s see how much we can do with what we already have.“ I will.

Als ich oben John Markoff zitierte („In 2045, it’s going to look more like it looks today than you think“), verschwieg ich, dass er Unrecht hat: No, it won’t. Not at all.

Und als ich oben die brennende Montreal Biosphère als Illu für das brennende Netz zeigte, verschwieg ich, was davon übrigblieb – ein perfekter Spielplatz.


So, let’s do it again and fuck shit up. Ich bin irgendwann im Oktober wieder da, dann feiern wir erstmal klassisch Nerdgore-Halloween ’ne Woche lang und dann… Dann baue ich aus all dem hier irgendetwas Neues.

And this is the sentence, where I leave you. (For a while.)

Warum ich
Warum ich das hier mache?
Warum ich hier
Warum ich hier all diese Lautsprecher aufstelle?

Ich versuche an den Stimmen vorbei zu kommen
Denen mit den Ankündigungen
Ich versuche an den Botschaften vorbei zu kommen
Denen mit den Ankündigungen

Ich versuche an den radikalen Zeichen vorbei zu kommen
Die deshalb so radikal sind
Weil die Zeichenmacher wissen,
Dass solche Zeichen die sichtbarsten Zeichen sind.


One more thing: Ich verlasse meinen Arbeitsplatz nicht gerne unaufgeräumt und habe eine Sache grandios vermasselt, die ich noch nicht gefixt habe. Deshalb steht das hier schon verpackt im Flur, bereits verlost an einen random Comment hier, Mail ist raus (Screenshot), verschicke ich nächste Woche (Pics or it didn’t happen liefere ich hier als Link nach). Then I’ll board a Plane with a blank slate. Tschüss.

tableflip

More:

Bildschirmfoto 2016-05-26 um 16.03.14

Der heimatliche Buzzfeed Deutschland-Maelstrom des Immergleichen

Meedia hat sich 215 Stussfeed-Postings angesehen. Ergebnis: „[Ein] Service für Leute […], die sich gern an ihre Heimat, ihren Dialekt, ihre Kindheit und vergangene Zeiten…

CjRVu5PUYAEDeO-

Reverse Tableflip-Bot

Michael Pearson auf den Tweeties: „I configured slackbot to clean up flipped tables and I'm convinced my team now hate me“. Ich glaub, so 'nen…

Podcast: Ill Communication – Warum wir das Kommunizieren neu lernen müssen

Zündunk Generator mit einem schönen Podcast über DasGeileNeueInternet im Kontext aufeinanderprallender Filterbubbles, die gleichzeitig zu gut funktionieren (über Blockmechanismen) und trotzdem hinten und vorne in…

rocket

Texts from Dealers

„This is a selection of messages from drug dealers in London. They have adopted some classic marketing and communication techniques.“ Die Messages stammen aus den…

Podcasts: Über die Rauschkultur, den teilenden Menschen, das Problem Auto, Platon und Religion als Fehlfunktion

Podcasts, die ich in der letzten Woche gehört habe: SWR2 Wissen: Gott im Kopf: Die Neurobiologie spiritueller Erfahrungen (MP3): „Lassen sich alle religiösen Erfahrungen als…

boom

#DisneyWithExplosions

#DisneyWithExplosions, a Twitter-Meme of Greatness. (Mostly Vine-Clips, obviously based on this 3 Year old Youtube-Video and related to Michael Bay GIFs.)

CiHROZJVAAI9zP4-1

Conversational Essay about Bot-Existence distributed as a Bot-Conversation

Kyle Chayka wrote a piece about that Bot-Hype and then it actually got very interesting: „It injects a cold dose of reality into the current…

propaganda1

Nazi kauft sich in die Timelines auf @TwitterDE

Vor einem Jahr machte eine damals neue Nazi-„Troll“-Technik die Runde. Im Mai 2015 kaufte sich Andrew „weev“ Auernheimer per Sponsored Tweets mit WhiteGenozide-Crap in die…

The [Thing]y Mc[Thing]face-Formula

Da sich nach der Veröffentlichung von Googles AI-basiertem Spracherkennungstool „Parsey McParseface“ und dem Ursprung „Boaty McBoatface“ hier eine semiotische Konkreta-Meme abzeichnet, will ich mir hier…

DasNeueGeileInternet und sein Social Media Distortion Field

DasNeueGeileInternet und sein Social Media Distortion Field

Ein paar aktuelle Links zu den Effekten von DasNeueGeileInternet, kann man alle unter dem gemeinsamen Thema „Social Media Distortion Field“ lesen. Dazu gehört übrigens nicht…

books1

Rave New World: Fantastic Beats and Where to Find Them

I love myself a good Literature-Meme on the Tweeties and #RemoveALetterSpoilABook is one of them: Rave New World