Flüchtlinge lesen rassistische Tweets

Gepostet vor 1 Jahr, 7 Monaten in #Misc #Politics #Art #Death #Racism

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Heute ist Weltflüchtlingstag und ich hadere seit einer Woche mit dem Begräbnis der Toten durch das Zentrum für politische Schönheit. Kunst soll’s angeblich sein, oder Protest, oder Medien-Hack, oder Theater, oder alles auf einmal. Und verstörend ist sie allemal, die Aktion, und dabei extrem erfolgreich. Allein, ich kann sie nicht gut finden.

Zuerst dachte ich, es sei schlichtweg keine Kunst. Keine Abstraktion, ein Begräbnis. Dann bin ich zu dem Schluß gekommen, dass meine Gründe für die Ablehnung der Aktion vor allem sehr persönlich sind. Ich habe in meinem Leben, grade in halb-jüngerer Vergangenheit, ein paar zu viele Begräbnisse gehabt und weiß daher, dass sie vor allem ein intimer Vorgang des Abschieds zwischen Hinterbliebenen und den Toten sind. Die Angehörigen sitzen bei Beerdigungen nicht zufällig in der ersten Reihe. Das Zentrum zerstört diese Intimität mit der medialen Inszenierung und das bereitet mir beinahe schon körperliches Unwohlsein. (Und vom Titel der Aktion, der mehr nach Zombie-Film als nach Kunst oder Protest klingt, will ich gar nicht erst anfangen.)

Trotzdem und grade deshalb halte ich Die Toten kommen für gelungen. Das Begräbnis/Die Arbeit/Der Protest/Der Medien-Hack/Das Theaterstück geht definitiv da hin, wo es weh tut. Reisst Grenzen ein, ethisch, moralisch, medial, künstlerisch und politisch. Nur gute Kunst kann das und nur gute Kunst kann mich eine Woche lang über sie nachdenken lassen. Danke dafür.

Meine Bauchschmerzen nimmt mir das freilich nicht und Thomas Vorreyer hat in der Spex einen weiteren Punkt beschrieben, der es unmöglich macht, die Begräbnis-Kunst-Protest-Medienhack-Inszenierung im traditionellen Sinne „gut“ zu finden:

In keiner seiner Aktionen wird den Menschen, für die sich die Künstlerinnen und Künstler einsetzen, eine Stimme gewährt. Sie bleiben stets Statisten, ihre Rolle als Opfer wird selbst im Protest zementiert. Nicht einmal von der mittlerweile in einer deutschen Unterkunft lebenden Familie der am Dienstag beerdigten Syrerin gibt es ein Statement. Das Zentrum spricht stets in ihrem Namen, ihre Anreise sei von den Behörden im Rahmen des Aufenthaltsrechts nicht erlaubt worden.

Doch selbst diese Haltung als Medium bliebe wohlfeil, wenn man nicht den fehlenden Stimmen, etwa kollaborativen wie eigenständigen Projekten von Geflüchteten und Unterstützenden, ebenfalls Raum in der eigenen Berichterstattung einräumt.

Deshalb, ohne viele weitere Worte, hier die Stimme der Flüchtlinge und ihre Lesung von rassistischen Tweets:

[update 15:04] @SchweinOfLove aus dem Clip ist der Account eines Comedians.

Ich weiß, schrecklich Emo-Mucke. Und ja, der Clip kommt von katholisch.net. Ich bin nach wie vor semi-radikaler Atheist und verachte Religion. Aber das alles spielt hier, zumindest diesmal, keine Rolle.

Und, Georg Diez auf spOnline mit einem schönen Kommentar dazu mit 1,5 letzten Sätzen für die Ewigkeit:

und weil die Welt auch am Montag noch die gleiche sein wird, werden die Schulterzucker wieder sagen, seht ihr, wir hatten doch recht, es ist wie immer.

Aber irgendetwas ändert sich, wir werden es schon noch merken.

[update 15:27] Künstleraktion: Polizei verbietet Leichenzug zum Kanzleramt

[update 23:15] Nach Verbot: Aktionskünstler rufen “Marsch der Unentschlossenen” aus

Aktionsform: Schafft 1,2,3, viele Gedenkstätten: „Irgendwer setzte unter unknownrefugees.tumblr.com ein Blog auf, das alle Gräber, ob nun in Parks, auf Verkehrsinseln, vor Parlamenten, auf Gehwegen, in Gärten, vor Schlössern, in Straßenbahnen, auf Wiesen, Plätzen, Baustellen sammelt und auflistet. Am Abend des 20. Juni gibt es nun mehr als 40 dieser provisorischen Gedenkstätten in dutzenden Städten in Österreich, Schweden, Belgien, Deutschland, der Niederlande und der Schweiz. Es kommen beständig neue dazu.“

[update 22.6. 8:44] Ein wunderschöner Akt des zivilen Ungehorsams:

Ziviler Ungehorsam ist Stinkefinger zeigen und Knutschen gleichzeitig – mit dem Ziel konkret politisch etwas zu verändern. Die Aktion auf der Reichstagswiese zeigt nämlich auch: Da geht was, wir können etwas ändern, wenn wir wollen. Wenn wir uns trauen und wenn wir einfach machen.

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