Happy 20th, Pulp Fiction!

Derzeit feiert man in Cannes wieder Filmfest und genau dort hatte vor zwanzig Jahren der wahrscheinlich wichtigste Film der 90er Premiere: Quentin Tarantinos Pulp Fiction.

Man kann darüber streiten, ob nun Reservoir Dogs besser ist, oder nicht (ist er nicht). Man kann auch darüber streiten, ob Pulp Fiction wirklich so gut ist, wie sein Ruf (kann man eigentlich nicht). Worüber man nicht streiten kann, ist sein immenser Einfluss auf die komplette Filmlandschaft damals.

Die Neunziger wahren bis dahin schon recht experimentell gewesen im Mainstream, zwei Jahre zuvor sorgte Tarantinos Dogs bereits für allgemeines Augenbrauenhochziehen, 1993 sprengte Richard Linklater mit Dazed & Confused Narration als Konzept, Groundhog Day (RIP Harold) war trotz seines irren Story-Loops ein Kassenerfolg, Tarantino lieferte selbst das Drehbuch zu True Romance, dem wohl einzigen wirklich guten Film von Tony Scott (jaja, Top Gun, pff). In dieses gemachte Nest legte sich Tarantino mit seiner Huldigung an die billigen Crime-Storys der 50er Jahre und der Film schlug ein, wie eine Bombe.

Jeder Film musste sich danach an Pulp Fiction messen lassen, das clevere Spiel mit zersplitterter Geschichtenerzählung und Zeitsprüngen, die gigantische Menge der drei Millionen sorgfältig von Hand ausgewählten Genre-Verweise, die dann auch noch narrative Funktion haben, das sich langsam zusammenfügende Puzzle eines großen Bildes – das hatte man so vorher noch nie im Kino gesehen. Der Film sprengte damals jeden Maßstab für Storytelling, man konnte diesen Film schlicht nicht wirklich einordnen. Arthouse-Gangster-Parodie-Thriller-Anything. War Reservoir Dogs noch ein – wenn auch ungewöhnlich erzählter – klassischer Crime-Thriller, so erschuf Tarantino mit Pulp Fiction sein eigenes Genre, irgendwo zwischen Autoren-Kino und Genre-Pulp.

Ich habe den Film vor zwanzig Jahren in London gesehen. Wir waren damals auf Schüleraustausch, an einer Schule am Rande der Stadt, eine Woche, war vor allem so'n Klassensprecherding, ging da um Austausch von Erfahrungen von Schülervertretungen. Wir hatten da tatsächlich zu tun und hatten nur einen Tag lang Ausflug in die Stadt. Ich latschte damals mit 'nem Kumpel da so lang, und auf einmal standen wir vor dem Odeon am Leicester Square. Aus irgendeinem Grund hatte ich total Bock, mir einen Film in London im Odeon anzuschauen – ich fand, das müsste sein. Wir wählten quasi zufällig einen Film, der grade lief und wir hatten keine Ahnung, worauf wir uns einließen. „Pulp Fiction, eh? Gangsterzeug?“ „Joa, hört sich gut an, machen wir.“

Als wir aus dem Kino wieder raustaumelten, mussten wir uns erstmal gegenseitig vergewissern, das wir tatsächlich dasselbe gesehen hatten. „WTF WAS THAT?“

Ich habe den Film seit damals wahrscheinlich 50 mal gesehen, ich habe eine Abschlussarbeit über Tarantino geschrieben. Tarantino hat viele gute Filme gedreht, aber Pulp Fiction ist mit Abstand sein bester.

Die legendären Dialoge sind praktisch unzählbar: Tasty Hamburger. A Royale with cheese. I love you, Pumpkin. I love you, Honey Bunny. My Name is the Lord! Zed's Dead. Say What again one more Time. What does Marsellus Wallace look like? Fuck pride. Pride only hurts, it never helps. So, pretty please... with sugar on top. Clean the fucking car. If you're all right, then say something. Something.

Ein Film, der Geschichtenerzählung im Kino tatsächlich verändert und gezeigt hat, was alles möglich ist – ganz ohne technischen Schnickschnack, sondern alleine mit Struktur und Dialog. Ein Film, der einem kompletten Genre eine neue Stimme gegeben hat. Habe ich seit damals nie wieder erlebt (vielleicht ein bisschen mit den Filmen von Paul Thomas Anderson: Magnolia und vor allem There Will Be Blood). Jedenfalls: Danke dafür.

Vorher auf Nerdcore:
Behind The Scenes of Pulp Fiction
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Pulp Fiction Diner Scene recreated with Kids