Eisverkäufer, 39.

Gepostet vor 3 Jahren, 27 Tagen in #Misc none

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Look at this proud Motherfucker.

Ich hab' schon öfter mal erzählt, dass ich am besten Strand in Hessen Eis verkauft habe: Der Typ da oben hat mir den Job besorgt und er war damals mein bester Freund. Und es war der beste Job der Welt: Eis und Süßkram verkaufen und auch mal für lau rausgeben, weil man kann.

Der Mann da oben heisst Helge und der kannte damals nen Typen namens Stephan, und wir drei wahren für ein paar Jahre lang die absoluten Player. Helge hatte mir damals erzählt, es gäbe einen Sommer-Job als Eisverkäufer am Riedsee. Der Riedsee ist einer der größten in Südhessen und das war/ist the Summer-Place to be. Stephan hat mir dann den Job wirklich klargemacht, also, den Papierkram, und ich war dabei.

Unser Chef, dem der ganze Candy-Verkaufskram gehörte, war ein alter Nazi. Der machte „Witze“ über Farbige und Ausländer und Einwanderer. Also haben wir den beklaut. Big Time. BIG TIME!

Ich weiß nicht, wieviel wir dem locker gemacht haben, aber ich hatte für die Sommer im Jahr 88-92 (oder so) echt richtig viel Geld in der Tasche. 200 Mark am Tag, so ungefähr. Wenn man das hochrechnet, 50 Tage Hochsommer im Jahr, davon mindestens 30 als Eisverkäufer = 30x200 = 6000 Mark, mal vier Jahre = 24k. War viel Geld damals. Alles geklaut, von 'nem alten verfickten Nazi. I had the Time of my Life and we were fellow criminals. Und ich hab alles für Drogen und Mädchen verprasst.

Helge und ich haben noch mehr Story:

Wir haben beide zusammen Splatterfilme entdeckt. So sehr entdeckt, dass uns unsere Eltern gemeinsam in „Kur“ geschickt haben, weil wir seien ja „gestört“. Wir hatten also ein nettes Wochenende in irgendeinem Kaff und haben auch ein paar Mädchen kennengelernt, nur weil wir auf Blut, Gedärm und Innereien stehen. Ich glaube, wir haben mit denen auch ein bisschen geknutscht. Genau weiß ich das echt nicht mehr.

Wir haben uns dann auseinandergelebt, irgendwann. Ich fing an, auf Acid (Silversurfer!) im Omen in Frankfurt rumzuspringen, und Helge ging mit Stephan den Weg der Gitarren, Nirvana, Grunge, 90s, so'n Scheiß. Ich wollte da schon eher so SciFi-Futurism-Quatsch und die nicht, so be it.

Wir haben uns aber nie wirklich nie aus den Augen verloren, man sah sich auf Feiern und nickte sich respektvoll zu. Als mein Vater starb und ich mein Elternhaus ausräumen musste, war er der einzige, der da war und zu dem ich Kontakt aufnahm.

Vor zwei Wochen erfuhr ich nun, dass Helge einen Schlaganfall hatte. Der Mann lag ein halbes Jahr im Koma und war an der Schwelle des Todes, hat aber nochmal die Kurve gekriegt. Jetzt liegt er da, vollkommen gelähmt und sein Verstand in komplett normal. Whatever normal means, in this case. Der kriegt alles mit, kann alles sehen und kann sich an alles erinnern, nur sein Körper…

Und ehrlich gesagt, ich komme damit so gar nicht klar. So gar nicht. Gar nicht. Ich dachte immer, wir leben für immer. But we don't. Und das tut so weh. Aber es geht nicht um mich.

Ich habe vor drei Wochen von diesem Scheiß erfahren, here's what I did:

- Ich bin über Ostern bei Helge. Ich verbringe ein paar Tage mit meinem alten Kumpel.

- Ich habe angefangen, Podcasts für den Jungen aufzunehmen. Ihr müsst Euch vorstellen, wie es wäre, wenn Ihr gefangen währt in Eurem Körper, total klar, total ansprechbar… aber. This is so boring! Also beschaffe ich meinem alten Freund die Unterhaltung, die er braucht. Ich weiß noch nicht, wie weit ich mit sowas gehen kann, denn ich habe die Befürchtung, dass, wenn ich das… übertreibe, dass Helge sich dann „in seiner Welt zufrieden gibt“ und nicht mehr kämpft. Ich muss also gleichzeitig für Unterhaltung sorgen und neuropsychologisch aware sein. Krieg ich hin.

- Ich habe bei Eli Roth angefragt, ob wir ein exklusives Screening von „The Green Inferno“ nur für Helge hinkriegen. Roth hat entgegen meiner Erwartung tatsächlich sofort geantwortet. Ich befinde mich grade in Gesprächen mit seinem Assistenten. Weil: Helge steht auf Kannibalen-Filme.

- That's all I did.

Und ich komm damit echt nicht klar. So gar nicht.

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