Tagebuch einer Touristin in Istanbul

Gepostet vor 3 Jahren, 11 Monaten in #Misc #Politics #Protest #Turkey

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Stephan schreibt mir: „Meine Freundin Jenni ist seit Mittwoch in Istanbul und dort mit türkischen Freunden unterwegs. Sie wohnt in Taksim und hat offenbar so ziemlich jeden Scheiß hautnah miterlebt. Sie hat mir das OK gegeben, dir ihren Bericht weiterzuleiten, ist natürlich ein sehr subjektiver Bericht aus Sicht der Demonstranten.“

Donnerstag, 30. 05. 2013

Seit Tagen besetzen einige hundert Demonstranten den Gezi-Park in Istanbul. Die kleine Grünfläche nahe dem Taksim ist einer der letzten Orte in der Innenstadt, an dem überhaupt noch Bäume zu finden sind. Die Occupy-Bewegung versucht, den Nachbau einer Kaserne aus dem 20. Jhd. zu verhindern. Der Beschluss für den Bau fiel in oberster Instanz durch Erdogan und seine AKP.

Die kleine Grünfläche wurde nun zum Sinnbild der Unzufriedenheit mit der konservativen Führung des Landes und dem beinahe diktatorischen Gebärden des Ministerpräsidenten. Das Fass ist übergelaufen, nachdem in dieser Woche zusätzlich auch noch ein Alkoholverkaufsverbot durchgesetzt wurde, das besagt, dass man in all den kleinen Bakkals, die hier in Istanbul an jeder Ecke zu finden sind, keinen Alkohol nach 22 Uhr verkaufen darf. Hinzu kommen die unverhältnismäßig hohen Steuern, die jedem Bierchen ohnehin den Geschmack vergällen. Doch auch dies sind nur Beispiele für die schrittweise Beschneidung von Freiheit und Mitspracherecht, welche während der Amtszeit Erdogans immer mehr verloren gegangen sind.

Wir entschlossen uns also am Donnerstagabend, an der Occupy-Demo teilzunehmen. Die Atmosphäre war unglaublich friedlich und angenehm, hatte beinahe etwas von Woodstock, da alle ausgelassen zusammensaßen, herrlich Krach machten und sangen. Wie sonst sollte eine Parkbesetzung aussehen? Niemand hatte zu diesem Zeitpunkt damit gerechnet, dass eine kleine Ökobewegung solche Ausmaße annehmen könnte. Letztendlich scheint es die Polizei selbst gewesen zu sein, die die Auseinandersetzungen provozierte, da sie ihre Übermacht demonstrieren wollten.

Freitag, 31.05.2013

Silvia meinte, dass sie in ihrem Zimmer, das ca. 20 Gehminuten vom Park entfernt liegt, aufwachte, weil Tränengas ihre Atemwege und Schleimhäute gereizt haben. Mittlerweile ist Tränengas zur Allround-Waffe der Polizisten geworden. Davon scheint reichlich vorhanden zu sein und es funktioniert schließlich auch recht effektiv.

Seit diesem Zeitpunkt fanden die Auseinandersetzungen scheinbar kein Ende. Leider war ich am Freitag in Sariyer, sodass mir das Ausmaß der gesamten Situation erst recht spät bewusst geworden ist. Zuvor bin ich allerdings, weil ich die Metro des Taksim benutzen wollte, um in den Norden zu fahren, mitten in die Auseinandersetzungen geraten. Die Lage war mir absolut nicht bewusst, ehe ich mitbekam, dass sie in allen Ecken Tränengas verteilten und auf die Demonstranten warfen, die zu dem Zeitpunkt nur recht vereinzelt an allen Straßen des Taksim versammelt waren. Leider bekam ich auch hier die ein oder andere verwehte Wolke ab, hatte aber auch keine Ahnung, wie ich hier wieder wegkommen soll. Überall standen Polizisten und errichteten Menschenketten, um die Demonstranten einzukesseln und irgendwie schien es, dass auch ich jetzt mittendrin stand.

Direkt neben mir fuhr ein Wasserwerfer lang und schoss auf die Leute, die etwas entfernt standen, Steine flogen. Ich sah zu, dass ich so schnell wie möglich dort wegkomme. Dafür musste ich mich aber auch erst unter die scheinbar recht radikalen Demonstranten mischen und somit für kurze Zeit Ziel der Polizeiattacken sein.

Doch ich kam da unbeschadet wieder raus, ich sollte erst viel später lernen, wie sich Tränengas aus nächster Nähe anfühlt, also alles halb so wild. Doch auch in Sariyer, dieser kleinen, beschaulichen Hafenstadt nördlich von Istanbul kam es nach Mitternacht zu Solidaritätsprotesten. Endlose Autokorsos fabrizierten ein monotones, nicht enden wollendes Autohupen, das sich mit den Rufen der Passanten und den getrommelten Metalltöpfen verband. Jedoch kamen die Solidaritätsdemos in diesem versnobbten kleinen Viertel, in dem viele Studenten der Koc-Universitesi leben, sehr spät. In anderen europäischen Städten wie Paris oder Berlin gab es schon am Nachmittag Aktionen, die die Demonstranten in Istanbul, später auch in Ankara und Izmir, unterstützen sollten.

Samstag, 01.06.2013

Nachdem auch ich erst ziemlich spät mitbekam, was sich im Zentrum abspielt, kam ich am nächsten Morgen zurück in die Stadt. Der Dolmus kam nicht einmal vor bis nach Besiktas, da selbst hier Demos und Straßenzüge den gesamten Verkehr lahmlegten. Also beschloss ich auszusteigen und mich dem Fußmarsch Richtung Taksim anzuschließen. Die ganze Stadt schien in heller Aufruhr zu sein. Jeder war mit dabei, alle hissten ihre Flagge und vertraten lautstark ihre Meinung über Erdogan und seinen Polizeistab. Alles war friedlich, Polizisten waren hier in der Gegend nicht mal zu sehen.

Mittlerweile beteiligen sich auch Istanbuler von der asiatischen Seite an den Demos. Am frühen Morgen ist es ihnen gelungen, die Bosporusbrücke einzunehmen und auch dort den Verkehr und die komplette Infrastruktur lahmzulegen. Interessant und besonders ist dabei, dass man diese Brücke seit einigen Jahren nicht einmal zu Fuß betreten darf, da es zu viele Suizide gab. Auch dieses Verbot spricht für sich. Auf der gesamten Brückenlänge, also ca. einem Kilometer, sind nur Fußgänger unterwegs, ebenfalls in Richtung Taksim.Doch schon längst kommt man von vielen Seiten nicht einmal mehr ansatzweise an den zentralen Platz und den Geziparki heran, weil das Gebiet entweder durch Polizisten umzingelt oder völlig überfüllt ist.

Die Medien berichten, dass schätzungsweise 100.000 Menschen auf den Straßen sind, um ihren Unmut kundzutun (obwohl die Medien zu diesem Zeitpunkt immer noch berichten, dass es sich um eine Demo für den Erhalt von ein paar Bäumen in der Innenstadt handelt). Schaut man den Menschen hier ins Gesicht oder redet mit ihnen, ist längst klar, dass es um etwas anderes geht und der Park nur noch ein Symbol der Unzufriedenheit ist. Auch bekomme ich ein paar Bruchstücke der Schlachtrufe mit, sie singen von Kemal Atatürk und der Idee seiner Demokratie, sie rufen ISTIFA TAYYIP, das heißt „Resigniere Tayyip!“. In Anlehnung an das Alkoholverbot nach 22 Uhr hört man aber auch ab und an das türkische Äquivalent zum deutsch „Prost!“, SEREFINE TAYYIP!

Am späten Nachmittag treffe ich mich mit Silvia und Onur, um gemeinsam in die Stadt zu gehen, sowohl um unsere Neugier zu stillen als auch um mitzumachen und Teil der Bewegung zu sein, die sich für mehr Rechte der Bevölkerung einsetzt. Bei ihm Zuhause fühlt es sich an, als würden wir im zentralen Headquarter sitzen und die gesamte Bewegung planen und steuern. Im Zimmer sind ca. 8 Leute, alle reden quer durcheinander, leider nur auf Türkisch, für alles andere sind sie viel zu aufgeregt. Sie sitzen vor ihren PCs und verfolgen das Geschehen möglichst genau über Twitter und Facebook. Wir gehen los und überlegen dabei noch die gesamte Zeit, ob es wirklich so eine gute Idee ist, jetzt zum Taksim zu gehen.

Wir wissen, dass dort mehr oder weniger harte Auseinandersetzungen stattfinden. Alle haben ein bisschen Angst, aber am Ende siegt doch die Neugier und der Wunsch dabei zu sein. Ich denke, wir sind, ehe wir wirklich am Taksim ankamen, eine knappe Stunde durch Seitengassen geirrt, um zu sehen, von welcher Seite wir am besten hochkommen. An einem Ende waren zu viele schwer bewaffnete Polizisten, am anderen Ende waren die Menschenmassen zu groß und ein Durchkommen unmöglich.

Irgendwann standen wir dann tatsächlich mitten auf dem Platz und haben uns schon gewundert, warum es hier kein so dichtes Gedränge gibt, wie überall ringsherum. Es schien beinahe so, als hätten sich die Polizisten zurückgezogen und den Platz überlassen. Wir liefen also Richtung Gezi und waren schon erfreut darüber, dass die latente Gewalt gegenüber den Demonstranten ein scheinbares Ende hatte. Bis uns dann schlagartig klar wurde, dass das alles Teil einer ganz konkreten Taktik sein musste.

Die Polizisten schienen also zu warten, bis sich möglichst viele Menschen auf dem Platz sammeln um dann wieder, möglichst effektiv, mit Tränengas zurückzuschlagen. Und so war es auch. Es schien, als würden die Gasbomben aus heiterem Himmel angerast kommen und plötzlich waren sie überall. Obwohl wir mit Atemschutz, Zitronen und Rhizinus bestens ausgestattet waren, hat es uns voll erwischt. Wir rannten, so schnell es ging in die entgegengesetzte Richtung. Zum Glück brach keine Massenpanik aus. Alle nahmen trotz allem irgendwie Rücksicht aufeinander. Sofort waren Helfer zur Stelle, die einen mit kühlendem und schmerzlindernden Flüssigkeiten einsprühten, wenn es ihnen selbst besser ging und sie sahen, dass man selbst kaum noch atmen konnte.

Ich hatte in den Tagen zuvor schon einmal Tränengas abbekommen, allerdings muss es in weiter Ferne versprüht worden sein. Es fühlt sich an, als würde man keine Luft mehr bekommen, man will auch gar nicht mehr atmen, weil man weiß, dass jeder Atemzug wie Feuer brennt. Wir standen mittendrin in der weißen Wolke einer solchen Gasbombe. Ich konnte nichts mehr sehen, meine Augen nicht mehr öffnen, es tat höllisch weh. Das Gefühl ist kaum zu beschreiben.

Wir zogen uns ein wenig zurück und überlegten, was wir als nächstes tun sollten. Nach wenigen Minuten ging es uns schon viel besser. Doch die Stimmung ist ansteckend. Wir waren überwältigt vom Mut und Durchhaltevermögen aller anderen um uns herum, also konnten auch wir jetzt noch nicht nach Hause gehen. Vielleicht ist das irgendwie nicht so irre clever gewesen, aber was solls, es ist wichtig, dass man sich von derartiger Polizeigewalt nicht einschüchtern lässt. Also sind wir wieder mit der Masse vorwärts in Richtung Gezi.

Wir wussten nicht, was passieren wird, oder wann etwas passieren wird. Fakt ist, dass nur wenige Minuten später der nächste Gasangriff auf uns niederregnete. Diesmal waren die Bomben überall und es gab eigentlich keine Möglichkeit dem Gas zu entkommen, nur ausharren und so wenig wie möglich atmen. Ich hatte Angst, weil ich nichts mehr sehen konnte und um mich herum nur fremde verschwommene Gesichter waren. Doch alle waren hilfsbereit. Ich habe Silvia und Onur trotzdem nicht aus den Augen verloren. Uns allen hat es dann aber doch gereicht. Wir sind kurz zu Onur nach Haus, weil wir seinen Bruder verloren hatten. Die Wohnung war der Sammelpunkt, falls irgendwer verloren geht. Wir mussten uns ausruhen und wieder runterkommen. Alles um uns herum war einfach aufregend und spannend, auch wenn sich das jetzt sensationsgeil anhört. Die Atmosphäre war ziemlich geladen. Nach einer Stunde im Hauptquartier sind wir wieder raus.

Über Twitter haben wir dann erfahren, dass wir die zwei heftigsten Angriffe des Nachmittags abbekommen haben und nun das Gröbste vorbei ist. Doch auch unser zweiter Versuch, irgendwie wieder an den Taksim heranzukommen, gestaltete sich schwierig. Die Massen wurden immer mehr und irgendwie kam es uns jetzt, trotz fehlender Polizei, gefährlicher vor. Alle waren so aufgelöst, dass der gefährliche Punkt hin zu einer Massenpanik nicht weit entfernt war. Auch das schien von den Polizisten taktisch durchdacht gewesen zu sein. Sie zogen sich zurück, um den Anschein der Resignation zu erwecken. Gleich berichteten die Medien, dass sich die Lage am Taksim entspannt habe. Das tat sie auch, doch es ging an anderer Stelle weiter.

Es lag eine merkwürdige Stimmung in der Luft, jeder hatte plötzlich ein Bierchen in der Hand und strahlte Siegesfreude aus. Doch ich fragte mich, ob das wohl so sinnvoll sei. Warum sollten die Polizisten gerade jetzt resignieren? Ihre Vorräte an Tränengas schienen unerschöpflich, sie waren bestens ausgerüstet, während die Demonstranten nicht mal Feuerwerkskörper dabei hatten. Nur die Masse schien ihre mächtigste Waffe zu sein. Die Beteiligung war unvorstellbar, bunt gemischt aus allen Altersklassen und Milieus. Vom Fußballhooligan bis zur kleinen Mädchentruppe war jeder am Start. Auch dieser Rückzug, stellte sich später wieder heraus, war ein mehr oder weniger durchdachter Schachzug der Regierung (oder wer immer die direkten Befehle gibt).

Angeblich gibt es ein Gesetz, das besagt, dass nach 48 h gewaltvollen Protesten die Opposition die Möglichkeit hat, die regierende Partei abzusetzen (klingt meiner Meinung nach zu einfach…) Durch den Rückzug der Polizisten hat es sich tatsächlich ergeben, dass die Demonstranten mehr und mehr gelangweilt waren, sich ebenfalls zurückzogen, und so die nötigen 48hDauerauseinandersetzungen nicht gegeben waren. Ohne die Möglichkeit, irgendetwas aktiv einzunehmen, muss man auch nicht mehr dafür kämpfen. So saßen nun alle in den Straßen herum und genossen ein gewisses Siegesgefühl.

Ich verstand immer noch nicht, woher diese Sicherheit kam. Für mich war das alles irre unbefriedigend. Glaubten sie wirklich, dass nun alles vorbei war und Erdogan tatsächlich den Stuhl räumt? So gut kann man ihn eigentlich kennen, um zu wissen, dass er das ganz sicher nicht tun wird. Im Gegenteil, er räumt sogar unnötige Härte im Vorgehen gegen die Demonstranten ein und bekräftigt die Kapitulation seiner kleinen Privatarmee, um sich in Teilen der Bevölkerung wieder Sympathie zu erschleichen. Ob das funktioniert hat, frag ich mich allerdings, wenn ich mir die Massen am Taksim ansehe und dem Geräuschpegel lausche, der nicht abzuebben scheint. Zufriedenheit sieht anders aus.

Wenige Stunden zuvor kam in einer öffentlichen Rede noch folgender, äußerst interessanter Spruch von ihm: „Wenn ihr 20.000 Demonstranten sein werdet, werde ich 100.000 Polizisten haben. Dann werdet ihr an den Bäumen hängen, die ihr vorher noch umarmt habt.“ Okay… ich hab den Faden verloren.

Zum frühen Abend hin wurden also alle immer ausgelassener. Die Straßen waren noch immer voller Menschen, nur dass sich jetzt niemand mehr bewegte, sondern alle saßen, als hätten sie bereits ihren Taksim und ihren Gezi erobert. Mir war das nicht so recht klar, denn letztendlich war nichts anders als vorher, nur die Gewalt hatte ein Ende, was viele scheinbar langweilig fanden. Der eigentliche Sinn der Demos schien dadurch irgendwie hinfällig. Alle hätten weiter laufen, stehen, fahren müssen, um ihr Gesicht zu bewahren. Waren es doch eher die Sensation und der Kampf, die die meisten bewegten? Keine Ahnung.

Aber wie es so oft ist, wenn die Dämmerung beginnt, schlug die Stimmung relativ schlagartig um. Es wurde wieder aggressiver, aber irgendwie war das auch gut so. Scheißegal, vor welchem Hintergrund die Leute ihre Schlachtrufe brüllen, Hauptsache sie zeigen Mut und Willen, das Ganze nicht so hinzunehmen wie es ist und stattdessen weiter für ihre Überzeugung einzutreten. Deshalb ist es meiner Meinung nach auch okay, wenn nachts alle Fußballhooligans und Anarchos auf die Straße gehen, weil sie irgendwie darauf stehen, sich mit der Staatsgewalt auseinanderzusetzen. Der Weg ist das Ziel, alle sollten sehen, dass noch lange nichts geklärt ist.

Doch nun fanden die Krawalle an anderer Stelle statt. In Besiktas, wo ich am Nachmittag noch verwundert war, dass Polizeipräsenz völlig fehlt, brannten nun Autos, kleinere Häuser und Straßensperren wurden errichtet. Die Wasserwerfer fanden nun keinen Weg mehr zurück zum Taksim, da die Menschen alles, was sie finden konnten, nutzten, um Barrikaden zu errichten. Vor allem nutzten sie dafür die polizeieigenen Absperrungen…

Wie es scheint, waren die Auseinandersetzungen dort besonders hart. Es wurde ein anderes Gas eingesetzt, das noch wesentlich stärker ist, als das eigentliche Tränengas. Es soll Hautreizungen und leichte Verbrennungen verursachen. Selbst die internationalen Medien berichten darüber (selbstverständlich nicht die Türkischen, die zeigen lieber Soaps und andere weitaus wichtigere tagespolitische Themen)

Sonntag, 02.06.2013

Der heutige Tag begann für mich recht entspannt. Doch in Besiktas scheinen die Kämpfe bis in die frühen Morgenstunden gedauert zu haben. Straßenbarrikaden wurden errichtet und ziemlich heftige Kämpfe gegen die Polizistenmassen geführt. Ich hab keine Ahnung, wie sich das letztendlich aufgelöst hat. Der Taksim ist nach wie vor geöffnet.

Die Polizei war heute hier wirklich nicht zu sehen, jedenfalls nicht uniformiert oder bewaffnet. Trotz Regen begannen viele Menschen schon am frühen Morgen die gesamte Stadt aufzuräumen. Was für ein Statement! Wir kämpfen für unsere letzten Freiräume, wir wollen sie nicht verwüsten. Wenn man die Beziehung vieler Türken zur Natur insgesamt in Betracht zieht, ist das eine echt starke Geste. Es geht also doch auch noch immer ein klein wenig um den Schutz und den Erhalt der Natur. Positiver Nebeneffekt: Die türkischen Medien haben kaum einen Ansatzpunkt, um den Demsonstranten Verwüstungen und (was man auch hört) Gefährdung der Demokratie vorzuwerfen, sofern sie denn überhaupt von alldem berichten.

Es ist unglaublich: In jeder größeren Stadt gibt es Krawalle, viele Verletzte und sogar Tote, weil Menschen mit Panzern oder Wasserwerfern überrollt werden. Die Proteste haben sich auf Ankara, Izmir und Antalya ausgeweitet und die Presse schweigt.

Ich war tagsüber mehrmals am Taksim. Überall liegen ausgeschlachtete Autos umher, die in der Nacht zuvor gebrannt haben. Auch Werbebanner an der Tarlabasi-Cadessi sind komplett niedergebrannt. Sie zeigten vorher noch (Achtung, jetzt kommt wieder ein kleiner Prestigebau!) die Pläne, die die Regierung in dieser Straße verfolgt. Anstatt der armen Bevölkerung, die dort bisher wohnt, sollen dort in den nächsten Jahren schnieke Mehrfamilienhäuser entstehen, die junge, wohlhabende Familien anlockt.

Hier passiert also nicht Gentrification, sie wird von oben gemacht, begrüßt und beschleunigt. Alle anderen, die dabei ihre Heimat verlieren, sind dabei egal. In irgendeinem Gecekondu ist sicher noch Platz. Mal abgesehen davon, dass dadurch ein ganzes Stadtviertel seinen chaotisch-maroden Charme verlieren würde. All das, wie immer ohne Beteiligung der Anwohner.

Die Menschenmenge ist unvorstellbar groß. Aber bei 17 Mio. Menschen muss ich mich wohl auch kaum wundern, wo die alle herkommen. Egal, in welche Richtung man schaut, die Menschenströme reißen nicht ab, es sei denn sie werden von hupenden Autokorsos und Flaggenmeeren unterbrochen. Ich bewundere die Ausdauer, mit der sich alle den gesamten Tag über die Kehle aus dem Leib brüllen. Wir fragen uns, was wohl als nächstes passieren wird.

Die Demonstranten scheinen keinen Kampf zu benötigen, allein die Menge sollte imposant genug sein. Doch auch heut meldet sich Erdogan wieder zu Wort. Heute kam die tolle Idee aus seinem verkorksten Hirn, man könne anstelle eines Shoppingcenters auch eine Moschee auf den Gezi bauen. Genau! That’s all about the topic! Mit einer Moschee müssten sich doch alle zufrieden geben, was soll das Ganze denn jetzt noch? Ihr könnt wieder nach Hause gehen. Eine Moschee ist doch ein viel sinnvolleres Prestigeobjekt in der neuen konservativ-islamischen Welt, die sich der Ministerpräsident zurechtbastelt. Beten anstatt zu leben, ist dabei wohl die Devise.

Trotzdem ist bei den Auseinandersetzungen jede Menge kaputt gegangen. Eigentlich halte ich auch nichts von Graffiti, aber jetzt ist die ganze Stadt überall voll damit, also ist es so oder so egal. Die Kreativität haut mich vom Hocker. Das meiste kann ich zwar nicht übersetzen, aber „Gazdogan“ ist relativ eindeutig. Die Sprüche verspotten ihn und seine Regierung, fordern weiter zum Rücktritt auf und verdeutlichen, dass sich niemand von ihm und seinen Polizeitruppen einschüchtern lässt.

Die Dämmerung beginnt, es geht wieder los. Die Stimmung schlägt um. In Besiktas kommen wieder Polizeitruppen zusammen. Ich habe keine Ahnung, was genau dort vor sich geht, aber ich sehe die Bilder. Doch, ehrlich gesagt, weiß ich trotzdem nicht, was das soll? Wohin sollen diese Auseinandersetzungen führen? Warum provoziert man jeden Abend aufs Neue diese Gewalt? Erdogan hat heute wieder ganz fest versprochen, das ihn nichts von seiner Position treiben kann. Neuwahlen sind bei der Opposition im Gespräch, die, nebenbei bemerkt, die Demos am Taksim in eigener Sache genutzt hat. Alle Parteien schwenken jetzt ihre Farben, was sie versprechen und anders machen wollen, sagen sie nicht. Erstmal dabei sein und zeigen, dass es, so wie es jetzt ist, scheiße ist. Teilhabe bringt bei Neuwahlen bestimmt gute Quoten.

Manchmal scheint es, als wären die Türken selbst überrascht von ihrem eigenen Engagement. Die strikte Pressezensur hat Früchte getragen. Es ist also beinahe ein Glücksfall, dass sich ein paar Demonstranten vor ca. einer Woche im Park getroffen haben, um ein paar Bäume zu retten. Wäre die Besetzung nicht gewaltvoll durch die Polizei aufgelöst worden, wüssten viele bis heute noch nicht, wer sonst noch die Regierung satt hat und sich Veränderung und mehr Demokratie wünscht. Sie wüssten nicht, dass sowohl junge als auch ältere Menschen bereit sind, sich gegen den zunehmenden Konservatismus und die Islamisierung ihrer Gesellschaft zu wehren…

Die Stadt ist wieder in heller Aufruhr, ans Schlafen ist jetzt nirgendwo zu denken, obwohl es mittlerweile 1:00 ist. Überall werden Töpfe geschlagen, Lichter an und aus geknipst. Besiktas selbst ist von der Wohnung hier 30 Gehminuten entfernt. Ich höre trotzdem Schlachtrufe und staune immer wieder über die Energie all derer, die bereits seit Tagen mit Herzblut dabei sind.

Montag, 03.06.2013

Ich habe mir heute, auch um aus diesem ewigen Stadtzentrumschaos rauszukommen, mal ein paar andere Orte in der Stadt angesehen. Als ich am Morgen vom Taksim nach Besiktas lief, fand ich auf meinem Weg jede Menge interessanter Dinge. Alle Straßen, die auch nur eventuell zum Taksim führen könnten, sind durch Barrikaden der Demonstranten abgesperrt. Die riesigen Wälle haben irgendjemandem definitiv jede Menge Arbeit bereitet, denn sie sind sowohl aus Polizeizäunen, Straßen- und Bauabsperrungen aber auch aus jeder Menge Pflastersteinen gebaut. Alle Gehwege im größeren Umkreis sind jetzt übrigens zu Sandwegen geworden. Somit muss die Polizei also, wenn sie die friedlichen Demos am Taksim stören will, mit Gewalt, Panzern und Wasserwerfern die Barrikaden durchbrechen. Auch das ist, meiner Meinung nach, eine sinnvolle Art, den Platz, für den man kämpft, zu schützen. Es wird nur leider nicht allzu lange halten.

In Richtung Besiktas war ich dann mehr und mehr von der überdimensionierten Polizeipräsens geschockt. Ein gepanzerter Bus reihte sich voll besetzt an den nächsten. Es war 11 Uhr am Morgen. Hier scheinen sie also die Kontrolle über das Gebiet gewonnen zu haben. Ich sehe weder eine Fahne noch kleinere Gruppen an dem Ort, an dem am Abend zuvor noch heftige Auseinandersetzungen stattgefunden haben.

In Üsküdar, einem asiatischen Stadtteil, kann ich mich dann aber auch davon überzeugen, dass die lokal beschränkten Blockaden den Taksim eben doch nicht lokal sind. Den ganzen Tag über finden sich auch hier kleinere Demogruppen zusammen, um gemeinsam durch die Straßen zu ziehen. Auch in Bakirköy, einem Stadtteil, der weit entfernt im Süden liegt und in dem eher wohlhabendere Leute leben, finden sich überall Protestgruppen. Die Polizei ist hier nirgendwo zu sehen. Das ist aber auch nicht weiter tragisch, denn überall wo die Polizei nicht ist, ist es automatisch friedlich.

Kurz vor Sonnenuntergang kam ich dann zu Hause in der Wohnung an, und wie es schien, war das auch gerade rechtzeitig. Die Auseinandersetzungen scheinen heute auch wieder am Taksim neue, noch gewaltvollere Ausmaße anzunehmen. Ein Helikopter kreist mit seinen Lichtern so dicht über unserem Balkon, dass er die Wände anstrahlt. Wir können Schüsse hören, die nicht allzu weit von unserer Wohnung gefallen sind und hoffen, dass es sich wieder „nur“ um Tränengas handelt. Doch Pfiffe, Trommeln und Schlachtrufe überwiegen noch immer. Die Menschenmasse ist nicht kleiner geworden, wie es scheint. Derzeit hab ich kein genaues Update über die Lage, da man über eine deutsche IPAdresse irgendwie nicht so recht an das türkische Twitter herankommt. Morgen weiß ich mehr.

Habe mir heute nur noch ein paar Statements von Erdogan angehört. Allein seine Mimik spricht für sich. Voller Selbstvertrauen und Arroganz, völlig ohne Selbstzweifel, gelingt es ihm, alle Schuld auf die Demonstranten abzuwälzen und bekräftigt wieder, dass er sein Herz an dieses Land gekettet hat, für das er alles geben würde. Und wenn ein paar Krawallmacher den inneren Frieden und vor allem die Demokratie (!) gefährden, dann sieht er sich schlicht in der Pflicht zu reagieren.

Er wird nie im Leben zurücktreten. Er ist gewählt worden und darauf baut er nach wie vor. Im Publikum sitzen seine Leute und klatschen. Die nächsten regulären Wahlen wären in 10 Monaten. Vielleicht werden sie vorgezogen, vielleicht aber auch nicht. Und selbst wenn, gäbe es eventuell nach wie vor keine Garantie, dass er nicht wiedergewählt wird. Auch wenn viele Menschen hier in Istanbul auf den Straßen sind und demonstrieren, sind da immer noch reichlich Menschen in Anatolien, die seinen autoritär-konservativen Kurs begrüßen. All jene frommen Muslime, die auf seine pseudo-religiösen Phrasen reinfallen, haben mit der Zensur der Presse und der fehlenden Meinungsfreiheit sicher nicht allzu viele Probleme. Schließlich verroht die Jugend ohnehin viel zu sehr. Wenn er anstatt einer Einkaufspassage eine Moschee am Taksim errichten würde… na das wäre doch super. Damit sind doch alle Probleme gelöst!

Mittlerweile sind mehrere tausend Menschen verhaftet worden, unzählige sind durch die anfliegenden Gasbomben verletzt oder sogar tödlich getroffen worden. Die türkischen Medien schweigen nach wie vor. Das ist unglaublich.

Was passiert, wenn sich eine Gegenbewegung etabliert und das Ganze so schnell wirklich kein Ende nimmt? Ich habe mich auch gefragt, wie sich Deutschland und der Rest der Welt demnächst verhalten wird. Aber Angie hat die türkische Regierung bereits ermahnt, keine unnötige Härte walten zu lassen. Das muss wohl fürs Erste reichen. Wir sind ja schließlich ziemlich dicke mit Tayyip.

(Bilder via OccupyGeziPics)

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